Livia Kohn (Hg.), Daoism Handbook, Leiden: Brill 2000 (= Handbook of Oriental Studies. Section 4, Vol. 14), 914 S., ISBN 90-04-11208-1, € 254,00
Das vorliegende Handbuch ist die bisher bei weitem umfangreichste und vollständigste Darstellung des Daoismus in einer westlichen Sprache. Es ist in 28 Kapitel gegliedert, die nach dem Willen der Herausgeberin jeweils ein Thema "as exhaustively and analytically as is possible at the present stage of research" behandeln (Preface, S. vii). Etwa zehn bis elf der Kapitel sind primär historisch-chronologisch definiert, die übrigen widmen sich bestimmten Aspekten der daoistischen Tradition (z. B. Kap. 4 "Longevity Techniques and Chinese Medicine", Kap. 5 "Immortality and Transcendence"). Die einzelnen Kapitel sind nach einem einheitlichen Schema gegliedert: Description (d. h. kurze Zusammenfassung), History, Texts, Worldview und Practices. Außerdem enthalten sie jeweils eine meist umfangreiche Bibliographie der Sekundärliteratur in westlichen Sprachen, Chinesisch und Japanisch. Der Band verfügt über vier detaillierte Indices (S. 821-914): Names, Places, Titles, Subjects.
Die Einleitung (S. xi-xviii) diskutiert zunächst die Schwierigkeit, den Gegenstand Daoismus zu bestimmen ("Explaining Daoism: Realities, Cultural Constructs and Emerging Perspectives"), wobei Russell Kirkland auf die veränderte Perspektive der neueren Daoismusforschung hinweist, die von der "protestantischen" Perspektive der älteren westlichen Forschung abgegrenzt wird. Diese habe die religiöse Praxis des Daoismus mit ihren ausladenden Ritualen, den Legionen von Göttern und Geistern als abergläubische Verfallserscheinungen missachtet und allein den frühen Klassikern Laozi (Daode jing) und Zhuangzi einen Wert beigemessen. Dem stellt er die "new perspectives" gegenüber, die verlange, dass "we (1) recognize the Chinese-ness of Daoism" (was auch immer das heißen mag); "(2) privilege the factual data of Daoism itself, in social, historical, and textual terms; and (3) acknowledge the importance of the living forms of Daoism that survive among Chinese communities today" (S. xiv). Es scheint, dass damit in gewisser Weise der methodische Zugang des vorliegenden Bandes beschrieben wird. Ebenfalls in der Einleitung unternimmt T. H. Barrett den Versuch einer Gesamtschau der Geschichte des Daoismus ("Daoism: A Historical Narrative"), und Livia Kohn gibt einen Überblick über die neuere Forschungsgeschichte in Japan und Frankreich ("Research on Daoism").
Es ist hier nicht möglich, auf die fast dreißig Beiträge im Einzelnen einzugehen. Stattdessen soll anhand weniger Beispiele auf einige Stärken und Schwächen des Handbuchs insgesamt hingewiesen werden. Was dabei als Stärke oder Schwäche angesehen wird, hängt in hohem Maße von den Erwartungen der Leser und der Art des Benutzerkreises ab. So werden es Daoismusforscher und sinologisch vorgebildete Leser sicher sehr begrüßen, dass die meisten Beiträge ausführliche Überblicke über die wichtigsten historischen Quellen liefern. Ebenfalls sehr nützlich ist, dass Titel von Schriften und chinesische Termini in der Regel im Text bei der ersten Erwähnung als chinesische Zeichen angegeben werden. Noch benutzerfreundlicher wäre es freilich, wenn auch in den Indices die chinesischen Zeichen angegeben würden. Die starke Konzentration auf daoistische Texte macht das Werk zu einem ausgesprochen nützlichen Handbuch für auf den Daoismus oder zumindest auf China spezialisierte Forscher. Für Religionswissenschaftler ohne Chinesischkenntnisse dürften jedoch viele Beiträge schwierig zu lesen sein, weil hinter der Fülle wichtiger Detailinformationen zuweilen die großen Linien nicht mehr erkennbar sind.
Als Beispiel möge das Kapitel 11 "The Northern Celestial Masters" dienen. Thematisch handelt es sich um einen historisch definierten Beitrag. Als Repräsentant der "Nördlichen Himmelsmeister" wird Kou Qianzhi (365-448) angeführt, der Führer einer daoistischen Reformbewegung, die unter der Nördlichen Wei Dynastie für kurze Zeit politischen Einfluss erlangte. Dass Kou Qianzhi den Titel "Himmelsmeister" beanspruchte, ist unbestritten. Die historische Darstellung lässt jedoch weitgehend unbestimmt, in welchem Zusammenhang die nachfolgend gegebenen historischen Informationen mit einer von Kou Qianzhi begründeten Tradition von "Nördlichen Himmelsmeistern" stehen. Es ist unklar (und zweifelhaft), ob es nach Kou Qianzhi überhaupt eine Fortsetzung dieser Tradition unter Führung eines "Himmelsmeisters" (tianshi) gab, die es rechtfertigen würde, von "Northern Celestial Masters" während der Tang Dynastie zu sprechen. Der Beitrag geht auf diese Frage nicht ein, wenn er im Abschnitt "History" eine Reihe von Texten und Personen beschreibt, deren historischer Zusammenhang sich darauf zu beschränken scheint, dass sie geographisch in Nordchina zu verorten sind. Im nachfolgenden Abschnitt "Texts" werden dann diese und andere Quellen detaillierter behandelt, was sehr nützlich ist, aber ebenfalls nicht erkennen lässt, was unter der Tradition der "Nördlichen Himmelsmeister" zu verstehen sei. Der Fülle historischer Details steht ein Mangel an historischer Analyse gegenüber.
Kapitel 12 "Daoist Ordination and Zhai Rituals in Medieval China" liefert gleichfalls eine Fülle nützlicher Informationen auf der Basis von Quellen aus dem daoistischen Kanon, verzichtet jedoch darauf, den historischen Wert dieser Quellen zur Rekonstruktion der rituellen Praxis im Mittelalter zu diskutieren. Obwohl es sich dabei fraglos um normative Texte handelt, werden sie behandelt, als beschrieben sie die tatsächliche Praxis. Es bleibt undiskutiert, ob und unter welchen Umständen bestimmte Rituale überhaupt durchgeführt wurden. So werden beispielsweise drei verschiedene Texte angeführt, die jeweils unterschiedliche Rituale aus Anlass der "Three Primes" (drei bestimmte Festtage im Jahreszyklus) vorschreiben (S. 311, 319, 322). Es bleibt ungeklärt, wie diese offensichtlich widersprüchlichen Normen in der Praxis in Einklang gebracht wurden. Es wird nicht die Möglichkeit in Erwägung gezogen, dass in den Texten auch Idealformen von Ritualen entwickelt wurden, d. h. Modelle einer rituellen Ordnung, deren Verwirklichung programmatisch propagiert wurde. Der Artikel sollte deshalb besser überschrieben werden "Daoist Texts on Ordination and Zhai Ritual". Einen knappen und verständlich geschriebenen Überblick über die Entwicklung daoistischer Rituale im Mittelalter findet man dagegen in der historischen Einleitung zu Kapitel 22 "Daoist Ritual Today".
Es ist eine der Stärken dieses Handbuchs, dass der Beschreibung daoistischer Quellen breiter Raum gegeben wird. Die daoistische Tradition soll damit gewissermaßen für sich selbst sprechen. Das durch konfuzianische oder buddhistische Quellen, aber auch durch die ältere westliche Forschung gezeichnete einseitige Bild kann damit ergänzt und korrigiert werden. Es gibt zur Zeit kein Werk in einer westlichen Sprache, in dem die literarische Tradition des Daoismus so umfassend referiert wird wie in diesem Handbuch. Allerdings bedarf auch das Bild, das diese Quellen liefern, gewisser Korrekturen. Die daoistische Tradition wird dabei aus der Sicht ihrer literarisch produktiven Vertreter dargestellt. Das vorliegende Handbuch übernimmt diese Sicht in manchen Beiträgen recht unkritisch. Es wird kaum der Versuch unternommen, die historische Darstellung auf eine breitere Quellenbasis zu stellen, d. h. auch nichtdaoistische Zeugnisse einzubeziehen. Das gebotene Bild spiegelt so in erster Linie das Selbstverständnis bestimmter mit dem Daoismus verbundener Eliten wider. Dass die Autoren dieser Texte auch Interessen verfolgten und sie nur selten eine Beschreibung der historischen oder gesellschaftlichen Wirklichkeit beabsichtigten, sind quellenkritische Gesichtspunkte, denen in diesem Handbuch wenig Beachtung geschenkt wird.
