Ulrich Berner: Einleitung: Religionswissenschaft und Religionskritik.

Der Begriff der Religionskritik ist in erster Linie mit einer Reihe von Namen verbunden, die im 19. Jahrhundert mit Ludwig Feuerbach beginnt und die über Karl Marx und Friedrich Nietzsche zu Sigmund Freud und damit ins 20. Jahrhundert führt. Wenn die Religionswissenschaft als eine kulturwissenschaftliche Disziplin verstanden wird, dann liegt die Religionskritik sicherlich in ihrem Gegenstandsbereich - gehört diese Art von Kritik doch zu dem historischen Kontext religiöser Phänomene und lenkt den Blick auf die kulturellen Konflikte, die zur Entwicklung der betreffenden religiösen Traditionen beigetragen haben. Umstritten ist aber sicherlich die Frage, ob und in welchem Sinne die Religionskritik auch zu den Aufgaben der Religionswissenschaft gehört.

Einerseits kann auf einen historischen Zusammenhang mit der Aufklärung verwiesen werden, und daraus könnte zumindest eine ideologiekritische Aufgabe der Religionswissenschaft abgeleitet werden, wie es schon in den 70er Jahren von Kurt Rudolph unternommen wurde. Eine ideologiekritische Tendenz wird seit den 90er Jahren auch von Bruce Lincoln vertreten, der Marx und Engels zu den Vorläufern der Religionswissenschaft rechnet.

Andererseits kann darauf hingewiesen werden, dass gerade eine kulturwissenschaftliche Religionswissenschaft nicht als Antithese zur Theologie konzipiert ist. Daraus könnte gefolgert werden, dass die Religionskritik eben nicht zu den Aufgaben der Religionswissenschaft gehört - sondern eher zu den Aufgaben der Religionsphilosophie, die ja zumeist nicht als Teil der Religionswissenschaft betrachtet wird.

Der Begriff der Religionskritik kann allerdings auch in einem weiteren Sinn verstanden werden: in der Geschichte sind Religionen ja nicht nur Objekt, sondern auch Subjekt der Kritik gewesen, und dieses Kritikpotenzial der Religionen selbst könnte verkürzt ebenfalls als "Religionskritik" bezeichnet werden. In dieser erweiterten, doppelten Bedeutung war der Begriff der Religionskritik zunächst als Thema der DVRG-Tagung in Bayreuth (25. bis 28. September 2005) vorgesehen gewesen. Im Hinblick auf den konventionellen Sprachgebrauch, in dem das Verständnis als antireligiöse Kritik doch allzu stark dominiert, erschien es dann aber doch ratsam, die Formulierung des Themas abzuwandeln in "Religion und Kritik". Diese Modifizierung war vielleicht auch deshalb angebracht, weil die Deutsche Gesellschaft für Religionsphilosophie, in der viele Theologen vertreten sind, für ihre Tagung 2005 ebenfalls das Thema "Religionskritik" gewählt hatte.

Das Thema "Religion und Kritik", wie es für die DVRG-Tagung formuliert wurde, umfasst neben der Religionskritik im engeren Sinne eben auch alle Formen religiös begründeter Kritik - interreligiöse und innerreligiöse Kritik sowie religiöse Kulturkritik. Darüber hinaus erlaubt es die Formulierung des Themas auch, das Kritikpotenzial der Religionswissenschaft selbst in die Betrachtung einzubeziehen. So eröffnet sich die Möglichkeit, die Ergebnisse historischer wie empirischer Forschung vorzustellen und über die Identität der Religionswissenschaft zu reflektieren.

Beispiele interreligiöser Kritik finden sich überall, wo Religionen - oder eigentlich: Menschen, die verschiedenen Religionen anhängen - einander begegnen. Eine solche Begegnung kann sich durch Migration ergeben, wie z. B. in der europäischen Expansion der frühen Neuzeit. So sind z. B. europäische Jesuiten-Missionare im 16. und 17. Jahrhundert japanischen und chinesischen Buddhisten begegnet, und es hat sich eine wechselseitige, interreligiöse Kritik zwischen Christen und Buddhisten in Ostasien entwickelt. Die bekannteste Gestalt in diesem Zusammenhang ist sicherlich der italienische Jesuit Matteo Ricci, der den chinesischen Buddhismus kritisiert und dadurch die Kritik chinesischer Buddhisten auf sich gezogen hat. Das interessanteste Beispiel findet sich vielleicht in Japan: auf der einen Seite die Buddhismus-Kritik des italienischen Jesuiten Allessandro Valignano und auf der anderen Seite die Christentums-Kritik des japanischen Ex-Jesuiten Fabian Fucan. Für die Religionswissenschaft öffnet sich hier ein weites Feld vergleichender, historischer Forschung: die Untersuchung der religionsgeschichtlichen Prozesse unter besonderer Berücksichtigung der Machtverhältnisse, unter denen die Begegnung der Kulturen jeweils stattfindet - die Machtverhältnisse waren ja in Ostasien ganz anders als z. B. in Südamerika.

