Joachim Matthes: Das Eigene und das Fremde. Gesammelte Aufsätze zu Gesellschaft, Kultur und Religion, herausgegeben von Rüdiger Schloz, Würzburg: Ergon 2005 (= Religion in der Gesellschaft 19), 472 S., ISBN 978-3-89913-438-4, 48,00 € [D]
Joachim Matthes zählt nicht zu den Vertretern der deutschen Religionssoziologie, die sich durch ein bahnbrechendes Buch bemerkbar gemacht haben - und auch das vorliegende Buch wurde nicht von ihm selbst, sondern von Rüdiger Schloz aus einer langen Reihe von zwischen 1962 und 2002 veröffentlichten Aufsätzen (mit Ausnahme der bislang unveröffentlichten Münsteraner Antrittsvorlesung von 1967) zusammengestellt. Er ist auch keiner, der ein "invisible college" aufgebaut hätte, durch das sich seine Denkrichtung verbreiten konnte. Und dennoch ist Joachim Matthes sicher eine der prominentesten Figuren innerhalb der jüngeren deutschen Religionssoziologie wie auch der Soziologie. Immerhin war er Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (1979-1982); er war Mitherausgeber des "Internationalen Jahrbuchs für Religionssoziologie" (1965-1973), und im Jahre 2004 wurde er sogar (gemeinsam mit Thomas Luckmann) zum Ehrenvorsitzenden der Sektion Religionssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie ernannt. Dieser Sammelband kann gleichsam als Grund für diese Anerkennung angesehen werden. Denn der Band belegt, dass Matthes zu den dauerhaften Stützen zählt, die die Entwicklung der deutschen Religionssoziologie in den letzten vier Jahrzehnten begleitet haben. Allerdings sollte man den Untertitel ernst nehmen: Der Band vereinigt keineswegs nur Beiträge zur Religionssoziologie - auch wenn diese klar dominieren. Er enthält auch Beiträge zur Allgemeinen Soziologie, insbesondere zur Wissenssoziologie und zur Interkulturalität, die in die Prägung des Titels eingegangen sind. Diese Breite jedoch ist keineswegs verwunderlich, belegt sie doch ein dauerhaftes Problem wie auch einen Vorteil der deutschsprachigen Religionssoziologie insgesamt. Im Unterschied zur wissenschaftlichen Situation in anderen westlichen Kulturen ist nämlich die Spezialisierung deutschsprachiger Religionssoziologen sehr schwach ausgebildet. Wer sich - aus der Soziologie kommend - mit Religion beschäftigt, ist lange Zeit darauf angewiesen gewesen, auch andere Themen als die Religion zu behandeln, hielt man doch gerade in der Soziologie die Religion für das caput mortuum, das schon Weber beschwor. Übrigens ist das Schicksal derer, die sich, aus der Religionswissenschaft kommend, der Gesellschaft näherten, keineswegs viel besser, hielt man dort den Umgang mit den Sozialwissenschaften doch lange für nicht anspruchsvoll genug, um mit dem schwergewichtigen Studium der Sprachen und Philologien zu konkurrenzieren. Diese Situation hat sich übrigens bis heute kaum verbessert: Während die französische, englische oder auch italienische Religionssoziologie auf einen ansehnlichen Stellenpool verweisen kann und entsprechend starke internationale Positionen aufgebaut hat, wird die Religionssoziologie - trotz der drängenden Nachfrage nach Experten aus unterschiedlichen Bereichen - in Deutschland fast durchgängig noch immer als Ergänzungsfach angesehen, das "neben" etwas "Wichtigerem" betrieben werden muss. Damit verbunden ist auch das Manko der neueren Religionssoziologie, die zwar eine theoretische Wirkung entfaltete, in ihrer empirischen Forschung jedoch lange dem eigenen Anspruch hinterherhinkte. (Ganz anders die Kirchensoziologie, die zwar theoretisch lange wenig Impulse gab, empirisch jedoch sehr viele Beiträge leistete.) Freilich ist diese Nachgeordnetheit der deutschen Religionssoziologie und ihre gewisse empirische Armut auch lange einer ihrer Vorteile gewesen, konnte doch Religionssoziologie in einem breiteren Rahmen behandelt werden, der die Beschränktheit des (ebenfalls von Weber schon befürchteten) Fachmenschentum vermeiden half. Für die daraus resultierende Breite steht - neben dem unübersehbaren Thomas Luckmann - eben auch Joachim Matthes, und diese Breite wird auch in diesem Band sehr deutlich gemacht.
Der erste Block an Aufsätzen wird mit dem Titel "Soziologie" überschrieben. Hier finden sich unterschiedliche Aufsätze, die sich einmal mit Schelsky, das andere Mal mit Tenbruck und damit auch dem Erklärungsanspruch der Soziologie und ihrer Veralltäglichung auseinandersetzen. (Der zum Teil anerkennende, zum Teil kritische Dialog mit Tenbruck zieht sich durch das gesamte Buch.) Ein weiteres Anliegen Matthes ist sicherlich auch seine raffinierte Methodenkritik (sehr lehrreich ist seine Kritik der damals noch recht neuen projektförmigen Forschungsarbeit) und seine reflektierte Methodologie. Immerhin zählte er ja auch zu jener "Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen", die mit ihren Sammelbänden "Alltagswissen und gesellschaftliche Interaktion" von 1973 den entscheidenden Anstoß für die Ausbreitung des "interpretativen" Paradigmas und der qualitativen Wende im deutschsprachigen Raum geleistet haben. Gesellschaftliche Wirklichkeit und Wissenssoziologie sind deswegen auch die hervorstechenden Themen dieses ersten Teiles.
Schon die Münsteraner Antrittsvorlesung von 1967 über Wissenssoziologie stellt die theoretischen Weichen dafür: Fast zeitgleich mit Berger und Luckmann entwickelt auch Matthes die Religionssoziologie als Teil einer umfassenden Wissenssoziologie, die weit über die klassische Wissenssoziologie etwa Karl Mannheims hinausgeht. Dies machen die Arbeiten von Matthes deutlich, die unter dem Titel "Religion" versammelt sind. In den zahlreichen kritischen Beiträgen zur Kirchensoziologie bemängelt er dort immer wieder die Reduktion der von ihm historisch sehr klar rekonstruierten Kategorie der Religion auf Kirchlichkeit. Wie Berger und Luckmann fordert er, die subjektiven Ausprägungen der Religiosität und ihre sekundäre Institutionalisierung in den Blick zu nehmen. Dabei blickt er keineswegs nur auf die "unsichtbaren Formen der Religion". Ganz im Gegenteil setzt er sich einerseits mit der Frage auseinander, wie Religion als "diskursiver Tatbestand" in der Perspektive anderer Kulturen erscheint - eine Frage, auf die wir etwas später eingehen werden. Andererseits beschäftigt er sich ausführlich - neben der "Teilwelt" der unsichtbaren Religion und der Teilwelt der arbiträren individuellen Glaubensvorstellungen - auch mit der "institutionellen Welt der Kirchlichkeit".
Es ist etwas verwunderlich, dass den Beiträgen zur "Kirche" ein eigenes Kapitel gewidmet wird - nach dem Kapitel über Religion! Wissenssoziologisch aufschlussreich ist hier sicherlich sein Beitrag zur kirchlichen Soziallehre, eine exemplarische Studie dafür, wie die Wissenssoziologie für die Analyse von Kirchlichkeit genutzt werden kann, zeigt er doch, wie die kirchliche Soziallehre vom Handlungsgebot der sie tragenden Institutionen geprägt wird. In seiner Diskussion über die Kirche eröffnet er auch ein weiteres Thema, das noch bis heute sehr laut hörbar in anderen Bereichen der Soziologie nachhallt: Am Beispiel des volkskirchlichen Taufverhaltens zeigt er die ordnende Rolle der Biographie und ihrer Phasenstruktur. Die Biographie sollte nicht nur für die Kirche an Bedeutung gewinnen, sie wurde auch innerhalb der Soziologie zu einem zentralen Thema, in dem die Individualisierung sozusagen ihre letzte Institution feiert. Matthes' Sammelband über Biographie von 1981 ist zweifellos richtungweisend für die gesamte Biographieforschung geworden.
Matthes gehört auch mit einem weiteren Forschungsthema zu den Initiatoren einer breiten Debatte, die heute erst so recht geführt wird. Schon 1962 wirft er das Thema der Globalisierung und der "globalen Gesellschaft" (143) auf. Unter dem damit verknüpften Titel "Interkulturalität" findet sich eine Reihe von Beiträgen, in denen Matthes die Ethnozentrizität der westlichen Wissenschaft aufzeigt und eine Art der Xenologie begründet, wie sie erst im letzten Jahrzehnt zur Entfaltung kommt. Vor allem seine Erfahrungen in Singapur bilden den Ausgangspunkt für seine Beobachtung der Differenz der Kulturen, die sich sowohl auf seine Einschätzung der Forschung wie auch auf seinen Begriff der Religion auswirkt: Hinsichtlich der Empirie erweisen sich das Frageformat, das Interview oder der Fragebogen als höchst kulturspezifische Muster, die systematisch die Kommunikation im fremdkulturellen asiatischen Raum zerstören können. Aber auch die theoretischen Konzepte der westlichen Sozialwissenschaft verhindern einen richtigen Vergleich mehr als sie ihn fördern, stützen sie doch eine Form der "Nostrifizierung" (Matthes greift hier auf einen Begriff von Justin Stagl zurück), die die andere Wirklichkeit konzeptionell nicht erfasst, sondern "an-gleicht", und zwar nicht ohne Folgen: "Es ist die 'westliche Wissenschaft' als Organ globaler westlicher Expansion, die alle Welt außerhalb der ihren an sich angleicht, sie 'erobert' - wie sich die 'westliche' Welt aller 'anderen' mit wirtschaftlichen, politischen, auch militärischen Mitteln bemächtigt" (402). Und dieses Problem wird auch nicht dadurch abgeschwächt, dass die westliche Sozialwissenschaft gleichsam "Außenposten" schafft, mit denen sie sich in ihrem westlichen Diskurs verständigen mag. Sie übergeht vielmehr das Problem der Alterität.