Die einseitige Betonung von Quellen aus dem daoistischen Kanon hat auch zur Folge, dass die Bedeutung des Daoismus im Rahmen der religiösen und kulturellen Tradition Chinas undeutlich bleibt. Seine soziale Dimension, seine Ausprägungen auf lokaler Ebene und die Beziehung zu lokalen Kulten werden nur selten berücksichtigt. Der Daoismus erscheint so als eine kumulative Tradition von Texten und Ritualen, deren sozialer Kontext in der chinesischen Gesellschaft schwer erkennbar ist.
So wird die Stärke dieses Handbuchs, nämlich eine enge Anlehnung an die daoistischen Primärquellen, zugleich seine Schwäche, nämlich ein Mangel an historischer Analyse und Einordnung. Vermutlich beansprucht die Herausgeberin zu Recht, den aktuellen Stand der Forschung vorzustellen. Die systematische Erschließung der Quellen kann sich im Fall des Daoismus nur auf eine - im Vergleich etwa zum Buddhismus - sehr kurze Tradition stützen, und entsprechend lückenhaft sind die historischen Kenntnisse. Das Handbuch vermittelt gleichwohl vor allem in seinen themenorientierten Kapiteln einen guten Überblick über zentrale Aspekte der daoistischen Tradition. Die meisten Beiträge sind trotz der mitunter schwierigen Materie gut lesbar und instruktiv. Besondere Erwähnung verdienen die Kapitel "Daoist Art" und "Daoist Ritual Music", die sich mit sonst nur selten behandelten Aspekten des Daoismus befassen.
Für alle, die sich mit chinesischer Religionsgeschichte wissenschaftlich beschäftigen, wird das Daoism Handbook ein unverzichtbares Forschungshilfsmittel sein. Der Band ist durch die Indices (leider ohne chinesische Zeichen) auch als Nachschlagewerk gut erschlossen und bietet einen sehr guten Überblick über die jeweils relevante Sekundärliteratur. Es gibt gegenwärtig kein anderes Werk, das einen ähnlich vollständigen Überblick über die daoistische Tradition bietet.
Hubert Seiwert, Leipzig
Heidrun Brückner; Klaus Butzenberger; Angelika Malinar; Gabriele Zeller (Hg.), Indienforschung im Zeitenwandel. Analysen und Dokumente zur Indologie und Religionswissenschaft in Tübingen, Tübingen: Attempto 2003, 289 S., ISBN 3-89308-345-6, € 39,00
Die enge "genetische" Verwandtschaft von Religionswissenschaft (RW) und Indologie in Deutschland lässt sich nicht nur anhand großer Namen aus dem 19. Jahrhundert (Friedrich Max Müller usw.) aufzeigen, sondern bis heute auch an einigen Lehrstühlen. So an demjenigen in Tübingen, dessen Geschichte im vorliegenden Band behandelt wird - wenn auch nicht als historische Gesamtdarstellung, wie die Herausgeber betonen (S. 1). Das Buch stellt in zehn Beiträgen einzelne Ausschnitte (die Bedeutung Tübinger Missionare, die Geschichte des Lehrstuhls bis 1945, das "Arische Seminar") und Lehrstuhlinhaber (Rudolf von Roth, Richard Garbe, Jakob Wilhelm Hauer, Helmuth von Glasenapp, Paul Thieme) vor. Dabei geht es den Autoren nicht nur um rein historische Beschreibung, sondern gerade um Einordnungen in den historischen wie wissenschaftsgeschichtlichen Kontext sowie um eine kritische Bewertung des Beitrages der behandelten Personen zu Indologie und RW. Wenn auch in der Einleitung zu lesen ist, dass Fragestellungen der systematischen RW (mit Ausnahme von Hauer) eher im Hintergrund der Tübinger religionswissenschaftlichen Forschung standen (S. 11), werden in den einzelnen Beiträgen doch implizite methodische und theoretische Vorverständnisse der Lehrstuhlinhaber (hier vor allem Hauers und von Glasenapps) aufgedeckt, wobei nicht nur die publizierten Schriften herangezogen werden, sondern in beträchtlichem Maße auch Archivmaterialien (vor allem Briefe). Dadurch wird letztlich (leider nicht im wünschenswerten Maß explizit) deutlich, dass auch einer scheinbar "reinen religionsgeschichtlichen Darstellung" immer bestimmte, oft nicht reflektierte theoretische Vorverständnisse zugrunde liegen. Als besonders hervorhebenswert scheint mir zweitens, dass sich insbesondere die beiden Aufsätze zu Hauer kritisch mit der politischen Vergangenheit auseinander setzen. Andere Beiträge dagegen blenden diese leider aus, obwohl Informationen dazu gerade in Bezug auf von Glasenapp interessant gewesen wären. Auch bei Paul Thieme habe ich über die Daten und Orte seiner Stationierungen im Zweiten Weltkrieg hinausgehende Angaben zu ihn leitenden Einstellungen vermisst. Diese kritischen Anmerkungen sollen jedoch nicht den Wert dieses überaus informationsreichen und reflektierten Bandes schmälern, der die Beachtung eines jeden an der Geschichte der RW (nicht nur in Tübingen) interessierten Lesers verdient.
Frank Neubert, Leipzig
Christian Henning; Sebastian Murken; Erich Nestler (Hg.), Einführung in die Religionspsychologie, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2003 (= UTB 2435), 260 S., ISBN 3-506-99011-X, € 10,90
Die Vielfalt religionspsychologischer Forschung und Methodik wird von den Herausgebern in dreifacher Hinsicht in den Blick genommen: Der erste Teil stellt die historische Entwicklung der Religionspsychologie ab Mitte des 19. Jahrhunderts, speziell in Deutschland, dar und thematisiert zudem die viel diskutierte und umstrittene Stellung der Religionspsychologie zwischen Disziplinen wie Theologie, Philosophie, Psychologie und Religionswissenschaft. Im zweiten Teil werden anhand von Fachbeiträgen namhafter Experten einzelne religionspsychologische Forschungsfelder herausgegriffen: "Bekehrung" (Popp-Baier), "Entwicklung von Moral und Religiosität" (Billmann-Mahecha) sowie "Religion und Gesundheit" (Schowalter; Murken). Während man sich hier eine breitere Themenauswahl (z. B. emotionale und kognitive Aspekte religiöser Erfahrung, Sozialpsychologie religiöser Organisationen, Neuropsychologie und Religiosität) gewünscht hätte, erscheint der erste, historische Teil für eine Einführung stellenweise zu detailliert. Der dritte Teil bietet einen umfassenden Überblick über die verschiedenen methodischen Ansätze religionspsychologischer Forschung. Für Religionswissenschaftler, die sich in ihrem Studium zumeist nicht mit statistischen Methoden auseinander setzen, eignet sich vor allem der Abschnitt über quantitative Methoden als ein guter Einstieg in experimentelle und korrelative Techniken. Bei dem sich anschließenden Kapitel über qualitative Methoden, das sich insgesamt 17 verschiedenen Datenerhebungs- und Auswertungsverfahren widmet, wäre allerdings ein weniger grundlagentheoretischer Ansatz dem Einführungscharakter des Buches besser gerecht geworden.
