Thomas Hase, "'Ketzer, Schwärmer, Wahnsinnige'. Die religiöse Bewältigung psychosozialer Konflikte und ihre konflikthaften Konsequenzen. Fallbeispiele aus den separatistischen Milieus des 17. und 18. Jahrhunderts", in: ZfR 12, 2004, 189-205.

Die radikalpietistisch-separatistischen Milieus des 18. Jahrhunderts liefern der Religionswissenschaft zahlreiche empirische Beispiele für die Genese und Verarbeitung psychosozialer Konflikte. Bei den Dissidenten handelte es sich oft um Personen, die nach überstandenen persönlichen Krisen mit ihrem sozialen Umfeld haderten und dieses von heute auf morgen mit religiösem Aktivismus überzogen: einer radikalen Kritik an der sozialen, politischen und vor allem religiösen Ordnung. Die Bewältigung individueller Krisenerfahrung ging einher mit einer Infragestellung der bestehenden Verhältnisse, welche mittels religiöser Symbole artikuliert wurde. Das Gebaren der "Schwärmer" provozierte schwere Konflikte mit Kirche, Staat und Gesellschaft, wobei das deviante Auftreten zunächst religiös (»Ketzer«) gedeutet wurde, später aber auch juristisch (»Betrüger«) und schließlich medizinisch (»Wahnsinnige«). Dieser Befund wird anhand ausgewählter Beispiele dargestellt und erörtert. Bemerkenswert ist das dynamische Wechselverhältnis zwischen individueller Konfliktbewältigung auf der Mikroebene (psychische Stabilisierung des Individuums mittels Annahme einer neuen religiösen Rolle) und der daraus resultierenden Provozierung neuer Konflikte auf der Meso- oder Makroebene, wie es auch in der allgemeinen Religionsgeschichte immer wieder zu beobachten ist.

 

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