Rezensionen

Christoph Auffarth; Hans G. Kippenberg; Axel Michaels (Hg.), Wörterbuch der Religionen, Stuttgart: Alfred Kröner Verlagsanstalt 2006, xviii + 589 S., ISBN 978-3-520-14001-2, € 49,80 [D]

Nachschlagewerke haben seit dem Ende des vergangenen Jahrtausends eine bemerkenswerte Konjunktur erlebt. Zum Teil verfolgen Nachschlagewerke wissenschaftspolitische Ziele, z. B. in Hinblick auf die Etablierung neuer Forschungsgebiete und -institutionen oder die programmatische Profilierung des Faches Religionswissenschaft. Die Verlage haben ihrerseits entdeckt, dass man mit Nachschlagewerken gutes Geld verdienen kann, und für die Wissenschaft scheinen Lexika und Enzyklopädien die Möglichkeit zu bieten, zunehmend fragmentarisiertes und spezialisiertes Wissen noch in eine (wenngleich arbiträre) Ordnung zu bringen und zu vernetzen. Das Aufblühen dieses Genres verhält sich dementsprechend komplementär zum Fehlen von Hand- oder gar Lehrbüchern.
Neben mehrbändigen enzyklopädischen Großprojekten gibt es eine Vielzahl von einbändigen Lexika. Eine Reihe deutscher Verlage und Religionswissenschaftler und Religionsgeschichtler waren auf diesem Gebiet tätig, wobei das Wörterbuch der Religionen des Schweizer Religionshistorikers Alfred Bertholet in Verbindung mit dem Kirchenhistoriker Hans von Campenhausen (Kröner 1952; 2. Aufl. 1962; italienische Übersetzung 1964), das später von dem Göttinger Religionswissenschaftler Kurt Goldammer weiterbearbeitet wurde (3. Aufl. 1976; 4. Aufl. 1985), forschungsgeschichtlich wohl an erster Stelle zu nennen ist. Weitere Lexika stammen von Franz König (Herder 1956; Neuausgabe von dem Bonner Fundamentaltheologen Hans Waldenfels 1987; 19994), Günter Lanczkowski, der sein enzyklopädisches Wissen in mehreren Lexika zum Ausdruck gebracht hat (Fischer Taschenbuch 1972, überarbeitete Ausgabe 1989; Bibliographisches Institut 1987; Schülerduden: Die Religionen 2000), Gerhard Bellinger (Droemer Knaur 1986) und Udo Tworuschka (Gütersloher Verlagshaus 1999). Auch der Brockhaus Verlag hat zwei Religionslexika veröffentlicht (1998; 2004), und ein dtv-Atlas zum Thema Religion ist seit etwa zehn Jahren in Vorbereitung. Andere Verlage haben stattdessen auf die deutsche Übersetzung englischsprachiger Werke gesetzt. Genannt seien hier das Handbuch der Religionen von Mircea Eliade und Ioan P. Culianu (franz. Originalausgabe 1990), das gleich viermal auf den deutschsprachigen Markt gebracht wurde (Artemis und Winkler 1991; Büchergilde Gutenberg 1993; Suhrkamp 1995 [20003 und Nachdrucke]; Albatros 2004) und John Bowkers im Original 1997 erschienenes Oxford-Lexikon der Weltreligionen (Patmos 1999; Taschenbuchausgabe bei Fischer 2003) bzw. die Kurzausgabe des Werkes (Original 2000; 2002 in bearbeiteter Fassung als Oxford Reference Online), Das kleine Oxford-Lexikon der Weltreligionen (Patmos 2002; Lizenzausgabe Fischer-Taschenbuch Verlag). Für die in Rezensionen monierte deutsche Übersetzung zeichnete der Religionswissenschaftler Karl-Heinz Golzio verantwortlich.
Nun ist wieder der Kröner-Verlag am Zug, der kürzlich ein neues Wörterbuch der Religionen (im folgenden WdR) vorgelegt hat. Doch das neue WdR ist keine aktualisierte Neubearbeitung des Bertholetschen Wörterbuchs, sondern weist schon dadurch in eine ganz neue Richtung, die es zugleich von den meisten der genannten Lexika abhebt, dass es sich (durchaus erfolgreich!) bemüht, über die kompetente Information zu Tatbeständen der Religionsgeschichte hinaus auch die Ebene der religionswissenschaftlichen Terminologie zu berücksichtigen. Die Darstellung fällt dabei allerdings oft recht abstrakt aus, so dass sich vorliegendes Werk eher für Studierende der Religionswissenschaft oder benachbarter Wissenschaften eignet als für die Vermittlung religionswissenschaftlicher Erkenntnisse in eine breitere Öffentlichkeit. Dieser eher akademischen Zielgruppe, die sich das Buch aufgrund des Ladenpreises leider aber vermutlich gar nicht wird leisten können, kommen auch die Literaturhinweise entgegen, die sich zu vielen der etwa 2600 Stichwörter finden. Das Werk wirkt insgesamt etwas wie eine um ein Wörterbuch der Religionen ergänzte aktualisierte Kurzfassung des HrwG.
Vom HrwG (und dem MLR) stammt auch die von den drei Herausgebern in ihrem Vorwort (S. VI-VII) artikulierte (und als Konsensus ausgegebene) kulturwissenschaftliche Profilierung der RW. Dass man allerdings auch ohne das (inzwischen im Vergleich zur Situation der 1980er Jahre weniger plausible) kulturwissenschaftliche Pathos Lexika konzipieren kann, die durchaus systematisch und begriffsorientiert sind, zeigen die beiden ins Deutsche übersetzten Lexika von John Bowker und besonders das von Jonathan Z. Smith verantwortete HarperCollins Dictionary of Religion (1995).
Die Lexika von Bowker und Smith sind hinsichtlich Umfang und Lemmaliste umfassender als das WdR und schöpfen aus einem größeren Fundus von Autoren. Wie die Herausgeber in ihrem Vorwort hervorheben, wurde das WdR "zu großen Teilen von vier, fünf Autoren geschrieben" (S. VIII). Mir ist in etwa folgende Verteilung größerer Zuständigkeitsbereiche aufgefallen: Antike und Christentum = Christoph Auffarth; Judentum und westliche Esoterik = Kocku von Stuckrad; indische Religionsgeschichte = Axel Michaels; Islam = Reinhard Schulze; China = Max Deeg; Japan = Michael Pye; vorislamische orientalische Religionsgeschichte = Manfred Hutter; (westliche) Moderne = Hans Kippenberg; Ethnologie = Klaus-Peter Köpping; Religionssoziologie = Hubert Knoblauch und Volkhard Krech; vorchristliche europäische Religionsgeschichte = Ulrike Schlott. Eine Reihe Artikel wurden auch von der Redaktion (Alexandra Grieser und Johanna Buß) verantwortet. Insgesamt werden 69 Mitarbeiter namentlich aufgeführt.
Die verschiedenen Autoren pflegen unterschiedliche Präsentationsformen, die nicht durchgängig vereinheitlicht wurden. Im Vergleich zu den meisten kurz-prägnanten und eher selten mit Literaturangaben bestückten indologischen Beiträgen von Axel Michaels fallen die Beiträge von Kocku von Stuckrad zur modernen Esoterik wesentlich länger aus und sind oft auch mit langen Literaturlisten versehen, wohingegen die biblisch-alttestamentlichen Lemmata desselben Verfassers sehr kurz sind. Die Beiträge fast aller Autoren ließen sich durch einen bestimmten Stil kennzeichnen; besonders auffällig sind die Beiträge von Christoph Auffarth, der sich häufig bemüht, gegen gängige Meinungen anzuschreiben. Das ist an sich wertvoll, aber in der apodiktischen Kürze, in der die Erkenntnisse vorgetragen werden, für uneingeweihte Leser nicht immer nachvollziehbar. Beispiele finden sich in seinem Beitrag "Römische Religion" (S. 453). Ein anderes Beispiel seiner verkürzten apodiktischen Pädagogik findet sich zu Beginn des aus ganzen drei (sic!) Sätzen bestehenden Stichworts "Griechische Religion" (S. 194), wo er schreibt, diese sei "nur existent als die Vielzahl von Polisreligionen", um gleichzeitig auf in die "Europ. Religionsgeschichte" weiter tradierte "[w]esentliche Modelle" dieser Religion zu verweisen oder s. v. "Exegese" (S. 142) dann doch die singularistische Formulierung "In der griech. Religion ..." zu wählen. Auffällig bei Auffarth ist auch im systematisch-terminologischen Bereich eine dominante Fokussierung auf den europäischen Bereich (z. B. bei "Exegese", das sich lediglich auf die griechische Religion und das Christentum bezieht, ganz so als gäbe es den Tatbestand nicht auch in zahlreichen anderen Schriftreligionen). Mitunter geht diese Fokussierung mit einer fragwürdigen Begriffsarbeit einher, so etwa wenn er s. v. "Priester" (S. 409) erklärt, dieser Begriff sei "[a]ngesichts der - nach der Reformation - teils polem. Verwendung" zugunsten von (m. E. scheinbar) "neutral-analyt." Begriffen wie "Funktionäre oder religiöser Spezialist" abzulehnen. Soll man die wissenschaftliche Brauchbarkeit aller Begriffe bestreiten, die in der Geschichte des Christentums jemals polemisch verwendet wurden? Kann Auffarth dann noch Begriffe wie "Opfer" oder "Polytheismus" verwenden?
Die Dominanz der antik-christlichen Religionsgeschichte spiegelt sich auch in der Auswahl der im WdR vorgestellten Wissenschaftler. Hier findet man Einträge zu Theologen und Altertumswissenschaftlern wie Bousset, Gunkel, Kerenyi, Reitzenstein, Rhode und Usener. Einträge zu Indologen wie Helmut von Glasenapp, Jakob Hauer und Heinrich Zimmer oder zu Islamwissenschaftlern wie Annemarie Schimmel hingegen sucht man vergeblich, ebenso übrigens wie Einträge zu fachgeschichtlich so zentralen Religionswissenschaftlern wie Baetke, Mensching, Schoeps, Smart und Widengren. Merkwürdig erscheint die Tatsache, dass zwei Religionssoziologen gleichsam schon zu Lebzeiten ins ansonsten nur Toten vorbehaltene Pantheon aufgenommen werden (Berger und Luckmann). Es ist klar, dass die einzelnen Lemmata mehr (De Martino) oder weniger (Luhmann) ergiebig sind; insgesamt aber bietet sich ein reicher prosopographischer Fundus.
Im Vorwort schreiben die Herausgeber, neben einer Auswahl an "religionswissenschaftlich bedeutenden Forschern und Denkern" (= Philosophen) seien nur Religionsstifter verhandelt worden (S. VII). Das ist nicht wahr. Abgesehen davon, dass eine Reihe moderner Religionsstifter nicht aufgenommen wurden (es fehlen z. B. L. Ron Hubbard, Sun Myung Moon, Claude Vorilhon alias Raël [auch kein Eintrag zu Raëlismus!]), findet man eine für mich nicht nachvollziehbare Selektion einiger Personen der mittelalterlichen Christentumsgeschichte (Bernhard von Clairvaux, Mechthild von Magdeburg und Ruysbroek, nicht aber Benedikt von Nursia, Dante und Thomas von Aquin). Die Auswahl von Persönlichkeiten aus der chinesischen, indischen, jüdischen und islamischen Religionsgeschichte fällt demgegenüber konsistenter aus (wobei ich aus dem islamischen Bereich al-Afghani, Ibn Arabi, Khomeini und Suhrawardi vermisse).
Es ließe sich viel zu einzelnen Lemmata oder auch zur Lemma-Liste sagen (z. B. zur Doppelung von "Neue Religiöse Bewegungen" und "Neue Religionen"), wenn aber das "entscheidende Beurteilungskriterium" darin besteht, "wie weit das Werk den eigenen Anspruch erfüllen konnte" (M. Hutter in ZfR 14, 2006, S. 86), muss sich der Blick noch einmal auf das Vorwort richten. Neben dem kulturwissenschaftlichen Programm heben die Herausgeber dort als zweites den Anspruch hervor, "sich mit anderen Kulturen und ihren Religionen auf Augenhöhe zu befassen und auseinanderzusetzen" (S. VII). Andere Religionen und Kulturen seien nicht mehr bloße "Forschungsgegenstände"; stattdessen bekennen sich die Herausgeber zum "Prinzip der Eigensprachlichkeit", das die "Verschiedenheit der Kulturen" achte, statt sie "einem europäischen Begriffssystem [zu] unterwerfen". Die wissenschaftstheoretische Spannung zum ('kulturwissenschaftlichen'?) Projekt der "Bereitstellung einer religionswissenschaftlichen Begriffssprache" wird dabei leider nicht reflektiert. Das "Prinzip der Eigensprachlichkeit" beschränkt sich in der Praxis denn auch auf die technischen Finessen, dass "fremdsprachige Begriffe ... in der Regel klein und kursiv geschrieben" werden und "dass die Vielzahl der geläufigen Umschriften auf die Form umzustellen ist, die man in der Forschung findet" (was dem formulierten Anspruch doch eher wieder entgegenzulaufen scheint und in der Praxis auch recht unterschiedlich gehandhabt wird: Während Begriffe aus dem islamischen Bereich philologisch transkribiert werden, wird für den indischen Bereich eine vereinfachte Umschrift verwendet). Die im Vorwort beschworenen Stimmen der "Native Speakers" sind jedenfalls für meine Ohren aus den Lemmata nicht herauszuhören.
Das WdR will "die Schlüssel für die Religionswissenschaft" (S. VII) bereitstellen: "die Begriffe, systematischen Gebiete, Theorien und Methoden". Was die drei erstgenannten Dimensionen angeht, geschieht dies oft auf eine vorbildliche Weise. Lemmata zum Bereich der Methodik aber habe ich außer "Hermeneutik", "Ikonographie/Ikonologie" und "Strukturalismus" keine gefunden (negative Stichproben: Beobachten/Beobachtung, Diskursanalyse [auch Diskurs ist Fehlanzeige], Erklären, Interview, Kodieren, Philologie, Quellenkritik, Sampling, Verstehen).
Im Vorwort wird das Werk als ein 'religionswissenschaftliches Handlexikon' (S. VII) apostrophiert. Diese Bezeichnung ist durchaus zutreffend und als solches kann das WdR ausgesprochen nützlich sein. Es erschließt auf eine kompetente Weise auch mehrere relativ neue Forschungsbereiche (z. B. Religionsökonomie; Esoterikforschung; Natur und Religion; leider fehlen Einträge zu materiellen und visuellen Kulturen). Aus diesen Gründen ist die deutschsprachige Religionswissenschaft den Herausgebern und der Redaktion zu großem Dank verpflichtet. Für die weitere systematische Erschließung wäre ein Sachindex (wie Bowker ihn bietet), der die Lemmata noch einmal systematisch vernetzen könnte, und für den Bereich der Sachinformation eine durchgängige Bebilderung sehr hilfreich gewesen. Mit dem Vorliegen dieses 'religionswissenschaftlichen Handlexikons' bleibt für die Zukunft zu wünschen, dass sich mehr Religionswissenschaftler darin engagieren, religionswissenschaftliche Erkenntnisse und Perspektiven in die deutschsprachige Wikipedia einfließen zu lassen, wo sie ein wesentlich größeres Publikum erreichen, sofort (statt mit z. T. 7-jähriger Verzögerung) erscheinen und fortlaufend aktualisiert werden sowie dann auch tatsächlich "auf Augenhöhe" mit der Öffentlichkeit, Gläubigen und Gegnern präsentiert werden könnten.

