Jens Kreinath; Jan Snoek; Michael Stausberg (Hg.), Theorizing Rituals. [1] Issues, Topics, Approaches, Concepts, [2] Annotated Bibliography of Ritual theory, 1966-2005, Leiden: Brill 2006-2007 (Studies in the History of Religions - Numen Book Series 114, 1-2), 777 und 573 S., ISBN 978-90-04-15342-4 und 978-90-04-15343-1, € 169,00 und 139,00
Dieses umfangreiche Hilfsmittel für die Erforschung von Ritualen ist aus der Arbeit der von Michael Stausberg (jetzt Universität Bergen) geleiteten Heidelberger Arbeitsgruppe zu Zoroastrischen Ritualen entstanden. Es wird der Versuch einer Bündelung eines Forschungsfeldes unternommen, das sich selbst auf die Mitte der 1960er Jahre entstandenen Klassiker von Mary Douglas und William Turner zurückführt und in den Arbeiten von Roy Rappaport, Ronald Grimes sowie in jüngerer Zeit Catherine Bell und Caroline Humphrey mit James Laidlaw an Kontur gewonnen hat. Die vier zuletzt Genannten sind auch als Autor(inn)en im ersten Band vertreten.
Nach einer längeren Einleitung der Herausgeber besteht der Band aus vier Teilen, die den Begriffen des Untertitels entsprechen. "Methodological and metatheoretical issues" (1-98) behandelt Fragen der Definition von Ritual von verschiedenen Positionen her, dem Vorschlag polythetischer fuzzy-Definitionen, die die Objektklasse "Ritual" nicht durch von ausnahmslos allen geteilte Merkmale definieren (J. Snoek), über die Erwägung, Ritual an Spiel heranzurücken (D. Harth) oder auf den Allgemeinbegriff zu verzichten (D. Handelman). Die zweite Hälfte dieses Teils gibt Raum, "emische" Konzepte und Begriffe von Ritual in verschiedenen Sprachen, von Akkadisch bis Türkisch und Hopi bis Sanskrit vorzustellen.
Im zweiten Teil "Classical topics revisited" (99-261) finden sich sehr unterschiedliche Beiträge. Nachgezeichnet wird die Theorie der "Myth-and-Ritual School", Mythen kodierten Rituale, ebenso wie die Kritik daran; stattdessen wird auf die Rolle von Mythen in Ritualen verwiesen (R. Segal). B. Boudewijnse geht der fehlenden Präsenz von psychologischen Ritualtheorien auf den Grund und findet letztere im primär sozialen Charakter des Konzeptes "Ritual". Im Rückgang bis auf Durkheim erneuert U. Rao die Annahme, Rituale dienten zum Aushandeln von Macht-Beziehungen. In einem "überlangen" (Zitat S. 205) Artikel wirft J. Platvoet einen ideologiekritischen Blick auf In- und Exklusionsstrategien wissenschaftlicher Ritualbegriffe seit 1880; Leitfaden dafür ist die Unterscheidung (oder ihre Negation) von religiösen und säkularen Ritualen. In einer Aufarbeitung strukturalistischer Ritualtheorien vertritt T. Turner die wechselseitige Konstituierung von Struktur und Verlaufsform, von Einzelsymbolen und Symbolwelten und sieht so Fragen nach Struktur und Bedeutung ("meaning") als komplementär. Wichtig ist ihr Hinweis, dass die von C. Geertz angestoßene Suche nach "Bedeutung" nicht auf die Tradition Schleiermacherscher und Diltheyscher Hermeneutik, kodierte Intentionen aus dem Text zu erheben, sondern auf hermeneutische Positionen zurückgreift, die die Bedeutungsproduktion an Texten (aller Art) betonen - hier wird fortdauernder Klärungsbedarf gesehen. A. Michaels schließt mit einer kurzen Kritik der inzwischen klassischen Position Frits Staals der "Bedeutungslosigkeit" von Ritualen.
Der dritte Teil bietet "theoretical approaches" (263-470). In zehn Beiträgen werden ebenso viele Zugänge vorgestellt, modifiziert oder Potentiale ausgelotet. Der Status dieser Zugänge scheint mir dabei unverständlich. "Aesthetics", "Cognition" und "Ethology" beziehen sich auf klar konturierte Theorien, die eigene wissenschaftliche Disziplinen ausgebildet haben. In diesen Beiträgen wird deutlich gemacht, wie diese Theorien Erklärungen für die Gestalt oder das Funktionieren von Ritualen liefern können. Demgegenüber liefern die Stichwörter Handeln, Kommunikation, "Gender", Performanz und Praxis (unter dem letzteren Stichwort schließt C. Wulf in einer performativen Perspektive Handeln und Denken zusammen und fokussiert auf das mimetische Erlernen von Ritualen), "Relationality" und Semiotik Perspektiven, unter denen man Rituale betrachten kann, vielleicht sogar (aber dann nicht exklusiv) muss. Diese Perspektiven haben, so scheint mir, zunächst heuristischen Wert, sie machen auf bestimmte Aspekte von Ritualen aufmerksam und bieten dafür Beschreibungssprachen - mal von geringer (gender), mal von hoher Elaboration und Detailliertheit (Kommunikation, Semiotik).
Vergleichbares findet sich dann aber im Teil 4 "Paradigmatic concepts" (471-684), in dem in jeweils einzelnen Kapiteln - und hier referiere ich einfach das Inhaltsverzeichnis - "agency", "complexity", "deference", "efficacy", "embodiment", "emotion", "framing", "language", "media", "participation", "reflexivity", "rhetorics", "transmission" und "virtuality" vorgestellt werden. Nach Länge wie Zuschnitt sind diese Beiträge sehr unterschiedlich. Manche vertiefen bereits zuvor entwickelte Konzepte (Sprache, Virtualität), andere bleiben hinter den Möglichkeiten deutlich zurück: Die Anwendung von Rhetorik auf Ritual müsste der der Semiotik nicht nachstehen, doch ist dem Artikel von J. Kreinath das Vierfache an Länge desjenigen von J. Fernandez, der über Topoi nicht hinausgeht, eingeräumt. Die Reichweite der vorgestellten Aspekte oder Perspektiven ist sehr unterschiedlich; die alphabetische Anordnung wie die Trennung vom Teil 3 ist für die Benutzer wenig hilfreich.