Matthes illustriert dieses Problem sehr anschaulich an der Differenz des "Gesichtsverlustes" in Asien und in Europa. Dieses Problem der Alterität kann erst dann bewältigt werden, wenn die Wissenschaft sich eine "heightened reflexivity" und auf dieser Grundlage eine eigene interkulturelle Kompetenz aneignet, die anerkennt, dass die Grenzen von Fremdem und Eigenem in Europa anders gezogen sind als in anderen Kulturen. Für die Religionssoziologie bedeutet dies auch, dass der Religionsbegriff relativiert werden muss, verfehlt er doch "all jene kulturellen Konstruktionen von Wirklichkeit, die heilig und profan nicht im gleichen Sinn unterscheiden" wie der Westen (206). Gerade die unterschiedliche Bedeutung der Religion in den modernen Gesellschaften belegt für ihn die "diversities of modernity": Wie etwa Eisenstadt bemerkt er, dass die Moderne durchaus andere Wege nehmen kann als den der abendländischen Rationalisierung und Entzauberung.
Matthes zählt damit zwar sicherlich zu den Vorreitern dessen, was als Orientalismus-Debatte in die Annalen einging; merkwürdig indes, dass er sich zur Debatte selbst ebenso wenig ausdrücklich äußert wie zur interkulturellen Kommunikation, die ja schon seit längerem einen Aufschwung verzeichnet, und zur Xenologie, die ja mittlerweile zum Teil der "Kulturwissenschaften" geworden ist. Schade ist auch, dass die wenigen empirischen Untersuchungen zur Interkulturalität bestenfalls angedeutet werden und zudem die wenigen Daten mehrfach wiederholt in verschiedenen Aufsätzen auftreten. Insgesamt hätte dem Buch eine gewisse Straffung auch hinsichtlich der Zahl der Beiträge sicherlich nicht geschadet, und auch ein Register wäre hilfreich.
Der Kritik zum Trotze sollte man sich bei den Herausgebern des Bandes sowie der Reihe bedanken, dass die sehr verstreuten und schwer zugänglichen Beiträge von Joachim Matthes nun in einem kompakten Sammelband erhältlich sind, dem es zu wünschen bleibt, dass er seinen Einfluss auch in der gegenwärtigen und zukünftigen Religionssoziologie entfalte.
Hubert Knoblauch, Berlin
Burkhard Gladigow: Religionswissenschaft als Kulturwissenschaft, herausgegeben von Christoph Auffarth und Jörg Rüpke, Stuttgart: Kohlhammer 2005 (= Religionswissenschaft heute 1), 302 S., ISBN 978-3-17-018873-0, 40,00 € [D]
Der Band versammelt Aufsätze von Burkhard Gladigow aus den Jahren 1976-2000. Er dokumentiert damit nicht nur dessen Beitrag zur Etablierung der Religionswissenschaft als einer eigenständigen, kulturwissenschaftlichen Disziplin, sondern lässt nebenbei auch ein Vierteljahrhundert Geschichte des Faches in Deutschland lebendig werden. Vorangestellt ist eine Einleitung, die kurz Biographie und Arbeitsschwerpunkte von Gladigow umreißt, sowie eine Bibliographie seiner Schriften.
Die in fünf Kapiteln thematisch geordneten Beiträge umfassen ein breites Spektrum religionswissenschaftlicher Fragestellungen, die auf einem Verständnis von Religion als Symbolsystem basieren, das im Rahmen spezifischer kultureller Kontexte zu untersuchen ist. Von diesem Ansatz aus werden Aufgaben und Methoden der Religionswissenschaft als Kulturwissenschaft entwickelt. Da sich Symbolsysteme nicht nur in Texten manifestieren, widmet sich eine größere Anzahl der aufgenommenen Beiträge der bildhaften Präsenz von Religion, von antiken Kultbildern bis zu Internet-Kirchen, und rituellen Darstellungsmodi. Die Rolle von Tod und Gewalt, von Opfer und Heilserwartung im sozialen Kontext sind weitere Themen, die die Funktion von religiösen Symbolsystemen ausloten. In einem eigenen Kapitel wird die Struktur polytheistischer Religionen analysiert, die dem Individuum plurale und auch antagonistische Sinnangebote zur Verfügung stellen, woran sich die Frage nach der möglichen Relevanz solcher Modelle für moderne Gesellschaften anknüpfen lässt. Die Sammlung schließt mit dem programmatischen Vortrag "Europäische Religionsgeschichte" als eines Forschungsprojektes, das einen neuen Blick auf Europa inaugurieren will als einen Schmelztiegel vielfältiger Sinnproduktion, die sich aus dem konkurrierenden und sich wechselseitig befruchtenden Zusammenspiel alternativer Formen (Religion, Philosophie, Naturwissenschaft, Literatur) speist.
Die von theoretisch-methodischen Erwägungen bis zu historischen Einzeluntersuchungen reichenden Beiträge des Sammelbandes schärfen das Profil der Religionswissenschaft als einer Disziplin, die nicht bloß das Konglomerat einzelwissenschaftlicher Bemühungen ist, sondern zu einem systematischen Knotenpunkt für die Kulturwissenschaften insgesamt werden kann.
Franz-Peter Burkard, Würzburg
Hamid Reza Yousefi; Ram Adhar Mall: Grundpositionen der interkulturellen Philosophie, Nordhausen: Traugott Bautz 2005 (= Interkulturelle Bibliothek 1), 133 S., ISBN 978-3-88309-160-0, 10,00 € [D]
Das Buch ist der erste Band der Interkulturellen Bibliothek, herausgegeben von den beiden Autoren zusammen mit I. Braun, K. Fischer und J. D. Reinhardt. Das gemeinsame Anliegen aller "interkulturell-philosophischen Ansätze" sei die "Forderung nach Anerkennung unterschiedlicher Denkrichtungen". Dabei wird auf 75 % der 133 Seiten gegen das falsche Philosophieverständnis der "übermächtigen und weltbeherrschenden hegemonialen Macht des Eurozentrismus" gemahnt und polemisiert. In seinem "allgemeinen Teil" zitiert Yousefi als Beispiel für eine vorbildliche Balance von Selbstbehauptung und Offenheit folgenden Satz von Gandhi (80): "Ich möchte nicht, dass mein Haus an allen Seiten zugemauert ist und meine Fenster alle verstopft sind. Ich will, dass die Kulturen aller Länder durch mein Haus so unbehindert wie nur möglich wehen. Doch weigere ich mich, von irgendeiner weggeweht zu werden." Schildert Gandhi hier nicht die Situation vor allem der europäischen Philosophie? Wie kann diese reagieren, wenn Gäste in ihr Haus kommen, die alles durcheinander bringen und ihr vorwerfen, sie habe das Haus falsch eingerichtet? Sie wird, gutmütig wie sie ist - und mittlerweile auch sehr an narzisstische Schuldlust gewöhnt -, zunächst prüfen, was ihr konkret vorgeworfen wird. Ein Vorwurf lautet, sie nehme allein für sich den Ehrentitel Philosophie in Anspruch und halte die Fähigkeit dazu nur im Europäer für erreicht. Dies sei gegen den kategorischen Imperativ, in dem die Menschen doch dazu aufgefordert würden, "so zu handeln, dass die Maxime ihres Handelns zur allgemeinen Gesetzgebung wird." So formuliert würde der Imperativ allerdings nur besagen: Setze die Maxime deines Handelns auf jeden Fall durch. Richtig zitiert lautet er jedoch: "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde." Als möglicherweise vom allgemeinen Gesetz Betroffene soll ich die Verallgemeinerung meiner Maxime wollen können. In solchem Geist folgt man gern der Aufforderung Malls, nicht die Wahrheit über die indische Philosophie zu suchen, sondern in ihr. Was man aber in diesem Band etwa zum Stichwort Pratityasamutpada finden wird, ist wiederum nur die Feststellung, dass europäische Wissenschaftler darüber nichts Wesentliches herausgefunden haben. Soll man nun angesichts der Mischung der herbeigezogenen Autoren die Frage nach dem Unterschied von Eklektizismus und kühner Auswahl stellen, oder gemäß des Tons die nach dem Unterschied zwischen Eifer und Engagement? Besser ist, Yousefis respektable Porträts der Arbeiten von H. Kimmerle (Philosophie nicht nur in Schriftkulturen), F. M. Wimmer (Polylog), Raúl Fornet-Betancourt (Machtfrage interkulturell stellen) und R. A. Mall (analogische Hermeneutik) zu nutzen und für Nachfolgebände der Reihe z. B. einen durchgeführten und reflektierten interkulturellen Dialog über den Begriff der Weisheit zu empfehlen.
Gesine Palmer, Heidelberg / Berlin
Martin Baumann; Samuel M. Behloul (Hg.): Religiöser Pluralismus. Empirische Studien und analytische Perspektiven, Bielefeld: Transcript Verlag 2005, 259 S., ISBN 978-3-89942-350-1, 24,80 € [D]
Hervorgegangen sind die zehn Beiträge dieses Sammelbandes aus der Internationalen Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für Religionswissenschaft im Jahr 2003 zum Thema "Religionspluralismus im lokalen Raum" und einer Vortragsreihe an der Universität Luzern zur Frage "Wie viel Religion(en) verträgt eine Gesellschaft?" Neben drei Seitenblicken auf die gegenwärtige Situation in Kanada (P. Beyer), in Großbritannien (K. Knott) und auf das historische mongolische Weltreich (K. Kollmar-Paulenz), liegt der Schwerpunkt des Bandes auf der religiösen Lage in Deutschland (K. Lehmann, M. Baumann) und der Schweiz (S. Behloul, A. Loretan-Saladin, J. Stolz) und schließt mit soziologischen bzw. philosophischen Reflektionen zur Frage der Möglichkeiten und Grenzen von religiöser Pluralität (G. Romano) bzw. zur Entbehrlichkeit von Religion (E. Rudolph).
Die Beiträge fokussieren dabei überwiegend den migrationsbedingten religiösen Pluralismus in den entsprechenden gesellschaftlichen Kontexten. Fast alle empirisch orientierten Beiträge zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Darstellung der gegenwärtigen Situation souverän mit einer historischen Betrachtung verbinden - hierin liegt sicherlich der Vorteil eines religionswissenschaftlichen Ansatzes gegenüber der rein soziologischen Forschung. Wertvoll sind die Hinweise auf den religiösen Pluralismus außerhalb europäischer Grenzen (S. Behloul, K. Kollmar-Paulenz), die anregend sein können für die Debatte um die Besonderheit der europäischen (pluralistischen) Religionsgeschichte.
