Buchbesprechungen

Jörg Rüpke, Fasti sacerdotum. Die Mitglieder der Priesterschaften und das sakrale Funktionspersonal römischer, griechischer, orientalischer und jüdisch-christlicher Kulte in der Stadt Rom von 300 v. Chr. bis 499 n. Chr. (Potsdamer Altertumswissenschaftliche Beiträge 12, 1-3), 3 Bde., Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2005, 1860 S., ISBN 3-515-07456-2, € 140,00

Das monumentale Werk ist ein Meilenstein für die Erforschung von Religionen. Also nicht nur für die Erforschung der Römischen Religion, sondern ein Muster historisch fundierter Religionswissenschaft. Die Anfänge des Werkes reichen weit zurück, als der Verfasser noch nicht einmal das Gymnasium betreten hatte. In Tübingen eroberten sich die "jungen Wilden" des (Klassisch-)Philologischen Seminars eine Alternative zu der philologischen Methode, die gerade Rezeptionsästhetik, Poetika und Wahrheit und Methode einübte. Kulturwissenschaft war das Tübinger Programm. Mit einer Arbeitsstelle Antike Religion verbanden Hubert Cancik und Burkhard Gladigow Pläne für neue Fundamente der Religionswissenschaft.
Da ist zum einen das fünfbändige Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe, in dem etwa deutlich wird, warum das hier vorgestellte Werk nicht "Priester im antiken Rom" heißen kann, sondern für die Beschreibungssprache die Begriffe sakraler Funktionär bzw. Kultfunktionär oder religiöser Spezialist vorgezogen werden müssen. Die Sprache durfte nicht einen Gegenstand sui generis abgrenzen, nicht die polemischen Arsenale einer christlichen Begrifflichkeit weiternutzen, sondern sollte anschlussfähig werden zu anderen Kulturwissenschaften.
Dazu kam die Frage, wie man aus Religion in Rom eine Römische Religionsgeschichte würde machen können, nicht erst als der Auftrag zu einem Band in den "Religionen der Menschheit" an H. Cancik und B. Gladigow ging. Nach dem geschichtslos antiquarischen Klassiker von Georg Wissowa war es keinem gelungen, eine Geschichte der römischen Religion zu schreiben. Nach den wichtigen Erkenntnissen von Franz Altheim wurde das misslungene Konzept von Kurt Latte als Handbuch 1960 veröffentlicht: Aus vielen ungeklärten Nachrichten über die Frühzeit Roms konstruierte Latte die "ursprüngliche" primitive Bauernreligion als das Wesen der römischen Religion, während die von Anfang an in Präsenz der griechischen Kultur vorhandenen Elemente ihm als "Verfall" galten. Eine Großstadtreligion ist in diesem Konzept nicht denkbar; die Quellen über die Frühzeit müssen je in ihrem Kontext etwa der Zeit des Augustus gelesen und interpretiert werden. Wie aber lässt sich eine Geschichte der römischen Religion konzipieren, wenn nicht aus literarischen Utopien, Anekdoten, Erzählungen des Außergewöhnlichen? Man würde eine Materialsammlung brauchen, die nicht das Gewollte oder Verbotene, sondern den Ist-Zustand festhält; den Regelfall, das Ganze. Aus den Plänen von Cancik schälte sich zum einen eine archäologische Fundierung heraus, zum andern eine Sozialgeschichte. Mit den Priestertümern der Stadt Rom gab es eine Chance, ein vollständiges Corpus zu erarbeiten, die Inschriften als Leitquelle. Das ließe sich für andere Regionen des Reiches auch tun, aber es bleibt dort sicher rudimentärer.
Die dritte Voraussetzung war das in den Geisteswissenschaften gerade erst entdeckte Arbeitsinstrument der elektronischen Datenverarbeitung, gewissermaßen in seiner steinzeitlichen Entwicklung. Und vielleicht die wichtigste: zuverlässige, bienenfleißige Bearbeiter. Jetzt, nach Jahren intensiver Arbeit und manchen Zwangspausen ist dieser weitere Teil des Unternehmens geschafft: Religionswissenschaft wird zu Kulturwissenschaft, ohne ihre disziplinären Kompetenzen aufzugeben.
Vollständigkeit ist auf dem Gebiet der Altertumswissenschaft nicht zu erreichen.
Band 1 umfasst nach Jahren geordnet die Priesterschaften und Kollegien, die zu einem bestimmten Jahr überliefert sind bzw. weiterhin im Amt waren. Folgende religiöse Spezialisten sind gesammelt: Die Priester-Kollegien (wie die pontifices, Vestalinnen, flamines, Auguren, Arvalbrüder usf.), dann die Priester im Kaiserkult, weiter die ausländischen Spezialisten, v. a. die etruskischen Haruspices; dann die Priester in den Wohnvierteln, das Kultpersonal und die Priester der einzelnen Tempel und Kulte. Dazu kommen, soweit bekannt, die Leiter der jüdischen Gemeinden in Rom wie schließlich die christlichen Bischöfe und Priester sowie die Funktionäre im Mithras-, Liber- und im Jupiter-Dolichenus-Kult. Ziel ist eine lokalgeschichtliche Bearbeitung der stadtrömischen Religion, eben nicht das, was man römische Religion nennt und auf die heidnischen Kulte eingrenzt. Die christlichen Funktionäre hat Anne Glock bearbeitet. Eine wichtige These hat J. Rüpke ausschließen können: Wenn sich Konstantin zum Bischof für die Außenbeziehungen ernennt, ist das nicht einfach die Weiterführung der Rolle des römischen Kaisers als Pontifex Maximus? So sehr die Kaiser vor der Christianisierung den Titel gepflegt haben, so wenig sind sie Oberpriester der römischen Religion gewesen. Band 2 enthält die Biographien und Karrieren der Personen, die genauer bekannt sind. So viel auch J. Rüpke schon beispielsweise über M. Terentius Varro geschrieben hat, den 'Religionswissenschaftler' der Römer, hier (S. 1318) nur ein knappes Lemma, weil er eben als Funktionär keine Bedeutung hatte. Auch Caesar erhält (S. 1057-59) eine ebenso knappe wie präzise und informative Darstellung. Da ist auch an Nichtfachleute gedacht: Während man ratlos vor dem Riesen-Lexikon der Altertumswissenschaften, der RE, steht, und Caesar oder Augustus nicht findet, wenn man nicht ihr nomen gentile Iulius kennt, findet man in Rüpkes fasti den Verweis. Und in der CD-ROM ist alles auch noch elektronisch vernetzt nachfragbar. Auch eine christliche Persönlichkeit wie Calixtus ist pointiert dargestellt. Man findet alles mit neuer Literatur belegt, auf die Probleme des Wissbaren ist hingewiesen. Richtig, es bleibt eine personenbezogene Darstellungsform, mit das Beste und Grundlegende, was die Altertumswissenschaft seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert hervorgebracht hat. Alles hat J. Rüpke erneut überprüft und die vielen alten Fehler der Prosopographien bereinigt und auf neuesten Stand gebracht. Das ist bester methodischer und zünftiger Standard der Epigraphik. Aber nicht nur die (der Überlieferungslage geschuldete nur relative) Vollständigkeit überzeugt und überrascht. Erst jetzt wird es möglich, eine Art von Institutionenbildung der römischen Religion zu erkennen. Das hat J. Rüpke im dritten Band begonnen. Der Band ist eine erste Auswertung der immensen Sammlung; man sieht, was man damit tun kann. Da wird die Vereinsbildung und soziale Schließung der Priesterschaften beobachtet, die Möglichkeit diskutiert, wie die Spezialisten durch Divination politische Entscheidungen beeinflussen konnten. Mehrere Kapitel handeln von der Dokumentation und Selbstdarstellung durch Inschriften. Schließlich die Fallbeispiele, die die politischen Eingriffe, oft auch Religionspolitik genannt, an Beispielen diskutieren. Die Arbeit ist in dem von J. Rüpke geleiteten Schwerpunktprogramm "Römische Reichsreligion und Provinzialreligion" entstanden, hat methodische Impulse für die Erschließung von Religion unter den Bedingungen von Globalisierung, Migration, Handel, Militärherrschaft usf. gegeben, diskutiert, erprobt und ist dabei gewachsen. Man kann dem Verfasser nur gratulieren zu diesem außerordentlichen Werk, das Bestand haben wird und benutzt werden will.
Die CD-ROM, die dem Werk beigegeben ist, erschließt die Personen- und Jahreslisten für die Recherche am Computer mit einer Leichtigkeit, die viele Ideen zur einfachen Benutzung voraussetzt. Das gilt auch für die 200 Seiten mit Bibliographie und Registern.