Der Band schließt mit einem ausführlichen systematischen Index (dem ein dreißigseitiger "Benutzungsvorschlag" vorausgeht), Personenverzeichnis und einer Bibliographie häufig zitierter Arbeiten.
Es muss nach dem vorangehenden Referat des Inhalts nicht mehr betont werden, dass hier eine breite und nützliche Sammlung von Ansätzen zur Ritualforschung vorliegt; der zweite Band verstärkt diesen Handbuchcharakter. Gleichwohl bleiben nicht unbeträchtliche Probleme, von denen zwei herausgehoben werden sollen. Sie betreffen zum einen den im Titel und in der Einleitung formulierten Anspruch, zum anderen die Grenzen der im ersten Band umrissenen Ritual Studies.
(1) Ein Versuch, den Titel als "Rituale theoretisieren" zu verdeutschen, ist keine adäquate Wiedergabe des Buchtitels. Aber Hinweise für eine bessere Übersetzung fehlen mir im Buch. Beabsichtigt und gelungen ist, das zu vermeiden, was viele umfangreiche Publikationen zu Ritualen und spezifischen Aspekten von Ritualen auszeichnet: Der Titel weist auf einen beabsichtigten roten Faden durch die Fülle der zusammengetragenen Fallbeispiele, von denen jedes einzelne Generalisierungen (wenn überhaupt) im Modus der Behauptung vorträgt. "Theorizing rituals" weist hier auf den Anspruch, ein Interesse jenseits von Materialsammlung zu verfolgen. Aber worin genau besteht dieses Interesse? Um was für eine "Theorie" geht es hier? Die Äußerungen scheinen mir widersprüchlich. Einerseits wird bescheiden formuliert: Das Zeitalter der Theorien sei vorüber, es geht um eine Mehrzahl von "theoretical approaches" (xxi), zum Teil nicht um scharfe Terminologie, sondern "Brennpunkte" für die Ritualanalyse (xxv). Aber "theorizing" geht dann auch wieder darüber hinaus, versteht sich als "meta-theoretische Perspektive", die Theorien zueinander in Beziehung setzen will (xxii), ein Projekt "emergenter Qualität", das Theoriebildung mit anderen Formen wissenschaftlicher Arbeit in Beziehung setzen will. Worauf zielt das alles?
Spät, aber schon länger, hat auch die Religionswissenschaft intensiver über ihre Vorannahmen, die Gewinnung ihrer Fragestellungen und die Perspektiven, die sie so auf ihre Gegenstände anwendet, nachzudenken begonnen, bis hin zur Erfassung ihrer eigenen Forschung als "Konstruktion" von "Religion". Damit bewegt man sich auf einer methodologischen Ebene: Methoden werden verstanden als die Strategien der Materialauswahl (oder gar erst, bei Experimenten und Interviews, Quellenproduktion) und Untersuchungsverfahren, die man im Umgang mit Befunden zur Gewinnung von Antworten auf bestimmte Fragen einsetzt. Im Bemühen um eine breite kulturwissenschaftliche Situierung der religiösen Objekte sind hier oft lange Fragenkataloge entstanden, die den Status eigener "Methoden" zu Recht gar nicht beanspruchen; Teil IV exemplifiziert solche Perspektiven.
Im gegenwärtigen deutschsprachigen religionswissenschaftlichen Jargon tritt schnell der Begriff der "Theorie" (wie im vorliegenden Band), ja der "Systematik" hinzu. Aber der Übergang von Methoden und Theorie, Meta-Theorie und Systematik ist keinesfalls fließend. Der Wert von Methoden muss in Bezug auf konkretes historisches Material und Fragestellungen hin diskutiert werden; das könnte in einer Methodenlehre generalisiert werden. Die Rede von "Theorie" sollte man nicht - wenn man nicht einfach eine Unterscheidung zwischen Theorie und Praxis vornehmen will, die für eine Geisteswissenschaft nur selten sinnvoll ist - inflationär betreiben. Theorien bestehen aus Axiomen, grundlegenden Annahmen, und "Gesetzen" - generalisierten Aussagen über empirische Sachverhalte -, die ein widerspruchsfreies Ganzes bilden und Erklärungswert haben sollen (und die Basis von Systematiken liefern können). Solche Theorien kann man auf schwacher empirischer Grundlage entwerfen und dann testen oder induktiv über die Formulierung und spätere Systematisierung von "Gesetzen" gewinnen, die kaum mehr als Wahrscheinlichkeiten aussagen und über immer weitergehende Spezifizierung von Randbedingungen geschärft werden müssen. Das kann reduktionistisch zu immer einfacheren Theorien und weitergehenden Generalisierungen führen, die schließlich empirisch nichtssagend sind; es kann aber auch zu immer weiteren, empirisch gehaltvollen Zuspitzungen führen, deren Generalisierungsgrad so immer weiter abnimmt. Das lässt Platz für unterschiedliche wissenschaftliche Stile, sinnvolle Kooperation wie gegenseitige Abschottung der Diskurse. Das Verhältnis ist in gewissem Sinne antagonistisch: Die Super-Theorie führt nicht zu einem besseren Verständnis einzelner Phänomene, die immer dichtere Beschreibung nicht zu immer weiterreichenden Theorien. Hier suggeriert "theorizing rituals" Fortschritte, die es nicht geben kann. Die polythetische Definition von Ritual, die sich auf eine Mehrzahl von Merkmalen stützt, die nicht mehr alle in jedem Objekt der Klasse vorkommen (Snoek), verändert den Umgang mit All-Aussagen. Der Ersatz von "Ritual" durch "öffentliche Ereignisse" (Handelman) ist keine Aufgabe eines Allgemeinbegriffs, sondern lediglich die Behauptung, der eigene Begriff führe zu empirisch gehaltvolleren Untersuchungen. Der im selben Zusammenhang gemachte Vorschlag, Ritual durch eine "Phänomenologie des Formens von Form" zu ersetzen (48), verspricht letzteres eher nicht. Dem Theorie-Defizit der Religionswissenschaft wäre mit einer klareren wissenschaftstheoretischen Reflexion dieser Zusammenhänge mehr gedient als mit der Einladung zum "Theoretisieren von Ritualen".