Etwas unklar erscheint die Zielrichtung der Einleitung dieses ansonsten sehr lesenswerten Bandes, der empirische Studien wie auch theoretisch reflektierte, problemorientierte Beiträge zur Frage von religiöser Pluralität in modernen Gesellschaften präsentiert. Ohne tiefergehende Anknüpfung an bestehende wissenschaftliche Theoriediskurse wird in der Einführung der "Religionspluralismus" mit Verweis auf Salman Rushdie als Zustand definiert, "in dem zusammenkommt, was gar nicht zusammengehört" (8), der sich nach Ansicht der Herausgeber im "Zeitalter des bedingungslosen Konformismus" (10) zu einer "Kakophonie der Gegenwart" (11) entwickele. Die normativen Voraussetzungen dieser deskriptiven Muster werden dabei nicht offengelegt. Kennzeichnend für die heutige Situation wäre nun eine "hybride Religiosität" als Weiterprofilierung der Individualisierung von Religiosität. Interessanter als der Verweis auf die Anschläge vom 11. September 2001 und die päpstlichen Bestattungsfeiern als paradigmatische Ereignisse einer "Rückkehr bzw. Renaissance der Religionen" (7) wäre sicherlich die erkenntnistheoretisch motivierte Frage nach den Bedingungen unserer Wahrnehmung (und Ausblendung) von religiösem Pluralismus gewesen, die in mehreren Einzelbeiträgen bereits angeklungen war.
Oliver Krüger, Princeton
Ruben Habito: Zen leben - Christ bleiben, Frankfurt: O. W. Barth 2006, 191 S., ISBN 978-3-502-61154-7, 16,90 € [D]
"Living Zen, Loving God" lautet der Originaltitel dieses Buches, das erstmals 1989 und nun in zweiter Auflage 2004 in USA und 2006 in Deutschland erschien. Der englische Titel drückt viel besser als der deutsche die Intention des Buches aus. Es geht nämlich nicht um Fragen buddhistischer oder christlicher Identität, sondern um den spirituellen Weg des Autors, der seine Gottesliebe durch Zenpraxis entwickelt. Der Philippino Ruben Habito war Jesuit (jetzt ist er verheiratet und lebt in Texas) und kam als solcher in Japan mit dem Zen-Buddhismus in Kontakt, und zwar mit der Sanbo-Kyodan-Schule, die dafür bekannt ist, dass sie als erste auch Christen in die Zenpraxis einführte und sogar zu Zenmeistern ernannte. Habito gilt dabei als erster Christ, dem durch den buddhistischen Zenmeister Koun Yamada Roshi die Kensho-Erfahrung bestätigt wurde, noch vor Hugo M. Enomiya-Lasalle, dem hier in Deutschland wohl bekanntesten christlichen Zenlehrer, der auch der Sanbo Kyodan angehörte.
Es geht Habito nicht um die Frage, ob man denn als Christ Zen praktizieren könne oder dürfe. Überhaupt liest sich das Buch so, als sehe er die eine Religion nicht als Alternative zur anderen, sondern als seien sie zwei Perspektiven, die einander bestätigen. So betont er, dass seine Übung in den Ignatianischen Exerzitien seine schnell erfolgte Kensho-Erfahrung vorbereitet habe. So interpretiert er das mahayana-buddhistische Herz-Sutra, den Preisgesang des Zazen von Hakuin, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter aus dem Lukasevangelium, die vier Bodhisattva-Gelübde, die Symbolik der Guanyin-Ikonographie, der Dreifaltigkeit-Lehre und der Achtsamkeit auf den Atem aus seiner eigenen Zenpraxis heraus, ohne buddhistische und christliche Interpretationen als sich gegenseitig ausschließend darzustellen. Andererseits liest man von einer ihn zunächst befremdenden Begegnung mit dem Theravada-Buddhismus im Rahmen einer Vipashyana-Unterweisung (ja, er schreibt nicht "Vipassana"), bei der er dem Theravada anfänglich unterstellt, er würde eine Praxis fördern, die einen gegenüber dem Leid der Welt abstumpfe, eine Einschätzung, die er nach einer Begegnung mit einem anderen Vipassana-Lehrer korrigierte. Herzstück von Habitos Spiritualität ist dabei die Überwindung des dualistischen Denkens, das zwischen Ich und Nicht-Ich, zwischen Gott und Welt unterscheide und einen Egoismus fördere. Dagegen setzt er das Erreichen eines Bewusstseins der Einheit mit dem Absoluten und allen fühlenden Wesen, allerdings nicht als bloßes Wonnegefühl während der zurückgezogenen Meditation, sondern als Folge eines Prozesses des Loslassens von ich-bezogenen Vorstellungen und des Vertrauens in die Praxis und als Voraussetzung für tätige Gottes- und Nächstenliebe, Mitgefühl und Solidarität angesichts des unermesslichen Leidens auf der Welt. Engagierter Buddhismus und karitatives Christentum sind für ihn natürliche Konsequenzen echter Zen-Praxis; sich diesem Leid nicht zu stellen, sondern sich nur zurückzuziehen, sieht er als missverstandenes Zen.
Für Religionswissenschaftler ist dieses Buch, das auch ein kurzes Gespräch zwischen Habito, Koun Yamada und Enomiya-Lassalle enthält, eine Primärquelle zur Erforschung moderner buddhistisch-christlicher Spiritualität, ein subjektives Buch, das leider manchmal zu objektivistisch und allgemeingültig formuliert ist, aber das ist für religiöse Aussagen ja nicht ungewöhnlich.
Michael A. Schmiedel, Bonn
Kornelia Sammet: Frauen im Pfarramt. Berufliche Praxis und Geschlechterkonstruktion, Würzburg: Ergon 2005, 505 S., ISBN 978-3-89913-385-1, 49,00 € [D]
In dieser Studie steht das Thema der Aneignung des Pfarramtes durch Frauen in der evangelischen Kirche im Mittelpunkt. Die Untersuchung, eine überarbeitete Fassung einer Dissertation im Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften an der Freien Universität Berlin, nähert sich dem Thema aus einer ausgesprochen soziologischen Perspektive. Das empirische Vorgehen ist qualitativ ausgerichtet.
Die umfangreiche, dichte Studie ist auf verschiedenen Ebenen aufschlussreich. Der empirische Teil (Kapitel 5 und 6) fokussiert die Situation von Pfarrerinnen in der Umgebung von Berlin aufgrund der beiden Aspekte Handlungsorientierung im Gottesdienst und in der Seelsorge. Hier leistet die Studie eine Analyse, die nicht nur für (religions-)soziologische, sondern auch für praktisch-theologische Fragestellungen von Bedeutung ist. Die an der "objektiven Hermeneutik" angelehnte Auswertung der durch offene Interviews erhobenen Daten wird durch methodologische Überlegungen eingeleitet (Kapitel 4); die Vorentscheidungen zum empirischen Vorgehen sind in transparenter Weise wiedergeben: Unter diesem selbstreflexiven Gesichtspunkt kann die Studie auch als Beispiel für vergleichbare religionssoziologische Forschungen konsultiert werden. Als weiterer interessanter Punkt sei auf die sorgfältige historische Situierung des Pfarramtes in Geschichte und Gegenwart mit einer klaren Fokussierung auf die Geschlechterproblematik (Kapitel 2 und 3) hingewiesen. Die Berufsgeschichte wird mit professionssoziologischen Analysen verwoben, die der historischen Rekonstruktion der langsamen Zulassung der Frau zum Pfarramt eine solide theoretische Basis liefern. Schließlich leistet die Studie eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema der sozialen Konstruktion von Geschlecht. Dieser Aspekt, der den theoretischen Rahmen der Studie darstellt, wird in Verbindung mit der Entwicklung von hochqualifizierten Berufen entfaltet (Kapitel 2, 3 und vor allem 7). Im abschließenden Teil (Kapitel 8) werden die Beobachtungen aus den theoretischen und den empirischen Teilen ausblickend zusammengetragen und in ausgewählten Themenbereichen wiedergeben, wie die Kontinuität und der Wandel in der Tradierung von Pfarramtleitbilder, die Spezialisierung bestimmter Arbeitsfelder aufgrund des Geschlechts, die Symbolisierung des Geschlechts in der pfarramtlichen Berufspraxis, die Rolle der Kommunikation als Leitbild im Pfarramt und die Bedeutung der Familie in Verbindung mit diesem Beruf.
Daria Pezzoli-Olgiati, Zürich
Ulrich van der Heyden; Holger Stoecker (Hg.): Mission und Macht im Wandel politischer Orientierungen. Europäische Missionsgesellschaften in politischen Spannungsfeldern in Afrika und Asien zwischen 1800 und 1945, Wiesbaden: Franz Steiner Verlag 2005 (= Missionsgeschichtliches Archiv 10), 700 S., ISBN 978-3-515-08423-9, 90,00 € [D]
Der vorliegende Band enthält missionsgeschichtliche Aufsätze zu den regionalen Schwerpunkten Asien und Afrika, wobei den deutschen Missionsgesellschaften besondere Aufmerksamkeit zukommt. Dem Band ging 2003 eine Tagung voraus, zu der die Berliner Gesellschaft für Missionsgeschichte und das Seminar für Religions- und Missionswissenschaft sowie Ökumenik an der Humboldt-Universität zu Berlin eingeladen hatten. Die Historiker und Herausgeber Ulrich van der Heyden und Holger Stoecker betreiben Missionsgeschichte als Teil der Kolonialgeschichte: Missionare, ihre Gesellschaften, Aktivitäten und Strategien müssen in ihren kulturellen, historischen und vor allem soziopolitischen Kontexten verstanden werden, zwischen Lokalmächten, erwachenden Nationalbewegungen und Kolonialregierungen. Von besonderem Interesse sind die Beiträge, die sich den Missionsgesellschaften in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg widmen. Der Abschnitt "Mission und Nationalsozialismus" ist sicher ein bemerkenswertes Novum.