Insgesamt betrachtet entspricht das Buch jedoch der Zielsetzung, einen fundierten Einblick in die verschiedenen Facetten religionspsychologischer Forschung zu verschaffen, die zugleich "den wissenschaftlichen Standard der heute betriebenen Religionspsychologie garantiert". Besonders positiv hervorzuheben ist die bewusst interdisziplinäre Ausrichtung sowie die Berücksichtigung aktueller Studien und Theorien aus der internationalen Forschungslandschaft. Dass die Herausgeber mit ihrer Einführung "Geschmack auf mehr" machen möchten, wird durch Lektüreempfehlungen und umfangreiche, sorgfältig zusammengestellte Bibliographien dokumentiert. Im Anhang finden sich außerdem kommentierte Zeitschriften- und Linklisten sowie Informationen zu Forschungsinstitutionen und Studienmöglichkeiten, welche nicht nur Einsteigern in die Thematik, sondern auch Experten wertvolle Hinweise für weitere Recherchen liefern. Zu guter Letzt sollte erwähnt werden, dass sich das Buch nicht nur als Einführung ins Fach, sondern zugleich als Plädoyer für eine stärkere Institutionalisierung religionspsychologischer Forschung in Deutschland versteht. Angesichts der Tatsache, dass Religionspsychologie hierzulande noch immer nicht als akademische Disziplin etabliert ist und sich der deutsche Beitrag in der internationalen Forschungslandschaft eher gering ausnimmt, erscheint dies als eine berechtigte Forderung.
Anke Terörde, Bonn
Oliver Krüger, Virtualität und Unsterblichkeit. Die Visionen des Posthumanismus, Freiburg: Rombach Verlag 2004 (= Rombach Wissenschaften Reihe Litterae 123), 459 S., ISBN 3-7930-9405-7, € 54,00
Oliver Krüger behandelt in seiner lesenswerten Promotionsarbeit in problemorientierter Weise ein bisher von der Religionswissenschaft kaum behandeltes, aber m. E. ausgesprochen zukunftsträchtiges Feld: die "Visionen des Posthumanismus". Die uralte Sehnsucht des Menschen nach Unsterblichkeit taucht gegenwärtig in einem veränderten, virtuellen Kontext erneut auf. In diesem Buch gelingt es Krüger in überzeugender Weise, die religionswissenschaftliche Relevanz dieser neuen Entwicklungen im Bereich des Posthumanismus aufzuzeigen. Besonders interessant sind seine Darstellungen posthumanistischer Positionen (Tipler, Minsky, Maravec, Kurzweil, S. 113 ff.) und seine detaillierten Untersuchungen zur ideengeschichtlichen Entwicklung dieser fortschrittsgläubigen Strömung, die auch unter heilsgeschichtlichen Vorzeichen gedeutet werden kann (S. 163 ff.). So stellt Krüger dann auch die Frage, ob es sich bei diesem am Maschinen-Paradigma orientierten Fortschrittsglauben um eine Säkularisierung der christlichen Heilsgeschichte handelt (S. 300). Krüger gelingt es immer wieder, in geschickter Weise überraschende Zusammenhänge zwischen dem Posthumanismus und dem religiösen Weltbild (S. 372) zu erschließen. Es ist der religionswissenschaftlich geschulte Blick Krügers, der ein neues Licht auf eine Bewegung wirft, für die die künstliche Intelligenz und Roboter die Kräfte werden, die in Zukunft die Evolutionsgeschichte vorantreiben. Für die Posthumanisten wird die Menschheit in zunehmendem Maße obsolet, und sie begrüßen diese Entwicklung. Krüger nimmt aber auch die kritische Zukunftsanalyse von Günter Anders auf, der von der "Antiquiertheit des Menschen" spricht. Es kann natürlich grundsätzlich zurückgefragt werden, ob der am Maschinen-Paradigma orientierte Posthumanismus das Menschliche wirklich überwindet, denn alle Maschinen sind schließlich menschengemacht. Es ist der Mensch, der die Fähigkeit besitzt, Maschinen zu ersinnen, und insofern bleibt der Posthumanismus anthropozentrischer als etwa Religionen, die an die Existenz von unkontrollierbaren übermenschlichen Kräften glauben. Zur conditio humana gehört nach Krüger "die Akzeptanz der menschlichen Unvollkommenheit, des Todes und des Alterns" als Alternative zur technischen Vision einer "virtuellen Unsterblichkeit", die ja durchaus als Versuch einer Todesflucht gedeutet werden kann. Das Buch von Krüger wirft jedenfalls Fragen auf, über die es sich lohnt, tiefer nachzudenken, auch in der Religionswissenschaft.
Wolfgang Gantke, Frankfurt
Susanne Lanwerd, Religionsästhetik. Studien zum Verhältnis von Symbol und Sinnlichkeit, Würzburg: Königshausen & Neumann 2002, 211 S., ISBN 3-8260-2228-9, € 35,00
Nicht nur religiöse Sätze sind Gegenstand der Religionswissenschaft, auch ästhetische Theorien, Traditionen und Symbole in ihren gesellschaftlichen Wandlungen und kulturelle Phänomene im religiösen Kontext, wie etwa Ausstellungen. Dies benennt und begründet S. Lanwerd in ihrer Monografie. Dazu greift sie vor allem auf Ansätze zur Religionsästhetik aus dem späten 18. Jahrhundert zurück sowie auf psychoanalytische Positionen (der frühe Sigmund Freud, Melanie Klein, Hanna Segal) und ethnologische Befunde (etwa Clifford Geertz und Victor W. Turner). Auch Susanne K. Langers "Philosophie auf neuem Wege" mit ihrem Ansatz eines präsentativen und diskursiven Symbolismus wird einer kritischen Relektüre unterzogen. Stets ist es der Autorin um eine Handhabe zur Aufklärung ästhetischer Theorie, aber auch Praxis zu tun, eingeschlossen Fragen nach der Art des ästhetischen Transports und der Wirkung von Zuschreibungen und symbolischen (V)erklärungen von konkreter Geschichte und Erinnerung. Angesichts einer Inflation von kulturtheoretischen und, darin eingeschlossen, ästhetischen Versuchen, Realität - nicht selten religiös - begründen zu wollen, statt sie zu untersuchen, kommt Lanwerd das Verdienst zu, religionsästhetische Forschung exemplarisch gegen wissenschaftsreligiöse Tendenzen abzugrenzen. Sei es, dass Ritual- und Symboltheorien transzendental ausgerichtet sind (V. Turner), kulturmonologisch das Subjekt ausgrenzen (C. Geertz) oder 'vergessene' kulturelle Prädispositionen unterstellen (S. Langer), von der Scientific Community werden sie noch immer gern geglaubt. Lanwerd trägt dazu bei, religionsästhetische Theorien und Traditionen zu systematisieren und den schnellen Gebrauch von unscharfen Begriffen wie Symbolisierung zu reflektieren.
Dass der Religionsästhetik noch das rechte "Handwerkszeug" fehlt, wie die Autorin feststellt, ist ihr nicht anzulasten, und nebensächlich ist auch, ob die weitgehende Rehabilitierung früher psychoanalytischer Symbolbegriffe in ihrer Untersuchung gerechtfertigt ist. Die Probleme der Deutung und Stellung des Subjekts und seiner (symbolischen) Konstruktion wurden von der Religionswissenschaft lange als 'nur' ästhetische Kategorie ausgelagert, ignoriert oder vereinnahmt. Religionskritische Untersuchungen schließen aber ästhetikkritische ein: Ästhetische und kulturelle Produktion ist nach wie vor oft Ausdruck von impliziten religiösen Haltungen, und Religionen suchten historisch immer auch ästhetischen Ausdruck. Susanne Lanwerd hat mit Verve und großer intellektueller Redlichkeit ein Desiderat, ja ein 'Muss' für die Religionswissenschaft erneuert: dass, wenn die Rede von Religion und ihren Gegenständen sei, immer auch die Rede sein müsse von den Gegenständen einer Kultur und ihrer Ästhetik.