Christoph Auffarth, Bremen
 

Jeppe Sinding Jensen, The Study of Religion in a new Key. Theoretical and Philosophical Soundings in the Comparative and General Study of Religion (Studies in Religion 3), Aarhus: Aarhus University Press 2003, 509 S., ISBN 87-7934-091-1, ca. € 44,00

Das zu besprechende Buch tritt explizit mit dem programmatischen Anspruch auf, theoretisch und philosophisch auszuloten, welche neuen Wege die vergleichende und allgemeine Religionswissenschaft gehen könnte. Das Vergleichen und Verallgemeinern war das Anliegen der älteren Religionsphänomenologie, einer systematischen Disziplin aus der Zeit der akademischen Ursprünge, des verlorenen Paradigmas einer autonom und selbstbewusst auftretenden Religionswissenschaft. Welche Alternativen gibt es jenseits lokalgeschichtlicher Spezialstudien und anachronistischer und unter Ideologieverdacht stehender Religionssubstantialisierungen? Um solche Perspektiven aufzuzeigen, reicht Jensens Blick nicht nur in eine kritisch inspizierte Vergangenheit, sondern auch in die Nachbardisziplinen der Sozialanthropologie und Sprachwissenschaft und in die wissenschaftstheoretischen Diskurse über Realismus, über die soziale Bedingtheit von Wissenschaft, über die 'Ontologie der Begriffsbildungen für Ontologien' und natürlich in die philosophischen Irrgärten des Relativismus und der Postmoderne. Diese Positionen werden von Jensen aus der Sicht seines disziplinären Interesses diskutiert. Die Religionswissenschaft wird in Bezug auf neuere Theoriedebatten grundlegend verortet. Insbesondere die Implikationen des linguistic turn werden vorausgesetzt und in ihrer Tragweite entfaltet, um 1. eine sozial-konstruktive Perspektive für die Religionswissenschaft zu gewinnen, um 2. von der subjektiven Erfahrungsseite zu einem intersubjektiven Feld von Handlung, Kommunikation und Diskurs zu kommen, und um 3. zu Folgerungen hinsichtlich des Gegenstandsbereichs wie der wissenschaftlichen Vorgehensweise der Religionswissenschaft zu gelangen. Jensens Nachgedanken hierzu ergeben, dass epistemologisch Religionen auf eine intersubjektive Weise unterschiedliche Welten konstruieren und somit als meta-intentionale Systeme (vergleichbar mit der Wirkung von 'Sprachen') Welt- und Lebenssichten und damit Handlungsräume bestimmen. Methodologisch verglichen werden müssen sie mit einem anspruchvollen, Differenzen und Ähnlichkeiten erklärenden und Theoriebeziehungen ausweisenden Ansatz, der davon ausgeht, dass nicht die Objektivität, sondern die Modellhaftigkeit der Welten hinsichtlich ihrer Form, Funktion, Struktur und Bedeutung verglichen werden kann. Jensen plädiert für eine Formalisierung, die Vergleichsmodelle erarbeitet für symbolisch vermittelnde Handlungsschemata und kulturelle Modelle der Weltdeutung bzw. Deutungsstiftung. Dass diese 'religionswissenschaftlichen' 'Modelle für Modelle' den gleichen sozial-konstruktiven und normativen Voraussetzungen unterliegen wie die durch diese zum Vergleich gebrachten 'religiösen' Modelle und insofern in keiner Weise privilegiert sind, das wollte und konnte Jensen mit seinem Buch zeigen. Nach konkreten, beispielhaften Neuansätzen einer 'Weltbildkomparatistik' oder fallstudiengesättigten Anwendungen dieser Anforderungen wird man in dem Buch allerdings vergeblich suchen. Genau in diesem Umsetzungswillen wissenschaftsreflexiver Positionen und interkultureller Religionskomparatistik aber müsste sich die Religionswissenschaft im Konzert der Kulturwissenschaften erst noch beweisen, um sich nicht nur diskursiv zu verorten, sondern auch im kulturwissenschaftlichen Diskurs wirken zu können.

Jürgen Mohn, München
 

Anita Maria Leopold; Jeppe Sinding Jensen (Hg.), Syncretism in Religion. A Reader, London: Equinox Publishing 2005 (= Critical Categories in the Study of Religion), 402 S., ISBN 1-90476865-2, ca. € 26,00

Der Ausdruck "Synkretismus" geht auf den griechischen Gelehrten Plutarch zurück. "Auf kretische Weise zusammenhalten" (synkretismos) nannte er die den Bewohnern Kretas unterstellte Haltung, allen inneren Streitigkeiten zum Trotz im Falle einer Bedrohung von außen bedingungslos zusammenzustehen. Zu Beginn der Neuzeit griff Erasmus von Rotterdam den Begriff auf und warb dafür, die Humanisten sollten doch "wie die Kreter denken" (synkretisai), sich also in Eintracht gegen ihre Widersacher zusammenschließen. Synkretismus galt ihm als etwas Erstrebenswertes. Die abwertende Verwendung des Ausdrucks hat sich im 17. Jahrhundert durchgesetzt: Als sich Georg Calixt während des Dreißigjährigen Krieges für eine Einigung der Konfessionen einsetzte, wurde sein Vorstoß von Katholiken wie Lutheranern verächtlich "Synkretismus" gescholten. Das heute vorherrschende Verständnis des Wortes prägte der Jesuit Veit Ebermann in seiner Kritik an Calixt: Dieser wolle Verschiedenes verbinden, letztendlich werbe er für die Vermischung verschiedener Religionen! Die Entstehungsgeschichte des Ausdrucks und wie er sich seit dem 19. Jahrhundert vom theologischen Schimpfwort zu einer - wenn auch umstrittenen - religionswissenschaftlichen Kategorie entwickelt hat, lässt sich im Detail in dem 1979 in der Festschrift Biezais erschienenen Aufsatz "Synkretismus" von Kurt Rudolph nachlesen. Erneut veröffentlicht und dank der Übersetzung ins Englische einer internationalen Leserschaft zugängig gemacht wurde der Beitrag nun in dem Band Syncretism in Religion. Der Untertitel weist das Buch als Reader aus, als Lehrbuch also, in dem wissenschaftliche Beiträge vornehmlich (aber nicht nur) für die Verwendung im akademischen Unterricht zusammengestellt werden. Die Sammlung enthält insgesamt 19 Aufsätze. Drei davon werden hier erstmalig veröffentlicht, bei den anderen Texten handelt es sich um Neuabdrucke oder Übersetzungen ins Englische. Dokumentiert wird eine große Bandbreite von Antworten auf die Frage, ob Synkretismus als religionswissenschaftlicher Terminus tauge und für welche Religionen das Attribut "synkretistisch" angemessen sei: Die Palette reicht von der generellen Ablehnung des Konzepts (Robert Baird) bis zu der Auffassung, einige Religionen (Hendrik Kraemer) oder gar alle (Timothy Light) seien synkretistische Gebilde. Ein guter Einstieg in die Thematik ist der genannte Aufsatz von Rudolph, der die religionswissenschaftlichen Kontroversen um das Konzept nachzeichnet und kritisch kommentiert. Erfreulich ist, dass so viele Beiträge, mit denen Rudolph sich auseinandersetzt, etwa die von Hendrik Kraemer (1938), Robert Baird (1967) und Michael Pye (1971), in den Sammelband aufgenommen wurden. Überhaupt sind es die zahlreichen zwischentextlichen Verweise, welche den besonderen Wert des Bandes ausmachen: Fast jeder der Autoren nimmt ausführlich Bezug auf einen oder mehrere der anderen Beiträge, so dass der Leser Zeuge einer seit sieben Jahrzehnten geführten überaus lebendigen Diskussion wird. Syncretism in Religion ist ein in jeder Beziehung gelungenes und ohne Einschränkung zu empfehlendes Werk, auch dank der hervorragenden Ein- und Überleitungstexte der Herausgeberin Anita M. Leopold, die mit überzeugenden theoretischen Argumenten (und einem Hund namens Bamse!) für die Plausibilität des Konzepts Synkretismus wirbt.