Auf 700 Seiten bieten die 44 Aufsätze (!) in deutscher und englischer Sprache eine beeindruckende und gleichzeitig kaum überblickbare Vielfalt an Detailinformationen. Doch fehlt dem facettenreichen Monumentalband eine eindeutige Gliederung. Ohne Einleitung oder Schlusswort, die wichtige Ergebnisse der Tagung zusammenfassten, bleibt der Leser mit seinen Fragen allein gelassen. Die Unterteilung des Bandes in 5 Kapitel ist unklar und hilft bei der Lektüre nicht. Wäre nicht eine geografische Aufteilung der Beiträge (Südasien, Afrika und Ostasien) sinnvoller gewesen? Der Verzicht auf einen Index erschwert das schnelle Nachschlagen.
Der Band enthält leider keine, über die Fallbeispiele hinaus gültigen, systematischen Überlegungen. Es hätten sich keine "typischen Haupttendenzen abgezeichnet" (12), bemerken die Herausgeber im Vorwort. Das Verhältnis von Mission und Macht stelle sich sehr viel komplexer dar, als ursprünglich angenommen. Leider verzichteten die Herausgeber jedoch auf den Versuch, eben diese Komplexität zu skizzieren oder zu analysieren. Wichtiger ist ihnen, "die Diskussion zwischen den Befürwortern und Kritikern der Tätigkeit der christlichen Missionen in Übersee zu beleben" (15). Fragwürdig ist hier nicht nur die unkommentierte Verwendung der kolonialen Begriffe "Übersee" / "überseeisch" für die heutige Zeit, sondern auch das Anliegen. Eine Diskussion des negativen Images christlicher Mission trifft wohl kaum das Interesse eines systematisch und empirisch arbeitenden religionswissenschaftlichen Lesepublikums. Spannender wäre es, anstelle einer Für-und-Wider-Apologetik den Fokus noch stärker auf die Konvertiten zu richten. Warum erfährt der Leser so viel über die Missionare bzw. Missionsgesellschaften und so wenig über die sozialen Akteure "auf der anderen Seite"? Liegt das nur an der schwierigen Quellenlage? Letztendlich bleiben praktizierte Interdisziplinarität und Methodendiskussion die unerfüllten Desiderata dieses ansonsten lesenswerten und wichtigen Buches.
Johannes Beltz, Zürich
Manfred Hutter: Die Weltreligionen, München: Beck, 2. durchgesehene Aufl. 2006 (= Beck Wissen 2365), 144 S., ISBN 978-3-406-50865-3, 7,90 € [D]
Einführungen zu den "Religionen der Welt" reichen von Klassikern über umfangreiche Bildbände bis hin zu populären Sonderausgaben. Alle diese Werke befinden sich in dem Dilemma, dass sie einerseits fundiert informieren wollen und andererseits die große Vielfalt der Religionen auf ein handliches Format reduzieren müssen. Darüber hinaus ist mit dem Begriff "Weltreligionen" eine höchst unpräzise und deshalb religionswissenschaftlich kaum brauchbare Kategorie vorgegeben. Doch angesichts eines Interesses einer breiten Öffentlichkeit und der Notwendigkeit, auch Studierenden der Religions- und Kulturwissenschaft fachlich fundierte Einführungswerke zu empfehlen, sind solche mit religionswissenschaftlicher Expertise verfassten Überblickswerke unverzichtbar.
Mit der Platzierung eines Bandes zu den "Weltreligionen" in der Reihe "Beck Wissen" hat Manfred Hutter sich dieser Aufgabe angenommen und sie in einer Weise gelöst, die religionswissenschaftliches Fachwissen sowohl differenziert und problembewusst als auch allgemein verständlich und in bestem Sinne gut zugänglich präsentiert. In der Einleitung des Bandes wird die kulturelle und historische Bedingtheit der Kategorie "Weltreligion" problematisiert und zugleich eine pragmatische Umgangsweise damit aufgezeigt. Hutter stellt mit dem Anspruch auf Universalismus, der Verbreitung und Anhängerzahl sowie dem Alter drei Kategorien vor, die als Auswahlkriterien für die sieben in diesem Band vorgestellten Religionen zugrunde gelegt wurden. Der Chronologie des Auftretens eines deutlich universalistischen Anspruchs folgend werden nacheinander Buddhismus, Judentum, Christentum, Daoismus, Islam, Baha'i-Religion und Hinduismus behandelt. Die Darstellungen der einzelnen Religionen umfassen jeweils eine Betrachtung zu den Religionsstiftern bzw. identitätsstiftenden Personen und Texten, einen Überblick zur historischen Entwicklung, Ausführungen zur religiösen Praxis und Lebensgestaltung sowie ein Kapitel zur kulturprägenden Kraft und gegenwärtigen Bedeutung. Zu jeder Religion werden drei anschauliche Tafeln mit Überblicksinformationen eingefügt (Texte der Religion, historische Daten und ein Einblick in eine regionale Ausprägung). Mit der Thematisierung einer lokalen Variante jeder Religion, z. B. des Islam in Indonesien, wird erreicht, dass verbreitete Vereinfachungen durchbrochen werden und ein Eindruck auch von der innerreligiösen Vielfalt gewonnen werden kann.
Insgesamt liefert der schmale Band einen gut lesbaren Überblick, ohne dabei die Mannigfaltigkeit der Religionen zu unterschlagen. Das Buch ist damit sowohl für Studierende als auch für interessierte Laien uneingeschränkt zu empfehlen und sollte im Kanon der Basislektüre für Bachelor-Studierende nicht fehlen. Die systematischen Überlegungen zu Beginn des Bandes, die didaktisch gute Aufbereitung des Materials und die Berücksichtigung einer beachtlichen Bandbreite auf kleinstem Raum machen das Buch auch für religionswissenschaftliche Spezialisten spannend und ertragreich.
Edith Franke, Marburg
Christian Nürnberger: Die Bibel. Was man wirklich wissen muss, Berlin: Rowohlt Berlin 2005, 222 S., ISBN 978-3-87134-534-0, 16,90 € [D]
Die Bibel - weltweit in 2403 Sprachen ganz oder teilweise übersetzt, an Übersetzungen in weitere 495 Sprachen wird zurzeit gearbeitet - ist das am häufigsten übersetzte und wohl am weitesten verbreitete Buch aller Zeiten. Doch im deutschen Sprachraum werden die Inhalte dieses Buches immer weniger gekannt und verstanden. So ist es zu begrüßen, dass der Rowohlt Verlag Berlin in der Jugendreihe "Bücher für die nächste Generation" einen Band über die Bibel herausgebracht hat, der diesem Notstand entgegenwirken will. Der freischaffende Journalist und Schriftsteller Christian Nürnberger, studierter Theologe und ehemaliger Redakteur beim Wirtschaftsmagazin Capital und Textchef bei highTech, bekannt geworden durch das Buch Erziehungsnotstand, erzählt in diesem Buch in einprägsamen Schilderungen die wichtigsten Geschichten des Alten und Neuen Testaments und erklärt dem interessierten Zeitgenossen, worin die Botschaft des biblischen Geschehens liegt.
Nürnberger spricht den Leser in einer leicht verständlichen, flüssig geschriebenen Sprache an. Auch zentrale biblische Texte kommen in zeitgemäßen Paraphrasen ausführlich zu Wort. Das Buch ist keine Bibelkunde für den akademischen Gebrauch, sondern es will den Leser erzählend und reflektierend mit den Inhalten der wichtigsten biblischen Überlieferungen, Motive und Symbole vertraut machen. Beim Schreiben seines Buches hat er sich "besonders auf die Veröffentlichungen von Theologen gestützt, die das Geschäft der Theologie nicht nur als Universitätsberuf betreiben, sondern das, was sie in Vorlesungen und Seminaren lehren, im Alltag auch leben". Dabei lässt der Autor in seine Schilderungen auch religionsgeschichtliche und kirchengeschichtliche Zusammenhänge einfließen, deutet unterschiedliche Ansätze der Bibelauslegung an, benennt namhafte Theologen und Positionen der Gegenwart, skizziert systematische oder sozialethische Konsequenzen eines Textes und führt den Leser damit zu aktuellen Gegenwartsbezügen.
Nürnberger kritisiert machtpolitische Verwicklungen der Kirche und mitunter wenig überzeugende Anpassungsversuche in der Gegenwart. Mit Bedacht eröffnet er sein Buch mit der Abrahamgeschichte: In der Geschichte des Gottesvolkes lassen sich immer wieder kritische Zeiten erkennen, in denen ein Neuanfang angesagt ist, der am Rande der Wüste beginnen kann. Dann geht es für die Kinder Gottes darum, sich auf das Wesentliche zu besinnen und sich erneut auf den Weg zu machen.
Das Buch ist für junge Leute geeignet; es richtet sich jedoch in erster Linie an den interessierten Laien jeden Alters, der die Bibel für sich (neu) entdecken will und dies bei der Lektüre dieser Neuerscheinung auch mit Spannung und Gewinn tun wird.
Rainer Neu, Wesel
Christoph Auffarth: Die Ketzer. Katharer, Waldenser und andere religiöse Bewegungen, München: Beck 2005 (= Beck Wissen 2383), 128 S., ISBN 978-3-406-50883-7, 7,90 € [D]
In diesem Buch beschreibt Auffarth die gesellschaftspolitische Situation im Hochmittelalter, in der "die Ketzer erfunden" (111) wurden. Er beginnt mit der Position der katholischen Kirche zur Zeit der Gregorianischen Reform (nach Papst Gregor VII., 1073-1085), nach der Religion professionalisiert wurde mittels Hierarchisierung und Zentralisierung in Rom (19 f.). Hier setzt laut Auffarth ein religiös noch eher undifferenziertes Ketzertum ein, indem jeder als Ketzer gelten konnte, der sich der römischen Kirche in irgendeiner Form widersetzte ("Häresie des Ungehorsams", 27). Im Folgenden werden machtpolitische Zusammenhänge dargestellt, die zu Verfolgungen führten, sowie "Ketzerstereotypen" (47) und "Feindbilder" (55) wie auch die Behandlung "der" Ketzer. Im Blickfeld des Autors stehen dabei Einzelpersonen wie Abaelard und Joachim von Fiore, neben Bewegungen wie die der Katharer, Waldenser und Teilen des Franziskanerordens. Im letzten Kapitel schließlich fasst Auffarth seine Thesen schematisch zusammen. Hier geht er auch kurz ein auf die Rolle von Frauen in Religionsausübung und klerikaler Rhetorik. Sein Fazit: "Die Geschichte der Ketzer ist aus Differenz und Konkurrenz der beiden Aspekte von Religion (Anm.: "Religion als Institution und Religion als notwendiger Teil und Sicherheit im Leben der Menschen") im Mittelalter entstanden." (112).
