Die in diesem Heft der Zeitschrift für Religionswissenschaft publizierten Aufsätze haben Osteuropa als gemeinsamen religionsgeographischen Rahmen. Während in der populären Literatur die "Renaissance des Religiösen" in den ehemalig sozialistischen Gesellschaften im Vordergrund steht, haben die folgenden Beiträge eine spezifische religionswissenschaftliche und damit historische Perspektive.
Die Aufsätze von Giannakopoulos und Selbach untersuchen die Haltungen von zwei Ostkirchen zum Okzident, wobei deutlich wird, dass es sich dabei um Fragen handelt, die sowohl religiöse als auch politische Ursachen haben. Die ökonomische und politische Dominanz Westeuropas zwang die osteuropäischen Varianten der christlichen Religion, sich ihrer Identitäten in Relation zu den dominierenden westeuropäischen Varianten zu versichern. Dieser Prozess ist in eine neue Phase eingetreten.
Edipo?lus Beitrag behandelt ein Stück moderner türkischer Religionsgeschichte, das bis heute aktuell ist und das man verkürzt als "Religion des Kemalismus" bezeichnen könnte. Die frühe türkische Republik versuchte, eine Europäisierung der Gesellschaft mit einem direkten Rückgriff aus Theorien der Religionssoziologie (É. Durkheim) zu erzwingen und eine religiöse Überhöhung der Gesellschaft als Gegenreligion zum Islam zu etablieren. Die dabei aufbrechenden Konfliktlinien werden in den letzten Jahren wieder deutlich.
Keuls Artikel hat ein Stück lokaler Religionsgeschichte in der multiethnischen und multikonfessionellen Landschaft Siebenbürgens zum Gegenstand. Ausgehend von dem fast skurril erscheinenden Phänomen der "Übernahme" einer ursprünglich deutschen evangelischen Kirchengemeinde durch Roma kann Keul zeigen, dass die Verschränkungen von Ethnizität, Konfession und sozialer Schichtung Jahrhunderte zurückreichen und in den letzten Jahrzehnten durch Migrationen eine neue Dimension erhalten haben.
Osteuropa als Forschungsfeld der Religionswissenschaft ist noch weitgehend ein weißer Fleck auf der Landkarte. Das vorliegende Heft zeigt, dass dies nicht so bleiben muss.
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