[...] In den letzten Jahren wurde die Diskussion um die Gewaltbereitschaft im Buddhismus allerdings nicht so sehr von akademischen Diskursen bestimmt, sondern vielmehr medienwirksam von selbsternannten "Kennern" des Buddhismus, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, die Öffentlichkeit über die "dunklen Seiten" dieser Religion und vor allem ihres prominentesten Vertreters, des 14. Dalai Lama, aufzuklären. Die schwärmerische Begeisterung für die "Religion des Insichseins" kippte um in wütende Enttäuschung. Jenseits solcher emotionalen Ausbrüche lässt sich konstatieren, dass sich der Modetrend der intellektuellen Elite Europas, sich zum Buddhismus in seinen verschiedenen Formen als der einzigen Religion, die wahrhaft friedfertig ist, zu bekennen, inzwischen deutlich abgeschwächt hat. Es ist eine Ernüchterung eingetreten, die Gebhard Löhr während der DVRG-Tagung in Erfurt im Herbst 2003 auf den Punkt gebracht hat in seiner nonchalanten Aussage: "Das Ergebnis der Tagung steht schon fest: Der Buddhismus ist auch nicht mehr das, was er mal war."
Aber was "war" der Buddhismus denn? Die eingetretene Ernüchterung verweist auf eine bestimmte Vorstellung vom Buddhismus, die in Europa seit dem frühen 19. Jahrhundert vorherrschend war. Schon im deutschen Idealismus wurde ein wesentliches Charakteristikum des Buddhismus in seiner Weltabgewandtheit gesehen, die sich auch auf die sozialen und politischen Verhältnisse in buddhistischen Ländern auswirkten. Friedrich Hegel erwähnte beispielhaft die buddhistischen Klosterinstitutionen, "die in Gemeinsamkeit in Ruhe des Geistes und in stiller Beschauung des Ewigen leben, ohne an weltlichen Interessen und Geschäften teilzunehmen." Aus diesem "fortdauernden Zustande jener Stille und existenzlosen Betrachtung" ergab sich für ihn, dass auch die Regierung in diesen Gesellschaften "einfach und milde" ist.
Der Buddhismus galt und gilt immer noch als eine Religion, die rational nachvollziehbar, tolerant, vernünftig und durch persönliche Erfahrung überprüfbar ist. Dieser Mythos einer "rationalen Religion" wurde von Buddhismusforschern, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, die "reine" buddhistische Lehre wiederherzustellen, in ihren Abhandlungen immer wieder betont...
[Aus der Einführung zum Themenheft]
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