Günter Kehrer: Religion und Ökonomie - Einführung zur Themenausgabe

[...] Obwohl die Religionsökonomik bis heute ein akademisches Dasein fristet, lassen sich schon Anzeichen dafür ausmachen, daß unter dem Label des effizienten Einsatzes von Ressourcen in den religiösen Organisationen selbst Fragen der Finanzierung religiöser Dienstleistungen angesprochen werden. Es ist in der Tat nicht zu übersehen, daß der Kernbereich religiöser Dienstleistungen (Sakramente, Predigt usw.) in vielen europäischen Gesellschaften nicht nach Marktregeln funktioniert. Eine Kosten-Nutzen-Funktion läßt sich kaum aufstellen. Lediglich durch Zeitaufwand lassen sich Beziehungen zwischen Investitionsbereitschaft und religiösem Gut bestimmen. Bezieht man sich in der religionsökonomischen Betrachtung konsequent auf das Individuum (Mikroökonomie), so reflektiert dies völlig richtig die Tendenz zur Privatisierung von Religion: Man bezahlt nur für das, was man auch konsumiert. Die dabei entstehende Problematik liegt in dem Umstand, daß in den außerweltlichen Erlösungsreligionen (und diese sind die religionshistorisch erfolgreichen) das Gut, für das Zeit und Geld zu investieren wären, erst nach dem Tode konsumiert werden kann und damit der zumindest latente Zweifel verbunden ist, ob der erstrebte Zustand eintreten wird. So ist es auch kein Zufall, daß anscheinend Glaubenssysteme attraktiver werden, die spirituelle Gewißheit schon vor dem Tode in ihrem Programm haben.
[Aus der Einführung]

 

© 2006 | www.zfr-online.de