"Einen so schmalen Band über die Ketzer zu schreiben, ist riskant", schreibt Auffarth selber. Daher grenzt er seine Darstellung zeitlich und geographisch ein auf das Hochmittelalter zwischen dem 11. und dem 14. Jh. und auf das lateinische Christentum. Dennoch bleibt das zu bearbeitende Feld groß genug und ein Wagnis, derart viel Fachwissen auf wenige Taschenbuchseiten zu komprimieren. Dieser Drahtseilakt gelingt Auffarth aber, unter seinen selbst genannten Einschränkungen. Herausgekommen ist eine niveauvolle Lektüre, spannend und verständlich geschrieben. Es gelingt dem Autor, seine These von der "Häresie des Ungehorsams" als Anfangs- und Kernpunkt der Geschichte der Ketzer überzeugend darzustellen. Verweise zwischen den Kapiteln dienen der Orientierung, fünf Abbildungen illustrieren das Thema. Die Auflistung der Feindbilder im Text, das Register wie auch die Zeittafel am Ende gewähren einen guten Überblick; die neben der Bibliographie aufgeführten Literaturhinweise zu den einzelnen Kapiteln ermöglichen leicht eine Vertiefung der jeweiligen Problematik. Als Übersicht, Hinführung zum Thema oder auch zur Rekapitulation ist Auffarths "Ketzer" - wie viele Bücher dieser Reihe - Studierenden zu empfehlen.
Sylvia Paetzold-Siewert, Bad Honnef
Robert Maniura: Pilgrimage to Images in the Fifteenth Century. The Origins of the Cult of Our Lady of CzÄstochova, Woodbridge: The Boydell Press 2004, 238 S., ISBN 978-1-84383-055-9, ca. 72,00 € [D]
Maniura (Lecturer in the History of Art, Birkbeck College University of London) untersucht den "crucial nexus" zwischen Bild, Wunder und Wallfahrt am Beispiel des "verwundeten" Marienbildes von Czestochowa im Kloster Jasna Gora, Polen, einer der bekanntesten Marien-Wallfahrtsorte der Katholischen Kirche. Das Buch basiert auf der PhD-Thesis des Verfassers.
Sein synthetischer Ansatz führt über jeweils enger definierte kunstwissenschaftliche, volkskundliche oder religionswissenschaftliche Ansätze hinaus (z. B. D. Freedberg, The Power of Images. Chicago 1989; Coleman, S. / Elsner, J.: Pilgrimage Past and Present. Sacred Travel and Sacred Space in the World Religions. London 1995). Er bringt die Kunstwissenschaft "in Bewegung", indem er die Interpretation des Bildes mit der Pilgerfahrt verbindet und gleichzeitig die visuelle Erfahrung der Pilger als einen größeren Zusammenhang begreift, als ein "visual system" und eine "landscape of images", aus der die Pilger prozesshaft eine Auswahl treffen (the cult image as an element of a continuum). Auch Kopien und Flugblätter sind zu berücksichtigen. Gleiches gilt für den Schatz an Legenden, die sich um das Bild herum entwickelt haben. Die politische Karriere der Ikone während der Geschichte Polens im 14. Jh. (die Osterweiterung Polens um Litauen) ist dabei nur eine Facette unter anderen. Heilige Person, heiliger Ort und Raum, heilige Zeit und Liturgie treffen zusammen, bilden für den gläubigen Pilger ein komplexes Netzwerk frommer Referenzen und persönlicher Anliegen. Wichtige Ergebnisse: "It is not the image that makes the miracle but image-related performance: a vow to visit the image shrine performed in the pilgrimage itself. The image is clearly the focus of this rich complex of behaviour but need not be seen as the active component" (182). Und: das verschrammte Gesicht der Maria von Czestochova stellt in seiner Spannung von Heilsangebot und selbsterfahrenem Leid dem Pilger eine aktivierende Auswahl von Möglichkeiten der Identifikation vor Augen ("a catalogue of human misery ... a provocative focus for a constructive performance of suffering and hope" (182). Der Schwerpunkt der sorgfältig recherchierten Studie liegt auf der kunstwissenschaftlichen Seite und ihrer Theoriebildung: "My main aim has been to stress the degree to which visual experience played a role in the cult from the very outset. The focus of the pilgrimage to Czestochova is an image and the climax of the pilgrimage is an act of looking. The challenge it poses is to acknowledge that this activity can inform our understanding of the visual arts more widely" (183). Aber genau dies ist auch ein interdisziplinärer Beitrag für die Religionswissenschaft von den heiligen Bildern und ihrer Verehrung.
Bernd Feininger, Freiburg/Br.
Barbara Thériault: "Conservative Revolutionaries": Protestant and Catholic Churches in Germany after Radical Political Change in the 1990s, New York: Berghahn Books 2004, 188 S., ISBN 978-1-57181-667-2, $ 50,00
Die politische Wende der Jahre 1989/90 hat zu nachhaltigen religiösen Wandlungsprozessen geführt, die sich im ehemals geteilten Deutschland besonders gut studieren lassen. Barbara Thériault leistet mit dem hier rezensierten Buch einen Beitrag zur Erforschung dieser Veränderungen, indem sie sich mit den offiziellen Statements, Diskussionspapieren und theologischen Artikeln beschäftigt, welche die kirchenpolitischen Veränderungen in den ostdeutschen Bundesländern begleitet und gestaltet haben: "Through the analysis of the debates that accompanied the reestablishment of the churches' unity, we attempt to outline the promoted church models, that is, what Protestant and Catholic actors consider to be the most modern definition of the church and its public role" (4). Als theoretischer Ansatzpunkt dient Thériault zunächst Max Webers Konzept handlungsrelevanter Leitideen. Dieses verbindet sie mit den von Albert Hirschman herausgearbeiteten möglichen Reaktionen auf Leistungsabfall bei Unternehmen, Organisationen und Staaten: Abwanderung, Widerspruch und Loyalität. Im Einklang mit Hirschman geht die Autorin davon aus, dass Personengruppen, die einen Status Quo verteidigen, die Gefährlichkeit, Verderbtheit und die Nutzlosigkeit von Veränderungen betonen. Reformorientierte Akteure bevorzugen dagegen Argumentationsfiguren wie die Synergie-Illusion, die Gefahr-These oder ein Nutzlosigkeitsargument mit entgegengesetztem Vorzeichen.
Diese Gegenüberstellung dient der Autorin als Leitdifferenz für die weitere Analyse. Am Beispiel der innerkirchlichen Diskussionen um die Verankerung der Militärseelsorge, die Einführung des Religionsunterrichts und die Rolle der Kirchen in den Sozialsystemen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR untersucht sie unterschiedliche Argumentationsfiguren und die damit vermittelten Leitideen. Besonderes Augenmerk richtet Thériault dabei auf die Personengruppe, die als 'Conservative Revolutionaries' ihrer Studie den Namen gab: "The 'conservative revolutionaries' [...] called for a realistic stance and made great use of the futility and the jeopardy arguments for institutionalizing their position. Given secular modernity, they argued that it would be futile to engage in reform" (139).
An dieser Stelle muss eine kritische Anfrage gestellt werden. In Deutschland zeichnete sich die Wende-Situation dadurch aus, dass Akteure aus Ost und West in einem Land versuchten, ihre unterschiedlichen Vorstellungen durchzusetzen. Thériault verweist auf die Ambivalenz dieser Situation. "The guardians of the order in the East, i. e., the proponents of the status quo, become, in the west German institutional context, its challengers or reformers" (50). Die Vielschichtigkeit der religiösen und politischen Motive, die Beziehungen zwischen den handelnden Parteien in Ost und West sowie die daraus resultierenden Bewertungen der realisierbaren Handlungsoptionen berücksichtigt sie aber kaum. Ein stärker handlungstheoretisch orientiertes Forschungsdesign hätte hier möglicherweise zur Erklärung der paradox anmutenden Position der konservativen Revolutionäre beitragen können.
Mit Blick auf die religionswissenschaftliche Forschung bleibt festzuhalten: Die Transformationsprozesse nach 1989/90 bieten einer Religionswissenschaft, die sich vergleichend mit der religiösen Gegenwartskultur auseinandersetzt, ein sehr interessantes und bislang viel zu häufig vernachlässigtes Arbeitsfeld. Die Arbeit von Barbara Thériault liefert einen informierten Einblick in diesen Bereich und darüber hinaus einen Ansatzpunkt für die systematische Beschäftigung mit dem Wechselverhältnis zwischen politischen und religiösen Wandlungsprozessen. In der weiteren Forschung gilt es nun, den gesamtdeutschen Kontext mit seinen unterschiedlichen religiösen wie politischen Akteuren stärker in den Blick zu nehmen.
Karsten Lehmann, Bayreuth
Hartmut Bobzin (Hg.): KoranLeseBuch. Wichtige Texte aus dem Arabischen neu übersetzt und kommentiert, Freiburg: Herder 2005 (= Herder Spektrum 5203), 224 S., ISBN 978-3-451-05203-3, 9,90 € [D]
"Poetry is what gets lost in translation", hat der amerikanische Dichter Robert Frost einmal geklagt. Übersetzungen können Poesie nicht wiedergeben. Allerdings können Nachdichtungen durchaus dazu helfen, poetische Qualität nachzuempfinden. Der Islamwissenschaftler Hartmut Bobzin, bekannt u. a. durch eine gute Einführung zum Koran in der Reihe "Wissen" bei C. H. Beck, hat mit der Herausgabe der Nachdichtung des Korans von Friedrich Rückert durchaus Sinn für das Poetische bewiesen. Nun hat Bobzin eine Sammlung eigener Übersetzungen aus dem Koran herausgegeben. Die Texte - es handelt sich zumeist um kurze Bruchstücke - sind nach theologischen Themen geordnet, ausführlich eingeleitet, in Zeilen gesetzt, mit zahlreichen Anmerkungen versehen, und teilweise durch Kursivdruck hervorgehoben. Die gut gemeinte Bemühung des Autors kann man nicht anders als erdrückend nennen. Frei nach Robert Frost: Poetry is what gets lost in information.