Thomas Hase, Leipzig
 

Steven J. Sutcliffe, Religion. Empirical Studies. A Collection to Mark to the 50th Anniversary of the British Association for the Study of Religions, Aldershot: Ashgate 2004, xliii + 279 S., ISBN 0-7546-4158-9, € 72,00

Die britische religionswissenschaftliche Vereinigung feierte 2004 ihr 50-jähriges Bestehen. Als Jubiläumsgeschenk präsentierte sie sich einen Band, der 15 instruktive Beiträge zu Fragen der Kategoriebildung und zur Durchführung empirischer Fallstudien vereint. Die Aufsätze waren zuvor in den Jahren 1991 bis 2002 in den Occasional Papers der Vereinigung publiziert worden. In Buchform können sie nun leichter über Bibliotheken zugänglich werden. Teil 1 diskutiert Zugänge und Konzepte, Religion(en) zu erforschen: Es geht um Feldforschung und Volksreligion (M. Bowman), Selektion in der Darstellung von Religion (C. Arthur), religiöse Erfahrung und deren kulturelle Vorformierung (P. Antes), Konzepte von "sacred" (T. Thomas), "community" (K. Knott) und Diaspora (G. ter Haar) sowie phänomenologischer Methodologie (B. Bocking). Die empirischen Fallstudien in Teil 2 wenden sich religiöser Erfahrung im frühen Buddhismus zu (R. Gombrich), Frauen und Göttinnen in keltischer Zeit (M. Aldhouse-Green), den religiösen Pfaden von sati und Witwe-Asketinnen in Indien (J. Leslie), der christlich-buddhistischen Debatte 1873 von Panadura/Ceylon (R. Kloppenborg), dem Konstruktionscharakter von "community" am Beispiel der Hopi-Religion (A. Geertz), religiöser Innovation im afrikanischen Kontext (E. Amoah), dem Konzept des religiösen Synkretismus am Beispiel der Vereinigungskirche (G. Chryssides) sowie Muslimen und der Multikulturalismusdebatte in Großbritannien (T. Moddod). Ein interner Querbezug zwischen den Beiträgen fehlt gänzlich, ein Manko, welches auch weder Herausgeber S. Sutcliffe in der Einleitung noch J. Cox in dem kurzen Nachwort auflösen. Leider sind nur wenige der z. T. schon älteren Beiträge bibliographisch aktualisiert worden. Die Stärke des Bandes sind die aufgeführten Einzelbeiträge. Der sehr hohe Anschaffungspreis des Bandes legt es jedoch nahe, eher auf die Occasional Papers der Vereinigung (http://basr.open.ac.uk/papers.htm) zu jeweils £ 3,00 zurückzugreifen.

Martin Baumann, Luzern
 

Fritz Stolz, Religion und Rekonstruktion. Ausgewählte Aufsätze, herausgegeben von Daria Pezzoli-Olgiati u. a., Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2004, 317 S., ISBN 3-525-58169-6, € 49,90

Der vorliegende Band enthält eine Anzahl von Aufsätzen des 2001 verstorbenen Züricher Religionswissenschaftlers und evangelischen Theologen Fritz Stolz. Die Auswahl ist in drei Themenbereiche gegliedert; der erste, "Religion" als religiöses Symbolsystem, behandelt Fragen der theoretischen Durchdringung religionsgeschichtlicher Fakten; der zweite, "Weltbilder der Religionen", befasst sich mit einzelnen Epochen und Dokumenten der Religionsgeschichte, und der dritte, "Religionswissenschaft und Theologie", enthält zwei Aufsätze, die die oft problematische Beziehung der beiden Disziplinen zum Gegenstand haben. Die beiden ersten Themenbereiche sind von etwa gleichgroßem Umfang, wogegen der dritte nur etwas mehr als ein Zehntel des gesamten Bandes umfasst. Bei der Auswahl haben die Herausgeberinnen in erster Linie diejenigen Beiträge berücksichtigt, die nicht in vom Autor selbst herausgegebenen Sammelbänden erschienen sind. Zwangsläufig konnte dabei keine Vollständigkeit erreicht werden, und manchen Beitrag wird man daher in diesem Band vermissen. Dennoch gibt die vorliegende Auswahl einen guten Überblick über die Fragestellungen und Probleme, mit denen sich Stolz im Laufe der Jahre auseinandergesetzt hat.
In den von Stolz hier versammelten Aufsätzen wird immer wieder die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen des religionswissenschaftlichen Vergleichs aufgeworfen. Besondere Aufmerksamkeit hat Stolz dabei den unterschiedlichen Darstellungsformen gewidmet, in denen die einzelnen Religionen ihre religiöse Botschaft übermitteln. Während im westlichen, durch Aufklärung und Reformation geprägten Christentum die sprachlichen Darstellungscodes die Oberhand gewonnen haben, werden in anderen Religionen in einem viel stärkeren Maße Bilder, Musik oder Bewegung zur Übermittlung religiöser Botschaften verwendet. Zwar greifen in der Regel alle Codierungsformen ineinander über und ergänzen sich, doch können die nichtsprachlichen Elemente dabei gegenüber anderen dominieren. In den einzelnen Phasen der Entwicklung einer Religion können sich jedoch hierbei auch Verschiebungen ergeben.
Die von Stolz gemachten Beobachtungen sind nicht zuletzt für den alltäglichen Umgang mit den einzelnen Religionen von Bedeutung. Es zeigt sich, dass die Missverständnisse in der Bewertung etwa des Islam oder der so genannten Neuen Religionen häufig in einer Verkennung der Rolle der nichtsprachlichen Codierungsformen in diesen Religionen ihren Ursprung haben, die dort, anders als im westeuropäischen Christentum, eine größere Gewichtung erfahren. Hierfür stellt nicht zuletzt der so genannte Kopftuchstreit ein Beispiel dar. Insofern gewinnen die hier versammelten Beiträge über den engen akademischen Rahmen der Religionswissenschaft hinaus aktuelle Bedeutung. Es ist den Herausgeberinnen daher zu danken, dass sie die in einzelnen verstreuten Publikationen veröffentlichten Beiträge in einem übersichtlichen Band zusammengefasst haben.

Hans-Michael Haußig, Potsdam
 

Anne Koch (Hg.), Themenheft Ästhetik - Kunst - Religion, St. Ottilien: EOS Verlag 2004 (= Münchner Theologische Zeitschrift 55, Heft 4, 2004, S. 289-384), ISSN 0580-1400, € 8,80

Das vorliegende Themenheft wirbt, so die Herausgeberin Anne Koch im Vorwort, "für die verlockende und junge Forschungsperspektive der Religionsästhetik", die untersucht, "inwiefern auf der sinnlichen Ebene religiöse Zeichensysteme verankert sind und sich wandeln" (S. 289 f.). Der Versuch einer "Rehabilitierung der Sinnlichkeit" (Poth/Bahr) in den Wissenschaften von den Religionen kennzeichnet alle acht Beiträge des Heftes. Ich stelle im Folgenden die Beiträge nicht einzeln vor, sondern fasse die wichtigsten religionsästhetischen Ansätze kurz zusammen. Wissenschaftsgeschichte und interkulturelle Komparatistik gehören ebenso zum religionsästhetischen Forschungsprogramm wie die Neubestimmung des Verhältnisses von Kunst und Religion gerade für die rezente Religionsgeschichte (Mohn, S. 304-307). Im Blick auf das Verhältnis von Kunst und Religion ist zu bedenken, dass hier ein zeichentheoretischer Ansatz zu kurz greift, insbesondere, wenn er mit der Hypothese von Archetypen verknüpft wird (Koch, S. 330). Die Annahme von gleichbleibenden Motiven steht konträr zur religionsästhetisch ausgerichteten Religionswissenschaft, die stets (geschichtlich und kulturell) kontextbezogen arbeitet und beispielsweise danach fragt, wie Religionen "Vorstellungen von Sinnlichkeit und ihren Stellenwert für Individuum und Gesellschaft gestalten" (Grieser, S. 346). Die Religionsgeschichte lässt sich insgesamt als Medien- und Kommunikationsgeschichte begreifen, die zugleich als Körpergeschichte untersucht werden kann (Bräunlein, S. 325, 327). Ein Beispiel: Der Pilger aus dem Jahr 1998 zerbricht seinen Wanderstock und schleudert ihn in die weite Landschaft hinein. "Das kann er, weil das Gehen zu Fuß nun selbst das repräsentative Zeichen der Differenz ist, es braucht dazu nicht mehr, wie in der mittelalterlichen Fußgängergesellschaft, eines symbolischen Outfits" (Mohr, S. 311). Ein wichtiges Forschungsfeld stellt nicht zuletzt die Untersuchung von Ritualen dar (Prohl, S. 292), wobei ihre Medialisierungen "eine nicht zu unterschätzende, wenngleich weitaus schwieriger zu bemessende Rolle spielen" (Mohr, S. 313). Interdisziplinarität, soviel dürfte deutlich geworden sein, ist eine der privilegierten Methoden der Religionsästhetik. Zwei akademische Disziplinen finden bislang kaum Berücksichtigung im religionsästhetischen Forschungsprogramm: die Geschlechterforschung und die Ästhetik, und ihre Nichtbeachtung sorgt für einige Ungenauigkeiten in den Beiträgen des Themenheftes. Mithilfe der Geschlechterforschung könnten die Bedingungen analysiert werden, unter denen Dichotomisierungen eingeführt und Hierarchien produziert werden (also "Körper versus Zeichen", "Sinnlichkeit versus Bewusstsein", "Natur versus Kultur" etc.), um künftig ihre unreflektierte Rezeption zu vermeiden. Ästhetik als akademische Disziplin reflektiert in ihren Untersuchungen gerade die stets vorhandene Differenz zwischen der eigenen Perspektive und den Gegenständen, auf die sie sich bezieht. Beide Reflexionsleistungen sind auch jeder religionsästhetischen Untersuchung zu wünschen.