Klaus Otto, Berlin
Gunther Stephenson, Kunst als Religion. Europäische Malerei um 1800 und 1900, Würzburg: Königshausen & Neumann 2004, 99 S., ISBN 3-8260-2940-2, € 9,80
Diese religionswissenschaftliche Studie schöpft aus den Lebensthemen des Autors: Religion, Kunst und Kultur, und widmet sich dem Zusammenspiel von ästhetischer und religiöser Wahrnehmung in der privatreligiösen Säkularität seit der Aufklärung. Eine reizvolle Untersuchung, die nachweist, dass die enge Verwandtschaft von Kunst und Religion bei den Künstlern der Romantik wieder aufgegriffen wird in der neuromantischen Bewegung nach 1900. Das religiöse Erleben, das sich in den Bildern Caspar David Friedrichs und William Turners erkennen lässt, klingt hundert Jahre später in den Werken von Feininger, Kandinsky, Marc und Mondrian an. Der Autor möchte an diesen Entwürfen die Verschwisterung von Mystik, Abstraktion und Transzendenz aufzeigen.
Stephenson geht von der Erkenntnis aus, dass Friedrichs Bilder "keine Abbildungen, sondern innere Schauungen der Natur (sind), die ihm fast immer zum Gleichnis für Transzendentes wird" (S. 48 f.). Doch leider führt er diese Erkenntnis nicht konsequent weiter. Denn die Unendlichkeit des Raums und die Begegnung mit der eigenen Winzigkeit sind für Friedrich keine Elemente der Einsamkeit und Verlassenheit. Dieser Mann, der bei stürmischem Regenwetter in den Klippen am Meer herumklettert und sich nicht satt sehen kann am Gewitter und dem Toben des Meeres, sehnt sich nach der Einheit des Menschen mit der Natur. Er will die Vereinigung des Endlichen mit dem Unendlichen erfahren. Und dieses Unendliche, die Natur, ist für ihn das Göttliche. Diese Utopie der Einheit des Menschen mit der Natur und damit mit dem Göttlichen soll in seinen Kunstwerken sichtbar werden.
An diesem Punkt müsste dann auch die Differenz zu den Künstlern des frühen 20. Jahrhunderts benannt werden. Stephenson ist zuzustimmen, dass diese mit der frühen Romantik "die mathematische Ausrichtung, das Symbolverständnis und den Gedanken, alle Künste als universalen Ausdruck menschlichen Geistes als Einheit zu betrachten" (S. 91), teilen. Aber gleichzeitig zeichnet sich in der abstrakten Malerei nach 1910 eine zunehmende Distanz zur Realität ab. Diese Künstler können in der Natur nicht mehr das Göttliche erkennen und anerkennen, und darum sind ihre Abstraktionen nicht mit der Weite und Leere des Unendlichen in den Bildern der Romantiker zu verwechseln. Dem religiösen Menschen macht nicht der 'Mönch am Meer' von C. D. Friedrich Angst, sondern der Gedanke, dass die künstliche Harmonie der Maler des Abstrakten ein Ausdruck der Harmonie des Universums sein soll.
Eine formale Kritik ist an die Adresse des Verlags zu richten: Für die Beschränkung des Bildmaterials mag es nachvollziehbare Gründe geben, die Wiedergabe der Bilder in Schwarz-Weiß ist angesichts der heutigen technischen Möglichkeiten unverständlich, dass diese Bilder dann jedoch durch eine zu dunkle Reproduktion bis zur Unkenntlichkeit entstellt werden, ist nicht zu entschuldigen.
Rainer Neu, Wesel
Axel Michaels, Die Kunst des einfachen Lebens. Eine Kulturgeschichte der Askese, München: Beck 2004 (Beck'sche Reihe 1600), 192 S., ISBN 3-406-51107-4, € 11,90
Axel Michaels verfolgt, wie der Titel zeigt, mit seiner Darstellung ein doppeltes Ziel. Er möchte einerseits das Phänomen der Askese im kulturgeschichtlichen Vergleich untersuchen, wobei er dem indischen Raum eine besondere Aufmerksamkeit zukommen lässt. Andererseits ist ihm daran gelegen, asketische Praktiken auch in ihrem Potenzial als Kulturkritik und, vor allem, als Lebensbewältigungspraxis zu würdigen (vgl. S. 9 f., 118-127). Gerade in letzterer Hinsicht sucht das Buch an das von akademischen Philosophen erfolgreich popularisierte Thema der Lebenskunst Anschluss zu gewinnen. Jedoch führt die gleichzeitige Verfolgung eines deskriptiven und eines 'Sinn stiftenden' Anliegens, die nicht voneinander getrennt werden, zu gewissen wechselseitigen Einschränkungen. Diese betreffen sowohl das Erkenntnisziel der religionswissenschaftlichen Darstellung der Askese als auch die Anleitung zur asketischen Lebenskunst.
In den ersten vier der sechs Kapitel stellt Michaels phänomenologische Elemente der asketischen Lebensformen (Kleidung, Körperübungen, Fasten usw.) dar. Dabei werden die normativen Beschreibungen über Askese und deren Ziele in den religionsgeschichtlichen Quellen (z. B. den Benediktusregeln, den Upanishaden u. a.) als Zugang für die asketische Praxis selbst verwendet. Die eingangs getroffene Definition der Askese als "systematisierte Kontrolle von Körper und Geist" (S. 11) wird damit vor allem ideengeschichtlich verfolgt. Entsprechend weniger widmet sich der Autor hingegen den verschiedenen sozialen Rollen der Asketen. Dies zeigt sich beispielsweise in der unspezifischen Verwendung der Begriffe Büßer, Fakir, Einsiedler, Mönch oder Asket. Im Anhang stellt Michaels asketische Bewegungen religionsgeschichtlich vor. Mit der Aussparung asketischer Gruppen des Islam (z. B. der Sufi-Bruderschaften) folgt er dabei deutlich der Typologie Max Webers. Letztlich schildert der Autor klassische Asketen mit Sympathie, steht aber zeitgenössischen Asketen, die einem konsequent asketischen Ideal folgen, skeptisch gegenüber. Seinem Vorverständnis entsprechend ist Askese auf Gottesnähe orientiert (vgl. S. 13, 62, 84). Diese in theistischen Kontexten sicherlich berechtigte Aussage nimmt allerdings normative Züge an, wenn es im Kapitel VI, "Wozu noch Askese?", dann heißt: "Ein Grund wäre: wenn schon nicht der Gottesnähe, dann der Natur und der Gesundheit wegen" (S. 119). Will Michaels eine zeitgemäße Askese tatsächlich nur unter Ausschluss eines 'nicht mehr zeitgemäßen' Gottesglaubens (vgl. S. 124) gelten lassen, wäre dies eine starke Voraussetzung - jedenfalls für einen kulturgeschichtlichen Ansatz. Das letzte, Askese als Lebenskunst des Konsumverzichts empfehlende Kapitel vermag allerdings nicht ganz, die andernorts emphatisch zitierte Kritik Nietzsches an der Askese zu neutralisieren. Aber lässt sich, bleibt zu fragen, von der klassischen Askese im konsequenten Sinne überhaupt ein Bogen zum zeitgemäßen Verzicht auf Überfluss schlagen?
