In der europäischen Religionsgeschichte nach der Aufklärung etabliert sich neben Philosophie und Wissenschaft die Schöne Literatur als Medium von Religionskritik. Indem sie eine autonome ästhetische Position behauptet, wird ein kritischer Standpunkt außerhalb von theologischen oder religiösen Verpflichtungen und zugleich außerhalb von rationalen Aussagestandards möglich. Auf der Ebene der Argumentation aktualisiert Schöne Literatur sowohl Kritik an Religion als auch religiöse Kritikmuster; auf der Ebene der literarischen Form unterläuft sie Ansprüche auf Wahrheit und eröffnet zugleich Möglichkeiten des Religiösen. Im Prozess der Modernisierung trägt Literatur erstens zu einer Pluralisierung des Kritikbegriffes bei und zweitens zur Reflexion über und zum Wandel von Religion in modernen Gesellschaften.
Am Beispiel des portugiesischen Schriftstellers Fernando Pessoa (1888-1935) lassen sich verschiedene Schichten literarischer Religionskritik zeigen. Traditionelle Religionsformen werden grundlegend kritisiert, die Probleme der Moderne aber in einer Semantik des Religiösen bearbeitet. Pessoa geht aus von einem pluralen Konzept des Subjektes. Er gelangt von dort zur Vervielfältigung der Autorschaft und zur literarischen Form des "Drama in Menschen". Dies führt in letzter Konsequenz zu einer Perspektivierung von Religion. Unter je anderem Blickwinkel erweisen sich unterschiedliche religiöse Muster als wahr: ein neues Heidentum oder esoterische und okkulte Deutungen christlicher und jüdischer Elemente. Dieser Analyse folgend, tritt Dichtung an die Stelle einer religiösen Existenzweise und Praxis. Sie ist zugleich Ausdruck der unaufhebbar pluralen Realität und ein neuer rhetorischer Ort für die Diskussion des Verhältnisses von Religion und Moderne unter Bedingungen von Kritik.
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