Informationen über fremde Religionen, wie z. B. den japanischen Buddhismus, wurden durch solche Begegnungen auch nach Europa gebracht und gaben hier Anstöße zu Reflexionen und interreligiöser Kritik, wie z. B. im Werk des Dominikaners Tommaso Campanella, der keine Gelegenheit hatte, fremde Kontinente zu besuchen. Die Begegnung mit fremden Religionen kann sich also auch durch die bloße Information ereignen, eine Möglichkeit, die im modernen Medien-Zeitalter zunehmend größere Bedeutung erhalten hat.

Beispiele innerreligiöser Kritik können benannt werden durch bekannte Begriffe wie "Mystik" oder "Askese", mit denen eine kritische Haltung gegenüber religiösen Institutionen assoziiert wird. Das Thema "Kirchenkritik der Mystiker" hat in den letzten Jahren große Aufmerksamkeit gefunden, jedenfalls unter Theologen und Historikern. Besonders interessant für Religionswissenschaftler ist wiederum der Blick auf wechselseitige Kritik: so kann z. B. die Askese ihrerseits wieder zum Gegenstand religiöser Kritik werden. Beispiele finden sich in der europäischen wie in der asiatischen Religionsgeschichte - auch hier öffnet sich also wieder ein weites Feld für die vergleichende, religionsgeschichtliche Forschung.

Inter- und innerreligiöse Kritik können aber auch miteinander zusammenhängen oder ineinander übergehen. So kam es z. B. unter europäischen, christlichen Missionaren in China zu einem Streit über die Frage, ob konfuzianische Riten in das chinesische Christentum integriert werden dürften. Aus einer Differenz in der Beurteilung der chinesischen Religionen ergab sich eine wechselseitige Kritik innerhalb des katholischen Christentums - eine Debatte, die wiederum Auswirkungen hatte auf die europäische Philosophie in der Zeit der Aufklärung. Auch der Synkretismus-Begriff, wie er von Theologen im Sinne eines kritischen Urteils gebraucht wird, gehört in diesen Zusammenhang. So ist z. B. die theologische Kritik afrikanischer Religionen oft übertragen worden auf afrikanische, unabhängige Kirchen, die eine Verbindung christlicher und afrikanischer Elemente erkennen lassen und die deshalb als "synkretistisch" verurteilt werden.

Religiös begründete Kulturkritik ist in der Gegenwart bekannt und aktuell geworden durch die Gewaltakte, die von radikalen Anhängern - oft als "Fundamentalisten" bezeichnet - religiöser Traditionen ausgeführt werden. Diese radikale Form religiöser Kritik, die sich gegen eine säkulare, areligiöse Welt richtet, hat wiederum Anlass gegeben zu einer neuen Initiative antireligiöser Kritik, wie sie sich z. B. in dem Buch "The End of Faith" darstellt, das im Jahre 2004 erschien und das in den USA eine Debatte ausgelöst hat, die für die Religionswissenschaft durchaus von Interesse ist.

Das Thema "Religion und Kritik" eröffnet eben auch die Möglichkeit, über die kritische Funktion der Religionswissenschaft zu reflektieren. Eine solche Funktion erfüllt die Religionswissenschaft vielleicht auch dann, wenn dies gar nicht intendiert ist. So lag es sicherlich nicht in der Absicht Max Müllers, des "Vaters der Religionswissenschaft", mit seinen "religionswissenschaftlichen Essays" dem Philosophen Friedrich Nietzsche Material zu liefern für die Ausgestaltung seiner Religionskritik. Das Kritikpotenzial der Religionswissenschaft zeigt sich nicht nur in der konsequenten Anwendung der historisch-kritischen Methode auf religionsgeschichtliche Quellen, sondern schon in der Bereitstellung dieser Quellen selbst. Ein wissenschaftliches (Übersetzungs)Projekt wie Max Müllers "Sacred Books of the East" war zugleich ein Teil der europäischen Religionsgeschichte. Und das Hauptwerk James George Frazers, "The Golden Bough", hatte eine starke Nachwirkung außerhalb der Religionswissenschaft, in der englischen Literatur. Der Blick auf die möglichen Auswirkungen religionswissenschaftlicher Forschung lässt es also notwendig erscheinen, über die kritische Funktion der Religionswissenschaft in der sie umgebenden Kultur zu reflektieren.

Es dürfte unstrittig sein, dass die Religionskritik in dem erweiterten Sinn zum Gegenstandsbereich der Religionswissenschaft gehört. Umstritten bleibt aber wohl die Frage, ob und in welchem Sinne die Kritik zu den Aufgaben der Religionswissenschaft gehört - auch wenn sich zeigt, dass die religionswissenschaftliche Arbeit nicht in Isolation von der kulturellen Umwelt betrieben werden kann. Diese Frage erhält in der Gegenwart dadurch besondere Aktualität, dass von (neodarwinistisch-)naturwissenschaftlicher und -philosophischer Seite eine kritische, wissenschaftliche Beschäftigung mit der Religion gefordert wird. Es wäre zu überlegen, ob und in welcher Weise die Religionswissenschaft zu diesen neuen religionskritischen Werken, die zur Zeit der Bayreuther DVRG-Tagung noch nicht erschienen waren, Stellung nehmen sollte. Im Bereich der neuen kognitiven Religionsforschung ergeben sich Berührungen mit der neodarwinistischen Religionskritik, so dass eine Abgrenzung notwendig erscheinen könnte.

[Vollständiger Text unter Auslassung der Fußnoten]

 

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