Jens Schlieter, Bern
Friedo Ricken (Hg.), Religiöse Erfahrung. Ein interdisziplinärer Klärungsversuch, Stuttgart: Kohlhammer 2004, 220 S., ISBN 3-17-018367-2, € 20,00
Der Band beruht auf Beiträgen zum Abschlusssymposion eines DFG-Graduiertenkollegs. Dies beschäftigte sich mit dem Einfluss des Erfahrungsbegriffs in der europäischen Religion auf das Selbstverständnis außereuropäischer Religionen. Getragen wurde es von dem Gedanken, dass möglicherweise der Vielzahl der Religionen die eine Form der besonderen Erfahrung einer letzten Wirklichkeit unterliegt. Wäre dies der Fall, so die Hoffnung, ließe sich damit das Problem der Einheit der Religionen lösen. Zur Klärung dieser Frage will der Band beitragen. Er ist mit einer recht knapp zusammenfassenden Einleitung versehen und enthält 15 breit gestreute Beiträge. Sie reichen von der Philosophie, der Religionswissenschaft und Theologie bis zur Religionspsychologie, Soziologie, Japanologie und Judaistik. Die Einzelaufsätze befassen sich mit dem, was der Titel erwarten lässt. Wir finden exemplarische Illustrationen zur Spannweite dessen, was als religiöse Erfahrung verstanden werden kann - etwa zur Nachterfahrung des Johannes vom Kreuz oder zur Gebetslehre des Franz von Sales. Erfreulicherweise geht diese Exploration über den engen Kreis christlicher Mystiker hinaus. Präsentiert werden Vorstellungen der religiösen Erfahrung von herausragenden Denkern und Charismatikern wie dem jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig, der französischen Philosophin Simone Weil, dem japanischen Philosophen Kitaro Nishida sowie dem indischen Weisen Sri Ramana Maharshi. Auch der französische Benediktiner Henri Le Saux oder die Ansätze der tibetischen Gelugpa Schule finden Platz, sodass tatsächlich ein Eindruck vom breiten Auftreten außergewöhnlicher Erfahrungen über die Religionen hinweg entsteht. Obwohl das Fehlen des Islam hier wundert, wäre eine erschöpfendere Darstellung zweifellos anderen, enzyklopädischen Formaten vorbehalten. Zu den illustrativen Beiträgen gesellen sich andere, die eher systematische Absichten verfolgen. Jene setzen sich mit im engeren Sinne theoretischen Ansätzen zur religiösen Erfahrung bei William James und William Alston auseinander und diskutieren Anregungen, die in den Werken von Heidegger sowie Schütz und Luckmann enthalten sind. Viele der Artikel sind für sich lesenswert. Sie werden demjenigen dienlich sein, der Literatur zu Detaildiskussionen über den Ansatz seines Autors oder seiner Denkerin sucht. Auch als Illustration der Vielfalt, sowohl derjenigen der Erfahrungen selbst als auch der Erklärungsansätze, dient das Buch zweifellos.
Der Band beabsichtigt aber mehr, denn er will "die Bedeutung des Erfahrungsbegriffs für den interreligiösen Dialog" zeigen. Wenn dieser Dialog fruchten soll, bedarf es allerdings einer gemeinsamen Sprache - zumindest aber des Bemühens darum, die Erkenntnisse des eigenen Fachs auch für andere Disziplinen verständlich auszudrücken. Einige der Autoren tragen durch die Verwendung klarer und unprätentiöser Formulierungen, durchschaubarer Gliederung und Argumentation dazu bei. Dann erst kann man es wagen, sich den theoretisch herausfordernden Problemen aus einer interdisziplinären Perspektive zu stellen. Denn die Begriffe von Religion und Erfahrung werden in so vielfältiger Weise gebraucht. Ebenso notwendig müssen Erfahrung und Deutung auseinander gehalten werden. Zudem werden heute zunehmend Erfahrungen berichtet, die den bekannten religiösen gleichen, von den Betroffenen aber gar nicht religiös gedeutet werden. Deshalb ist es konsequent und nutzbringend, als Ausgangspunkt für das hier anvisierte Vorhaben der interdisziplinären Klärung stattdessen mit dem von Hubert Knoblauch vorgeschlagenen, neutralen Begriff der Transzendenzerfahrung zu operieren.
Bernt Schnettler, Berlin
David Chidester; Abdulkader Tayob; Wolfram Weiße (Hg.), Religion, Politics, and Identity in a Changing South Africa, Münster: Waxmann 2003 (= Religion and Society in Transition 6), 192 S., ISBN 3-8309-1328-1, € 19,90
Band 6 der Reihe "Religion and Society in Transition" bringt 13 Beiträge zur Wechselwirkung von gesellschaftlichem Wandel und religiösen Entwicklungen. Es wird sowohl die spezifisch südafrikanische Situation dargestellt als auch auf globale Zusammenhänge geachtet. Studien zur Rolle einzelner christlicher Denominationen, muslimischer Gemeinschaften und autochthoner afrikanischer Kulte in der Periode der Apartheid und danach informieren über die rezenten religiösen Entwicklungen im Kapstaat. Man vermisst aber Bezugnahmen auf die Religionen indischen Ursprungs oder das Judentum, die nur im Vorwort (S. 2) genannt werden. In den einzelnen Gruppierungen gewidmeten Artikeln wie in eigenen Beiträgen werden auch Fragen von allgemeinerer Relevanz erörtert, neben dem Rassenbegriff und der Gender-Problematik etwa die Säkularisierungsdebatte in Tayobs Beitrag (S. 15-22) oder methodologische Fragen wie im Essay von Venter (S. 183-206), der für den verstärkten Einbezug soziologischer Forschungsmethoden im südafrikanischen Studium der Religionen plädiert. Er tut dies auf dem Hintergrund der Unterscheidung von Religionssoziologie als Teilgebiet der Soziologie und sociological study of religion, womit er den Gebrauch meint, den nicht als Soziologen ausgebildete Theologen von soziologischen Methoden und Theorien für ihr Studiengebiet machen. Davon hebt er die religiöse Soziologie ab, die Soziologen für die Zwecke von religiösen Gemeinschaften einsetzen, etwa in pastoraltheologischer Hinsicht. Beiträge, die sich mit der Differenz von "afrikanischer" und "westlicher" Religion auseinander setzen, tun dies einerseits im Vergleich von verschiedenen christlichen Denominationen: Masondo, der diese Differenz kritisch befragt (S. 161-181) und ein Beitrag von vier Autoren, der die Rolle der Dutch Reformed Church im südafrikanischen "Umbruch" mit der zweier "African Independent Churches" vergleicht (S. 207-18). Andererseits wird die Situation indigener Traditionen in der modernen Gesellschaft angesprochen. Neben Rüthers Beitrag zu traditionellen Heilern (S. 45-68) spricht auch Chichesters Artikel über den Zulu-"Schamanen" Credo Mutwa grundlegende Fragen an. Er geht auf die Konstruktionen von "Authentizität" ein, die mit der Berufung auf "indigene Traditionen" in unterschiedlichen Kontexten gebildet werden. Seine These, dass der fiktive Charakter der präsentierten Traditionen nicht dagegen spreche, dass Mutwa echte religiöse Arbeit geleistet habe, ist originell und diskutierenswert. Der Text ist für Kurse, die sich mit Themen wie der Konstruktion des Andern, der Rolle indigener Traditionen in der modernen Gesellschaft oder der Religion des sog. New-Age beschäftigen, zu empfehlen.