Michael Stausberg, Bergen
 

Maya Burger; Claude Calame (Hg.), Comparer les comparatismes. Perspectives sur l'histoire et les sciences des religions, Paris: Edidit S. A. R. L. 2006, 239 S., ISBN 978-2-912770-06-6, € 17,00 [D]

"Comparer les comparatismes" ("vergleichende Methoden vergleichen") ist ein aus einem Kolloquium entstandener Sammelband mit acht Beiträgen von Religionswissenschaftlern und Soziologen aus der Schweiz, Frankreich, Dänemark und Italien. Laut Einführung war der Beweggrund der Untersuchung eine zweifache Reaktion, erstens gegen einen reaktionären Positivismus, der zur Bildung von einander ausschließenden sozialwissenschaftlichen Disziplinen führt; zweitens gegen die institutionelle Aneignung der Religionswissenschaft durch die theologischen Institute. Wunschziel der Organisatoren ist, eine trans- und interdisziplinäre Disziplin aufzubauen, die sich von Methoden, wie etwa "interreligiöser Dialog" oder "Theologie der Religionen", die zu theologischen Fächern gehören, distanziert. Den einzelnen Autoren war als Aufgabe gestellt, Prinzipien einer vergleichenden Methode darzulegen und aus dem Vergleich zweier einander historisch und geographisch fern liegender symbolischer Systeme die Analogien und Unterschiede erscheinen zu lassen. Es ging nicht bloß darum, vergleichende Methoden zu diskutieren, sondern konkrete Anwendungen zu zeigen. Denn für die Studierenden ist es wichtig, eine praktische Antwort zur Frage "Was muss man vergleichen?" und vor allem "Wie muss man vergleichen?" zu erhalten. Es wurden drei Arten des Komparatismus auseinander gehalten: der morphologische Komparatismus der Religionsphänomenologie, der historische Komparatismus von Raffaele Pettazzoni und der römischen Schule, und der analogische Komparatismus von Jonathan Z. Smith. Die Verfeinerung der Methoden in der Anwendung erlaubt neue komparatistische Annäherungen: Ute Heidmann untersucht den Medea-Mythos in der griechischen Tragödie, im römischen Drama und in einem zeitgenössischen Gedicht mit Hilfe einer differenziellen Methodik. Die verschiedenen Verschriftlichungen verleihen dem Mythos neue Bedeutungen, die sich nicht zu einem ursprünglichen universellen Sinn reduzieren lassen. Durch einen Vergleich zwischen den traditionellen nordamerikanischen Kulturen und den mystischen Richtungen des Christentums erhellt Armin W. Geertz die universalistischen und typologisierenden Möglichkeiten einer kognitivistischen und pragmatischen Methode. Er analysiert besonders Formen und Gestik des Gebetes in taxonomischen Kategorien, die er als analytisches transitorisches Werkzeug benutzt. Das Thema Christentum und Islam hat Enzo Pace mit Hilfe der genealogischen Methode aufgegriffen, indem er die Analyse von Talal Asad wieder aufnimmt, der Religion aus ihrem Ursprung heraus verstehen will: die Kommunikationskraft und die Schaffungsfähigkeit beider Religionen erhellen durch ihre Gründer und Propheten. Maya Burger vergleicht die Yoga-Traditionen in Indien und Europa und unterstreicht die Notwendigkeit, beide Richtungen im Einzelnen und in ihrem kontinuierlichen Austauschprozess zu betrachten. Durch einen Komparatismus der Gastlichkeit und der Opferpraxis im rabbinischen Judentum und im brahmanischen Hinduismus versucht Philippe Bornet, die Besonderheiten der jeweiligen Kulturen hervorzuheben und die Kategorien neu kritisch zu betrachten. Mit der Frage "Welcher Komparatismus in Religionsgeschichte nach Lévi-Strauss?" stellt Nicola Gasparro die universalisierenden Voraussetzungen der kulturellen Anthropologie und die historische Methode der römischen religionsgeschichtlichen Schule gegenüber. Durch analogische Methode zeigt Yvan Bubloz die jeweilige Originalität des soteriologischen Diskurses in Augustinus' "De civitate Dei" und in den Werken des neoplatonischen Philosophen Porphyrios. Claude Calame zeigt in einem anthropologischen und religionswissenschaftlichen Vergleich zwischen den antiken Polytheismen (den ganz fremden Religionen) und dem Protestantismus (der ganz nahen Religion), dass Religionsgeschichte und Religionswissenschaft den Absolutismus der theologischen Perspektiven vermeiden können.
Dieser Band stellt eine gute Basis für die weitere Bearbeitung systematischer Überlegungen dar. Er öffnet verfeinerte Wege der Komparatistik, die zu neuen Hypothesen und Anwendungsmöglichkeiten führen.

Margaret Jaques, Zürich
 

Elisabeth Arweck; Peter Collins (Hg.), Reading Religion in Text and Context. Reflections of Faith and Practice in Religious Materials, Aldershot: Ashgate 2006, xvi + 193 S., ISBN 978-0-7546-5482-7, £ 47,40

Dieses Buch, das wesentliche Aspekte religionswissenschaftlicher Forschung aus einer sozialempirischen Perspektive thematisiert, besteht aus elf Aufsätzen von Forschenden in der Religionswissenschaft, der Kulturanthropologie, der Soziologie und in benachbarten Gebieten aus verschiedenen akademischen Institutionen in Großbritannien.
Die Herausgeber des Sammelbandes gehen davon aus, dass religiöse Symbolsysteme über ein breites Spektrum von "Texten" verfügen. Als "Text" wird in der Einführung jedes Zeichensystem, das im Hinblick auf Bedeutung interpretiert werden kann (S. 4), definiert. "Texte" sind somit nicht mit den kanonisierten, theologisch dominanten Textsammlungen zu identifizieren, sondern der Begriff umfasst unterschiedliche Formen von Kommunikation. Texte können verschiedene Gattungen und Stile der schriftlichen und oralen sprachlichen Verständigung innerhalb eines bestimmten kulturellen Umfeldes sein, sowie ganz andere Ausdrucksformen wie beispielsweise die Musik, der Körper, die Landschaft oder architektonische Werke. Diese erhebliche Erweiterung des Text-Konzeptes übernimmt hier eine doppelte Funktion. Einerseits leitet sie das Nachdenken über geeignete Interpretationsmodelle ein, die diese Breite auffangen können: Hier wird vor allem auf die Beiträge von P. Ricoeur und C. Geertz hingewiesen. Andererseits geht sie auf der theoretischen Ebene von einer unmittelbaren Vergleichbarkeit dieser Zeichensysteme im Rahmen der Rekonstruktion von Glauben und Praxis aus.
Dieser theoretisch-methodische Ansatz wird mit empirischen Fallstudien aus unterschiedlichen kulturellen Umfeldern vertieft. Einige Studien fokussieren unterschiedliche Texte wie das römisch-katholische Dokument Dignitas Humanae (J. Sweeney) oder die in den USA zunehmend populäre Erzählreihe Left Behind (M. Gold). Weitere betrachten "Texte", die als Diskurse und Praktiken definiert werden, wie die Sakralisierung von Menschenrechten (P. Chambers) oder die Verehrung von Reliquien in Sufi-Gruppierungen in England (Ian G. Williams). Die weiteren Beiträge behandeln die Interaktion zwischen Texten und Landschaft im indischen Sikkim (V. Arora), unterschiedliche Formen und Funktionen der Musik in evangelikalen Umfeldern (N. A. Schaefer), Gebäude und Architektur (E. Ingleby bzw. P. Collins) und schließlich den Körper als Zeichensystem (S. Coleman bzw. K. Knott).
Die Relevanz dieses Werkes gründet nicht nur auf dieser breiten Auswahl an zeitgenössischen Fallstudien, sondern vor allem auf den zwei zentralen Fragen, die es aufwirft: Das Umreißen und Erweitern des Konzeptes von "Text" in der Rekonstruktion von religiösen Symbolsystemen und die Relevanz einer hermeneutischen Reflexion innerhalb der Religionswissenschaft, die sich dem "Lesen" der "Texte" als einer dialogischen Angelegenheit zwischen Forschendem und Erforschtem nähert.