(2) Mein zweiter Kritikpunkt betrifft die Grenzen der entworfenen Ritual Studies, der Konstruktion dieses Faches durch eine fachgeschichtliche Grundlegung, Auswahl der Beiträger und Bibliographie. Bei aller Vielfalt der vorgestellten Perspektiven bleibt die Auswahl schmal. Das beginnt bereits sprachlich. Die reiche religionswissenschaftlich-anthropologische italienische Forschung ist nicht einmal in Fußnoten vertreten; die Bibliographie bietet einen einzigen Titel. Die reiche Fest-Forschung (der es an Generalisierungsversuchen, ja Fest-Theorien nicht mangelt) ist nicht vertreten. Die reiche theologische Forschung zu Ritual - Praktische Theologie bzw. Liturgiewissenschaft - spielt keine Rolle. Sicherlich kann man den Standpunkt vertreten, das seien eben nur "ritualistics", indigene Formen der Ritualforschung (xiii), doch schließt das eigentlich produktive Beiträge nicht aus, wie etwa ein Blick auf den Sakramentenbegriff lehrt. All diese Bereiche finden sich nicht einmal in Form eines Index-Eintrages.
Das wird leider auch nicht durch den zweiten Band ausgeglichen. In der Grauzone zwischen expliziten Ritualtheorien und generalisierungsfreudigen Detailuntersuchungen bleiben mir die Kriterien der Aufnahme oder des Ausschlusses trotz der Einführung unklar. Unklar bleibt auch, warum unter den 620 aufgenommenen Titeln manche Aufsätze zwei Seiten umfassende Referate erhalten, von anderen Bänden aber nur ein Inhaltsverzeichnis oder gar nur ein Auszug daraus mitgeteilt wird. Durchgehalten ist das Prinzip, möglichst umfangreich die Autoren selbst zu Wort kommen zu lassen und keine Evaluation vorzunehmen. Die gewählten Zeitgrenzen sind strikt eingehalten; Konrad Lorenz ist so nur mit einem englischsprachigen Aufsatz vertreten. Befremdlich wirkt, dass sämtliche Beiträge des ersten Bandes mit (teilweise) umfangreichen Selbstreferaten aufgeführt sind.
Die vorgetragene Kritik ist nicht nur fachpolitisch zu verstehen (die Religionswissenschaft hat es nicht mehr nötig, einen anti-theologischen Affekt zu pflegen), sondern weist auch auf ein Defizit der vorgestellten Theorien: Wenn darin nur einmal kurz (Sax, 473) die von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern intendierten göttlichen Adressaten als Teil des Phänomens berücksichtigt werden - "superhuman agency" ermöglicht genau das -, bedarf es unbedingt intensiverer religionswissenschaftlicher Theoriebildung.
Jörg Rüpke, Erfurt
Florin Turcanu, Mircea Eliade. Der Philosoph des Heiligen oder Im Gefängnis der Geschichte. Eine Biographie, Schnellroda: Edition Antaios 2006, 484 S., ISBN 978-3-935063-27-2, € 34,00
Dieses Werk dürfte für viele Jahre die maßgebliche Biographie Mircea Eliades sein. Im Jahre 2003 hat der Rumäne Florin Turcanu, Professor an der Fakultät für Politische Wissenschaften der Universität Bukarest, dieses umfassende Werk in französischer Sprache vorgelegt. Nach Übersetzungen ins Rumänische und Englische liegt die Biographie nun auch in einem schönen und sehr sorgfältig edierten Band auf Deutsch vor. Rechtzeitig vor der 100. Wiederkehr von Eliades Geburtstag am 9. März 2007 erschien die Übersetzung in der Edition Antaios (Schnellroda bei Dresden). Dies ist bislang die einzige Biographie Eliades, die das Leben des rumänischen Religionswissenschaftlers behandelt: von seiner Kindheit und Jugend in Bukarest an über die von Eliade in späteren Jahren verleugnete Mitgliedschaft in der faschistischen Eisernen Garde, die Kriegsjahre in London und Lissabon, seine Bekanntschaften mit Julius Evola, Carl Gustav Jung und Ernst Jünger sowie die bahnbrechende Erneuerung der Religionswissenschaft während seiner Jahre in Frankreich und den USA.