Susanne Lanwerd, Berlin
 

Claus-E. Bärsch; Peter Berghoff; Reinhard Sonnenschmidt (Hg.), "Wer Religion verkennt, erkennt Politik nicht". Perspektiven der Religionspolitologie, Würzburg: Königshausen & Neumann 2005, 280 S., ISBN 3-8260-2843-0, € 29,80

"Religionspolitologie ist ein noch zu etablierender Bereich der Politischen Wissenschaft mit interdisziplinärem Charakter", so eingangs die Herausgeber zu den Beiträgen der vorwiegend politikwissenschaftlich orientierten Mitglieder des "schon Ende des vorigen Jahrhunderts gegründeten Instituts für Religionspolitologie". Claus-E. Bärsch benennt in seiner Einleitung als "spezifischen Gegenstand" der Disziplin "die Religiosität der in einem politischen Verband lebenden Menschen". Das Interesse gelte zudem besonders auch "der Kohärenz der politischen Existenz". Bärschs Ansatz kulminiert in dem Satz, der als Selbstzitat zum Buchtitel erhoben wurde. So sei beispielsweise "der internationale Konflikt derzeit zwischen der politischen Religion des Islamismus und der Zivilreligion der USA bestimmt."
Unter drei Überschriften reihen sich verschiedenste Arbeiten. So thematisiert Peter Krumpholz unter "Mensch und Bewusstsein" die "Verkörperung der Götter und die Vergottung des Körpers", Andreas Dordel beschreibt "Psychologie als Religionsersatz", Andrea Ullrich verfolgt "Esoterische Selbst- und Weltdeutungen in der Moderne" und Ursula Berretz bearbeitet Platons Symposion im Hinblick auf "Geschlechterverhältnis, Religion und politisches Bewusstsein". Unter der Überschrift "Gesellschaft und Sinn" summieren sich Artikel zur "Politodizee", zur "Politologie des Bösen in der Moderne" (Peter Berghoff), zu politisch-religiösen Spuren in "so genannter Unternehmens- und Managementphilosophie" (Marc Schlette), zur jüngeren türkischen Geschichte (Gülten Hammelstein-Eroglu) und zu den "religiösen Fundamenten der amerikanischen Republik" (Detlef Bauszus). Und unter "Geschichte und Freiheit" werden Texte von E. M. Cioran analysiert (Nicole Schlette), gnostische Themen von der Antike bis Kafka dargestellt (Reinhard Sonnenschmidt) und "Säkularisierung als theologisches Postulat" untersucht (Dirk Ansorge).
Einen erkennbaren, roten Faden vermisst der Leser. Auch aktuell hochpolitische Fragen - Wer definiert ein religiöses Symbol? Wie verhalten sich Religion, Demokratie und politischer Extremismus zueinander? u. v. m. - stehen (noch?) nicht im Fokus. Das Vorhaben, das Buch für Entscheidungsträger zusammenzufassen, musste der Rezensent daher fallen lassen. Und doch ist der Band kein Fehlschlag, sondern in sich eine kleine Bibliothek anregender Arbeiten. Sowohl die Einleitung Bärschs wie auch die Mehrzahl der genannten Artikel lohnen wiederholtes Lesen. Es herrscht kein Mangel an frischen Ideen und Impulsen. Man möchte den Mitgliedern des Instituts zurufen: die Fähigkeiten zu grundsätzlicher Reflexion sind erwiesen - jetzt habt Mut, auch religionspolitisch aktuellere Themen aufzugreifen!

Michael Blume, Tübingen
 

Michael Schetsche (Hg.), Der maximal Fremde. Begegnungen mit dem Nichtmenschlichen und die Grenzen des Verstehens, Würzburg: Ergon-Verlag 2004 (= Grenzüberschreitungen. Beiträge zur wissenschaftlichen Erforschung außergewöhnlicher Erfahrungen und Phänomene 3), 218 S., ISBN 3-89913-415-X, € 29,00

Das vorliegende Buch ist als dritter Band der Reihe "Grenzüberschreitungen: Beiträge zur wissenschaftlichen Erforschung außergewöhnlicher Erfahrungen und Phänomene" erschienen, die eine größere Öffentlichkeit über aktuelle Ergebnisse der Grenzgebiets- und Anomalistikforschung informieren möchte. Herausgegeben wird diese Buchreihe von dem von dem Parapsychologen Hans Bender gegründeten Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) e. V. in Freiburg durch Eberhard Bauer und Michael Schetsche. In dieser Reihe stehen zwar sozial- und kulturwissenschaftliche Perspektiven im Vordergrund, doch will sie offen sein für Beiträge aller wissenschaftlichen Disziplinen sowie für interdisziplinäre Arbeiten.
Der Band geht auf eine im Dezember 2003 in Freiburg abgehaltene Tagung zum Thema "Der maximal Fremde" zurück, auf der zahlreiche Fachleute über die Frage nach der Möglichkeit der Kommunikation und Interaktion mit einem nichtmenschlichen Gegenüber diskutierten. Zu solchen nonhumanen Akteuren werden neben "Außerirdischen" wie Geistern, Göttern, Engeln, Dämonen, Vampiren und Untoten auch technisch erzeugte Wesen wie Cyborgs, Roboter oder Künstliche Intelligenzen gezählt, für die insgesamt die Kategorie des "maximal Fremden" vorgeschlagen wird. Zu den möglichen Formen der Begegnung gehören "das subjektiv reale Zusammentreffen", "das fiktive Zusammentreffen" (z. B. in der Science-Fiction), "das hypothetische Zusammentreffen" (etwa der Erstkontakt mit einer außerirdischen Zivilisation) und "das transzendente Zusammentreffen" (mit religiösen Mächten).
Angesichts der Unsicherheit und Zögerlichkeit vieler Religionswissenschaftler und Theologen dem Gegenstandsbereich ihrer Forschungsgebiete gegenüber, gehört es zu den erfreulichen Entwicklungen der vergangenen Jahre, dass (meist jüngere) Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen (unter den vierzehn Autoren dieses Bandes ist nur eine Theologin und kein eigentlicher Religionswissenschaftler) sich unbefangen religionswissenschaftlich relevanter Themen annehmen, frischen Wind in verkrustete oder vermiedene Diskussionen bringen, neue Fragestellungen aufwerfen und neue methodische Ansätze präsentieren. Dabei sind die in diesem Buch veröffentlichten Beiträge sehr instruktiv und materialreich und regen zum Weiterdenken an. Zwar werden sich die in diesen Aufsätzen geäußerten Überlegungen und Vorgehensweisen zum Verstehen des maximal Fremden kaum auf einen gemeinsamen systematischen Nenner bringen lassen, doch liegt die Absicht dieser Publikation wohl auch eher in dem Bestreben, die Reichweite und die unterschiedlichen Facetten dieses Themas zu umreißen.
Religionswissenschaftler und Theologen werden zwischen transzendenten Mächten und technisch erzeugten Akteuren vermutlich deutlicher unterscheiden als die Autoren dieser Beiträge, doch sind die darin vorgelegten Vorgehens- und Betrachtungsweisen für sie in jedem Fall inspirierend und für die eigenen Fragestellungen ermutigend.