Daria Pezzoli-Olgiati, Zürich
 

Stefan Huber, Zentralität und Inhalt. Ein neues multidimensionales Messmodell der Religiosität, Opladen: Leske und Budrich 2003, 374 S., ISBN 978-3-8100-3828-9, € 39,90 [D]

Stefan Huber (H.) legt mit diesem Buch ein neues Instrumentarium zur Messung individueller Religiosität vor. In seiner Einleitung (Kap. 1) stellt der Autor die "Grundideen" vor, auf denen seine Überlegungen basieren, und gibt einen Einblick in seinen eigenen Hintergrund, um dem Leser so eine Einordnung seiner Ideen zu ermöglichen. Diese stützen sich auf das psychologische Modell von Allport und das soziologische Modell von Glock (Kap. 2-3). Beide werden in H.s Modell zu einer interessanten Synthese gebracht (Kap. 4). Die daraus entstehenden Messskalen werden dann anhand einer Untersuchung zur Religiosität der Studierenden der Universität Fribourg einer empirischen Überprüfung unterzogen, bevor H. in einem Schlusskapitel die Ergebnisse zusammenfasst und weitere Arbeitsmöglichkeiten aufzeigt. Leider fehlt ein Glossar, das es dem psychologischen Laien erleichtern würde, sich in der Welt der oft fremden Fachtermini zurechtzufinden.
Seinem Modell legt H. aus persönlichkeitspsychologischer Perspektive eine Definition von "religiösen Konstruktsystemen" (rKS) zugrunde (S. 175-187), die sich von anderen KS dadurch unterscheiden, dass in ihnen "'etwas' auf 'Letztgültiges' bezogen" werde (S. 182). Darauf aufbauend stellt er seine neuen Konzepte vor: Je zentraler ein rKS in der Persönlichkeit eines Einzelnen, desto stärker sein Einfluss auf dessen Erleben und Verhalten (S. 187), und: Der Inhalt eines rKS bestimmt die Richtung der Einflussnahme (S. 189). Bei der Anwendung müssen daher die in der Definition (zu) allgemein gehaltenen Begriffe "etwas" und "Letztgültiges" mit Bezug auf das spezifische rKS konkretisiert werden. H. spricht beispielsweise in seinem Anwendungsbeispiel (aus Sicht der Religionswissenschaft eher fragwürdig) vom Vorherrschen des abrahamitisch-religiösen KS (!). Aus den ersten Postulaten ergebe sich, dass religiöses Erleben eine Funktion von Zentralität und Inhalt des rKS sei (S. 193). Dementsprechend geht es in der Entwicklung des Messinstrumentariums darum, Inhalt und Zentralität der individuellen rKS psychologisch zu operationalisieren. Die Zentralität wird dabei anhand von fünf Dimensionen gemessen (kognitives Interesse, Ideologie, Erfahrung, Gottesdienst und Gebet; S. 197), die H. aus Glocks Ansatz übernimmt.
Es scheint mir nicht möglich zu sein, das Modell in einem anderen Kontext als dem westlich-christlichen anzuwenden, da ihm (gerade auch in der Gestaltung des Fragebogens, S. 365-372) sehr deutlich christlich-theologische Begrifflichkeiten und solche der europäisch-amerikanischen Kirchensoziologie der 1970er/80er Jahre zugrunde liegen, die in anderen Kontexten nicht ohne weiteres verständlich und sinnvoll sein müssen. Trotzdem bietet das Buch eine Vielzahl von Anregungen für die Erforschung der individuellen Religiosität und ihrer Einflüsse auf das Alltagsleben von Menschen.

Frank Neubert, Heidelberg
 

Rita Panesar, Medien religiöser Sinnstiftung. Die "Volkserziehung", die Zeitschriften des "Deutschen Monistenbundes" und die "Neue Metaphysische Rundschau" 1897-1936, Stuttgart: Kohlhammer 2006 (= Religionswissenschaft heute 2), 284 S., ISBN 978-3-17-019038-2, € 38,00 [D]

Die Autorin hat sich die Aufgabe gestellt, anhand einiger wichtiger religiös devianter Zeitschriften den Leser in die Welt des "religiösen Alternativmilieus des ausgehenden Kaiserreiches und der Weimarer Republik" (S. 15) - und noch etwas darüber hinaus - einzuführen. Leider kann aus Platzgründen keine detaillierte Würdigung geboten werden. Die exemplarische Auswahl der Periodika begründet Frau Panesar wie folgt: "Der Volkserzieher" stehe für "christliche und deutschreligiöse Positionen", die Zeitschriften des Monistenbundes für Positionen, die ein "neues umfassendes Stiftungsangebot machen" und die "Metaphysische Rundschau" für Ansätze, die "sich an mystischen Traditionen orientierten und ... Artikel zu Naturheilmethoden und Theosophie als auch zu Okkultismus, Spiritismus und indischem Yoga enthielten" (S. 16). Man kann diese Schwerpunktsetzung als gelungen bewerten. Bei der Auswahl der Periodika könnte man sich gerade für letzteren Schwerpunkt auch andere Titel vorstellen (etwa "Der Weg zum Licht" bzw. dessen Fortsetzung "Theosophie" mit der [zeitweiligen] Beilage "Theosophische Rundschau"), aber berücksichtigt man die Unmenge der Periodika auf diesem Gebiet, so ist die getroffene Auswahl sehr akzeptabel. Sehr zu begrüßen ist ferner die Tatsache, dass in diese Auswahl auch monistische Blätter einbezogen worden sind - einschließlich deren Gewichtung -, was der Autorin manche Kritik einbringen wird (S. 22). Vor allem Ostwalds (und Haeckels) Beiträge sind aber für die zeitgenössische Ausprägung religiöser "Devianz" kaum zu überschätzen. Gleichfalls zu unterstützen ist der Ansatz, multiple Devianz im Fokus zu behalten. Zu Recht wird betont, dass dies "eher die Regel als die Ausnahme" gewesen wäre (S. 16). Dass religiös Deviante zugleich häufig auch kulturell Deviante (Vegetarier, Impfgegner, Körperkulturisten, Antivivisektionisten, Tierschützer, Feuerbestatter, Weltsprachler, Friedensfreunde, Völkische usw.) bzw. multipel intrareligiös Deviante waren, wird in religionswissenschaftlichen Kreisen noch ungenügend gewürdigt. Die vorgelegte Arbeit hat ihr Ziel erreicht, darzustellen, wie "herkömmliche [religiöse] Deutungssysteme" durch "neue weltanschauliche Optionen" ersetzt wurden. Dies anhand eines speziellen Mediensektors zu belegen, stellt den Wert dieser Studie dar. Damit wird zugleich ein wichtiger Diskussionsbeitrag zur Debatte "Religion" (S. 32-36, 231-237) vorgestellt. Das Medium Zeitschrift ist unter diesen Prämissen in der vorgeführten Breite bisher dafür noch nicht erschlossen worden.
Eine kritische Schlussbemerkung dennoch: Sicher ist es dem untersuchten Medium geschuldet, dass die vorgelegte Arbeit häufig auf Leserschichten (einschließlich der implizierten) rekurriert, die als "Bildungsbürger", "Intellektuelle" oder "Oberschichten" benannt werden können. Dabei kann der Eindruck entstehen, dass damit die soziale Verortung der Gruppen als solche gekennzeichnet wäre. Eine Überprüfung des Mitgliederbestandes vor Ort könnte indes auch enthüllen, dass dieses Segment keineswegs in jedem Fall repräsentativ ist.

Heinz Mürmel, Leipzig
 

Edith Franke; Michael Pye (Hg.), Religionen Nebeneinander. Modelle religiöser Vielfalt in Ost- und Südostasien, Münster: Lit-Verlag 2006 (= Religiöse Gegenwart Asiens 2), 149 S., ISBN 978-3-8258-8411-6, € 24,90 [D]

Der vorliegende Band geht auf ein Panel der DVRG-Tagung in Erfurt im Jahre 2003 zurück. Die vier ursprünglichen Vorträge von Edith Franke, Joachim Gentz, Michael Pye und Katja Triplett wurden für die Veröffentlichung um zwei weitere von Manfred Hutter und Hairan Woo erweitert. Ziel des Bandes ist es, der augenblicklichen politischen Fixierung auf Religionen als Konfliktquellen historische und gegenwärtige Modelle der friedlichen Bewältigung religiöser Vielfalt entgegenzustellen. Der Schwerpunkt liegt auf der Gegenwart, d. h. dem 20. und 21. Jh.; eine Ausnahme bildet der Artikel von Gentz, der sich mit dem chinesischen "Drei Lehren" (sanjiao)-Diskurs vom 3. bis zum 17. Jh. befasst. Pye berichtet über die Rolle der Drei Lehren in chinesischen Tempeln Südostasiens, wobei er sich auf eigene Beobachtungen während kurzer Besuche in der Region in den Jahren 2003 und 2004 stützt. Franke behandelt die Konstruktion kultureller Einheit und Harmonie mittels der indonesischen Staatsphilosophie Pancasila ("Fünf Grundlagen"), Hutter Entwicklungstendenzen im malaysischen Hinduismus, Triplett diverse Aspekte von religiöser Vielfalt und Religionspolitik in Japan, und Woo die Rolle des Won-Buddhismus in der interreligiösen Dialogbewegung Südkoreas.
Während jede einzelne Fallstudie für sich interessante Einblicke bietet, ergänzen sich diese nicht zu einem Gesamtbild. Dazu sind die thematischen Ausrichtungen zu verschieden und die konzeptuelle Kontinuität ist zu schwach ausgeprägt. Die meisten Autoren verwenden als kleinsten gemeinsamen Nenner Begriffe wie "religiöse Vielfalt" oder "Pluralität", welche einfach die Tatsache der Koexistenz verschiedener Religionen beschreiben, ohne eine Aussage über ihr Verhältnis zueinander zu machen. Einige Autoren reflektieren analytische Begriffe wie Pluralismus (Gentz und Woo) und Synkretismus (Pye und Woo), aber solche Überlegungen werden in anderen Kapiteln nicht fortgeführt. Dies liegt wohl auch daran, dass die einzelnen Kapitel thematisch so weit divergieren: Sicherlich repräsentieren chinesische Tempel, die indonesische Pancasila-Ideologie und die Dialog-Bemühungen des Won-Buddhismus jeweils auf ihre Art religiöse Vielfalt, aber das macht sie noch nicht zu vergleichbaren Phänomenen. Wo sich die Artikel gegenseitig ergänzen, geschieht dies eher zufällig. Frankes Aufsatz z. B. konzentriert sich im Wesentlichen auf die Pancasila-Ideologie und das damit zusammenhängende Harmoniedenken, ohne ausführlich auf die mitunter weniger harmonischen Konsequenzen für nicht-islamische Religionsgemeinschaften einzugehen. In Pyes Reisebericht hingegen erhaschen wir einen kurzen Blick auf die doktrinären Verrenkungen buddhistischer Gemeinschaften, um sich gemäß den Pancasila als monotheistisch präsentieren zu können. Hutters Forschungen zum Hinduismus im kulturell verwandten Malaysia wiederum zeigen sehr deutlich, welche praktischen Existenzbedingungen staatlich verordnete Toleranz unter islamischen Vorzeichen anderen Religionsgemeinschaften auferlegen kann.
Kurzum, dieser Band bietet nicht mehr und nicht weniger als sein Titel verspricht: die Darstellung einzelner ost- und südostasiatischer Modelle religiöser Vielfalt. Jeder Artikel liefert einige Steinchen für das Mosaik unseres Wissens um Möglichkeiten multireligiöser Koexistenz. Zusammenfügen muss der Leser sie allerdings selbst.

