Inken Prohl: "Zur sinnlichen Realität religiöser Praxis in der Aum Shinrikyo und ihrer Bedeutung für die Legitimation religiös begründeter Gewaltanwendungen", in: ZfR 11, 2003, 259-276.

Im März 1995 verübte die Aum Shinrikyo, eine Moderne Religiöse Organisation, die sich selbst als buddhistische Religion versteht, einen Giftgasanschlag auf die Tokyoter U-Bahn. Der Beitrag fragt nach den Mechanismen, welche eine Gruppe von gut ausgebildeten jungen Japanern dazu gebracht haben, im Namen des Buddhismus einen Anschlag auf ihre eigenen Landsleute durchzuführen. Dazu wird die Aum zunächst in den Kontext der allgemeinen religiösen Szenerie der japanischen Gegenwart eingeordnet. Im Anschluss an einen Überblick über die Kettenreaktion von Gewalttaten, die durch einen eher zufälligen Todesfall in Gang gesetzt wurde, schildere ich Asaharas Interpretationen von Lehren des tibetischen Buddhismus. Besondere Aufmerksamkeit gilt Asaharas Rhetorik des poa, mit der er das Töten im Namen der Religion legitimierte. Asketische Praktiken spielten eine herausragende Rolle in der Aum Shinrikyo. Diese Praktiken haben, wie gezeigt wird, als sinnliche Offensiven dazu beigetragen, dass die Lehren Asaharas in religiöse Überzeugungen überführt werden konnten. Der extreme Charakter dieser Askese wird auf einige Spezifika der gegenwärtigen japanischen Gesellschaft zurückgeführt. Abschließend erläutere ich die von der Aum Shinrikyo ausgehende Faszination und Überzeugungskraft im Kontext eines so genannten New-Age-Buddhismus und der pluralistischen Situation, in der sich "der" Buddhismus im gegenwärtigen Japan befindet.

 

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