Rainer Neu, Wesel
 

Hildegard Piegeler; Inken Prohl; Stefan Rademacher (Hg.), Gelebte Religionen. Untersuchungen zur sozialen Gestaltungskraft religiöser Vorstellungen und Praktiken in Geschichte und Gegenwart. Festschrift für Hartmut Zinser zum 60. Geburtstag, Würzburg: Königshausen & Neumann 2004, 373 S., ISBN 3-8260-2768-X, € 45,00

Dem im Vorwort formulierten Anspruch, "die grundlegende Ausrichtung der wissenschaftlichen Forschung und Lehre von Hartmut Zinser" aufzugreifen (S. 13), wird die Festschrift gerecht. Das Spektrum der insgesamt 25 Beiträge, die in vier Bereiche gegliedert sind (Religion und Wissenschaft - Historische und systematische Kontexte; Religionen der Welt in Geschichte und Gegenwart; Rezente religiöse Entwicklungen; Religiöse Transformationsprozesse), reicht von ethnologischen Themen ("Stammesreligion und Stammesgesellschaft", G. Pfeffer; "Mythos und Magie in der Dialektik der Aufklärung", K.-H. Kohl) über Artikel aus theologischer Perspektive ("Theologie und Religion", M. Weinrich; "Das Kreuz, die Historie und die christliche Judenfeindschaft", R. Kampling), bis zu Beiträgen über Fragen der Bewertung von Religion im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit (P. Furth, I. Eschebach). Auch die Interessen des Jubilars an der antiken Religionsgeschichte (E. Cancik-Kirschbaum, J. Rüpke, A. Demandt) und der Esoterik (S. Rademacher, H. Piegeler) kommen zur Geltung, ebenso die theoretische Reflexion über das Fach Religionswissenschaft (B. Gladigow).
"Hartmut Zinser bezeichnet es als wichtigste Aufgabe der Religionswissenschaft, nach der sozialen Realität von Religionen in ihren jeweiligen historischen und kulturellen Kontexten zu fragen" (S. 174), erfahren wir in dem Beitrag von Inken Prohl, der Anpassungsformen japanisch-buddhistischer Religiosität an die Anforderungen moderner Lebensführung nachgeht.
Dass diese Adaptation religiöser Traditionen an gesellschaftliche Veränderungen und neue kulturelle Kontexte einerseits überlebensnotwendig ist, andererseits die Konstituierung von Tradition von den Anforderungen der Gegenwart bestimmt ist, zeigen weitere Beiträge. Lisette Gebhardt analysiert, wie in Japan die "Spirituelle Welt" - vergleichbar der westlichen New-Age-Strömung -, das Moment der "Heilung" in den Vordergrund rückend, inflationär in den Lifestyle der Großstädter eingegangen ist. Die verschiedenen Facetten des Begriffs jihad in ihren jeweiligen sozio-politischen Kontexten und deren Legitimierung aus der Tradition untersucht Stephan Rosiny. Katharina Poggendorf-Kakar befasst sich mit dem gegenwärtigen Wandel der buddhistischen Nonnenbewegung und ihrer Rolle in der gesellschaftlichen und politischen Öffentlichkeit Sri Lankas. Am Beispiel einer Brahmanenorganisation in Gujarat zeigt Lidia Guzy, wie stark auch in neuen religiösen Reformbewegungen traditionelle Vorstellungen und moderne Anpassungsstrategien miteinander verknüpft sind. Eine sorgfältigere Recherche wäre hier angebracht gewesen, so wurde z. B. nicht Rabindranath Tagore, der Literaturnobelpreisträger, 1842 zum Führer des Brahmo Samaj, sondern sein Vater Debendranath (S. 215 Fn.).
Allgemein lässt die editorische Arbeit leider zu wünschen übrig. So wäre beispielsweise eine Vereinheitlichung von alter und neuer Rechtschreibung, von Artikeln mit oder ohne Literaturverzeichnis und die Berichtigung von grammatischen und orthographischen Fehlern (der Bhagavadgita, Holokaust, Tokyo ...) in dieser alles in allem anregenden Festschrift empfehlenswert gewesen.

Gabriele Reifenrath, Bonn
 

Ina Wunn, Die Religionen in vorgeschichtlicher Zeit, Stuttgart: Kohlhammer 2005 (= Die Religionen der Menschheit 2), 496 S., ISBN 3-17-016726-X, € 89,00

Die Verfasserin hat sich an ein heikles Thema gewagt. Die archäologischen Funde der hier behandelten vorgeschichtlichen Zeit (vom Paläolithikum bis zum Neolithikum) geben ja von sich aus keine Auskunft über mögliche damit verbundene religiöse Vorstellungen. Ohne schriftliche Quellen hinzuziehen zu können und, was die ganz frühe Zeit betrifft, auch mit wenig Vergleichsfunden, öffnet sich ein weites Feld für Spekulationen, sofern man nicht gleich vollständig auf Deutungen verzichten möchte. Ältere Werke zeichnen sich denn auch entweder dadurch aus, dass sie mehr oder weniger hemmungslos Konstrukte von vor- und frühgeschichtlichen Religionen anbieten oder im Gegenteil skeptisch fast alle Aussagen in Zweifel ziehen. In diesem Dilemma steckt auch die Verfasserin: Jede Interpretation ist anfechtbar und ohne sie wäre keine religionswissenschaftlich relevante Darstellung möglich. Man wird ihr also zustimmen, wenn sie in der Einleitung vermerkt, dass das Buch sich nicht auf "eine Art common sense in Religionswissenschaft und Archäologie" berufen konnte, sondern "erste Gehversuche auf Neuland" darstellt, die stellenweise fragmentarisch bleiben mussten.
Es ist daher konsequent, wenn neben der reichhaltigen Darstellung von Materialfunden die Methodenreflexion einen breiten Raum einnimmt. Die ihre eigene Vorgehensweise im Wesentlichen leitenden Prämissen werden wie folgt angegeben: (1) Anwendung einer evolutionären (sich vom alten Kulturevolutionismus jedoch unterscheidenden) Perspektive, die einzelne Kulturen in Anpassung an ihre Umwelt betrachtet und von einer allmählichen Kumulation von Wissen und Fertigkeiten ausgeht; (2) Heranziehung von Ergebnissen der Humanethologie; (3) Zuordnung zu einem religionssoziologischen Typus (innerhalb dessen fehlende Informationen ergänzt werden können); (4) kritische Haltung zum ethnographischen Vergleich, der für die frühesten Zeiten gänzlich abgelehnt wird, weil Jahrzehntausende von Entwicklung zu heutigen Stammeskulturen dazwischen liegen, mit zunehmender zeitlicher Nähe aber auch Anwendung finden kann.
Schwerpunkte der Darstellung sind Anatolien, Südost-, Mitteleuropa und Malta. Bei der Deutung der Fundkomplexe im einzelnen zeigt sich, dass der Bereich der Bestattungsbräuche wohl noch am ehesten geeignet ist, konsensfähige Aussagen zu liefern, bereits bei Figuren und Bildern dürften die Ansichten weit auseinandergehen. Es wird daher jeder fachkundige Leser selbst entscheiden müssen, ob er sich den Deutungen der Verfasserin anschließen will (z. B. bzgl. des Kultes der Muttergottheit und der sog. Dolmengöttin). Auch kann man mit guten Gründen einige Prämissen bezweifeln, z. B. dass sich die Prinzipien der biologischen Evolutionstheorie und der Verhaltensforschung ohne weiteres auf den Bereich kultureller Zusammenhänge übertragen lassen. Hoch anrechnen muss man allerdings, dass die Verfasserin ihre Karten, d. h. methodischen Voraussetzungen, offen auf den Tisch legt, so dass auch derjenige, der sie nicht teilt, die Fundbeschreibungen nutzen und zu anderen Schlussfolgerungen kommen kann. Zumindest im deutschsprachigen Raum gibt es momentan bei den Übersichtswerken wohl keine Alternative zu diesem Buch.