Wer war dieser Mann, der sich in späteren Jahren gerne das Flair des Unpolitischen gab und als eine Verkörperung des homo religiosus auftrat, der nicht Auto fuhr, wenig oder gar keine Zeitung las, selten das Telefon benutzte und lieber mit Geldscheinen als mit Karte bezahlte? Auf Eliades politische 'Altlasten' haben in Frankreich bereits Alexandra Laignel Lavastine (Cioran, Eliade, Ionescu. L'oubli du fascisme, Paris 2002) und in den USA der Literaturnobelpreisträger Saul Bellow aufmerksam gemacht. In diesen Untersuchungen werden Ionescu wie Eliade als Vertreter eines radikalen und ultraorthodoxen Flügels der rumänischen Nationalisten dargestellt. Im Jahre 1935 war Eliade zum Bewunderer Corneliu Codreanus geworden, des Begründers und 'Capitan' der Eisernen Garde, dem er eine "messianische" Ausstrahlung zuschrieb. "Codreanu hat aus mir einen fanatischen Rumänen gemacht", vertraut Eliade einige Jahre später seinem Tagebuch an. Mitglied der Eisernen Garde wird er wahrscheinlich Anfang 1937. Aus dieser Epoche stammen seine schlimmsten antisemitischen Ausfälle. Nach einem Aufenthalt in Deutschland veröffentlichte er in der Zeitung Vremea im Februar 1937 die Sätze: "Eine Synagoge erhebt sich stolz als Zeichen der Spiritualität im Herzen Berlins. [...] Hitler hat heute die absolute Macht. Er hätte die Synagogen anzünden und die Juden massakrieren können. Er hat nichts davon getan. [...] Er hat sich mit Konzentrationslagern begnügt, die alles in allem weniger schlimm sind als ein Nackenschuss oder der Galgen." Für den Bewunderer des religionswissenschaftlichen Werkes Eliades ist die Lektüre dieser Kapitel eine traumatische Erfahrung. Doch gehört dieser Schmerz zu den Wehen einer Katharsis, der das euvre Eliades unterzogen werden muss, wenn es über die notwendige politische Kritik nicht insgesamt in Verruf geraten soll. Insgesamt wird der Leser in dieser Biographie durch alle Tiefen auch zu den Höhen des Schaffens Eliades geführt. Der Verfasser überblickt nicht nur detailliert dessen Lebenslauf, sondern auch den Werdegang seines wissenschaftlichen Werkes. Die Ausführungen über Eliades Interesse an Magie, sein Verständnis von Yoga als "experimenteller Mystik", seine Forschungen zur Morphologie des Heiligen und sein Schauder vor der Geschichte als Raum des Irrationalen und als Kraft des Schreckens sind selbst für den Eliade-Kenner eine Bereicherung. Darüber hinaus ist Turcanu mit den Gedanken der intellektuellen Zeitgenossen und der Gesprächspartner Eliades vertraut, so dass man dieses Werk immer wieder gern zur Hand nehmen wird, um bestimmte Zusammenhänge und Entwicklungen der Theoriegeschichte nachzulesen.
Nur: Warum ist dieses Buch in diesem Verlag erschienen, in den es einfach nicht gehört? Die Edition Antaios gehört zur Szene der "Neuen Rechten". Der Geschäftsführer des Verlages, Götz Kubitschek, war langjähriger Redakteur der "Jungen Freiheit" und ist einer der Begründer des "Instituts für Staatspolitik" (IfS), das die ideelle und finanzielle Förderung rechtskonservativer Ideen und Personen zum Ziel hat. Kubitschek, ehemaliger Oberleutnant der Reserve, wurde im August 2001 wegen seiner Beteiligung an rechtsextremistischen Bestrebungen aus der Bundeswehr entlassen. Einige Monate später gründete er die Edition Antaios, in der die deutsche Ausgabe der Biographie Eliades jetzt erschienen ist. Inhaltlich hat das vorliegende Werk dieses Aushängeschild nicht verdient.
Rainer Neu, Wesel
Franz Winter, Emil Cioran und die Religionen. Eine interkulturelle Perspektive, Nordhausen: Bautz 2007 (= Interkulturelle Bibliothek 107), 145 S., ISBN 978-3-88309-291-1, € 10,00
Leben und Werk des bedeutenden Essayisten und Kulturkritikers Emil Cioran (1911-1995) werden in diesem Buch aus der Sicht eines Religionswissenschaftlers untersucht. Franz Winter ist bei dieser detaillierten Darstellung "in beschreibender Absicht an die Thematik" herangegangen (10); es ist also keine religionsphilosophische oder theologische Darstellung von Ciorans Verhältnis zu den Religionen. Zudem wird durch Beachtung der Traditionslinien dargestellt, wie Ciorans Auffassungen religions- und kulturgeschichtlich einzuordnen sind. In diesem Zusammenhang ist die "interkulturelle Perspektive" (Untertitel) eine notwendige Konsequenz der Darstellung, denn Cioran nimmt die Religionen "Asiens" als Fremdreligionen aus der europäischen Perspektive wahr, die ihrerseits im Kontext einer radikalen religions-, näherhin christentumskritischen Position steht. Gerade auch der Aspekt der Religionskritik ist ein wichtiger Themenbereich, der in der jüngeren Religionswissenschaft zu Recht an Bedeutung gewonnen hat (vgl. die Thematik der Jahrestagung der Deutschen Vereinigung für Religionsgeschichte in Bayreuth im Jahr 2005 und die entsprechenden Hefte der ZfR 14/2, 2006, und 15/1, 2007).
Schwerpunktmäßig werden drei Dimensionen der Auseinandersetzung Ciorans mit den Religionen hervorgehoben. Zuerst wird das - im Wesentlichen kritische - Verhältnis zum Christentum dargestellt, dann Ciorans überwiegend positive Beurteilung der asiatischen Religionen und schließlich werden auch Ciorans Bezugnahmen auf die Gnosis herausgestellt. Diesen drei inhaltlich zentralen Kapiteln sind eine Hinführung sowie eine biographische Darstellung über Leben und Werk des Kulturkritikers vorangestellt, und ein Kapitel über die Interkulturalität unter dem Aspekt der "Konvergenz von Mystik und Skepsis" schließt das Buch.
Die vorliegende Untersuchung ist ein überzeugendes Beispiel dafür, wie im Rahmen der Religionswissenschaft die Texte eines bedeutenden Essayisten, Kulturkritikers und Philosophen in zugleich religionshistorischer als auch religionssystematischer Weise analysiert und deren Aussagegehalt in Relation zu spezifisch religionswissenschaftlichen Forschungsfragen herausgestellt werden können. Eine besondere Leistung der Studie ist das Aufzeigen diffiziler Traditionslinien, die die Position dieses europäischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts im Verhältnis zu "asiatischen" Religionen verständlich werden lassen. Der sachliche Ertrag dieser beachtenswerten Studie scheint mir nicht zuletzt darin begründet zu sein, dass an einem konkreten Beispiel deutlich wird, wie die Begriffe der Skepsis, der Mystik, des Atheismus, der Leere, ja der Verzweiflung und der Heillosigkeit in einem engen religionsgeschichtlichen sowie transkulturellen Zusammenhang stehen.