Philip Clart, Columbia, Missouri
 

Angelika C. Messner; Konrad Hirschler (Hg.), Heilige Orte in Asien und Afrika. Räume göttlicher Macht und menschlicher Erfahrung, Schenefeld: EB-Verlag Dr. Brandt 2006 (= Beiträge des Zentrums für Asiatische und Afrikanische Studien der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel 11), 281 S., ISBN 978-3-936912-19-7, € 23,00 [D]

Mit dem 11. Band des Zentrums für Asiatische und Afrikanische Studien der Universität Kiel liegt eine bebilderte religionsgeschichtliche Fundgrube zu einigen Kultorten (Friedhöfe, Berge, Schreine, Gräber...) des Nahen Ostens, Ostafrikas und Südasiens vor. Methodisch gehen die meisten der zehn Beiträge hermeneutisch-kulturwissenschaftlich vor (d. h. sie arbeiten Kulthandlungen und die symbolische Bedeutung der Orte im Spiegel von Texten auf), wenige werten Feldforschungen zu Baudenkmälern und dort angesiedelten Praktiken aus. Auch zeitlich sind einige Beiträge kursorisch, andere nehmen sich eine Epoche vor. Die Bandbreite reicht von jüdischen, christlichen und muslimischen Ortstraditionen in Jordanien (H. Hübner über die Sieben Schläfer, Machairus und das Aarongrab), den Tacht-i Suleiman (J. Wiesehöfer) und zoroastrische Schreine im Iran (R. Langer), schiitische Pilgerorte im Irak (A. Pistor-Hatam), sunnitische Kultorte in Syrien und Ägypten (K. Hirschler), Pilgerorte in Indien und Nepal (H. Brinkhaus, über Puri: H. Kulke), die sakral-politische Geografie in China (A. C. Messner), Sufigräber in Tansania und auf den Komoren (A. von Oppen; C. A. Ahmed). Verzichtbar wäre der neo-leibphänomenologische Aufsatz von H. Schmitz.
Die verfolgten Fragestellungen sind dabei höchst unterschiedlich und spannend: z. B. werden im Sinne einer historischen Psychologie Pilgerberichte des 19. Jahrhunderts untersucht, oder aktuelle Identitäts- und Legitimationsgewinne einer religiösen Minderheit (Zoroastrier) über ihre Schreine und dort vollzogenen Kultpraktiken analysiert. Besonders interessant sind die überregionalen Netzwerkbildungen in Ostafrika durch Pilgerrouten und lokale Traditionen an sufischen Gründergräbern vor dem dortigen Migrationshintergrund. Hier können sowohl Erinnerungsbildungen als auch schicht- und geschlechterübergreifende Vergemeinschaftungen vorgeführt werden.
Leider und überflüssigerweise (da ohne deskriptiven Wert) sucht der Reader ein einigendes Band über die Kategorie des Heiligen an "Heiligen Orten", nachdem B. Gladigow im "Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe Bd. I" und andere auch dieses Konzept in der Religionsgeschichte verortet haben. Daran krankt der Ansatz mancher Beiträge, so die Einleitung von A. Messner, die einerseits die angeführte Diskussion um das Heilige kennt (das Heilige als historische Konstruktion), andererseits in einer Anthropologisierung an einer "wesensnotwendigen" "Erfahrbarkeit der Eigengesetzlichkeit religiöser Akte" (S. 3) festhält. In ihrem religiösen Agnostizismus (i. e. das Heilige ist sui generis, wenn auch kulturwissenschaftlich nicht einholbar) bliebe ohne dieses Heilige ihrer Mischposition nur ein zweckrationales Menschenbild. Auch religionsgeografische oder -topografische sowie religionsästhetische Impulse z. B. zur Religionskinästhetik des Pilgerns, wie sie Hubert Mohr angestoßen hat, finden sich weniger. Vielleicht nimmt ein nächster Band solche Innovationen auf, wenn auch Religionswissenschaftler(innen) beteiligt werden.

Anne Koch, München
 

Heinz Heinen, Vom hellenistischen Osten zum römischen Westen. Ausgewählte Schriften zur Alten Geschichte, herausgegeben von Andrea Binsfeld und Stefan Pfeiffer, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2006 (= Historia Einzelschriften 191), xxvii + 553 S., ISBN 978-3-515-08740-7, € 80,00 [D]

Die in diesem Sammelband anlässlich des 65. Geburtstages des bedeutenden Althistorikers Heinz Heinen wiederveröffentlichten Arbeiten sind - den Arbeitsschwerpunkten des Jubilars entsprechend - in vier Abschnitten zusammengefasst: I. Griechisch-römisches Ägypten, II. Bosporanisches Reich und Schwarzmeerraum, III. Christentum und Spätantike, IV. Sklaverei. Ein Stellenregister und ein Namen-, Orts- und Sachregister finden sich am Ende des Bandes. Erwartungsgemäß ist es der III. Teil, der für Religionshistoriker Interessantes enthält. Im Aufsatz "Eine neue alexandrinische Inschrift und die mittelalterlichen laudes regiae. Christus vincit, Christus regnat, Christus imperat" (S. 359-387, Erstveröffentlichung 1982) vertritt Heinen, von einer griechischen Inschrift mit Christusakklamation aus einer christlich wiederverwendeten Grabkammer in der Nekropole von Gabbari im westlichen Alexandria ausgehend, die Ansicht, dass sich die griechische zweigliedrige Formel nicht zu einer dreiteiligen lateinischen entwickelt hätte (welche dann zur mittelalterlichen Formel geführt hätte), sondern dass sich in den verschiedenen Teilen des Römischen Reiches verschiedene Formeln gleichzeitig entwickelt hätten, die letztlich alle auf hellenistisch-römischen Herrschaftsvorstellungen fußen. Der Beitrag "Das Christenpogrom von Lyon und die Anfänge des Christentums im römischen Gallien" (S. 388-406, 1984) behandelt anhand der spärlichen schriftlichen Nachrichten über das frühe Christentum in Gallien die historische, ethnisch-prosopographische, soziale, wirtschaftliche und religiöse Situation in Lyon und Gallien insgesamt zur Zeit des 2. und 3. Jahrhunderts. "Göttliche Sitometrie: Beobachtungen zur Brotbitte des Vaterunsers" (S. 407-414, 1990) stellt die genannte Passage mit ähnlichen Formulierungen im Alten und Neuen Testament, aber auch in Papyri und anderen Quellen der hellenistisch-römischen Antike zusammen und erläutert dadurch deren Lebensbezug. Im Artikel "Überfüllte Kirchen. Bischof Athanasius über den Kirchenbau in Alexandrien, Trier und Aquileia" (S. 468-485, 2002) beleuchtet der Autor die historischen Hintergründe der Verteidigungsrede des Niceaners Athanasius, Bischof von Alexandria, vor dem arianisch gesinnten Kaiser Constantius, wertet die in diesem Text ausgeführten Abschnitte über Kirchenbau auch in Aquileia und besonders in Trier aus und erklärt die Bedeutung der Weihung von Bischofskirchen durch den Kaiser für dessen Ansehen.
Auch im I. Abschnitt behandeln mehrere Arbeiten vor allem den Herrscherkult im römischen Ägypten und dessen Ursprung im hellenistischen Herrscherkult und der pharaonischen Königsideologie: "Herrscherkult im römischen Ägypten und damnatio memoriae Getas" (S. 105-141, 1991), "Ägyptische Tierkulte und ihre hellenischen Protektoren" (S. 142-153, 1994), "Vorstufen und Anfänge des Herrscherkultes im römischen Ägypten" (S. 154-202, 1995) und "Ein griechischer Funktionär des Ptolemäerstaates als Priester ägyptischer Kulte" (S. 203-217, 1996). Bestechend ist in allen Arbeiten die minutiöse Auswertung der schriftlichen und auch archäologischen Quellen im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung mit der Sekundärliteratur.

Sylvia Hutter-Braunsar, Alfter
 

Reinhard G. Kratz; Hermann Spieckermann (Hg.), Götterbilder, Gottesbilder, Weltbilder. Polytheismus und Monotheismus in der Welt der Antike. Bd. 1: Ägypten, Mesopotamien, Persien, Kleinasien, Syrien, Palästina, Tübingen: Mohr (= Forschungen zum Alten Testament, 2. Reihe, 17), xix + 378 S.,
ISBN 3-16-148673-0, € 69,00- Bd. 2: Griechenland und Rom, Judentum, Christentum und Islam, Tübingen: Mohr (= Forschungen zum Alten Testament, 2. Reihe, 18) vii + 335 S., ISBN 3-978-16-148807-8, € 59,00 [D]

Die beiden Bände gehen auf eine Ringvorlesung des Göttinger DFG-Graduiertenkollegs "Götterbilder - Gottesbilder - Weltbilder. Polytheismus und Monotheismus in der Welt der Antike" zurück. Die insgesamt 29 Beiträge spannen einen Bogen vom Alten Ägypten über Mesopotamien, Persien, Kleinasien, Syrien und Palästina (14 Beiträge in Bd. 1) bis zu Griechenland und Rom sowie dem Judentum, dem Christentum und dem Islam (15 Beiträge in Bd. 2). Dabei wird eine Fülle an Material geboten und eine ganze Reihe von Einzelfragen diskutiert. Wer auf der Suche nach neuen Erkenntnissen zur mesopotamischen oder phönizischen Religion ist, wird genauso fündig wie derjenige, der sich für den Zoroastrismus oder wichtige Aspekte römischer Religion interessiert. Für den eher an systematischen Fragestellungen orientierten Religionswissenschaftler sind besonders die Einleitung und die beiden, als "Nachwort" bezeichneten Beiträge am Ende des zweiten Bandes aufschlussreich. Andreas Bendlin bietet anhand der römischen Religion eine lesenswerte Auseinandersetzung mit Clifford Geertz' Kulturtheorie, während Jan Assmann einmal mehr seine These vom gewaltvollen Monotheismus und der "mosaischen Unterscheidung" zu Papier bringt. An diesem Punkt, nämlich der Problematisierung klassischer Begriffe und der Kritik vereinfachender Theoriebildung, setzt die äußerst lesenwerte Einleitung an. Die Herausgeber bestimmen die Antonymie "Polytheismus - Monotheismus" nicht als hermeneutische, sondern als heuristische Kategorien. Es geht um die Beschreibung komplexer Konstellationen, die in der Religionsgeschichte ganz unterschiedlich benannt wurden, sei es als Monolatrie, Pantheismus, Dualismus oder Henotheismus. Genau diese terminologische Engführung wird jedoch, wie die Herausgeber betonen, dem Material nicht gerecht, wie auch die in der Gegenwart populäre These vom "Lob des Polytheismus" als verlässlichere Basis für individuelle Freiheit und weltanschaulichen Pluralismus eine problematische Zuspitzung ist. So leitet die von hohem Theorie- und Reflexionsniveau geprägte Einleitung letztlich zu einer Ebene hin, von der aus man die Bände auch lesen kann: Wie bestimmen die einzelnen Verfasser jeweils das Verhältnis von Gottes- und Weltbild? Wird dieses mittels eines Analogieschlusses von "unten" nach "oben" anthroprozentrisch erklärt oder von "oben" nach "unten" gedeutet (vgl. dazu Annette Zgoll, Bd. I, S. 104 oder Heinz-Günther Nesselbach, Bd. II, 21)?
Insgesamt bieten die beiden Bände eine Fülle interessanter Aspekte, von denen die in Aufgriff einer These Burkhard Gladigows aufgeworfene Frage nach dem Verhältnis von "insulären Monotheismen" und "mitlaufenden Polytheismen" besonders geeignet erscheint, holzschnittartige Rekonstruktionen der altorientalischen und antiken Religionsgeschichte zu überwinden.