Franz-Peter Burkard, Würzburg
 

Carola Metzner-Nebelsick u. a. (Hg.), Rituale in der Vorgeschichte, Antike und Gegenwart. Studien zur Vorderasiatischen, Prähistorischen und Klassischen Archäologie, Ägyptologie, Alten Geschichte, Theologie und Religionswissenschaft, Rahden/Westfalen: Marie Leidorf Verlag 2003, 220 S., ISBN 3-89646-434-5, € 61,50

"Rituale in der Vorgeschichte, Antike und Gegenwart" ist ein Tagungsband, wenn auch ein ungewöhnlicher: Zwar werden auch hier, wie in Tagungsbänden üblich, Forschungsbeiträge verschiedener Spezialisten vorgestellt, diese rekrutieren sich aber aus den unterschiedlichsten Disziplinen wie Archäologie, Ägyptologie, Theologie und Religionswissenschaft und arbeiten hier zum ersten Mal fächerübergreifend zum Thema Ritual. Das Ergebnis kann sich sehen lassen:
In einem ersten Beitrag wird die aktuelle Diskussion um den Ritualbegriff aufgenommen, wichtige Grundmuster und Bestandteile des Rituals werden herausgearbeitet, um ihn für die archäologische Forschung fruchtbar machen zu können. Die weiteren Beiträge orientieren sich an einem zeitlichen Raster, beginnend mit einer umfassenden Darstellung von Handlungen in Zusammenhang mit Tod und Bestattung im Alten Vorderen Orient, einschließlich der Rolle der Bestattungsriten für das kulturelle Gedächtnis der Gesellschaft. Es folgen Rekonstruktionen und Analysen bislang schlecht verstandener Rituale des Alten Ägypten, während drei weitere Beiträge Rituale im Umfeld von Bestattungen im vorgeschichtlichen Europa behandeln. Für die Vielfalt antiker Kulte stehen Begräbnisriten und Totenopfer im antiken Griechenland, Bauopfer im phönizisch-punischen Kulturkreis, Votivgaben in Demeter-Heiligtümern und zuletzt Hochzeitsrituale im demokratischen Athen. Um die ausgehende Antike geht es endlich bei der Frage nach der Konstanz heidnischer Kulte im christianisierten Umfeld des spätantiken Griechenlands. Zuletzt kommen die großen Religionen ins Spiel, wenn nach den Ursachen für die Abwertung des jüdischen Ritualgesetzes, die Bedeutung der Exú-Rituale im brasilianischen Candomblé für die Bewältigung schwieriger Lebenssituationen und der Stellung des Rituals im angeblich antiritualistischen Zen-Buddhismus gefragt wird.
Über die hochinteressanten Einblicke in die Arbeitsfelder benachbarter Disziplinen wie Ägyptologie, Archäologie oder Theologie und gleichzeitig über die Fülle von wertvollen Einzelergebnissen hinaus bietet der Sammelband einen Überblick über den Stand der Diskussion hinsichtlich des Ritualbegriffs. Gleichzeitig verdeutlicht er die Grenzen seiner Anwendbarkeit in den historisch arbeitenden Wissenschaften, wobei die Fülle und Bandbreite der unter dem Begriff Ritual subsummierten Handlungen anschaulich dargestellt wird. Durch Anordnung der Einzelbeiträge entsprechend der historischen Abfolge entsteht gleichzeitig ein entwicklungsgeschichtlicher Aufriss, ohne die wichtige soziale Rolle der Rituale zu vernachlässigen. Der vorliegende Band ist informativ und spannend für jeden Religionswissenschaftler, der sich mit Ritualen oder mit vor- und frühgeschichtlichen Religionen befasst.

Ina Wunn, Hannover
 

Stefan M. Maul (Übers.), Das Gilgamesch-Epos. Neu übersetzt und kommentiert, München: Beck-Verlag 2005, 192 S., ISBN 3-406-52870-8, € 19,90

Kürzlich ist Stefan Mauls neue Übersetzung des Gilgamesch-Epos nach der wissenschaftlichen Ausgabe von Andrew George (The Babylonian Gilgamesh Epic, 2003) erschienen. Wie Maul in seiner Einleitung erklärt, ist es seine Absicht, dem Leser einen "möglichst getreuen Eindruck von der Form und der Sprachgewalt des babylonischen Gilgameì-Epos" zu vermitteln, "ohne der deutschen Sprache Gewalt anzutun" (S. 11). Die Übersetzung ist in Strophen von meistens zwei Doppelversen gegliedert, die in dem keilschriftlichen Originaltext nicht zu finden sind.
Von vornherein beabsichtigt der Autor keine "strenge wissenschaftliche Übersetzung" (S. 12). Er vermeidet zum Beispiel so viel wie möglich die Verwendung von eckigen Klammern und Fragezeichen, wenn Ergänzungen vorgeschlagen sind. Damit will er dem Leser einen Text an die Hand geben, der nicht allzu sehr durch Zeichen, die den Lesefluss stören, beladen ist.
In einigen kurzen Paragraphen erklärt Maul die Überlieferungstradition des Epos und die traditionelle Geschichte von Gilgameì als König von Uruk und als Gott. Vor der Übersetzung steht noch eine Zusammenfassung in narrativer Form der zwölf Kapitel des Epos. Die Übersetzung ist außerdem mit einem semantischen Kommentar ergänzt. Das Buch ist mit Zeichnungen von Frau Nadja Wrede illustriert.
Maul schließt in seiner Übersetzung fünf neue Texte aus Assur ein. Diese noch nicht veröffentlichten Texte ergänzen zum Teil Tafel I, V, VI, VII und X des Epos. Bemerkenswert ist die neue Episode des Felsblocks in Tafel V, Zeile 118 ff. und Kommentar S. 167 ad V 132-134: Ein Felsblock, den Humbaba während des Kampfes hatte herabstürzen lassen, um Gilgameì zu erschlagen, steht ihm nun im Weg. Humbaba, der den Erdboden zerschmettern und seine Gegner in den Schlund einer Erdspalte hinabstürzen lassen will, zerbricht den Felsblock in zwei Teile. So entstehen die Gebirgszüge des Libanon und des Antilibanon (= Sirara). Leider hat Maul die neuen Assur-Texte nicht vor seiner Übersetzung wissenschaftlich editiert. Der Leser muss also auf die zukünftige Edition der literarischen Texte aus Assur warten.
Die alten deutschen Übersetzungen des Gilgameì-Epos von A. Schott / W. von Soden (Reclams Universal-Bibliothek, 1972) und von K. Hecker (Texte aus der Umwelt des Alten Testaments, Bd. III, 1994) sind durch die verbesserte und ergänzende Auflage von Andrew George überholt. Eine neue deutsche Übersetzung wurde in diesem Fall nötig. Die Übersetzung von Maul gibt die Gelegenheit, das Gilgameì-Epos auf Deutsch mühelos zu entdecken. Sie muss aber für eine wissenschaftliche Untersuchung des Gilgameì-Epos mit Vorsicht betrachtet werden, da die Ergänzungen des Autors nicht klar gekennzeichnet sind.