Johann Figl, Wien
Jean Gabriel Fokouo, Donner et transmettre. La discussion sur le don et la constitution des traditions religieuses et culturelles africaines, Münster: Lit-Verlag 2006, 271 S., ISBN 978-3-8258-9843-4, € 39,90
Die von Jean Gabriel Fokouo behandelte Thematik der "Gabe" steht heute im Fokus der wissenschaftlichen Forschung in Frankreich. Die Aufsätze von Alain Caillé und Jacques Godbout, Anhänger der "Mauss-Schule", stellen den Austausch und die Vermittlung von Kenntnissen als Alternative zur ökonomischen Wissenschaft und zur utilitaristischen Soziologie vor. Für diese Autoren ist der Mensch ursprünglich nicht ein homo oeconomicus, der "nehmend und erhaltend" handelt, sondern ein homo donator, dessen Motivation das "Geben" ist.
Der Autor beginnt mit einer Analyse des "Essai sur le don" von Marcel Mauss, in dem der Austausch als Schwerpunkt des sozialen Lebens in archaischen Traditionen vorgestellt wird. Die Gabe ist ein "fait social total" (ein umfassendes soziales Institut), d. h. "ein zugleich ökonomisches, juristisches, moralisches, ästhetisches, religiöses, mythologisches und sozio-morphologisches Phänomen". Die Gabe dient in erster Linie der Verbindung von Menschen miteinander, sie steht an der Wurzel aller Gemeinschaften. Der Austausch ist also nicht nur für archaische Traditionen, sondern auch für moderne Gesellschaften grundlegend.
Der zweite Teil des Buches behandelt die Gabe als Bindungssystem und Sozialverhältnis. Die heutige, abendländische Gesellschaft ist durch die Trennung vom "marché et publics" (Markt und Menschen) gekennzeichnet, ein System von Kauf und Verkauf, von Gütern und Dienstleistungen. Mit der Gabe hingegen kann in der Interaktion zwischen Individuen ein soziales Gewebe entstehen.
Warum wurde die Gabe in der traditionellen Sozialwissenschaft bisher wenig erforscht? Nach Fokouo wird die Sozialwissenschaft von zwei methodologischen Richtungen dominiert: dem methodologischen Individualismus und dem Holismus. Der Sinn der Gabe bleibt beiden Typen dieser entgegengesetzten Paradigmen fern und muss als dritte Alternative betrachtet werden.
In einem dritten Teil werden kulturelle und religiöse Traditionen Afrikas als Beispiele einer Gesellschaft, wo der Austausch eine besondere Bedeutung hat, untersucht. Anders als in archaischen sozialen Gruppen, wo die Gabe nur bei bestimmten Gelegenheiten zur Anwendung kommt, ist sie in den afrikanischen Gesellschaften im Alltag gegenwärtig und wahrnehmbar. Die Vermittlung der kulturellen und religiösen Traditionen ist ein wesentlicher Aspekt dieser Kulturen.
Es ist selten, ein synthetisches Bild der afrikanischen Religionen und Kulturen zu finden. Das macht Fokouos Buch sehr wertvoll. Fokouo stellt die afrikanischen Religionen thematisch und terminologisch dar. Er benützt eine kontrollierte polemische Ausdrucksweise. Statt Mauss'scher Dialektik "donner, recevoir, rendre" (geben, empfangen, zurückgeben) schlägt Fokouo die Struktur "donner, recevoir, transmettre" (geben, empfangen, übermitteln) vor. Fokouo bewegt sich an der Schnittstelle von Ethnologie, Sozialwissenschaft, Religionswissenschaft und Philosophie, und seine komplexe Traditionstheorie regt eine Diskussion an. Sein Buch ist nicht nur für Spezialisten von Marcel Mauss von Bedeutung.
Margaret Jaques, Zürich
Westley Follett, Céli Dé in Ireland. Monastic Writing and Identity in the Early Middle Ages, Woodbridge: The Boydell Press 2006 (= Studies in Celtic History 23), 253 S., ISBN 978-1-84383-276-8, £ 55,00
Westley N. Follett hat 2002 an der University of Toronto promoviert, nachdem er ein Bergin Stipendium des Dublin Institute for Advanced Studies erhalten hatte (2001/02). Dort beschäftigte er sich mit mittelalterlichen Handschriften, die auch für das Thema des vorliegenden Buches von Bedeutung sind. Gegenwärtig ist er LeConte Fellow und Assistant Professor für mittelalterliche europäische Geschichte an der University of Georgia. Er hat sich auf Kirchengeschichte und mittelalterliches Mönchtum spezialisiert.
Sein Buch über die Cé(i)li Dé (auch "Culdees"), die "Klienten Gottes", ist eine gründliche Untersuchung, die neue Perspektiven für die Beurteilung dieser Gruppierung von Mönchen eröffnet, die erstmals im achten Jahrhundert in Irland aufgetreten ist. Obwohl sie einen wichtigen Anteil an der Entwicklung des Mönchtums genommen hat, ist ihre Rolle entweder stiefmütterlich behandelt oder zu sehr pauschalisiert worden. In deutschen Nachschlagewerken gibt es einen entsprechenden Eintrag nur im Lexikon für Theologie und Kirche (Hg. W. Kasper, Freiburg 1994, II, 986 f. [M. Richter]). Wenn die Céli Dé überhaupt Erwähnung finden, werden sie im Allgemeinen als 'Reformbewegung' verstanden (z. B. P. O'Dwyer, Céli Dé, Dublin 1981).
Nach der Zusammenstellung und Diskussion aller relevanten Texte (S. 89-170) - nicht nur der Ausschnitte, auf die man sich bisher gestützt hat - kommt der Autor zu einer Neubewertung der Céli Dé. Er legt dar, dass das religiöse Leben im Irland des achten Jahrhunderts sehr vielfältig war. Das Streben nach Askese konnte von Ort zu Ort variieren, ja selbst innerhalb derselben Gemeinschaft (S. 87). Aber es konnte vor dem Aufkommen der Céli Dé kein sicherer Nachweis für den Verfall asketischer Ideale erbracht werden, wie es die 'Reformhypothese' voraussetzt. Auf deren mangelhafte Begründung hatte z. B. schon Colmán Etchingham hingewiesen (Church Organisation in Ireland, Maynooth 1999, 361). Anstelle dessen zeigen die Quellen, dass diese Mönche sich als selbstbestimmte Mitglieder der 'persönlichen Gefolgschaft' Gottes verstanden haben, in Anlehnung an die Institution des céile 'Gefolgsmann, Klient' in der irischen Gesellschaft. Sie unterschieden sich von anderen Mönchen und Klostergemeinschaften u. a. in ihrer besonderen persönlichen Hingabe und der pastoralen Fürsorge (als anamcharae 'Seelenfreund'), aber nicht in ihrer asketischen Praxis (S. 213).