Bernd U. Schipper, Bremen
 

Jacob Neusner (Hg.), The Babylonian Talmud - A Translation and Commentary: Hullin (Vol. 20), Massachusetts (USA): Hendrickson Publishers 2005, viii + 803 S., ISBN 978-1-56563-707-8, $ 895,00 (Gesamtwerk mit 22 Bänden plus CD-ROM)

Es ist ungewöhnlich, ausgerechnet ein Buch in der Religionswissenschaft zu besprechen, das - übersetzt - den Titel "Profane(s)" trägt. Der Mischna/Talmud- Traktat "Hullin" (oder je nach Schreibweise: Hulin/Chulin) behandelt die "profanen" Schlachtungen im Gegensatz zu den sakralen Schlachtungen, die auf dem Tempelaltar bzw. durch einen Priester vollzogen wurden. Damit umfasst dieser Traktat die jüdischen Regelungen für jegliche Art von seit zweitausend Jahren vollzogenen Schlachtungen und ist für das religionsgebundene Alltagsleben innerhalb des Judentums (vgl. auch Islam) bis in die Gegenwart hinein kaum zu überschätzen! Es werden die spezifischen jüdischen Momente wie etwa die Trennung von Milch- und Fleischprodukten, das Verhältnis von Mutter und Kind bei Tieren, das Verbot, den "nervus ischiaticus" zu verzehren u. a. behandelt. Der Herausgeber Neusner verweist explizit auf die identitätsdefinierende Bedeutung dieser Regelungen hin: Sie dienen, "Israel" über die Zeiten hinweg und in allen Orten, trotz und nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem (70 u. Z.) in seiner Heiligkeit vor Gott zu bewahren (S. VIII).
In diesem Band 20, Hullin, bietet Neusner zunächst eine Übersetzung des umfangreichen Traktats, der schon in der klassischen deutschen Übersetzung von L. Goldschmidt 447 Seiten einnimmt. Die über die aktualisierte englische Übersetzung hinausgehende wissenschaftliche Leistung Neusners in seiner Talmud-Reihe insgesamt wie spezifisch in diesem Werk liegt in Folgendem: In den Talmudtext werden die für das flüssige Textverständnis notwendigen Ergänzungen eingetragen. Dieser Gesamttext wird in seiner Reihenfolge belassen, doch durch Einrückungen in mehreren Grade und Textmarkierungen in Sinneinheiten unterteilt. Die Zusammenhänge innerhalb des Texts werden so weit deutlicher als dies bei bisherigen Ausgaben der Fall ist. Darüber hinaus zeigt Neusner, dass der gesamte Traktat weniger eine frei assoziierte Anhäufung von Gedanken, Vorschriften und Erzählungen darstellt, die mit dem vorgegebenen Text der Mischna nur lose in Verbindung stehen, als dass die Struktur das prägende Element ist. Einschübe innerhalb des Ganzen erweisen sich als sinnvolle Ergänzungen zum jeweiligen Gesprächsverlauf, die das Thema vertiefen (vgl. die auf S. 802 genannten Einschübe) bzw. einen neuen Aspekt ("fresh topic", vgl. S. 801 f.) hinzufügen.
Gegenüber der Goldschmidtausgabe zeigt sich jedoch bei Neusner trotz aller Vorteile ein Problem: Ist der Kommentaranteil im eigentlichen Sinn bei Goldschmidt schon auf das Elementare reduziert, so beschränkt er sich bei Neusner darauf, dem Lesenden die flüssige Lektüre an sich überhaupt zu ermöglichen. Eine Auflösung der Abkürzungen der Mischna-, Talmud- und weiteren Traktate findet sich in diesem Einzelband nicht. Die Beschäftigung mit dem Talmud bleibt trotz allem Gewinn für den Wissenschaftler in diesem Fall eine "Wissenschaft für sich". Dieses Talmudwerk von Neusner ist auch auf CD-Rom erhältlich.

Bertram Schmitz, Hannover
 

Zadoq ben Ahron, Talmudlexikon - Alles was Sie schon immer über den Talmud wissen wollten, Neu Isenburg: Melzer 2006, 976 S., ISBN 978- 3-937389-72-1, € 49,95 [D]

Der Talmud steht als monumentale Enzyklopädie vor jedem, der sich (religions)-historisch mit dem Judentum beschäftigt; vielmehr noch, er spielt vielfach noch heute in Ritual- und Glaubensvorstellungen hinein und bildet deren Grundlage. Da er aufgrund seines enormen Umfangs und seines schwer zugänglichen Ordnungssystems wie auch seiner eigenwilligen Gedankenführung nur bedingt als Primärliteratur ohne Hilfsmittel in die Hand genommen wird, ist ein Forscher über ein Talmudlexikon hocherfreut; eine Lücke in diesem Bereich scheint sich zu schließen. Inwiefern dies der Fall ist, soll in Bezug auf das Werk von Zadoq ben Ahron nun dargestellt werden: Dem Lexikonteil ist zunächst eine Abhandlung "Über den Talmud" von Heinrich York-Steiner aus "Die Kunst als Jude zu leben" vorangestellt. Dieser Essay ist dem Lexikon insofern angemessen, als er in verschiedenen Aspekten bereits einen Eindruck vom Lexikon selbst gibt: Es enthält eher Abhandlungen als Artikel und führt aus jüdischer Perspektive kenntnisreich und umfassend in die Thematik und Problematik der Stichwörter ein. Die geringe Anzahl umfangreicherer Artikel kann durch das ausführliche Register am Ende des Werkes leicht erschlossen werden. Das Werk ist, wie die Einleitung, eher aus der Perspektive des Glaubenden geschrieben. Die einzelnen Abhandlungen, wie etwa über vielfältige Methoden der im Talmud verwendeten und legitimierten "Exegese" (S. 139-176), die - wie im Talmud üblich - diskutiert (Rabbi Ismael: "Wie ein Hammer, der Felsen zerbröckelt, so kann der Leser den Vers verschieden deuten." S. 140) und angefragt (Raba: "Dein scharfes Messer zertrümmert jeden Vers!" S. 148) werden, werden detailliert und anschaulich dargelegt. Eine Stärke und eine Schwäche des Lexikons werden symptomatisch an diesem Beispiel deutlich: Es nimmt - über die Sachkenntnis hinaus - den Lesenden in das talmudische Denken hinein, aber es lässt den Forscher dadurch unbefriedigt, dass es allzu häufig, wie auch hier, keine Zitatquelle angibt. Wer erwartet hatte, mit Hilfe von Stellenhinweisen durch den Talmud geführt zu werden, wird enttäuscht sein; wer wissen will, was und wie damals gedacht wurde, kommt auf seine Kosten und erhält viele weiterführende Hinweise zum Selbststudium. Das "antiquiert" wirkende Moment in Stil, Aufbau, Gedankenführung, mitunter auch Inhalt wird darauf zurückzuführen sein, dass es sich um "die überarbeitete Fassung der epochalen Arbeit des Rabbiners Jakob Hamburger aus dem 19. Jahrhundert" (Internetangabe; Amazon) handelt - was der grundsätzlichen Qualität dieses Werks keinen Abbruch tun muss.

Bertram Schmitz, Hannover
 

Andreas Roth, Chasaren. Das vergessene Großreich der Juden, Neu Isenburg: Melzer 2006, 224 S., ISBN 978-3-937389-71-4, € 19,95 [D]

In neun Kapiteln zeichnet Andreas Roth (= Vf.) in seinem hier anzuzeigenden Buch die Geschichte, Kultur- und Religionsgeschichte des - alles andere als "vergessenen" - Chasarenreiches nach, das sich zwischen dem 6./7. und 11. Jh. nördlich des Schwarzen und des Kaspischen Meeres, zwischen dem Dnepr im Westen, dem Kaukasus im Süden und dem Aralsee im Osten erstreckte und im 10. Jh. seine größte Machtentfaltung und Kulturblüte erlebte. Gestützt auf Berichte mittelalterlicher Autoren (insbesondere Reiseberichte) und neu(er)e Forschungen malt Vf. ein buntes Bild jenes Vielvölkerstaates, in dem er eine zwischen der byzantinischen und der islamischen Welt gelegene "Insel der Glaubenstoleranz im Europa des Mittelalters" (S. 72) sieht. Entsprechend breiten Raum nimmt denn auch die Darstellung der religiösen Verhältnisse im Chasarenreich ein (Kap. 3, 5 und 6).
Eines der interessantesten Momente in der Geschichte des Chasarenreiches ist zweifellos die Hinwendung seines Herrscherhauses und der Oberschicht zum Judentum im 8./9. Jh. (Kap. 4). Die Kunde von der Existenz eines "jüdischen Staates" im fernen Osten hatte um die Mitte des 10. Jh. bereits den jüdischen Gelehrten Chasdai ibn Schafrut (Schaprut), Minister des Kalifen Abd ar-Rahman III. in Córdoba, zu einem Briefwechsel mit dem Herrscher der Chasaren veranlasst, in dem er Auskunft über Grundlagen, Geschichte und Struktur des "jüdischen Staates" erbittet. Dieser - erhalten gebliebene und heute überwiegend als echt angesehene - Briefwechsel bildet über weite Strecken den Rahmen und roten Faden der Darstellung. Er ist zudem nicht nur ein Zeugnis diplomatischer Beziehungen im Mittelalter, sondern bestätigt zugleich auch die Bekanntheit der Chasaren und ihres Reiches, und dies nicht nur im Mittelalter, wie deren Nachgeschichte und ihre - mögliche - Verbindung mit den zentralasiatischen Karäern (Kap. 8) sowie die Wirkungsgeschichte der Kunde von ihnen (Kap. 9) durch alle Jahrhunderte bis heute belegt. Wenn auch Vf. zu bescheinigen ist, dass ihm ein leicht lesbarer Überblick über die Gesamtgeschichte der Chasaren gelungen ist, einen Beitrag zu ihrer weiteren Erforschung hat er damit nicht geleistet. Vf. begnügt sich mit der Nacherzählung mittelalterlicher Texte und/oder der Zusammenfassung von Bekanntem. Über seine Quellen (Texte, archäologische Funde) und deren Wert und Bedeutung sagt er ebenso wenig wie über seine Methode und Zielstellung. Auch die Literaturangaben sind eher spärlich. Selbst H. Hirschfelds Al-Chazari von Jehuda Hallewi (Breslau 1885, Nachdrucke) fehlt im Literaturverzeichnis, und dies, obwohl Kap. 1 eine auffällige inhaltliche und sprachliche Nähe zu Hirschfelds Einleitung aufweist. Die annotierte Bibliographie von B. D. Weinryb in Studies in Bibliography and Booklore 6 (1962-1964), S. 111-130 und SBB 11 (1975/76), S. 57-74 ist Vf. offenbar unbekannt. Entgangen ist ihm auch der den gegenwärtigen Stand der Forschung repräsentierende umfangreiche Sammelband von V. Petruchin u. a. (Hg.), Chazary - Khazars, Moskau; Jerusalem 2005 (= Evrei i slavjanie - Jews and Slavs, Bd. 16), 567 S. Weiteres bibliographisches Material hätte er noch unter der von K. Brook betreuten URL http://www.khazaria.com finden können, von dessen The Jews of Khazaria er immerhin die erste Auflage von 1999 (jetzt: Littlefield 22006) erwähnt. Vielleicht hätte dies Vf. daran gehindert, seinem Buch einen so irreführenden Untertitel zu geben.