Dazu kommt noch das Problem der Auswahl. Die Ausgabe erhebt im Untertitel den Anspruch, nicht schwerpunktmäßig besonders schöne Texte des Korans wiederzugeben, sondern "wichtige". Die besonders kontroversen Stellen fehlen allerdings. Der Leser liest z. B. nichts von den Körperstrafen oder der Polygynie. Durch den Verzicht auf diese Texte verändert Hartmut Bobzins Auswahl den theologischen Charakter des Korans. Im vorliegenden Buch erscheint Gott, grob gesagt, als Ideengeber einer weitgehend politisch korrekten Kulturreligion. Liest man dagegen den Koran in einer vollständigen Übersetzung, erhält man einen anderen Eindruck. Da erscheint Gott als eine Macht, die die Gläubigen leiblich in Besitz nimmt und durch die den schwachen Menschen fordernde - oft auch überfordernde - Rezitation seines Wortes herrscht.
Der gebildete Zeitgenosse - und schon gar der Religionswissenschaftler - kommt also um die Lektüre des kompletten Korans nach wie vor nicht herum. Die bisherigen Übersetzungen mögen unvollkommen sein. Meines Erachtens sind sie jedoch immerhin gut genug, dass man durch sie einen im Großen und Ganzen lebendigen Eindruck des poetischen Originals erhält.
Gereon Vogel-Sedlmayr, Passau
Wassilios Klein: Abu Reyhan Biruni und die Religionen. Eine interkulturelle Perspektive, Nordhausen: Traugott Bautz 2005 (= Interkulturelle Bibliothek 119), 149 S., ISBN 978-3-88309-317-8, 10,00 € [D]
In der Reihe "Interkulturelle Bibliothek" wurde vom Bonner Religionswissenschafter W. Klein eine Arbeit zum arabischen "Universalgelehrten" Abu Reyhan Biruni vorgelegt. Dem Konzept der Reihe gemäß liegt der Fokus der Betrachtung auf dessen Auseinandersetzung mit "fremden" Kulturen, wobei in dieser Monographie sein Zugang zu den unterschiedlichen Religionen seiner Zeit im Vordergrund steht. Den ersten Abschnitt nimmt eine ausführliche Darstellung der Biographie Birunis ein. Dabei gelingt dem Autor ein interessantes Porträt der unterschiedlichen kulturellen Spannungsfelder, in die Biruni von frühester Kindheit an eingepasst war. Darauf folgt eine Aufarbeitung der Sonderstellung Birunis innerhalb der Gelehrtenwelt seiner Zeit (vgl. bes. 29-31). Dies trifft insbesondere auch auf seinen Umgang mit dem Phänomen der Religion und den unterschiedlichen Religionen zu, wo wissenschaftliche Distanziertheit gepflegt wird ("Birunis Religionswissenschaft", 54-72). Hier ist auf die gründlichen Quellenrecherchen hinzuweisen, die betonte Notwendigkeit ausgeprägter Sprachenkenntnisse, Bemerkungen zur Bedeutung von Eigenbeobachtungen und direkten Kontakten, bzw. die Auseinandersetzungen mit den unterschiedlichen Bezeichnungen für "Gott" in den bekannten Kulturen seiner Zeit (Birunis "Problembewusstsein bezüglich einer religionswissenschaftlichen Metasprache", 65 f.). Den zweiten Teil des Bandes nimmt sodann eine ausführliche Darstellung des konkreten Wissens Birunis über einzelne Religionen (Buddhismus, Hinduismus, Manichäismus, Zoroastrismus etc.), einschließlich des "eigenen" Islam, ein. Dies bildet die materielle Basis für den abschließenden Teil der Monographie mit dem Versuch einer grundsätzlichen Bewertung der "Interkulturalität" Birunis.
Mit diesem reichen Inhalt ist einerseits der religionshistorisch Interessierte im engeren Sinne als auch der mehr religionstheoretisch Versierte angesprochen, der im Werk dieses arabischen Denkers einen wichtigen Vordenker vieler "moderner" Zugänge entdecken kann. Für etwaige Wiederauflagen hier noch einige Fehlerhinweise: Bei Angabe der vollen arabischen Namensform Birunis ist mit den Zeichensätzen ein kleines Malheur passiert (13), und das Avesta sollte in der Publikation für ein religionswissenschaftliches Publikum das richtige Geschlecht tragen (25; 107 f.). Ich führe hier auch noch das Fehlen eines Index als Fehlstelle an, weiß aber, dass dies eine Vorgabe der "Interkulturellen Bibliothek" ist, die nicht dem Autor anzulasten ist. Diese Kleinigkeiten sollen nicht davon ablenken, dass es sich bei diesem Buch um eine höchst lesenswerte religionswissenschaftliche Monographie handelt. Als Leser lässt man sich dabei gerne von der spürbaren Begeisterung des Autors für "seinen" Biruni anstecken.
Franz Winter, Wien
Markus Wachowski: Sāda in Sān'a'. Zur Fremd- und Eigenwahrnehmung der Prophetennachkommen in der Republik Jemen, Berlin: Klaus Schwarz Verlag 2004, 174 S., ISBN 978-3-87997-320-0, 34,00 € [D]
Bei der Publikation handelt es sich um eine religionswissenschaftliche Magisterarbeit, die als solche beeindruckt. Sie bewegt sich auf der Schnittstelle von Ethnologie, Sozialwissenschaft und Orientalistik, wobei die einzelnen Teile der Studie unterschiedliche Verhaftungen des Verfassers spüren lassen: Die differenzierten methodologischen Vorüberlegungen basieren auf zeitgenössischen Ansätzen der empirischen ethnologischen Sozialforschung zum Umgang mit dem Fremden in der Feldforschung (Symbolischer Interaktionismus, N. K. Denzin, Grounded Theory nach A. Strauss). Die ausführliche Literaturstudie arbeitet reflektiert vorwiegend ethnologische und orientalistische Literatur zur Geschichte und Gesellschaftsstruktur des Jemen auf. Die im Verhältnis zu diesen Vorarbeiten nur ca. 50 Seiten knappe textuelle Umsetzung der Feldstudie beruht auf Gesprächen mit Vertretern der Sāda (Pl. von Sg. Sayyid, Übers. Wachowski "Edler Herr", impliziert Nachkommenschaft des Propheten) und anderen Bewohnern der Stadt Sān'a' zum Thema Fremd- und Eigenwahrnehmung der Sāda als soziale Gruppe: Prinzipiell verleiht die Bezeichnung religiös-soziales Prestige, das sich aber sozial binnendifferenziert und individuell sehr unterschiedlich gestalten kann; es changiert im Wechselspiel von Stammeszugehörigkeit und historischem Klientenstatus, im Rahmen der Affinität der Sāda zu Berufsgruppen religiöser Funktionsträger, zwischen Stadt- und Landbevölkerung sowie vor allem angesichts des Statuswandels der alten herrschaftsnahen Schicht der Sāda um den zaiditischen Imam nach der Revolution von 1962.
Die Arbeit wirft Fragen weniger an den Verfasser als den religionswissenschaftlichen Diskurs auf. Denn sie scheint ein Beispiel für eine Religionswissenschaft zu sein, die zumindest im Rahmen ihrer theoretisch-methodischen Grundlegung völlig im interdisziplinären Umfeld von Sozialwissenschaft und Ethnologie aufgeht. So drängt sich die Überlegung auf, warum die Sāda in ihrer sozialen Stratifizierung überhaupt ein Thema für die Religionswissenschaft sein sollten - nur aufgrund der Tatsache, dass es sich um eine Gesellschaftsgruppe mit "religiös" begründeter Wurzel handelt? Ohne eine Religionswissenschaft zu präferieren, die einen "wesenhaften Kern" von Religion postuliert, würde es der Arbeit mehr Profil verleihen, wenn zudem auch theoretisch die Wechselbeziehungen von Religionen und Gesellschaftsstrukturen thematisiert oder die Frage nach dem spezifischen religionswissenschaftlichen Ansatz der Arbeit wenigstens formuliert würde.
Bärbel Beinhauer-Köhler, Frankfurt
Stephan A. Towfigh; Wafa Enayati: Die Bahá'í-Religion. Ein Überblick, München: Olzog 2005, 128 S., ISBN 978-3-7892-8163-1, 10,00 € [D]
Ein Desiderat für Aufklärungszwecke nennt Udo Tworuschka im Vorwort das von zwei Bahá'í selbst verfasste Einführungsbuch. Er weist zu Recht darauf hin, dass ein Gesamtbild einer Religion eben nur entstehen kann, wenn "objektive" religionswissenschaftliche Forscherblicke von außen und Binnenperspektiven der Anhänger gleichermaßen ernst genommen werden. Im Fall der Bahá'í ist jedoch anzumerken, dass es bereits zahlreiche ganz ähnlich geartete Selbstdarstellungen gibt, insbesondere im hauseigenen Bahá'í-Verlag in Hofheim-Langenhain. Neu ist, dass ein Verlag wie Olzog - ansonsten auf Politik, Gesellschaft und Pädagogik spezialisiert und Herausgeber der Loseblattsammlung "Handbuch der Religionen" - eine solche Eigenansicht verlegt.