Das Verdienst der vorliegenden Untersuchung liegt darin, dass erstens aufgrund der Neubewertung der Céli Dé neue Einblicke in das religiöse Leben Irlands als Ganzes möglich werden. Zweitens werden durch die Auswertung aller relevanten Quellen Impulse für die weitere Forschung gegeben, z. B. zur Frage der sozialen und rechtlichen Stellung der irischen Mönche. Drittens werden allgemeine Darstellungen der Entwicklung des Mönchtums und des Klosterwesens im frühen Mittelalter erleichtert. Deshalb werden Fachgelehrte verschiedener Disziplinen mit Gewinn auf dieses Buch zurückgreifen.
Jürgen Zeidler, Trier
Oliver Freiberger (Hg.), Ascetism and Its Critics. Historical Accounts and Comparative Perspectives, Oxford: University Press 2006, x + 258 S., ISBN 978-0-19-530791-7, € 16,96
Dieser nicht sehr umfangreiche, aber inhaltlich gewichtige Band, der aus zehn verschiedenen Beiträgen besteht, versucht, neue Perspektiven für den wissenschaftlichen Umgang mit der Strömung des Asketismus in den Religionen zu entwickeln. Die Beiträge gehen auf Vorträge bei einer internationalen Tagung zurück, die im September 2003 an der University of Texas in Austin stattgefunden hat und auf die Initiative des Herausgebers zurückging. Die nun gedruckt vorgelegten Ergebnisse der Tagung sind auf für den Leser angenehme Weise "revised", da sie vielfach auf das von den anderen Teilnehmern Vorgetragene eingehen und es zu verarbeiten suchen. Dazu kommt eine sehr gelungene, ja vorbildliche Einleitung des Herausgebers (S. 3-21), in der er versucht, Grundsätzliches zu klären, etwa eine (m. E. fruchtbare) Arbeitsdefinition von Asketismus zu geben (S. 4 f.) oder Gesichtspunkte für die sinnvolle Gruppierung asketismuskritischer Ansätze zu entwickeln (S. 5-7), die Beiträge in ihrer Spezifität zu charakterisieren (S. 9-14) und auf dieser Basis weiterführende Perspektiven für die vergleichende Religionswissenschaft aufzuweisen (S. 14-18). Die Beiträge selbst, die die S. 23-258 des Buches füllen, verteilen sich je zur Hälfte auf die Religiosität des "Ostens" (Süd- und Ostasien, mit dem Schwerpunkt Buddhismus: Nr. 1, 5, 7, 9, 10) und des "Westens" (östlicher Mittelmeerraum und Europa, mit dem Schwerpunkt christlich-monastischer Asketismus: Nr. 2, 3, 4, 6, 8); dabei bleibt der Beitrag von M. Deeg (Nr. 3) eigenartig sperrig, da er sich mit dem Thema im Bereich des Phänomens "arische Religion(en)" (auch völkischer Prägung!) auseinandersetzt - das aber auf sehr anregende Weise. Die Beiträge werden nach der in der "Introduction" entwickelten Gruppierung der Kritiken am Asketismus in drei Teilen dargeboten, nämlich unter den Überschriften "Extra-Ascetic Criticism", "Inter-Ascetic Criticism" (d. h. Kritik zwischen konkurrierenden religiösen Gruppen mit asketischen Lebensformen) und "Intra-Ascetic Criticism" (Kritik innerhalb der Askese praktizierenden Gruppe). Jeder Beitrag bietet abschließend seine eigene Bibliographie. Zwar fehlt ein Sachindex zum Band, doch wird hier die Erschließung der Beiträge auf andere Weise, nämlich durch Freibergers "Introduction" geleistet. Das Buch bildet eine große Bereicherung zum Thema "religionswissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Asketismus". Auch wenn man seinen Arbeitsschwerpunkt bei den mehr "westlichen" asketischen religiösen Lebensformen hat, zieht man aus dieser reichhaltigen, anregend kontrastiven Sammlung guten Gewinn. Schließen möchte ich mit der Frage nach dem Grund (auch: nach der Begründung) der Tendenz bestimmter religiöser Gruppen zur Askese; der Herausgeber scheint ihn im Bereich des Zieles von Religion zu sehen (Stichwort "Vollkommenheit", vgl. S. 5). Eine Tagung (und ihre Akten) zu "Askese und das Streben nach religiöser Vollkommenheit" würde das hier vorgestellte Buch ausgezeichnet ergänzen.
Jürgen Horn, Göttingen
Ernst Fürlinger, Verstehen durch Berühren. Interreligiöse Hermeneutik am Beispiel des nichtdualistischen Śivaismus von Kaschmir, Innsbruck: Tyrolia-Verlag 2006 (= Salzburger Theologische Studien interkulturell 4), 452 S., ISBN 978-3-7022-2787-6, € 44,00
Das hervorragende Werk von Ernst Fürlinger führt zunächst in die Gedankenwelt des kaschmirischen Shivaismus ein. Ausgehend von Sanskrit-Texten vom Ende des ersten Jahrtausends erarbeitet der Autor mit Hilfe klassischer Kommentarwerke, späterer Interpretationen, den Erkenntnissen seiner Lehrer und seiner eigenen Erfahrung ein komplexes Verständnis der shivaitischen Gotteserfahrung durch Berühren. Dieses Verständnis stellt er einer frühen westlichen Tradition, geprägt durch Plotin und Augustin gegenüber, um anschließend die shivaitische und die westliche/christliche/katholische Position aufeinander zu beziehen.