Margaret Jaques, Zürich
 

Joachim Willems, Lutheraner und lutherische Gemeinden in Russland. Eine empirische Studie über Religion im postsowjetischen Kontext, Erlangen: Martin-Luther-Verlag 2005, 471 S., ISBN 3-87513-142-8, € 30,00

Die ELKRAS (Evangelisch-Lutherische Kirche in Russland und anderen Staaten [der GUS]) mag als peripheres Thema für evangelische Theologie erscheinen. Die vorliegende soziologische Dissertation zeigt aber, dass sie für den Religionswissenschaftler ein vortreffliches Beispiel für kleinere Religionen in der GUS, für eine bemerkenswerte Migrantenbewegung nach Deutschland, aber auch für eine von Deutschland ausgehende Beeinflussung der religiösen Landschaft in der GUS ist. So meldete der FORUM 18 NEWS SERVICE, Oslo, (www.forum18.org) am 18. April 2005, dass dem in Russland geborenen deutschen Staatsbürger Siegfried Springer, der lutherischer Bischof für den europäischen Teil Russlands ist, am 10. April 2005 trotz gültigen Visums die Einreise in Moskau verweigert worden ist. Das Visum wurde annulliert, Springer am folgenden Tag nach Deutschland ausgewiesen. Der Vorfall zeigt zur Genüge, wie gespannt das Verhältnis der kleinen Religionsgemeinschaften mit ausländischer Einflussnahme zum russischen Staat ist. Das Buch bietet denn auch gleich mehrere Zugänge. Natürlich informiert es über "Die Geschichte und Gegenwart des Luthertums in Russland" (S. 27-76) und bietet lobenswerter Weise das nötige Hintergrundwissen über die Bedeutung von "Religion und Gesellschaft in der Geschichte Russlands" (S. 77-130) vom 19. Jh. bis zur postsowjetischen Zeit.
Von allgemeinem Interesse (für Religionswissenschaftler) dürften dagegen eher die Ausführungen "Zur Methodik und zum Vorgehen" (S. 131-156) sein, wo Vf. die grundsätzlichen Überlegungen zu den Stärken und Schwächen der qualitativen und quantitativen Analysemethoden abwägt. Vf. begründet, warum er sich für eine Kombination beider Erhebungsformen entschieden hat. Es gelingt ihm, trotz des Verzichts auf repräsentative und erst recht vollständige Erhebungen mittels Gemeindefallstudien, ein Bild unterschiedlicher Gemeindestrukturen und Frömmigkeitstypen in diesen zu entwerfen. Die ausführliche "Analyse des empirischen Materials" (S. 157-404) bildet den Hauptteil des Buches. Die Datenbasis wird erläutert und die Gemeinden, in denen Erhebungen durchgeführt wurden, werden vorgestellt. Eine ausführliche Zusammenfassung, die pointiert noch Neues enthält (S. 405-436), beschließt die Darstellung. Im Anhang (S. 437-443) werden die Interviewpartner und die Fragebögen vorgestellt, worauf noch ein Literaturverzeichnis (S. 444-470) folgt, in dem nun wirklich keine verwendete Quelle, ob publiziert oder nicht, unerwähnt bleibt.
So erreicht Vf. das Ziel, ein Bild der "Prägungen" der Gemeinden im postsowjetischen Russland zu zeichnen, was für religionswissenschaftliche Untersuchungen ähnlichen Zuschnitts auch in anderem kulturellen Kontext ein wertvolles Lehrstück darstellt.

Wassilios Klein, Bonn
 

Richard Fletscher, Ein Elefant für Karl den Großen. Christentum und Islam im Mittelalter, Darmstadt: Primus Verlag 2005, 222 S., ISBN 3-89678-535-4, € 24,90

Der im Februar 2005 verstorbene Richard Fletcher, Historiker an der Universität York mit dem Forschungsschwerpunkt auf der mittelalterlichen Geschichte Englands und Spaniens, gibt in diesem Buch einen Überblick über die wechselvolle Geschichte der Interaktion von Christentum und Islam seit ihren Anfängen bis zum Beginn der Neuzeit. Das Buch ist als eine allgemeine Einführung gedacht, und es gelingt Fletcher, durch geschickte Nuancierung seine Interpretationen an konkreten Beispielen augenfällig und leicht nachvollziehbar zu machen.
In insgesamt fünf Kapiteln zeichnet Fletcher den Gang der Entwicklung nach. Er beschreibt die machtvolle Ausbreitung islamischer Herrschaft im Laufe der Geschichte, von den Eroberungen unter den frühen Khalifen bis zur ersten Belagerung Wiens durch die Osmanen im Jahre 1529. Dem stehen die kriegerischen Unternehmungen auf christlicher Seite gegenüber, fokussiert auf die Kreuzzüge einerseits und die Reconquista andererseits. In einem eigenen Kapitel geht es sodann um die trotz aller Gegnerschaft vorhandenen Handelsbeziehungen, in denen im weiteren Verlauf Venedig auf der einen, Genua auf der anderen Seite eine besondere Bedeutung zukommt. An konkreten Beispielen stellt Fletcher den kulturellen Austausch dar. Da ist einmal die Rezeption der klassischen Bildung durch den Islam in frühabbasidischer Zeit, in der Christen als Vermittler auftreten; da ist zum anderen die Rezeption der gleichen griechischen Bildung nun aber durch das christliche Mittelalter, vermittelt von arabischen und jüdischen Gelehrten im Spanien des 12. und 13. Jahrhunderts. Fletcher stellt kurz die frühen Koranübersetzungen vor, die alle unter dem Vorzeichen der anti-islamischen Polemik stehen. Für das christliche Abendland ist der Islam vorwiegend ständiger Feind und Objekt missionarischen Eifers, auf islamischer Seite steht eine durchgängige Nichtbeachtung des Anderen. Während im 16. Jahrhundert die eine Seite beginnt, in geistiger Stagnation zu verharren, schickt sich das christliche Abendland an, ausgestattet mit dem wissenschaftlichen und kulturellen Erbe des Islam, die Welt zu dominieren.
Was an der deutschen Ausgabe des Buches freilich stört, ist die nachlässige Bearbeitung, und dies vor allem, weil sich das Buch ja an ein breiteres Publikum wendet. Das Literaturverzeichnis führt nur die durchweg englische Literatur der Originalausgabe an (Übersetzungen ins Deutsche sind allerdings genannt). Im Register fehlen wichtige Einträge: Man findet zwar Ibn Rushd mit einem Beleg, aber die wichtigen Passagen - über Averroes (S. 131 f.) - fehlen. Zahlreiche Druckfehler und Unstimmigkeiten stören erheblich (S. 67 "kitah" statt "kitab", S. 78 "masijd" statt "masjid", S. 132 "kullyiat" statt "kulliyat"; S. 117 in der Liste der venezianisch dominierten Inseln "Kreta" neben "Evvoia" usw.). Unserem Begriff Häretiker dürfte schwerlich "das griechische Wort heresis" (S. 28) zugrunde liegen. Auf das Konto des Übersetzers geht schließlich auch "der flämische Gelehrte Dominican William von Moerbeke" (S. 128)!

Ulrich Vollmer, Bonn
 

Jan-Peter Hartung, Viele Wege und ein Ziel. Leben und Wirken von Sayyid Abu l-Hasan [Ali al-Hasani Nadwi (1914-1999), Würzburg: Ergon-Verlag 2004 (= Kultur, Recht und Politik in muslimischen Gesellschaften 6), 521 S., ISBN 3-89913-377-3, € 59,00

Die ausführliche, sorgfältig erarbeitete Darstellung handelt von Leben und Werk einer der hervorragenden Persönlichkeiten des indischen Islams im 20. Jahrhundert, Sayyid Abu l-Hasan [Ali al-Hasani Nadwi. Der Verfasser hat dazu an dessen Lebensmittelpunkt, in Lucknow, recherchiert und eine enorme Menge an arabisch- und urdusprachiger Literatur bewältigt. Die Darstellung des gedanklichen Konzeptes Nadwis erforderte natürlich eine Konzentration auf wenige Hauptthemen. Der Verfasser erörterte dazu die Position Nadwis in den Diskursen um den Stellenwert der Ratio im Erkenntnisprozess, um den Stellenwert des Sufismus, um den politischen Aktivismus und um den indischen "Kommunalismus". Details an der Arbeit mag man kritisieren - etwa die Zitation von Koranversen nur mit Namen (ohne Nummern) der entsprechenden Suren oder den Gebrauch philosophisch geprägter Begriffe; so spricht der Verfasser etwa von einem "gesinnungsethischen Paradigma", wo er einen individualethischen Ansatz meint. Den Rezensenten hätten auch die Stellungnahmen Nadwis in der Affäre Rushdie interessiert, die mit einem Verbot des Romans "The Satanic Verses" in Indien ihren Anfang nahm.
Trotz dieser kleineren Einschränkungen bietet das Buch eine gute, fundierte Perspektive auf die Entwicklung des Islams im 20. Jahrhundert. Nadwi, der zu einem frühen Zeitpunkt Sayyid Qutb beeinflusste, hat seit den 60er Jahren gegen Mawdudi und andere Vertreter eines revolutionären Islamismus eine pointiert konservative Position bezogen. In den kommunalistischen Konflikten Indiens hat er sich damit nicht an die Spitze der Muslime setzen können. Aber vielleicht hat Nadwis Vermittlungstheologie noch zwischen dem wahhabitischen Rigorismus und dem populären Sufismus mittelfristig im Weltislam ihre Chance.