Die 128 Seiten sind ausgezeichnet strukturiert, leicht lesbar, mit zahlreichen Zitaten des Gründers Bahá'u'lláh versehen und benutzerfreundlich ausgestattet mit Index, Quellenangaben und Literaturverzeichnis. Das Buch gibt in seinen Hauptkapiteln zu Lehre, Geschichte, täglichem Leben, Gemeinde und darüber hinaus gehenden Aktivitäten einen guten, zuweilen etwas oberflächlichen Überblick. Im Anhang sollen Zahlen das Gesagte ergänzen, z. B. mit der Anzahl "Nationaler Geistiger Räte". Die Angabe der weltweiten Verbreitung der Bahá'í nach dem Christentum aber vor dem Islam ist zunächst irreführend, sie ergibt sich aus der Anzahl der Länder, in denen Bahá'í leben sollen, nicht aus der Anzahl der Gläubigen. Von den 121 (!) Fotos tragen etwa 60 keine Bildunterschrift und zeigen auch keine "direkten" Zusammenhänge wie Bilder der Gründungsgeschichte im Iran, Irak und Israel oder der heutigen "Häuser der Andacht" von Uganda bis West-Samoa. Offensichtlich sollen sie die Gefühlsebene des Lesers ansprechen und vermitteln Heile-Welt-Atmosphäre mit Motiven aus Natur (Wälder, Blumen, Wassertropfen usw.), Architektur (stabile Säulen) und von Menschen (fröhlich, verantwortungsbewusst, mal allein, in Familien oder deutlich ethnisch gemischten Gruppen). Kurzum: man kann sich des missionarischen Charakters dieses Buches nicht erwehren, fehlt eigentlich nur die Beitrittserklärung. Doch damit löst das Buch von Towfigh/Enayati (beide Mediziner und Mitglieder der Gesellschaft für Bahá'í-Studien) Tworuschkas Versprechen ein: Wie eine Religion sich darstellt, sagt viel über sie selbst aus und somit sollte dieses Buch (oder eines der zahlreichen ähnlichen Werke s. o.) bei religionswissenschaftlicher Forschung über die Bahá'í berücksichtigt werden. Für weitere und schnell verfügbare Informationen bzw. einen ersten Einstieg in das Thema, z. B. für Studierende, ist durchaus die Seite bei Wikipedia zu empfehlen, bevor man sich in die "objektive" religionswissenschaftliche Sicht, z. B. Manfred Hutters, vertieft.
Helga Barbara Gundlach, Hannover
Peter Schalk u. a. (Hg.): Im Dickicht der Gebote. Studien zur Dialektik von Norm und Praxis in der Buddhismusgeschichte Asiens, Uppsala: Uppsala Universitet 2005 (= Historia Religionum 26), 529 S., ISBN 978-91-554-6343-4, 47,60 € [D]
Die hier publizierten Ergebnisse der 3. Tagung des Arbeitskreises Asiatische Religionsgeschichte der DVRG haben in erster Linie den Spannungsbogen der Regeln für buddhistische Ordensmitglieder sowie Laien und deren praktische Umsetzung bzw. pragmatische Anwendung in den verschiedenen Regionen von Südasien bis nach Ostasien zum Thema.
Die Beiträge über Ostasien beginnen mit Hubert Seiwerts Aufsatz über die kodifizierten und sozialen Normen im chinesischen Buddhismus und ihr Verhältnis zur Praxis, die trotz der hohen Wertschätzung der Vinaya-Regeln häufig verletzt wurden, bis hin zur Außerkraftsetzung im Falle einer sog. "Höheren Ethik" bei Bodhisattvas. In diesem Sinne untersuchen Christoph Kleine und Bangwei Wang den Bericht des chinesischen Pilgers Yijing (635-713). Der Problematik chinesischer Pilgerberichte hat sich auch Max Deeg gewidmet.
Petra Kieffer-Pülz beginnt mit den Beiträgen zum frühen bzw. zum Theravāda-Buddhismus und diskutiert das Alkoholverbot für den Samgha nach verschiedenen Texten und Kommentaren, wobei bisweilen eine fahrlässige Übertretung als minder schwer gewichtet wird. Oliver Freiberger setzt sich mit dem Normverhalten von Laien auseinander, deren religiöse Ziele und Praktiken von denen der Asketengemeinde stark divergieren konnte. Peter Schalk zeigt, dass nicht nur im modernen Buddhismus von Sri Lanka die Verehrung von Gottheiten kein Abweichen von der Norm war. Christoph Emmrich behandelt die Frage, ob ein heiliger Text (hier die Astasāhasrika-Prajñāpāramitā) durch Restaurierung derselbe bleibt oder nur durch diese Maßnahme derselbe bleiben kann.
Sodann folgen die eher nach Ländern ausgerichteten Beiträge: Karénina Kollmar-Paulenz zum Klosterleben in Tibet und der Mongolei, Michael Pye zu buddhistischen Pilgerfahrten in Japan und Edith Franke zum Āgama-Buddha/Buddhismus in Indonesien. Janice Stargardt hat den Übergang von Totenritualen von der späten Eisenzeit zum frühen Buddhismus bei den Pyu in Zentral-Burma und der Āndhra-Region Indiens untersucht. Sascha Ebeling hat sich der Problematik der häufig verwendeten Begriffe "Synkretismus" und "Staatsreligion" im Kambodscha der Angkor-Zeit gewidmet. Der Band wird mit einem modernen Thema zur Frage nach dem Beginn des Lebens im Kontext von Abtreibung und Erzeugung künstlicher Embryonen anhand buddhistischer Normen von Jens Schlieter beschlossen.
Der vorliegende Band ist der Frage der Dialektik von Norm und Praxis somit zeitlich von der Vorgeschichte bis in die Gegenwart nachgegangen. Dazu wurden archäologische, epigraphische Quellen, religiöse Texte und Quellen der modernen Medienwelt benutzt, gleichzeitig ein Hinweis darauf, dass auch die nicht mehr "interviewbaren" Zeugen der Vergangenheit bei richtiger Befragung entsprechende Resultate bringen.
Karl-Heinz Golzio, Bonn / Leipzig
Hans-Bernd Zöllner: Buddhadasa Bhikkhu (1906-1993). Buddhismus im "Garten der Befreiung", Frankfurt: Peter Lang Verlag 2006 (= Religionswissenschaft 12), 177 S., ISBN 978-3-631-54715-1, 39,00 € [D]
Zöllners Buch beruht auf seiner Erfahrung als deutscher Auslandspfarrer in Thailand und seiner persönlichen Kenntnis Buddhadasas. Daraus entstand seine Begeisterung für den Gründer und langjährigen Abt des Klosters Suan Mokkh (auf Deutsch "Garten der Befreiung") - Begegnungen, welche nach Ansicht Zöllners ein schnelleres Verständnis des Buddhismus ermöglichen, als es normalerweise Feldforschern aus dem Bereich der Orientalistik möglich ist. Somit wird hier ein "sehr persönlicher Zugang" (20) zum thailändischen Buddhismus gewählt. Buddhadasa wird eingebettet in eine Darstellung der Geschichte Thailands. Zur Sprache kommen seine Hermeneutik der "zwei Sprachen", seine allgemeine Buddhismus-Interpretation, sein Konzept eines "diktatorischen Dhamma-Sozialismus", sein Schillern zwischen theravadischen und mahayanistischen Lehrelementen sowie seine Wirkungsdimensionen in den Engagierten Buddhismus hinein. Auch seine Rezeption des Christentums und sein Ansatz der Heilsfähigkeit aller Religionen wird dargestellt. Recht vage bleibt Zöllner bei der Auskunft darüber, welchen Sinn die Beschäftigung mit dem thailändischen Mönch für Europäer ("uns") haben kann: "Sein Wirken hält uns einen Spiegel unserer selbst und unserer Welt vor, in dem wir sehen können, was uns fehlt und wohin wir uns verändern können" (167).
Zöllners Buch hat das Verdienst, einen asiatischen Mönch und Denker vorzustellen, von dem und über den nur wenig im deutschsprachigen Raum zu finden ist. Umso verwunderlicher ist es, nur gelegentliche Verweise (in Anmerkungen) auf Donald K. Swearer, den wohl intensivsten (allerdings auch ausschließlich affirmativen) Buddhadasa-Forscher der westlichen Welt, zu finden, und keinen Hinweis auf das von Swearer besorgte wichtigste englische Buddhadasa-Textbuch "Me and Mine" (1989). Scharfe Kritiker Buddhadasas kommen nicht (mit ihrer Kritik) zu Wort, so etwa L. Gabaude mit seiner Buddhadasa-Monographie von 1987. Das Buch leidet unter einigen kleinen inhaltlichen Unschärfen und muss unter dem Vorzeichen gelesen werden, als eine Art spiritueller Zugang im Zeichen von Faszination geschrieben worden zu sein. Der Autor sieht selbst seine Grenzen (keine Thai-Sprachkenntnisse), überhöht diese allerdings in sonderbarer Weise mit Spitzen gegen die feldforschenden (und sich kulturwissenschaftlicher Methoden bedienenden - UD) Religionswissenschaftler. Als erstes Kennenlernen Buddhadasas in deutscher Sprache ist das Buch wertvoll, es bedarf aber der Ergänzung durch auch sprachlich versierte Interpreten, deren Arbeit hermeneutisch zusätzlich dadurch erschwert wird, dass Buddhadasa fast nichts selbst geschrieben hat.
Ulrich Dehn, Berlin
Karénina Kollmar-Paulenz: Kleine Geschichte Tibets, München: Beck 2006, 216 S., ISBN 978-3-406-54100-1, 12,90 € [D]
In einer Rede und Veröffentlichung hatte die in Bern wirkende Religionswissenschaftlerin unlängst für die "Relevanz des kleinen Faches in der akademischen Landschaft" geworben. Mit ihrer "Kleinen Geschichte Tibets" legt sie einen schmucken Beweis vor. Sie holt den interessierten Leser bei den das Land umwehenden Mythen ab, diskutiert sogar kurz deren Hintergründe und klärt dann in einer für interessierte Laien gut verständlichen Sprache auf. Vom ersten Kapitel an gelingt es ihr dabei, einerseits Fakten anregend aufzubereiten, aber auch Differenzen innerhalb der Wissenschaft darzustellen (etwa um die Einordnung der Bön-Religion) und schließlich die bestehenden Wissenslücken und zu erschließende Schätze (etwa Klosterbibliotheken) so darzustellen, dass der Leser am liebsten sofort Expeditionen entsenden würde. Über die Darstellung der Entwicklungen von Herrscherdynastien und Klöstern hinaus gelingen ihr dabei immer wieder faszinierende Exkurse zur tibetischen Identitätskonstruktion, etwa zur Nachwirkung vorbuddhistischer Vorstellungen lokaler Berggottheiten oder der Mythologisierung der Großreichszeit. Dass Tibet keinesfalls ein entrücktes Wunderland war und ist, sondern mit Indien, China und Zentralasien in vielfältiger Wechselwirkung stand, wird von ihr - bis ins Anekdotische hinein - erarbeitet. Einzelne politische und religiöse Personen werden trotz knappen Platzes in ihrer Biografie und Wirkung so erschlossen, dass weiterführendes Interesse geweckt wird. Ihre Darstellungen innerer Stagnation und kolonialer Fremdbestimmung, später Modernisierungsversuche und schließlich der Besetzung durch die chinesische Armee sowie der Kulturrevolution entfalten damit Tragik in ihrer Sachlichkeit - dem Leser sind die auch kulturhistorischen Verluste bis dahin längst präsent. Der Autorin gelingt das Kunststück, Mythen aufzulösen, die Faszination für das Land und seine reiche Geschichte und Kultur aber sogar noch zu steigern. An dieses Lob ist freilich als Kritikpunkt anzuschließen, dass die Perspektive fast durchweg eine der Herrschenden und Geistlichen bleibt. Vom Leben der einfachen Menschen, von der Struktur von Städten, Dörfern und Familien, von Wirtschaft, Alltagskultur und Technik erfährt der interessierte Leser zu wenig - wenige Seiten mehr dazu hätten die "Kleine Geschichte" bereichert. Andererseits: eigentlich noch weiterlesen zu wollen ist vielleicht eines der besten Komplimente, das man einem Buch machen kann, das sich ausdrücklich als Einstiegslektüre versteht.
