Der Kemalismus gilt als der entschiedenste Versuch, in einem islamischen Land die vollständige Säkularisierung der Gesellschaft einzuleiten. In Publikationsorganen, die der von Mustafa Kemal Atatürk gegründeten "Republikanischen Volkspartei" (Cumhuriyet Halk Partisi; CHP) nahe stehen, finden sich Aussagen über Führer, Volksgeist und zivilisatorische Mission des Türkentums, die deutlich religiöse Züge aufweisen. Häufig sind dies solche Symboliken, die an die islamische Tradition anknüpfen und sich auf Schöpferkraft oder Prophetentum beziehen; auffällig sind jedoch auch Anknüpfungen an polytheistische vorislamische Vorstellungen. Selbstverständlich wird man vergeblich nach einer systematischen alternativen Deutung der transzendenten Grundfragen, wie der Frage nach der Herkunft des Menschen und dem Leben nach dem Tod, suchen. Bei den einzelnen Autoren ist es daher oft schwer zu entscheiden, ob es sich dabei um den Versuch der Durchsetzung einer neuen humanistischen oder völkischen Religiosität handelt oder lediglich unter Instrumentalisierung der islamischen Begrifflichkeiten die Mobilisierung des Lesers für die neuen Ziele des Nationalstaats erreicht werden soll.
In einem zweiten Teil wird der Befund mit einigen funktionalistischen religionssoziologischen Theorien zur Zivilreligion verglichen. Neben Robert Bellah und Niklas Luhmann ist vor allem die Theorie Émile Durkheims von der religiösen Natur der Gesellschaft aufschlussreich. Eric Voegelins Begriff der "Politischen Religion" beleuchtet dabei kritisch die Sakralisierung von Führer und Volk.
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