Stefan Schreiner, Tübingen
 

Wolfgang Huber; Johannes Friedrich; Peter Steinacker (Hg.), Kirche in der Vielfalt der Lebensbezüge. Die vierte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2006, 511 S., ISBN 978-3-579-05527-5, € 24,95 [D]

In jedem Jahrzehnt veranlasst die Evangelische Kirche in Deutschland Befragungen und Untersuchungen zu ihren Mitgliedern. Ungeachtet des reichen statistischen Materials, das für das religionssoziologische Arbeiten nutzbar gemacht werden kann, darf eines nicht vergessen werden: Fragestellungen und Methoden spiegeln interne Interessen und Ziele einer Religionsgemeinschaft: Die EKD will ihre Personalpolitik für die nächsten Jahrzehnte strukturieren und ihre Finanzen durch Prognosen über die Austrittsneigungen planbar machen.
Auch wer nicht über die evangelischen Landeskirchen forscht, wird der Studie manchen interessanten Gesichtspunkt entnehmen können: Die wenig tragfähige Milieu-Klassifizierung v. a. der 90er Jahre wurde durch das "Lebensstil"-Konzept im Hinblick auf die christlich-religiöse Verbundenheit ersetzt. Die sechs Lebensstile in ihrer abnehmenden Kirchlichkeit und zunehmend nicht-christlichen Religiosität sind wesentlich flexibler und korrespondieren mit neueren Wahlanalysen, die den Bildungsstand und den Lebensstil als prägend für Entscheidungen begreifen: hochkulturell-traditionsorientiert, gesellig-traditionsorientiert, hochkulturell-modern, traditionsorientiert-unauffällig, von Do-it-yourself-Tätigkeiten geprägt modern und jugendkulturell-modern wird auch für die Analyse kleinerer, nicht-ethnisch gebundener Religionsgemeinschaften in Deutschland wichtige Erkenntnisse bringen.
Die Rolle des Christentums und vor allem des landeskirchlichen Protestantismus wird Religionswissenschaftler(innen) auch bei den Befragungen und Gesprächsgruppen interessieren: Die Einstellung zum "Zusammenleben mit Muslimen" differenziert zwischen "Evangelisch" (unterteilt in Ost und West) und Konfessionslosen (ebenfalls unterteilt). Dass hier der Unterschied zwischen Ost und West deutlicher zu Tage tritt als der zwischen Evangelischen und Konfessionslosen überrascht ebenso wenig wie die Befürwortung von Moscheebauten, die bei evangelischen und konfessionslosen Westdeutschen mehrheitlich vorhanden ist - bei Ostdeutschen hingegen kaum eine Mehrheit findet.
Lesenswert auch die Zitate aus den Gruppendiskussionen, bei denen eine junge Frau gefragt wird, was sie denn unter "Nirvana" verstehe und sie dies mit der Seelenvorstellung der alten Ägypter beantwortet - religiöse Kommunikation wird zur Kommunikation über Religion, worin sich ein guter Teil der Kommunikation esoterischer Kreise widerspiegelt. Meine Empfehlung: kaufen, man wird in den nächsten Jahren nicht an der Studie vorbeikommen.

Hermann Ruttmann, Starnberg
 

Nina Clara Tieler, Muslime in Europa. Religion und Identitätspolitiken unter veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen, Münster: Lit-Verlag 2006, 237 S., ISBN 978-3-8258-9490-0, € 24,90 [D]

Nina Clara Tiesler forscht als Religionswissenschaftlerin am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Lissabon und hat sich bereits in zahlreichen Publikationen mit dem Islam in Europa auseinander gesetzt. Nun ist ihre 2004 an der Universität Hannover vorgelegte Dissertation erschienen.
Seit den 1980er Jahren sind Muslime von der Forschung gleichsam "entdeckt" worden - in gleichem Maße, wie "Religion" als Kategorie in die Sozialwissenschaften zurückkehrte. Tiesler stellt deshalb die Frage, wie diese Diskurse auf der einen Seite die Wahrnehmung des Islam in Europa steuern und auf der anderen Seite die Selbstreflexion der Muslime beeinflussen. Dies umso mehr, da die "Neue Islamische Präsenz" in Europa nicht erst in dieser Zeit eingesetzt hat, sondern mit den Migrationsbewegungen seit 1945 im Zuge der Dekolonialisierung Afrikas und Asiens sowie der Anwerbung von Arbeitskräften zwischen 1960 und 1980.
Kernthese der Autorin ist, dass im sozialwissenschaftlichen Diskurs und seiner (zu) schnellen Übertragung in die Öffentlichkeit eine Islamisierung der Wahrnehmung von Migrantinnen und Migranten aus islamischen Herkunftsländern stattgefunden hat, die empirisch so nicht gerechtfertigt war. In Reaktion darauf haben Muslime selbst Anstrengungen unternommen, sich als (islamische) Minderheit in Europa zu verorten, sich untereinander zu vernetzen und zunehmend - auch motiviert durch die Aufgabe von Rückkehrabsichten in die Herkunftsländer - als Muslime in Europa bzw. europäische Muslime zu begreifen. Als beispielhafte Vertreter - für die Muslime selbst von großer Wirkung - nimmt Tiesler dabei auf Ali M. Kettani, Bobby Salman Sayyid und vor allem Tariq Ramadan Bezug.
Ramadans Konzept eines "Hauses des Glaubensbekenntnisses" als Weiterentwicklung islamischer Raum- und Ordnungsvorstellungen (Haus des Islam vs. Haus des Unglaubens / Krieges) beispielsweise könne es den Muslimen ermöglichen, im säkularen Europa eine "Heimat" zu finden. Der Begriff "Heimat" wiederum ist für Tiesler die Brücke zu dem, was sie mit veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen meint: Anhand der Konjunktur der unscharfen Begriffe Identität und Diaspora werde deutlich, dass innerhalb der europäischen Mehrheitsgesellschaften selbst kein Grundkonsens und keine Orientierung mehr vorhanden sei. Die Menschen befänden sich gleichsam in der Heimatlosigkeit, "Diaspora" als Entwurzelung und Entfremdung kennzeichne die postkapitalistischen Gesellschaften. Hier schließt sich der Kreis, in dem innerislamische Debatten ein Teil des in Europa insgesamt geführten Diskurses um "Identität" werden, in dessen Kontext Kulturalisierung und Ethnisierung von gesellschaftlichen Entwicklungen und Konflikten stattfinden. Leider lässt die Arbeit die für eine Dissertation eigentlich zu erwartende analytische Tiefe der verwendeten Begriffe und der beschriebenen Phänomene vermissen, etwa bei der Bezugnahme auf die Kritische Theorie. Im Gegenzug profitiert die Publikation davon durch eine leichte Lesbarkeit, die anregt, die zahlreichen hier zusammengefügten Aspekte weiter zu vertiefen.

Steffen Rink, Marburg
 

Michael Meyer-Blanck; Görge K. Hasselhoff (Hg.), Krieg der Zeichen? Zur Interaktion von Religion, Politik und Kultur, Würzburg: Ergon 2006 (= Studien des Bonner Zentrums für Religion und Gesellschaft 1), 274 S., ISBN 978-3-89913-490-2, € 42,00 [D]

Der vorliegende Band ist der erste einer Reihe von Veröffentlichungen des 2005 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn gegründeten interdisziplinären "Zentrums für Religion und Gesellschaft" (ZERG). Fünf der 15 Beiträge wurden von evangelischen, einer von einem katholischen Theologen verfasst. Mit je zwei Beiträgen sind die Islam- und die Rechtswissenschaft, mit einem die Politik-, Geschichts- und Bildungswissenschaft sowie die Religionswissenschaft vertreten. Ausgangspunkt der Beiträge sind durchweg die gesellschaftlichen und politischen Interessen Deutschlands, Europas oder allgemein des Westens in der Gegenwart.
Bei dem Übergewicht der Theologie überrascht die Tendenz des Bandes, wie sie schon im Einleitungskapitel der Herausgeber (S. 9-21) artikuliert wird, kaum: eine bloß funktionalistisch-reduktionistisch vorgehende Religionsforschung drohe ihren Gegenstand zu verfehlen und bedürfe des Korrektivs einer substantialen Beschreibung und Berücksichtigung der Binnenperspektive der jeweiligen Religionsgemeinschaft(en), eine Ansicht, die die Mehrheit der Beiträger des Bandes teilt. Dies mache die Beteiligung von Theologen notwendig. Die islamische Binnenperspektive wird dabei von nur einem Autor, dem Islamwissenschaftler und Inhaber des Lehrstuhls für Religion des Islam in Münster, Muhammad Kalisch, repräsentiert. Das Judentum ist in dieser Hinsicht nicht vertreten, sieht man von dem israelischen Historiker Moshe Zimmermann ab, der sich allerdings selbst als "etwas, was man kaum noch Jude nennen kann" (S. 220) bezeichnet. Der Soziologe Justin Stagl, Verfasser des ersten Beitrags "Wie Religionen interagieren und was sich daran wissenschaftlich beobachten lässt" (S. 25-34), der inhaltlich kaum hält, was der Titel verspricht, hebt schließlich gar zu einer Polemik an gegen eine methodisch areligiöse und derart "antiseptisch gereinigte Religionssoziologie" (Weber und Durkheim werden als ihre Vertreter genannt) und "so genannte 'Religionswissenschaft'" (wie sie von Religionsethnologen wie Tylor, Frazer und Lévy-Bruhl geübt worden sei) sowie deren Versuch, "die Religionen [zu] dekonstruieren" (S. 32 f.). Demgegenüber bekennt er sich, gegen Webers Diktum, zur "eigenen religiösen 'Musikalität'" als für eine vollwertige Religionsforschung unabdingbare "Erkenntnisquelle" (S. 33).
Neben diesem und ähnlich fragwürdigen Beiträgen (Udo Di Fabio; Tilman Mayer) finden sich eine Reihe von vielversprechenden Arbeiten: die Darstellung der neuen, historisch-kritischen Koranexegese in der Türkei des Islamwissenschaftlers Felix Körner, Manfred Hutters Ausführungen zu deutschen Muslimen als potenzielle Vermittler zwischen den Kulturen, Wolfram Kinzigs Untersuchungen des Einflusses der religiösen Orientierung auf das Handeln deutscher Spitzenpolitiker, die methodischen Grundüberlegungen zu einer angemesseneren Analyse der Rolle religiöser Zeichen (Kreuz und Kopftuch) "in Schule und Öffentlichkeit" und zu einem geeigneten empirischen Vorgehen hierfür aus religionspädagogischer Sicht von Michael Meyer-Blanck und die bildungstheoretischen Betrachtungen über die Frage "Wie und was lernt man bei religiöser Interaktion" des Bildungswissenschaftlers Volker Ladenthin.
Das ZERG präsentiert sich in diesem Band als eine Institution, die mit ihrer pragmatischen Ausrichtung auf die Grundlegung interreligiöser Dialoge und die politische Steuerung des Zusammenlebens verschiedener Religionsgemeinschaften der Forderung nach "gesellschaftlichem Nutzen" geistes- und sozialwissenschaftlicher Forschung gerecht zu werden versucht. Die Überrepräsentation der Theologie(n) und die Tendenz hin zu einer interkulturellen Theologie oder Theologie der Religionen zeigen erneut, wie Theologen derzeit ihre Disziplin in diesem Sinne zu profilieren bestrebt sind. Die hier präsentierten Ergebnisse bedürfen für eine Beurteilung ihrer im eigentlichen Sinne religionswissenschaftlichen Relevanz teils einer methodenkritischen Analyse. Ein Teil der Beiträge fällt durch die programmatische Aufhebung der Differenz von Objekt- und Metaebene geradezu in den Gegenstandsbereich religionswissenschaftlicher Forschung. Die artikulierten Forschungspositionen dürften für Religionswissenschaftler in jedem Fall von wissenschaftspolitischem Interesse sein.