Die religionsphilosophischen Sanskritverse sind - wie üblich - sprachlich schwierig, schillernd und interpretationsbedürftig. Bei den tragenden Termini erfasst Fürlinger zunächst ihre Bedeutungsvariation, arbeitet auf ihr je spezifisches Moment hin und lotet dieses dann in der Tiefe aus (mit einem Wörterbuch wie von Cappeller allein würde man bereits die Yogini als "Zauberin, Hexe" [354] übersetzen, doch sei dem Tantriker eine solche Partnerin im Akt nicht zu wünschen, auch wenn Fürlinger die Phantasien des Lesers in dieser Beziehung zur Zurückhaltung mahnt). Dabei folgt der Autor mit fundierter sprachlicher und religionsgeschichtlicher Kenntnis und ohne falsche Scham den indischen Religionsphilosophen in die Tiefe der intensivsten Form der Berührung des Anderen im zwischenmenschlichen Bereich, die zum eigentlichen Symbol der gott-menschlichen Annäherung wird (eine Metapher, von der das Christentum - trotz aller aufgezeigten mystischen Äquivalenz [vgl. 205 ff.] - keinen Gebrauch macht). Die Annahme der Nichtzweiheit (Advaita) von Gott und Welt, die es nachzuvollziehen gilt, wird letztlich durch Erfahrung gestützt.
Ob tatsächlich der Grundtext an einem Punkt dennoch die Zweiheit (Dvaita) lehrte, so dass der Kosmos a-shiva (Nicht-Shiva) sei (308 f.), oder, wie ich mir auch vorstellen könnte, nur jemand das von manchen Indologen gefürchtete alpha privativum (ohne dass der zitierte Text bereits glatt wäre) einführte, gehört nicht zu den Fragen, die von Fürlinger erörtert werden. Bedeutsamer ist ihm das Spiel der (Sanskrit-)Sprache, mit der hier eine religiöse Wirklichkeit zum Ausdruck gebracht wird, die es interkulturell und spirituell zu verstehen gilt.
Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Methode des o. g. Weges der Textinterpretation gewagt, denn sie enthält aufeinander aufbauende, sich teils korrigierende, teils verstärkende Unsicherheitsfaktoren. Die Komponenten: Textverständnis und Wahrheitssuche, Studium des Fremden und eigene religiöse Erfahrung sind des Öfteren untrennbar miteinander verkoppelt, der Gegenstand der Forschung vom Objektbereich in die Sphäre des Subjekts hineingenommen. Die Grenze der Religionswissenschaft wird - durch eingehende hermeneutische Reflexion begründet - überschritten. Fürlinger spricht schließlich - angemessener - von einer "Religionstheologie" (408), der es letztlich mehr um Erkenntnis als um Kenntnis ginge. Von beidem jedoch profitiert der Leser bei diesem Buch, sobald er es nicht als Informationsbuch überfliegt, sondern es sich in diskursiver Auseinandersetzung erarbeitet.
Bertram Schmitz, Jena/Hannover
Niklas Günther; Sönke Zankel (Hg.), Abrahams Enkel. Juden, Christen, Muslime und die Schoa, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2006, 145 S., ISBN 978-3-515-08979-1, € 32,00
Mit der im Titel "Abrahams Enkel" genannten sagenhaften Identifikationsfigur der monotheistischen Religionen hat dieser Sammelband wenig zu tun. Wie am Untertitel erkennbar, geht es um die Bezüge von Judentum, Christentum und Islam zum Versuch der Vernichtung des Judentums durch den Nationalsozialismus. Die Verfasser sind unterschiedlicher Provenienz, ein Vertreter der Religionswissenschaft ist nicht dabei.
Die Qualität der Aufsätze ist sehr unterschiedlich. Positiv hervorzuheben sind etwa die Zusammenfassung Carsten Teicherts über die Geschichte des Zionismus im nationalsozialistischen Vorkriegsdeutschland und die Studie Götz Nordbruchs über die Thematisierung bzw. teilweise oder vollständige Leugnung des 'Holocaust' im Fernsehsender al-Jazeera. Der Aufsatz des Islamwissenschaftlers Heribert Busse "Juden und Christen im Koran" bietet über die Thematik des Bandes hinaus einen klaren Blick auf die Aporien in jüdisch-christlichen Dialogen mit Muslimen. Andere Beiträge sind dagegen unter wissenschaftlichem Niveau. Die editorischen Mängel des Bandes (Nummern der Auflagen nicht hochgestellt, keine Umschrift des Arabischen) sind überhaupt beklagenswert.
Das Buch gibt von seiner Konzeption her dem Religionswissenschaftler insofern zu denken, als es den Fokus überhaupt auf ein "Ereignis" legt. Es handelt sich sogar um das wichtigste Ereignis der Religionsgeschichte des 20. Jahrhunderts, dessen ereignishafte "Singularität" der Philosoph Jürgen Habermas emphatisch im Historikerstreit hervorgehoben hatte. Von hier aus eröffnet sich eine komplementäre Perspektive zu einer Religionswissenschaft, die im Wesentlichen struktur-, sozial- bzw. kulturwissenschaftlich betrieben wird.
Gereon Vogel-Sedlmayr, Passau
Anne Koch, Multireligiös und Multikulturell. Kompetenz im religiösen Feld der Gegenwart. Ein Praxisbuch und CD-Rom mit drei Religions-Kompetenz-Trainings, Frankfurt: IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation 2006, 85 S., ISBN 978-3-88393-824-6, € 12,00
In interkulturellen Kompetenz-Trainings ist es längst Standard, Rollenspiele durchzuführen, wie z. B. das recht bekannte Bafabafa, in dem die Teilnehmenden unterschiedliche fiktive Kulturen und deren Denk- und Verhaltensweisen annehmen, um dann gemeinsame Aufgaben zu lösen. Ziel ist es u. a., fremde kulturelle Dimensionen (z. B. eher individuelle oder kollektivistische Lebensweise) praktisch zu erleben, eigene Einstellungen und Handlungsstrategien zu reflektieren, die Dynamik von Gruppen nachvollziehen zu können und den eigenen Handlungsspielraum zu erweitern. In ihrem leserfreundlich aufbereiteten, gut strukturierten Buch schreibt Koch, dass "Religionskompetenz nie abgesondert von interkultureller Kompetenz zu erlangen sein [wird]" (S. 11).