Hans Gerald Hödl, Wien
Richard Friedli; Mallory Schneuwly Purdie (Hg.), L'Europe des Religions. Eléments d'analyse des champs religieux européens, Bern: Peter Lang Verlag 2004, viii + 257 S., ISBN 3-03910-091-2, € 49,70
Richard Friedli arbeitet seit mehreren Jahren über die Themen "Menschenrecht", "Toleranz" und "interkultureller Dialog". Dieses Buch geht in die gleiche Richtung. Hier untersuchen zwölf Autoren, welchen Platz die Religionen in einem sich konstruierenden Europa haben (können). Die Aktualität dieses Themas braucht nicht näher erörtert zu werden. Im ersten Teil des Buches werden Aufsätze von fünf Religionssoziologen und von einer Rechtwissenschaftlerin, Ruth Vincente, vorgestellt. Die Leser werden R. Vincente dankbar sein, dass sie die aktuelle Debatte um die "Grundrechtecharta der Europäischen Union" kurz und klar zusammenfasst. Die Frage einer expliziten Erwähnung des religiösen Erbes in dem ersten Satz der Charta hat gewaltige Reaktionen besonders bei der französischen Regierung ausgelöst. Eine für alle Mitglieder der Union einigermaßen befriedigende Lösung wurde gefunden: Man nennt nicht mehr in der französischen Fassung "l'héritage religieux", sondern "le patrimoine spirituel"; zu deutsch "das geistig-religiöse Erbe" (nicht etwa "das religiöse Erbe"). Nach den Positionen des ersten Teiles des Buches sollte die Union die Gespräche über die Religionen in Europa nicht mehr informell weiterführen. Die Religionen sind im Zentrum der europäischen Kultur, sie gehören zur "Identität" Europas. Trotz der Anerkennung einer modernen Laizität des europäischen Staates ist es ein Ziel der Arbeitsgruppe, am Projekt eines "europäischen Instituts für Religionswissenschaft" ihren Beitrag zu leisten (R. Friedli, S. 12). Eine Überlegung über die europäischen Religionen als Herkunft unserer rechtlichen Prinzipien ist nötig, sollte aber nicht ohne eine Reflexion über die Laizität geführt werden, wie V. Zuber zu Recht betont, oder über die verschiedenen europäischen Philosophien sowie über den Kommunismus und orientalische Philosophien. Andererseits wird die Rolle der Religionen als Integrationsmittel hervorgehoben. In diesem Sinn sollten die Ziele einer religiösen intra-europäischen Integration der Religionen sich nicht durch einen religiösen Eurozentrismus äußern, sondern den Austausch mit den Religionen der ganzen Welt fördern. Sehr positiv finden wir die Teilnahme von Doktoranden der Westschweiz im zweiten Teil des Buches. Die weitgefächerten Untersuchungen zeigen sowohl die Schwierigkeiten und die positiven Seiten des Verhältnisses zwischen Religion und Europa in Geschichte und Gegenwart. R. Friedli bietet diesen jungen Forschern die Möglichkeit, über ein wichtiges religionswissenschaftliches Thema zu referieren, und sichert damit, dass die Diskussion über die europäischen Religionen in Zukunft weitergeführt wird. Das Buch von R. Friedli und den Mitautoren ist der Beginn einer Arbeit über das wichtige Thema der Religionen in Europa. Es erschöpft es nicht und sollte weitergeführt werden. Man kann bedauern, dass die Geschichte der Religionen in Europa wenig untersucht wurde. Geschichte kann viel zum Verständnis der gegenwärtigen Entscheidungen, Ängste oder Wünsche beitragen. Man kann natürlich auch nicht in einem Buch die Vielfalt der Probleme behandeln, aber wir sind R. Friedli dankbar, dass er die unerlässliche generelle Debatte über ein "Europa der Religionen" in der Schweiz eröffnet hat.
Margaret Jaques, Zürich
Hans-Peter Hasenfratz, Die antike Welt und das Christentum. Menschen, Mächte, Gottheiten im Römischen Weltreich, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2004, 120 S., ISBN 3-534-17256-6, € 24,90
Das Buch beschreibt zunächst die Entstehung des Römischen Weltreiches und die damit einhergehenden Veränderungen: "[...] einstmals überschaubare politische Gebilde (Kommune, Polis) explodieren dadurch zu wuchernden, unwirtlichen Agglomerationen trister Mietskasernen (insulae). Die Auflösung der traditionellen sozialen Gebilde (Familie, dörfliche Gemeinschaft, städtische Gemeinde) und die erzwungene Mobilität früher sesshafter Bevölkerungsteile destabilisieren die antike Gesellschaft. Es entsteht, vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte in diesem Ausmaß, das, was man den 'unbehausten Menschen' nennen kann (eine Spezies, die auch unsere postmoderne Gesellschaft massenweise produziert)." (S. 14 f.) Das Buch zeigt dann in seinem Hauptteil eindrucksvoll und anhand gut ausgewählter Zitate die Fluchtwege aus der Unbehaustheit (d. h. die Sehnsucht nach dem verlorenen "Goldenen Zeitalter"; die staatlichen Restaurationsversuche mit Augustus als Vaterfigur, "Friedefürst" und Kaiserkult; Magie und Zauber; der "Guru" und "göttliche Mensch" sowie die Mysterienreligionen). Auf diese Weise wird deutlich, wie sehr die Christen ihren Kultgott nach dem Vorbild antiker Kaiserviten präsentieren, seine Botschaft als Heils- und Freudenbotschaft (euangelion) stilisieren, ihn als göttlichen Menschen, Guru und Wundermann verkündigen und ihr Menschenbild in Anlehnung und Abgrenzung an die antike Hintergrundfolie anpassen (vgl. S. 107 f.). Wer all dies im Detail und dennoch knapp und bündig erfahren möchte, ist gut beraten, dieses interessante und höchst lehrreiche Buch gründlich zu studieren.
Peter Antes, Hannover
Iris Keßner, Christen und Muslime - Nachbarn in Deutschland. Ein Beitrag zur interkulturellen Hermeneutik, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2004, 224 S., ISBN 3-579-03494-4, € 39,95
Im Jahr 1995 wurde in Mannheims heruntergekommenem Stadtteil Jungbusch eine Moschee des türkischen Verbandes D?T?B eröffnet. Auf der Seite der alteingesessenen Deutschen hatte es zuvor Vorbehalte gegeben. Man hatte insbesondere gefürchtet, Jungbusch würde sich zu einem türkischen Getto entwickeln - eine Entwicklung, die zwar offenbar weitgehend eingetreten ist, bis jetzt aber keine dramatischen, nachteiligen Folgen gezeitigt hat.
Ausgehend von der Behauptung, die "Koexistenz von Islam und Christentum in Deutschland" sei "im Konkreten noch nicht untersucht worden", stellt die Verfasserin typische Haltungen der noch im Stadtteil lebenden Deutschen dar. Man gewinnt ein lebendiges Bild von den Interviews mit den zumeist älteren deutschen Bewohnern des Stadtteils - u. a. von einem als Eigentümer eines maroden Mehrfamilienhauses in Jungbusch wohnenden Rentnerehepaar, einer engagierten Katholikin oder der Inhaberin der "letzten" deutschen Gastwirtschaft. Die Seite der türkischen Muslime wird bewusst ausgespart.
Die Arbeit von Keßner weist Qualitäten auf - es handelt sich um eine umsichtig durchgeführte Feldstudie. Leider macht sie leichthin und exzessiv Gebrauch von Modewörtern wie "interkulturell", "Hermeneutik", "Diskurs" usw. Angesichts der Tatsache, dass kaum einmal Kenntnis oder Verständnis sowohl der Verächter als auch der Freunde der Moschee zum Ausdruck kommen, ist diese Begrifflichkeit besonders merkwürdig. Auch die konkreten Ergebnisse der Interviews kann man nicht anders als dürftig nennen. Am dokumentierten Fall verdient lediglich eine Beobachtung festgehalten zu werden: Die christlichen Kirchen begleiten den gesellschaftlichen Wandel nicht, indem sie kritische bzw. konservative Kräfte gegen die Muslime mobilisieren. Vielmehr üben sie eher einen moderierenden, harmonisierenden Einfluss aus. Das volkskirchliche Christentum erweist sich also nicht als Handicap, sondern als Hilfe für das Zusammenleben mit Muslimen.