Lutz Greisiger, Leipzig/Halle
 

Ronald Lukens-Bull, A Peaceful Jihad. Negotiating Identity and Modernity in Muslim Java, New York: Palgrave Macmillan 2005, 152 S., ISBN 978-1-4039-6660-5, £ 14,99

Unter dem programmatischen Titel 'A Peaceful Jihad' behandelt der amerikanische Anthropologe Ronald Lukens-Bull mit einer Studie zu traditionellen islamischen Schulen auf Java, den sog. pesantren, die Auswirkung von Modernität auf islamische Identität und liefert damit zugleich einen Einblick in den Islam in Indonesien.
Vor dem Hintergrund längerer Feldforschungsaufenthalte in den 1990er Jahren auf Java stellt Lukens-Bull eine ethnographische Studie zu drei ausgewählten pesantren vor und analysiert deren Konzeption, Lehrpläne und Leitungsstrukturen. Im Mittelpunkt steht dabei die Wechselwirkung zwischen klassischer islamischer Erziehung (mit einer großen Autorität der religiösen Lehrer/kiyai und einer zentralen Rolle der Koranrezitation in den Curricula) und modernen Einflüssen (z. B. Koedukation oder naturwissenschaftliche Lehrinhalte).
Lukens-Bull zeigt, dass sich das Spektrum der pesantren von solchen mit ausschließlich religiöser und moralischer Ausbildung bis hin zu Schulen erstreckt, die ein breites Angebot säkularer Fächer (wie Computerkurse oder Englischunterricht) aufweisen. Deutlich wird dabei, dass in den pesantren Diskurse über Möglichkeiten und Grenzen der Integration von sufischen Traditionen, säkularen Aspekten und zeitgenössischen politischen Zielsetzungen geführt werden und dass in unterschiedlicher Intensität eine selektive Integration moderner Elemente erfolgt. Die Schüler(innen) und Student(inn)en in den javanischen pesantren reagieren dabei ganz überwiegend mit einer dezidiert religiös-islamischen Identifizierung auf Modernisierungs- und Globalisierungsprozesse und entwickeln eine spezifisch islamische Modernität.
Die Ausführungen von Lukens-Bull verdeutlichen, dass die von Clifford Geertz entwickelten Kategorien santri, abangan und priyayi zur Analyse des Islam auf Java nicht mehr ausreichen, um die verschiedenen Facetten islamischer Religiosität im heutigen Java zu erfassen. Die zunehmende islamische Orientierung der indonesischen Gesellschaft kann nicht als Santrisierung bezeichnet werden, sondern muss als eine spezifische Form der Auseinandersetzung mit der Moderne gesehen werden, die zu verschiedenen Facetten eines religiös-spirituell und zugleich modern geprägten Islam auf Java führt.
Die Arbeit von Lukens-Bull ist religionswissenschaftlich in mehrfacher Hinsicht ertragreich. Zum einen liefert sie eine kenntnisreiche Studie zum Islam auf Java, der sich durch lokale, mystische und zugleich modernistische Prägungen auszeichnet. Zum anderen wird damit ein wertvoller Mosaikstein zur Vervollständigung und Differenzierung des Diskurses zum spannungsreichen Verhältnis von Islam und Moderne geliefert. Dabei wird zugleich deutlich, dass die Ausdifferenzierung eines modernen und moderaten Islam durchaus mit einer Betonung islamischer Religiosität einhergehen kann, wie im Falle der untersuchten pesantren. Das Buch bietet damit einen fundierten Einblick in die Lebenswelt des Islam in Südostasien und liefert einen Beitrag, um die Auswirkungen der Modernisierung in islamischen Kulturen besser zu verstehen.

Edith Franke, Marburg
 

Kai Borrmann, Das Aqdas, Würzburg: Ergon 2005 (= Mitteilungen zur Sozial- und Kulturgeschichte der islamischen Welt 20), 329 S., ISBN 978-3-89913-463-6, € 39,00 [D]

Die vorliegende Untersuchung über das Aqdas wurde als Dissertation an der Philosophischen Fakultät der Albert-Ludwig-Universität Freiburg eingereicht. Der Autor beleuchtet hierin die "kulturelle Verwurzelung" der Baha]i-Religion im Persien des 19. Jh.; so werden im Aqdas nicht nur Einflüsse aus der persischen Literatur, dem Bayan al-[arabi, dem Neuen Testament und dem Koran nachgewiesen, sondern auch die Übernahme einzelner Phrasen; aber auch syntaktische Fragestellungen werden erörtert.
Die motivgeschichtliche und "psychoanalytische" Analyse bzw. der Vergleich führt den Autor immer wieder zu Feststellungen wie: Der Bab sei "schlafwandlerisch" den ihm "bestimmten Weg" gegangen (S. 44); bezüglich seiner Lehre spricht er von "verwickelten Phantasmagorien" (S. 21); "seine Schriften sowohl als seine Taten sind auf ihre Wirkung auf andere hin berechnet" (S. 44); die Baha]iya sei "bewusst als eine 'unabhängige Religion' konstruiert worden"; dieses Konstrukt sei dann den Gläubigen als "Offenbarung" vermittelt worden (S. 55). Der Wortschatz des Baha]ullah war "recht beschränkt" (S. 77). "Seine Metaphern und Phraseologie sind Spolien, zusammengeplünderte Textbausteine, um den Winkel der eigenen Wahrnehmung mit ihnen auszukacheln" (S. 77).
Der Autor geht demnach von einer ganz bewussten und gezielten Konstruktion des Aqdas bzw. der Baha]i-Schriften aus, die dann als Offenbarungen ausgegeben wurden. Religionsgeschichtliche und motivgeschichtliche Analysen wurden und werden auch hinsichtlich anderer Heiliger Schriften vorgenommen. Problematisch wird es aber dann, wenn behauptet wird, mit solchen Analysen das gesamte Phänomen Heilige Schrift bzw. Offenbarung erfasst zu haben, noch dazu, wenn damit auch Wertungen verbunden werden, wie obige Feststellungen des Autors nahe legen. Daher vermisst man auch eine adäquate Sichtung der mystische Sprache des Aqdas (vgl. "Der Verschnitt bacchantischer und mystischer Motive nimmt bei den Sufis breiten Raum ein", S. 94) und der theologiegeschichtlichen Traditionen des Ostens, die im Aqdas zusammenfließen und auf ein neues Wirklichkeitsverständnis hinzielen.
In der Einleitung werden komplexe Fragestellungen, wie die angebliche Verwicklung [Abdulbaha's und Baha]ullahs in Morde und die Frage nach der Fälschung des Testamentes [Abdulbaha's durch Sauqi Efendi (S. 33) - z. B. "Der ohnehin in Mordsachen verwickelte Baha]ullah ..." (S. 184) - gleichsam als über jeden Zweifel erhaben beantwortet. Solche Dinge sind zu komplex, als dass sie mit wenigen Worten abgetan werden könnten. In den Gesamtkontext des Werkes fügen sich auch Äußerungen des Autors in Hinblick auf die gegenwärtige Situation der Baha]i in Iran, die eine gezielte Strategie der Baha]i vermuten lassen (S. 146).
Die motivgeschichtliche Untersuchung bietet sicherlich interessante Einblicke in das Aqdas, für eine (religions)wissenschaftliche Arbeit hätte man sich jedoch mehr an Objektivität, Umsicht und Differenziertheit in der Darstellung erwartet.

Karl Prenner, Graz
 

Martin Gaenszle; Jörg Gengnagel (Hg.), Visualizing Space in Banaras. Images, Maps, and the Practice of Representation, Wiesbaden: Harrassowitz 2006 (= Ethno-Indology 4), 358 S., ISBN 978-3-447-05187-3, € 48,00 [D]

Benares (Varanasi) ist wohl der Ort in Indien, der in den Vorstellungen vieler Leute den meisten Raum einnimmt. Grund genug für die Herausgeber, nicht nur den Ort selbst, sondern gerade die lokal darüber herrschenden Vorstellungen, Visualisierungen und Raum-Konzepte einer religionswissenschaftlichen und -ethnologischen Analyse zu unterziehen.
Die kulturelle Repräsentation von Raum und der religiöse Umgang mit diesem korreliert immer auch mit gegebenen sozialen Dimensionen und muss in deren lebensweltlichen Nischen aufgesucht werden. Im Sinne einer Ethno-Indologie (Religionsethnographie und Textstudium) gehen die Autoren der "Practice of Representation" auf so unterschiedlichen Ebenen wie der sakralen Topographie, dem Spannungsfeld von westlicher und indischer Kartographie, der Visualisierung urbaner Landschaft und dem alltäglichen Handlungsraum (Social Practice and Everyday Life) nach. Mit diesem Zugang wird die Diskrepanz zwischen idealtypischen (idealisierten) Vorstellungen über Benares und dem tatsächlich gelebten religiösen Raum aufgezeigt. Die Beschaffenheit des religiösen Raums lässt sich also nur mehrdimensional abbilden, eben an den oszillierenden Schnittstellen von (visualisierter) Vorstellung, gelebter Religiosität und sozialer Wirklichkeit. "Spaces are never just there; they are subject to social processes". Repräsentativ dafür hinterfragt Annette Wilke den bewussten Umgang mit und den Zusammenhang von "sakraler" Geographie und numerisch-geometrisch ästhetisierten Theologien und Pilgerrouten am Beispiel eines Festzyklus der "Nine Durgas". Axel Michaels beispielsweise verdeutlicht in seinem Beitrag an unterschiedlichen (religiösen) Kartographien den Gegensatz von religiösen und wissenschaftlichen Raumkonzepten. Weitere Beiträge rekonstruieren die Verbildlichung der Stadt anhand von photographischen Darstellungen und Drucken, auch im Kontrast moderner Urbanisierung (letzteres v. a. Sandria B. Freitag). Eindrückliche Einblicke in die soziale und kollektive Raumgestaltung im Alltag ermöglicht etwa Stefan Schütte in seinem Beitrag über die "Washermen in Banaras".
Der Sammelband beschreibt anhand der oben genannten vier Stationen nicht nur einen Ort hoher Religionsdichte und -vielfalt, sondern thematisiert zugleich auf hervorragende Weise religionswissenschaftlich wertvolle Schlüsselbegriffe wie Space und Place; aber auch Konzepte wie Visualisierung, Repräsentation, Translokalität, Identität, Grenze, der dritte Raum, Maps und Images, sollten zunehmend das metasprachliche Repertoire der Religionswissenschaft um religionsethnologische, -ästhetische und kulturanthropologische Termini zu ihrem eigenen Selbstverständnis erweitern.
Der Sammelband schließt damit an Bände wie Cartografia religiosa - Religiöse Kartographie - Cartographie religieuse (hg. von Daria Pezzoli-Olgiati und Fritz Stoltz, 2000), oder Representing and Creating Sacred Spaces (hg. von M. Dickhardt und V. Dorofeeva-Lichtmann, 2003) an und bekräftigt zugleich ein neues Erstarken religionsgeographischer und -ethnographischer Forschung.

