Ein Grundsatz der Baha'i-Religion ist die Ablehnung menschlicher heilsvermittelnder Instanzen, insbesondere eines Berufspriestertums. Religionshistorisch stehen die Baha'i in der Tradition von Religionen mit ausgeprägter Heiligenverehrung und Hagiographie, und so lässt sich fragen, ob sie nicht ein Pendant entwickelt haben, zumal sie ein reichhaltiges biographisches Schrifttum besitzen. Tatsächlich haben Zeugnisse über die Anfangszeit der Baha'i den Charakter von Martyriologien, die Namen, Todesart, -ort und -datum eines Apostaten des Islam vermerken. Bereits 'Abdu'l-Baha verfasst um 1915 eine Sammlung vorbildhafter Viten früher Baha'i aus dem Umfeld Baha'u'llahs in Akka, die analog zu den Hagiographien anderer Religionen zur religiösen Orientierung dienen sollen und die Dargestellten vor allem durch eine ausgeprägte Lichtmetaphorik in zwölferschiitischer Tradition verklären. Mit der Verbreitung der Religion in westliche Länder finden sich in dort entstandenen Biographien neue Züge: Formal und methodisch orientiert man sich zunehmend an wissenschaftlichen historischen Standards; inhaltlich findet sich eine Betonung der Verbindung ausgewählter Gestalten aus der engeren Familie und Nachkommenschaft Baha'u'llahs zu einer gottnahen Ebene des Geistlichen und Spirituellen in einer dem Christentum entlehnten Terminologie. Für den genannten Personenkreis hat sich zudem im Ansatz ein Grabkult auf dem Berg Karmel in Haifa entwickelt. So darf vermutet werden, dass die Baha'i ein Bedürfnis nach persönlichem Bezug zur heilsstiftenden Quelle ihrer Religion neben der Ausrichtung auf Gott und seinem religionsstiftenden Offenbarer auch durch eine Orientierung an herausragenden, vorbildhaften sekundären Gestalten stillen, die somit im religionswissenschaftlichen Sinne durchaus eine Mittlerstellung zwischen göttlicher und menschlicher Sphäre besitzen.
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