Michael Blume, Tübingen
Ariane Martin: Sehnsucht - der Anfang von allem. Dimensionen zeitgenössischer Spiritualität, Ostfildern: Schwabenverlag 2005, 267 S., ISBN 978-3-7966-1249-7, 25,00 € [D]
Da hat eine aufmerksame Wissenschaftlerin entdeckt, dass der Begriff "Spiritualität" demjenigen der Esoterik momentan Konkurrenz macht - ablesbar etwa an den Regalen der Buchhandlungen, wo unter Esoterik inzwischen massiv Literatur zu Spiritualität verkauft wird. Frau Martin beansprucht in ihrer Arbeit, die im Umfeld des Wiener Pastoraltheologen Michael Zulehner an der katholischen Fakultät entstanden ist, diese neue Landschaft zu kartieren: sinnvollerweise nicht organisationssoziologisch, sondern inhaltsanalytisch. Ihr methodischer Ansatz ist dabei ein explizit phänomenologischer: Sie hat Material zu Themen spiritueller Lebensführung in Interviews, Szenepublikationen und im Internet gesammelt und unter den Stichworten "Reise zu sich selbst", "Verzauberung", "Heilung", "Festigkeit", "Gemeinschaft", "Reise in die Weite" und "Weltverhältnis" geordnet. Natürlich muss man über die Kategorien streiten, und man wünschte sich eine Debatte über die Auswahl der mehr oder weniger einschlägigen Autoren, aber an erster Stelle ist die reiche Materialsammlung ein Gewinn.
Methodologisch betritt Frau Martin allerdings vermintes Gelände, denn an der Phänomenologie, also ihrem Ansatz, hat die Religionswissenschaft ihren ersten "Vatermord" begangen. Davon scheint die Autorin nichts zu ahnen. Nach einer hilfreichen Begriffsklärung versinkt die Arbeit im Material. Analytische, theoriegeleitete Reflexionen fehlen weitgehend, wie auch Fragen der Kategorienbildung, der Kontextualisierung oder der Differenzierung (vermeintlich) ähnlicher Phänomene, also klassischer Streitfelder der Phänomenologie. Und was sie über die einschlägigen religionswissenschaftlichen Debatten schreibt (236 f.), kommt einem Zerrbild nahe. Die möglichen Leistungen und Probleme eines phänomenologischen Vorgehens bleiben deshalb im Dunkeln. So dokumentiert Frau Martin einerseits, welche unbekannten Welten das Interesse an religiösen Phänomenen erschließen kann, aber zugleich stellt ihr methodisches Vorgehen den phänomenologischen Ansatz und damit ihr eigenes Buch in Frage. Ihre Unkenntnis der religionswissenschaftlichen Debatten zur Phänomenologie zeigt darüber hinaus, wie fremd sich Religionswissenschaft und Theologie weiterhin sein können. Schließlich: Dass dieser Materialfundus kein Register hat, ist ein schwerer und völlig überflüssiger Mangel.
Helmut Zander, Bonn / Berlin
Karla Poewe: New Religions and the Nazis, New York: Routledge 2006, 218 S., ISBN 978-0-415-29025-8, 26,80 € [D]
Karla Poewe, ehemals an der University of Calgary (Kanada) lehrende Ethnologin, ist durch ihre Veröffentlichungen über Neue Religiöse Bewegungen bekannt geworden. Allerdings führt der verheißungsvoll weiträumige Titel des vorliegenden Buches jene in die Irre, die erwarten, über den Zusammenhang von (Neo-)Nazi-Ideologie und Neue Religiöse Bewegungen informiert zu werden. Solche Erwartungen werden nicht erfüllt, die Zielrichtung ist eine andere. Im Mittelpunkt der Arbeit steht der Tübinger Indologe und Religionswissenschaftler Jakob Wilhelm Hauer (1881-1962). Im Detail geht Poewe auf die Politisierung Hauers durch die bündische Jugendbewegung und die darin kultivierte Idee des Völkischen ein. Hauers "Deutscher Glaube" speiste sich, so Poewe, aus Platonismus und Hinduismus (vor allem der Bhagavad-Gita), angereichert mit rassistischen und antisemitischen Elementen. Hauers (vergebliche) Ambitionen, eine offiziell anerkannte Sammelbewegung aller Deutschgläubigen zu begründen, werden in einem weiteren Kapitel nachgezeichnet. Seine Konfrontation mit der protestantischen Kirche bezeichnet Poewe als Zermürbungskrieg, über den Hauer sich einen Zuwachs deutscher Christen für seine Bewegung erhoffte. Werner Best, hessischer Polizeipräsident und später einflussreicher Gestapo-Mitarbeiter in Berlin, stand in engem Kontakt mit Hauer. Der Briefwechsel, aus dem Poewe zitiert, ist nicht nur für Hauers Kampf gegen die katholische Kirche und seine Haltung gegenüber Juden und dem Zionismus aufschlussreich, sondern zeigt überdies, wie sehr Hauer bemüht war, sich der SS anzudienen. In Kapitel 10 entfaltet Karla Poewe den Glauben der Nationalsozialisten entlang ausgewählter Autoren und Schriften: Goebbels, Hitler, Grimm, Kolbenheyer, Krieck propagierten demnach den neuen Glauben als Glauben an das Dritte Reich. In Kapitel 11 (Scientific neo-paganism and the extreme Right then and today) wird ein Tradierungsweg des Hauer'schen Gedankenguts gezeigt, der über Mathilde Ludendorffs 'Bund für Gotterkenntnis' zu Sigrid Hunkes 'Unitarier' und der Europäischen Neuen Rechten (Armin Mohler, Alain de Benoist) führt.
Aufgrund der Archivrecherchen (u. a. in Marbach, München, Berlin und Koblenz) wird auf zahlreiche Briefe und andere Originaldokumente zugegriffen. Mit den bislang vorliegenden, einschlägig religionswissenschaftlichen Arbeiten erfolgt indes eine recht selektive Auseinandersetzung, was dem komplexen Bild, das Hubert Cancik, Ulrich Nanko und Horst Junginger von der Weimarer Religionsgeschichte, der Deutschen Glaubensbewegung und der religiösen Entwicklung in der NS-Zeit zeichnen (neuerdings ergänzt durch Fritz Heinrich, Schaul Baumann und Hiroshi Kubota) nicht gerecht wird.
Explizit kritisiert werden Positionen von Cancik, Junginger und Nanko. Der entscheidende Dissens-Punkt liegt in der Beurteilung der Tiefen- und Breitenwirkung von Hauers "Neuer Religion". Die Autorin will zeigen, wie bedeutend der Einfluss des "Paganismus" auf den Nationalsozialismus war. Entstanden sei daraus nämlich eine "totalitarian political religion known as National Socialism" (2). Dementsprechend "alarmistisch" ist bisweilen der Unterton der Arbeit, vor allem, wenn es um die von ihr behaupteten Kontinuitäten bis hin zur Europäischen Neuen Rechten geht. Während einerseits durchaus differenziert argumentiert wird und man viel über Hauers Bildungsbiographie, Weltbild, Weggefährten, Kontrahenten und politische Ziele erfährt, ist es andererseits die plakative These, die verblüfft. Die Behauptung, der Nationalsozialismus sei eine konsistente politische Religion gewesen, ist keineswegs unumstritten, trotz der Anstrengungen des Politologen Claus-Ekkehard Bärsch. Ebenso fragwürdig ist Poewes Behauptung, weder das Christentum noch Christen seien im 19. und 20. Jahrhundert anti-semitisch gewesen, sondern der Antisemitismus sei ausschließlich neo-paganen Kräften innerhalb und außerhalb der Kirchen geschuldet. Die Wurzeln des Antisemitismus, so ist mit Befremden zu lesen, lägen "in a fundamental human divide between those people who love culture, by which I mean the poetics and politics that grew out of a very specific local condition and history, and those who love civilization, by which I mean the poetics and politics that are rooted in non-specific, universal laws meant to protect any civilian, local or foreign" (14).
Bei der Lektüre des Buches irritiert die unterschwellig mitlaufende Einteilung in die gute Religion der christlichen Großkirchen, die das zivilisatorische Projekt vorantreiben, und dem bedrohlichen Sumpf neo-paganer Intellektueller, die den Nationalsozialismus zu einer verderblichen Religion machten. Die Übersetzung eines komplexen Herrschaftsapparates und des zugrundeliegenden Ideenbreis in "Religion" verunklart jedoch die Sachlage. Wer sich für neue religiöse Bewegungen in der Zeit des Nationalsozialismus interessiert, kommt an den Arbeiten oben genannter Autoren nicht vorbei. Poewes 'New Religions and the Nazis' ist dabei als ein Baustein zu verwenden, aber weder als Einstieg noch als Resümee der Forschung zu empfehlen. Die Autorin schreibt, sie wollte mit der Arbeit an dem Buch eine Antwort auf die Frage finden "how Germans came to support the National Socialist worldview that ended in the Holocaust and the loss of countless lives" (x). Die Antwort darauf sucht der Leser vergebens.
Peter J. Bräunlein, Marburg
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