Gereon Vogel-Sedlmayr, Passau
Johannes Twardella, Moderner Islam. Fallstudien zur islamischen Religiosität in Deutschland, Hildesheim: Olms 2004 (= Religionswissenschaftliche Texte und Studien 11), 166 S., ISBN 3-487-12674-5, € 24,80
Anliegen des Buches von Twardella ist es, die in der Tat unterentwickelte religionssoziologische Forschung über den Islam in Deutschland durch Fallstudien islamischer Revitalisierung zu bereichern. Für dieses durchaus löbliche Vorhaben wurden bereits veröffentlichte Einzelstudien des Autors (2001-2003) zusammengestellt und mit einer Einleitung sowie einer theoretisch-typologischen Zusammenfassung umrahmt. Das Ergebnis ist aber eine äußerst problematische Publikation, deren augenscheinliche Disparität sich nicht nur damit erklären lässt, dass hier mehrere Einzelaufsätze in einem Band zusammengepresst wurden. Ausschlaggebend sind vielmehr methodische und konzeptionelle Mängel: (1) das äußerst dürftige Sample, auf dem die Untersuchung basiert. Obwohl der Autor auf "zahlreiche" von ihm geführte Gespräche verweist, sind es letztendlich drei (!) Interviews, die den Grundstock der Analyse darstellen. (2) Das Sample ist außerdem zu homogen. Alle drei Interviewten wurden aus einem kleinen - deutschsprachigen - islamischen Verein (vermutlich in Offenbach, dem Wohnort des Autors) rekrutiert, d. h. ihre Islamvorstellungen reflektieren einen ähnlichen, viel zu engen Interpretationsrahmen. Dass dies dem Autor bewusst war, zeigt sich darin, dass er seine Fallstudien nicht als repräsentative Erhebung, sondern als "Schlaglichter" bezeichnete. (3) Im Kontrast zu dieser Selbstbeschränkung steht jedoch ein ungeheurer Verallgemeinerungsdrang des Autors. Twardella geht es um viel: um eine Typologie muslimischer Religiosität in der Moderne; um Transformationen des Islam in der modernen Gesellschaft; um den Umgang mit "klassischen" islamischen Bewährungsmodellen; um Säkularisierungstendenzen; um Biographieforschung und vieles andere mehr. So interessant die Fragestellungen des Autors auch sind, so schnell wird doch offensichtlich, wie wenig ergiebig sowohl die empirische Basis als auch ihre analytische Durchdringung ist. (4) Für den islamwissenschaftlichen Rezensenten geradezu sträflich ist Twardellas terminologische Kühnheit in seiner Typologisierung islamischer Religiosität - für Muslime der ersten Generation typisiert Twardella "Orthodoxie" und "Säkularisierung"; für Muslime der zweiten und dritten Generation: "Reformismus" und "Fundamentalismus". Eine solche begriffliche Verengung ist nicht nur heuristisch wertlos (man beachte die zahllosen semantischen Schattierungen dieser Begriffe), sondern auch religionssoziologisch bedenklich (denn für Twardella sind alle Muslime, die den Islam nicht mit der Moderne harmonisieren wollen, so wie es die "Reformisten" täten, schlechthin "Fundamentalisten"). Zudem basiert eigentümlicherweise diese Typologie nicht auf einer Auswertung des Interviewmaterials (einer der drei Interviewten ist ein deutscher Konvertit und gehört demzufolge weder zu einer ersten noch zweiten Generation). Als Lektüre für eine alternative Behandlung ähnlicher Sachverhalte sei daher empfohlen: Gritt Klinkhammer, Moderne Formen islamischer Lebensführung, Marburg: Diagonal-Verlag 2000.
Andreas Christmann, Manchester
Matthias Frenz, Gottes-Mutter-Göttin. Marienverehrung im Spannungsfeld religiöser Traditionen in Südindien, Würzburg: Ergon 2004 (= Beiträge zur Südasienforschung. Südasien-Institut Universität Heidelberg 195), 223 S., ISBN 3-89913-343-9, € 42,00
Außereuropäische Christentumsgeschichte wird zumindest in europäischen christlichen Kreisen nach wie vor weitgehend als Teil der Missionsgeschichte und damit der Ausbreitung "des Christentums" aus dem Westen nach Asien betrachtet. Dass das Christentum seit vielen hundert Jahren auf dem südasiatischen Subkontinent präsent ist, daran hat sich auch die Religionsgeschichtsschreibung inzwischen gewöhnt. Während die Missionsgeschichte christliche Präsenz in Indien gern unter der Fragestellung der Inkulturation verhandelt, taucht ein indisches Christentum in der südasiatischen Religionsgeschichte meist nur unter den Marginalia auf.
M. Frenz untersucht in der vorliegenden Heidelberger Dissertation die Verehrung von Maria, der Mutter Christi in Südindien, und es gelingt ihm, sich von einer überkommenen eurozentrischen missionsgeschichtlichen Sicht der Veränderungsprozesse in der indischen Gesellschaft zu lösen und zu zeigen, wie christliche Lebenspraxis ein Teil von komplexen Prozessen kultureller und religiöser Interaktion ist. Frenz zeigt auf, dass die Verehrung der Maria in Tamil Nadu ein kulturelles Feld darstellt, in dem ganz unterschiedliche Akteure mit divergierenden Vorstellungen und Interessen zusammenkommen. Maria wird nicht nur von Christen, sondern von Gläubigen unterschiedlicher religiöser Traditionen verehrt. Um das zu zeigen, baut Frenz nicht auf den in den Cultural Studies zur Zeit gehypten Begriff der "Hybridität", sondern er wendet den sehr viel plastischeren und konkreteren Begriff der "Contact Zone" an, den Mary Louise Pratt in den 90er Jahren in mehreren Publikationen geprägt hat. Dadurch gelingt es ihm, sowohl die historische als auch die räumliche Dimension der Marienverehrung in Südindien als Strukturen der Interaktion darzustellen, in denen Aushandlungsprozesse zwischen den daran Beteiligten stattfinden. Frenz stellt nach einem Überblick über die römisch-katholische Missionsgeschichte und einer Diskussion der methodischen Modelle religiöser Austauschbeziehungen ausführlich die historische Entwicklung einzelner Marienwallfahrtsstätten sowie die ortspezifischen Traditionen dar, um dann die soziale Funktion des Marienkultes zu analysieren. Dabei wird u. a. deutlich, dass der Marienwallfahrtsort Velankanni ein bedeutendes überregionales religiöses Zentrum ist, das nicht auf die Verehrung von Angehörigen der katholischen Minderheitsreligion beschränkt geblieben ist, sondern auch für Hindus Bedeutung gewonnen hat. Lokale Ätiologien des Wallfahrtsortes wurden z. B. nicht nur in katholischen Priester- und Laienkreisen unterschiedlich ausgebildet, sondern auch aus der hinduistischen Tradition Südindiens.
Die Arbeit von Matthias Frenz stellt einen wertvollen und lesenswerten Beitrag zum Verstehen der postkolonialen Religionsgeschichte auf dem südasiatischen Subkontinent dar.
Andreas Nehring, Seeon
Oliver Grasmück, Geschichte und Aktualität der Daoismusrezeption im deutschsprachigen Raum, Münster: LIT-Verlag 2004 (= Religionen in der pluralen Welt. Religionswissenschaftliche Studien 2), 145 S., ISBN 3-8258-7017-0, € 14,90
Die Rezeptionsforschung ist in den letzten Jahrzehnten zunehmend zum Gegenstand kulturwissenschaftlicher Untersuchungen geworden. Im Mittelpunkt des kulturwissenschaftlichen Interesses steht dabei die Frage der leserzentrierten historischen Konstruktionen von Bedeutungen kultureller Texte und deren Relevanz für den Horizont der eigenen aktuellen Wahrnehmung.
Für die Daoismusrezeption im deutschsprachigen Raum liegt uns nun ein nützliches kleines Nachschlagewerk vor. Das Thema ist nicht neu, und Grasmück bleibt im ersten und zweiten Teil seiner Arbeit mit seinen methodischen Reflexionen und inhaltlichen Zusammenfassungen deutlich hinter früheren Untersuchungen zurück, welche die unterschiedlichen Phasen der Rezeption, die wichtigsten Schriften und deren Autoren sowie die europäischen Diskurskontexte dazu vorstellten. Er nimmt keine methodische Verortung seiner Arbeit im Kontext der gut bekannten kulturwissenschaftlichen Debatten zu Rezeption, Fremdwahrnehmung, Orientalismus usw. mit ihren inzwischen recht gereiften methodischen und begrifflichen Ausdifferenzierungen vor; die englischsprachige Literatur ist in der Arbeit so gut wie nicht wahrgenommen, das wichtigste Buch zu dem Thema: The Tao of the West von Clarke, das in den USA Gegenstand eigener Panels darstellte und dem Religious Studies Review (Bd. 28/4, 2002) immerhin eine ganze Nummer widmete, ist nicht einmal erwähnt. Die Darstellung der Rezeptionsphasen verbleibt vollständig im Deskriptiven, der Autor nimmt keine Einordnung der Daoismusrezeption in geistesgeschichtliche Kontexte vor und folgt einem sehr statischen Rezeptionsbegriff, ohne die Dimension der diskursiven historischen Verflechtungen (histoire croisée) mit in den Blick zu nehmen.