Sebastian Schüler, Münster
 

Johannes Beltz, Mahar, Buddhist and Dalit. Religious Conversion and SocioPolitical Emancipation, New Delhi: Manohar 2005, 309 S., ISBN 978-81-7304-620-9, Rs. 750,00, ca. $ 40,00

Kern des Reformanliegens war für den historischen Dalit-Führer B. R. Ambedkar (1891-1956) die vollständige Abschaffung der Unberührbarkeit, aber auch der kastenmäßigen Hierarchisierung der Gesellschaft und ihres hinduistischen Fundaments. Mit diesem gesamtgesellschaftlichen Anliegen verband er eine Neuinterpretation des Buddhismus, die den Namen "Navayana" erhielt, sich aber als wenig anschlussfähig an die traditionellen buddhistischen Traditionen erwiesen hat, nicht zuletzt wegen der Dominanz der zum Bodhisattva erklärten Persönlichkeit Ambedkars. Beltz hat nicht nur die Publikationen Ambedkars, sondern auch die in den letzten Jahrzehnten von neo-buddhistischen Aktivisten publizierte Literatur gelesen oder sich aus dem Marathi übersetzen lassen, nahezu 300 Interviews geführt, an zahlreichen religiösen Veranstaltungen der Mahars teilgenommen. Somit gehört Beltz gewiss zu den bestinformierten Kennern des Mahar-Buddhismus als soziale Bewegung. In der Einführung beschreibt er, wie im Laufe dieser Forschungen seine eigene Identität immer wieder angefragt wird, ins Spiel kommt, wie er sich der Vereinnahmung spielerisch entzieht und zugleich seinem Forschungsgegenstand mit Empathie entgegenkommt. "Instead of looking at the 'lower' castes as mere dependant victims whose destiny is preordained by their oppression, I consider them agents of action and capable of reflection" (S. 17).
Letztlich ist praktisch nicht zu entscheiden, ob der Buddhismus Ambedkars und seine Geschichte seit 1956 eher als Ausdruck sozialer Emanzipationsbedürfnisse oder eher als religiöse Reformbewegung zu werten ist ("Buddhism: Discourse of revolt, liberation and emancipation", Kapitel 4, S. 112-151). Entsprechend pendelt der Autor zwischen sozial-, religions- und gelegentlich politikwissenschaftlichen Methoden. Beltz macht dabei immer wieder die Spannungen zwischen dem säkularistischen Rationalismus sozialer Emanzipationsbewegungen und buddhistischer Spiritualität deutlich, was in der Regel in den meist sozialwissenschaftlich orientierten Untersuchungen zu dem Thema eher weniger der Fall ist.
Im Buch erzählt und beschreibt der Autor die Geschichte der Mahars und ihres Buddhismus von den Anfängen bis fast zur Gegenwart, führt Deutungsansätze vor und nimmt immer wieder Stellung zu ihnen. Somit ist es auch als kritische Literaturübersicht ausgezeichnet verwendbar. Als Monographie geht es auf die französischsprachige Dissertation des Autors an der Universität Lausanne und der Ecole Pratique des Hautes Etudes (Paris) von 1999 zurück, die 2001 unter dem Titel Mahar Bouddhiste et Dalit: conversion religieuse et émancipation sociopolitique dans l'Inde des castes (Bern 2001) publiziert wurde. Für die vorliegende englische Version wurde diese Vorlage in einigen Kapiteln sowie in der Bibliographie leicht überarbeitet, aktualisiert und erweitert.

Heinz-Werner Weßler, Bonn
 

Frank Neubert, Charisma und soziale Dynamik: religionswissenschaftliche Untersuchungen am Beispiel von Shri Ramakrishna und Svami Vivekananda, Aachen: Shaker-Verlag 2005, 181 S., ISBN 978-3-8322-3913-8, € 48,80 [D]

Von George Edward Moore (1873-1958), einem der Begründer der modernen Sprachphilosophie, wird berichtet, er habe bei der Frage nach dem Wesen der Philosophie auf seine Bücherregale gezeigt und geantwortet: "It is what all these are about." Nun kann man zweifellos versuchen, diesem Bonmot einen tieferen Sinn abzugewinnen. Man kann allerdings auch auf solche Äußerungen Moores zurückgreifen, in denen er sich auf eine wissenschaftliche und deutlichere Weise über den Gegenstand der Philosophie äußert. Die vorliegende Dissertationsschrift belässt die Beantwortung der Frage nach dem Gegenstand der Religionswissenschaft beim Bonmot. Religion sei - so zitiert der Autor den Leipziger Religionswissenschaftler Thomas Hase -, was "aus Konvention" dafür gehalten werde. Und "Konvention heißt: Religionswissenschaftler erforschen in erster Linie das, was alle schon immer als Religion bezeichnet haben" (S. 8).
Dementsprechend beginnt der Autor seine Untersuchung über das Charisma nicht mit einer Definition des Begriffs, sondern folgt "gewissen Konventionen, um Charismatiker zu bestimmen" (S. 31). Er führt seine Untersuchung anhand der Biographien von $ri Ramakrsna und Svami Vivekananda durch. Dabei stellt er das Problem des methodischen Zugangs zu den Diskursen über charismatische Führer in den Vordergrund. Da das Hauptaugenmerk auf Prozessen der Zuschreibung 'charismatischer' Eigenschaften liegt, stellt sich für ihn die zentrale Frage: "Wer schreibt wem, zu dem er in welchen sozialen Beziehungen steht, wann und unter welchen Umständen was zu?" (S. 29). Durch die Beantwortung dieser Frage soll deutlich gemacht werden, dass Charismatisierungsprozesse sich nicht auf eine Beziehung zwischen Führer und Gefolge beschränken lassen, sondern dass vielmehr ein sehr weit zu steckendes Umfeld in die Untersuchungen einbezogen werden muss, das nicht nur die wichtigen sozialen Netzwerke, sondern auch vorausgehende historische Entwicklungen zu berücksichtigen hat. Nur so sei es möglich, biographische Topoi aufzubrechen und auch neue Erkenntnisse über die Biographien der untersuchten Personen hervorzubringen.
Es gelingt dem Autor zweifellos aufzuzeigen, dass die Herausbildung eines Charisma an "Umfelder" gebunden ist, "in denen der untersuchte Akteur sich bewegt(e) und in denen ihm Charisma zugeschrieben wird (wurde)" (S. 28). Es gelingt ihm weiterhin zumindest ansatzweise aufzuzeigen, wie und wodurch ein persönliches Charisma soziale Akzeptanz und Reputation gewinnt. Darin liegt die anerkennenswerte Leistung dieser Arbeit.
Dem kritischen Leser drängt sich allerdings die Frage auf, ob der Autor wirklich einen religionswissenschaftlichen Beitrag zur Bestimmung des Charismabegriffs leistet oder ob er nicht vielmehr eine religionssoziologische Untersuchung der Frage vorlegt, unter welchen sozialen, kulturellen, ökonomischen und politischen Bedingungen sich ein gegebenes persönliches Charisma sozial durchsetzen und öffentliche Reputation gewinnen kann.
Kritisiert werden muss - im Interesse des Lesers wie des Autors - die Preispolitik des Shaker-Verlages, der für diesen Band im Taschenbuchformat 48,80 € verlangt.

Rainer Neu, Wesel
 

Eberhard Fischer, Göttinnen. Indische Bilder im Museum Rietberg Zürich, Zürich: Museum Rietberg, 2. Aufl., 2006, 112 S., 3-907077-19-9, € 20,00
Johannes Beltz, Hindu-ABC, Zürich: Museum Rietberg 2004, 138 S., ISBN 978-3-907077-15-3, € 8,00 [D]

Beide Publikationen entstammen im Hinblick auf den Verlag wie die Autorenschaft dem renommierten Museum Rietberg bei Zürich, dem einzigen Kunstmuseum für außereuropäische Kulturen in der Schweiz. Von der Größe her überschaubar, beherbergen die zum Museum Rietberg gehörenden Gebäude Sammlungen mit Kunstwerken aus Asien, Afrika, Amerika und Ozeanien von allerhöchster Qualität.
Das von Johannes Beltz, dem Kurator der Indien-Sammlung, herausgegebene Hindu-ABC entstand als Begleitschrift zur Ausstellung "Hinduistisches Zürich" (22. 10. 2004 - 28. 01. 2005) im Stadthaus Zürich im Auftrag des Präsidialdepartements der Stadt. Diese Zielfunktion, desgleichen seine Aufmachung - das schreiend-rosarote Papier, der Umschlag in Bierdeckelkarton und die Ringbindung - machen deutlich, dass sich dieses Büchlein primär an ein breites Publikum richtet. Es soll erste Kenntnisse über den Hinduismus vermitteln, auch bereits vorhandene Grundkenntnisse womöglich etwas vertiefen, vor allem aber Interesse und Verständnis des Abendländers für Gedankengut und Praktiken im heutigen hinduistischen Indien wecken. Diesem Zweck dient auch der inhaltliche Aufbau: Der Hauptteil wird von einem glossarähnlichen Wörterverzeichnis beansprucht, das Begriffe aus dem Umfeld des Hinduismus verständlich erläutert. Diesem Teil folgen etliche Farbphotographien aus dem heutigen religiösen Leben. Das Büchlein schließt mit einem Verzeichnis einschlägiger Züricher Adressen (Vereine, Institute, Museen, Tempel, Yoga-Zentren, Tanzkurse, Restaurants, Shops, Reisebüros) und einer Bibliographie mit überwiegend 'praxisnahen' Publikationen.
Das von Eberhard Fischer herausgegebene Werk hingegen hat einen völlig anderen Anspruch. Es wendet sich an den Wissenschaftler bzw. kenntnisreichen Sachverständigen. Aus der umfangreichen Indien-Sammlung des Museums Rietberg stellt es anlässlich einer kleinen Sonderausstellung 65 exquisite Bilder vor, welche indische Maler des 16. bis 19. Jahrhunderts angefertigt haben. Alle Abbildungen werden in Farbe und hochwertigem Druck wiedergegeben; zu jeder gibt der Herausgeber eine kurze, aber aufschlussreiche Beschreibung und Interpretation. Gegenstand der Betrachtung können aufgrund der Vielfalt des hinduistischen Pantheons und des beschränkten Umfangs der Broschüre nur eine Auswahl von Göttinnen sein, die aber breit genug ist, um einen guten Überblick zu erhalten. Ergänzt wird die Reihe der Bilder immer wieder durch kleine, tiefere Einblicke verschaffende Artikel (z. B. "Die Göttinnen im Hinduismus", "Kultbilder und Gemälde von Göttinnen", "Die tantrischen Göttinnen") und durch Beispiele aus der religiösen Versdichtung ("Saundaryalahari: Verse auf die Einzigartigkeit der Göttin" und "Devimahatmya: der große Preisgesang auf die Göttin"). In zwei kurzen Beiträgen von D. Pathy und B. N. Goswamy wird ein Bezug zur Göttinnenverehrung im Hinduismus der aktuellen Gegenwart hergestellt.

Eberhard Kusber, Oberkirch
 

 

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