Gereon Vogel-Sedlmayr, Passau
 

Stefano Piano, Religion und Kultur Indiens, Wien: Böhlau Verlag 2004 (= UTB 2507), 248 S., ISBN 3-205-77195-8, € 29,90

Das Buch von Stefano Piano ist eine durchaus sachgemäße Einführung in den brahmanisch-sanskritischen Hinduismus. Es stellt zunächst grundsätzliche Fragen nach Definition, Quellen und Typen des Dharma sowie dem Zusammenhalt des Hinduismus. Dann, im 2. Kap., wird in 15 Unterabschnitten die "Religion der Brahmanen" ausgebreitet. Angesprochen werden u. a. die Sozialstrukturen, Lebensstufenordnung, die (vedische, epische und puranische) Literatur, Mythologie, Opfer, die upanishadische Philosophie, theistische Tendenzen, Heilswege, Bhakti, Shivaismus, Vishnuismus, Shaktismus, Tantrismus, asketische Reformbewegungen, namentlich Shankara, die Begegnung des Hinduismus mit Islam und Christentum sowie der "Hinduismus heute". In den vier nachfolgenden Kapiteln vertieft der Autor einzelne Gesichtspunkte. Im 3. Kap. kommen Gottesvorstellungen zur Sprache: Personalität bzw. A-Personalität (Brahman), der eine und die vielen Götter, Trinitas, Erscheinungsformen (avatara) von Vishnu, Shiva und der Göttin. Im 4. Kap. werden Weltkonzeptionen sowie Raum- und Zeitkonzeptionen erörtert. Im 5. Kap. untersucht der Autor das hinduistische Menschenbild, das Kastenwesen, das Böse und die Ethik, Pflichten und Ziele des Menschen sowie die Rolle der Frauen. Im 6. Kap. folgt eine Erörterung der religiösen Praxis: Tempelverehrung, lebenszyklische Riten und jahreszeitliche Feste, das Pilgerwesen sowie das Gebet. Das Buch beschließt ein 7. Kap. von Manfred Hutter, in dem die "kulturprägenden Epochen der indischen Geschichte" prägnant zusammengefasst werden, sowie ein Anhang "Hindus in der Diaspora" vom gleichen Verfasser.
Das Ganze auf knapp 250 Seiten. Da kann man nicht viel verlangen. In der Sache mag diese Einführung dem Laien eine Idee vom komplexen Thema geben, aber sie befriedigt einen wissenschaftlichen Anspruch kaum: Der Forschungsstand wird nicht rezipiert, die "verwendete Literatur" ist im Umfang zu gering (26 Titel) und veraltet (das jüngste zitierte Werk stammt von 1991, auch die "weiterführende Literatur" verweist nicht auf rezentere Werke), Behauptungen werden kaum belegt (insgesamt 26 Fn.), diakritische Zeichen nicht bzw. nur im Glossar und dort ungewöhnlich verwendet. Schlimmer aber sind zahlreiche Ungenauigkeiten, die schon mit dem Titel beginnen: "Religion" im Singular (die italienische Originalausgabe lautet "Sanatana-Dharma. Un Incontro con l'Induismo", Mailand 1996). Es setzt sich fort mit der "Religion der Brahmanen" (S. 28: "so kann man die gesamte religiöse Überlieferung des Hinduismus kaum anders nennen"): Da wird schlicht übersehen, was längst an nicht-brahmanischen Anteilen des Hinduismus erarbeitet wurde. Auch lässt sich die religiöse Praxis des Hinduismus nicht mehr nur aus den Sanskrit-Quellen darstellen. Vor allem mangelt es aber weitgehend an religionswissenschaftlicher Reflexion der Schlüsselbegriffe. Impulse für eine diesbezügliche Analyse darf der Leser ebenso wenig erwarten wie eine neue Sicht des Hinduismus. Kurzum: ein Buch, das man vielleicht einem geneigten Laienpublikum, weder aber einem Studierenden der Religionswissenschaft noch der Indologie empfehlen kann.

Axel Michaels, Heidelberg
 

Knut A. Jacobsen; P. Pratap Kumar (Hg.), South Asians in the Diaspora. Histories and Religious Traditions, Leiden: Brill 2004 (= Numen Book Series 101), ISBN 90-04-12488-8, € 119,00

Diaspora-Situationen von religiösen oder ethnischen Gruppen sind kein Phänomen, das erst durch die so genannte "Globalisierung" entstanden ist. Wie die beiden Herausgeber zu Recht betonen, ist das Phänomen für Südasiaten (aus Pakistan, Bangla Desh, Indien, Sri Lanka) bereits seit etwa 1830 vorhanden. Nach der Unabhängigkeit der südasiatischen Staaten in der Mitte des 20. Jh. hat es aber weitere Impulse, teilweise auch durch wirtschaftliche oder politische Faktoren beeinflusst, erhalten. Die Beiträge zu diesem Sammelband konzentrieren sich auf Fallstudien von Diaspora-Situationen, wobei die Mehrheit der Aufsätze die Hindu-Diaspora (7) thematisiert; die Situation von Jainas (2), Buddhisten (1), Christen (2), Muslimen (3), Parsen (1) und Sikhs (1) wird in Einzelbeiträgen behandelt, fünf weitere Beiträge sind thematisch breiter angelegt. Das geographische Spektrum ist weit gefasst und reicht von Beiträgen zu Diasporagemeinden in den USA und Kanada bis nach Trinidad, berücksichtigt europäische Länder wie Großbritannien, die Niederlande, Deutschland (S. 116 ff.: B. Luchesi), Norwegen und bringt Fallstudien zu Südafrika und Australien; Südostasien mit zahlenmäßig durchaus relevanten südasiatischen Diasporagemeinden bleibt - aus welchen Gründen auch immer - unberücksichtigt. Die - in der Regel wegen reichhaltiger Fakten informativen - Einzelbeiträge können hier nicht im Detail gewürdigt werden; folgende Beiträge sind besonders lesenswert, vor allem weil sie auch zum weiteren Reflektieren über "Diaspora" anregen: Anne Valley: The Jain Plate. The Semiotics of the Diaspora Diet (S. 3 ff.); Knut A. Jacobsen: Establishing Ritual Space in the Hindu Diaspora in Norway (S. 134 ff.); S. E. Dangor: Negotiating Identities. The Case of Indian Muslims in South Africa (S. 243 ff.); Sandeep Singh Chohan: Punjabi Religion amongst the South Asian Diaspora in Britain (S. 393 ff.).
Die kurz genannten äußerlichen Fakten machen deutlich: Das Buch ist ein Sammelwerk, dessen einzelne Beiträge zwar durch das Stichwort "Diaspora" verbunden sind, aufgrund der Disparität der Beiträge jedoch nur bedingt systematische Schlussfolgerungen erlauben. Dadurch liegt die Stärke des Buches vor allem darin, dass hier je für sich lesenswerte Einzelbeiträge dargeboten werden, aus denen derjenige seinen Nutzen ziehen wird, der entweder zur betreffenden Diaspora-Religionsgemeinschaft oder zu Südasiaten in einem konkreten geographischen Raum arbeitet. Als "Future Prospects" (S. 498 ff.) benennen die beiden Herausgeber am Ende des Buches vier Bereiche, die in weiterer Forschung zu berücksichtigen wären: Beachtung der teilweisen Neuerfindung von Traditionen in der Diaspora-Situation; Berücksichtigung unterschiedlicher Typen von Diaspora in Bezug auf den Kontakt zur Heimat; Unterschiede innerhalb einer ethnischen Diaspora-Gruppe hinsichtlich der Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Religionen; stärkere methodische Reflexion über Religion in Südasien aufgrund der Wechselwirkung mit der Religion von Südasiaten in der Diaspora. Solche "future prospects" für die Forschung sind sicherlich richtig gesehen, werden aber nach meinem Eindruck schon in bisherigen Studien durchaus berücksichtigt, so dass es bei der Einladung zu den Beiträgen von Vorteil gewesen wäre, stärker darauf zu drängen, dass in den Einzelaufsätzen solche Aspekte in deutlicher Weise systematisch berücksichtigt werden. Dann hätte der Band - über Fallstudien hinausgehend - mehr zur methodischen Schärfung des Untersuchungsfeldes "Diaspora" leisten können.

Manfred Hutter, Bonn

 

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