Die Stärke des Buches liegt im dritten Teil, der als "Datensammlung" eine empirische Bestandsaufnahme der Daoismusrezeption im deutschsprachigen Raum 1900-2000 anhand des Buchmarktes vornimmt. Hier erfahren wir interessante Daten zur Publikation von Literatur, die vom Dao handelt (Dao-Literatur) und Übersetzungen des Daode jing, welche allerdings uninterpretiert bleiben. Die Ergebnisse dieser empirischen Untersuchung überraschen zwar nicht, sondern belegen durch Zahlen die Analysen der früheren Sekundärliteratur. Hilfreich ist diese Arbeit aber darin, dass sie diese Daten alle einmal zusammengetragen hat, uns einmal vor Augen führt, welche Übersetzungen es wann gegeben hat, wann in welchem Verlag welche Werke zu welchen Themen erschienen und wie die Entwicklungskurven von 1900-1944 sich von denjenigen von 1945-2000 unterscheiden. Warum der Schnitt bei 1945 und nicht bei 1970 angesetzt wurde, wo in allen Tabellen ein deutlicher Bruch sich zeigt, wird nicht klar; warum die Daoismusrezeption an Buchproduktionen gemessen wird, wird nicht befriedigend erklärt. Das Buch hätte auf die "theoretischen" Teile 1 und 4 (Systematisierung und Ausblick) für die Publikation verzichten können, als handliches Nachschlagewerk für empirische Daten ist das Buch aber, gerade auch durch seine hilfreichen bibliographischen Anhänge, sehr wertvoll.
Joachim Gentz, Göttingen
Kocku von Stuckrad, Was ist Esoterik? Kleine Geschichte des Geheimen Wissens, München: Beck 2004, 288 S., ISBN 3-406-52173-8, € 16,90
K. von Stuckrad versteht Kultur systemisch als überlappende Diskurse. So ist die Pluralität diskursiver Elemente im Wandel ihrer Bezüge Ziel seiner Historiographie. Westliche Esoterik wird über ein rhetorisches Merkmal, die "Rhetorik einer verborgenen Wahrheit, die auf einem bestimmten Weg enthüllt werden kann" (S. 21) bestimmt. Forschungsgeschichtlich und methodisch setzt er das Discrimen der Esoterik damit nicht vorrangig in ein kognitives Schema wie A. Faivre oder in ein Set textlicher Motive wie C. Markschies. In seiner diskursanalytischen Religionswissenschaft heißen Rhetorik alle sozialen, performativen und ideengeschichtlichen Aushandlungen zwischen Tradentengruppen. Rhetorik ist ein Metabegriff für Diskursvorgänge, nicht für Rede. Über weite Strecken allerdings bleibt der versprochene Fokus auf geheimes Wissen konform mit dem "klassischen" Vorgehen entlang von Ideen. Das ist bedauerlich, da gerade dieser Topos in den Medien die Esoterik mit Flair, aber eben auch mit Warnungen versieht. Hervorzuheben ist, dass Esoterik seit der Aufklärung nicht parasitär Aufklärungsrationalität aufgreifend vorgeführt wird wie bei W. Hanegraaff und O. Hammer. Mancher Leser wünschte sich vielleicht Hinweise zur heutigen Existenz z. B. der Swedenborgianer.
Da sich die 'Kleine Geschichte des geheimen Wissens' nicht als fachwissenschaftlicher Beitrag versteht, sei die Gelegenheit ergriffen, über die Gattung populärwissenschaftlichen Schreibens nachzudenken. Stärker noch als in seiner 'Geschichte der Astrologie' (2003) führt der Vf. spannend und gespickt mit Anekdoten durch die Jahrhunderte. Dadurch erzielen Informationen einen hohen Erinnerungseffekt. Je unterhaltsamer und einprägsamer jedoch, desto bewertender ist diese Weise der Darstellung auch leicht. Das scheint ein Dilemma der Gattung "Kleine Geschichte von..." zu sein. Ein Beispiel zeigt, wie leicht eine Bewertung oder sogar Abwertung in den Ton einer Schilderung kommen kann: "Als Leadbeater im Jahre 1909 zufällig einen Hindujungen beim Spielen beobachtete, erkannte er in ihm sofort die Reinkarnation des Buddha Maitreya und damit den zukünftigen Weltenlehrer" (S. 214). Durch "zufällig" und "sofort" kommt eine Ironie ins Spiel, die im Zwiespalt steht, das Geschehene einerseits lächerlich, andererseits lesbarer zu machen. Eine weitere Schieflage jener Gattung entsteht, wenn Überblicke so thetisch im Stil sind, dass die Aussageabsicht kippt und komplexitätsreduzierende Leitlinien wie Orientierungen für die alltägliche Welterklärung klingen. Da der Vf. die Vorläufigkeit jedweder Bildung historischen Sinns in seinem Vorwort als Index seinen Ausführungen anfügt, sei dieser Einwand nicht gegen ihn gerichtet.
Die Popularisierung religionsgeschichtlicher Erkenntnisse und die dadurch erhoffte Versachlichung der Einschätzung esoterischer Gruppierungen nennt der Vf. als Ziel. Gemessen daran ist seine Beantwortung der Frage "Was ist Esoterik?" ein exzellentes, mutig universalgelehrtes Beispiel, wie Religionswissenschaft in der Öffentlichkeit ihre Schlüsselbegriffe und ihr errungenes Reflexionsniveau gleichsam en passant mitteilen kann.
Anne Koch, München
Angelika Koller, Thorwald Dethlefsen, die Reinkarnationstherapie und Kawwana. Ein Beitrag zur Psychotherapie- und Religionsgeschichte, Norderstedt: Books on Demand 2004, 448 S., ISBN 3-8334-0970-3, € 41,50
Thorwald Dethlefsen (geboren 1946) ist für die noch ungeschriebene "alternative" Religionsgeschichte der Bundesrepublik eine zentrale Person. Der eloquente Redner popularisierte in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Reinkarnationstherapie mit Büchern, deren Auflage in die Zehntausende ging (etwa "Schicksal als Chance", 1979), und arbeitete als "esoterischer" Astrologe und Alchemist. Seit Ende der neunziger Jahre amtierte er als "Vicarius" der "Kirche Kawwana" (der Begriff sei kabbalistischen Ursprungs und bedeute "Ziel"), die weit über die klassischen Passageriten hinaus Zeremonien für nahezu alle Lebenslagen anzubieten scheint. Koller hat zu diesen unerforschten und, da Dethlefsen sich zunehmend der Öffentlichkeit entzieht, kaum bekannten Bereichen eine immense Materialmasse zusammengetragen, Biographie und Werk Dethlefsens in einer faktenorientierten Darstellung dokumentiert und nicht zuletzt die Riten erzählend beschrieben. In der Erschließung dieses Materials liegt der Wert ihres Buches für die Religionswissenschaft.
Aber in diesem Werk bearbeitet die promovierte Germanistin und katholische Theologin ihre eigene spirituelle Biographie. Sie war in Dethlefsens Therapie, hat für ihn gearbeitet und die Veranstaltungen von Kawwana besucht. Aus dieser sympathetischen teilnehmenden Beobachtung bezieht sie ihre intimen Kenntnisse. Mitten im Prozess ihrer Distanzierung (sie hält sich weiterhin an einige Schweigegebote) hat sie dieses Buch geschrieben: mit Dankbarkeit für viele Erfahrungen, mit manchen kritischen Zügen, ohne verletzende Polemik. Es fehlen allerdings jegliche religionswissenschaftliche Analysen. Beispielsweise wären die Struktur von Dethlefsens Synkretismus, die Logik seiner offenbar kreativen Konzeption von Ritualen, die Verschränkung von Ökonomie und Spiritualität oder die Soziologie des Netzwerks der "Esoteriker" seit den siebziger Jahren lohnende Forschungsaufgaben. Dieser Fundus harrt einer religionswissenschaftlichen Aufarbeitung.
Helmut Zander, Berlin
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