So ist dieser Beitrag einerseits eine Ergänzung für "Interkulturelle Kompetenz-Trainer" in Wirtschaft, Verwaltung, Schulen, Sozialen Diensten usw., da es - meines Wissens - bisher keine explizit die religiöse Komponente betonende Rollenspiele mit fundiertem religionswissenschaftlichen Hintergrund gibt. Für diese Zielgruppe ist es besonders wichtig, sich mit dem zwar knappen, daher mitunter recht dichtem, aber gutem einführenden Teil auseinander zu setzen. Hier ist es Koch wichtig, dass religiöse Planspiele mit "Erfahrung" arbeiten, nicht aber "religiöses Erleben" vermittelt wird, welches aus früherem religionswissenschaftlichen Verständnis heraus angestrebt wurde (S. 25 f). Nach Koch lernen die Teilnehmenden "weniger, wie andere fühlen, als wie Aushandlungen ablaufen".
Andererseits trägt Koch mit ihren drei dargestellten Planspielen dazu bei, dass religionswissenschaftliche Lehre lebendiger werden kann. Da das kleine Büchlein aus Erfahrung spricht - 300 Studierende an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität haben die Spiele mitentwickelt und getestet -, ist dies eine große Hilfe für Dozierende, die wenig oder keine Erfahrung mit Spielen haben, geschweige denn über Fortbildungen in Gruppendynamik, Rollenspielleitung, Soziodrama o. Ä. verfügen. Sie können auf erprobtes Material zurückgreifen, das u. a. nützliche Hinweise auf mögliche Nachfragen der Teilnehmenden und Zeitpläne gibt, Moderationstechniken empfiehlt und Vorschläge zur wichtigen anschließenden Reflexion anbietet. Die beiliegende CD-Rom ergänzt professionell aufbereitete Arbeitsmaterialien im PDF-Format.
Die Spiele unterscheiden sich in Methode, Zielsetzung, Länge, Aufwand usw. Hier sei der Aspekt des reellen Hintergrundes hervorgehoben: Während im 1. Spiel die Spielenden auf Zeit Vertreter fiktiver Religionen werden, haben die beiden anderen Spiele einen aktuellen Bezug. Im 2. Spiel konkurrieren zwei Neue Religiöse Bewegungen - Universelles Leben und White Eagle Lodge Deutschland - um eine Stelle als sog. spirituelle/r Begleiter/in am fiktiven "Krankenhaus der Toleranz für neue Religionen". Koch verwendet für die Spielanleitung Originalmaterial beider Gemeinschaften. Deren Reaktion auf die Verwendung ihrer Materialien an der Universität während der Probephasen und die geplante Veröffentlichung wird leider nicht erwähnt. Das 3. Spiel, in dem eine Veranstaltung von Vertretern verschiedener Religionen gemeinsam konzipiert werden soll, knüpft an reale Erfahrungen während der Bundesgartenschau 2005 in München an.
Insgesamt dürfte der Adressatenkreis des Buches überschaubar sein, aber diese werden die Arbeit Kochs zu schätzen wissen.
Helga Barbara Gundlach, Hannover
Michi Knecht, Zwischen Religion, Biologie und Politik. Eine kulturanthropologische Analyse der Lebensschutzbewegung, Münster: Lit-Verlag 2006, 322 S., ISBN 978-3-8258-7007-2, € 24,90
Fundamentalistische Bewegungen stellen unbestreitbar eine zentrale Herausforderung für religionswissenschaftlich ambitioniertes Verstehen und Erklären dar. Die modernisierungstheoretischen Heilserwartungen der 1960er und 1970er Jahre sind enttäuscht worden. Ausgeblieben ist die Entelechie der universalen Vernunft, stattdessen sehen sich Intellektuelle durch die "Internationale der Unvernunft" (Thomas Meyer) provoziert. Es herrscht also weiterhin Klärungsbedarf in Sachen Fundamentalismus. Michi Knechts Studie zur Lebensschutzbewegung in Deutschland liefert dafür einen wichtigen Baustein.
Bei der Lebensschutzbewegung handelt es sich nicht um eine fest umrissene Gruppierung, sondern vielmehr um eine "Kosmologie in Aktion". Aktivistinnen und Aktivisten unterschiedlicher sozialer Milieus und Bildungshintergründe werden über ein gemeinsames, hoch-emotionalisiertes Anliegen geeint: den unbedingten Schutz des beginnenden Lebens. Abtreibung gerät dabei zu einem "vielfältig überdeterminierten Symbol", in dessen Spiegel sich gesellschaftliche Fehlentwicklungen und Missstände zeigen. In dem Reformbestreben der Lebensschützer werden Körper, Sexualität und Reproduktion moralisch rekonstruiert. Eine Sakralisierung der Biologie ("Leben ist heilig") und eine Politisierung christlicher Religion gehen damit einher.
Michi Knecht schlägt vor, die Lebensschutzbewegung als fundamentalismusähnlich zu fassen. Diese Charakterisierung ist konzeptuell wohldurchdacht. Abgewehrt werden sollen Denkmuster, die reflexartig die Kategorie "Fundamentalismus" für Sonderbewegungen innerhalb des Islam, Hinduismus, Christentum reservieren, und dabei schnell eine Dichotomie des aufgeklärten Eigenen gegenüber einem vor-modernen Traditionalismus der Anderen befördern. Hinterfragt wird die Selbstbeschreibung der Akteure als "Bewahrer der Tradition", und herausgearbeitet werden Ambivalenzen der Gegenwartskultur "zwischen Rationalisierung und Entzauberung, Wiederverzauberung und Irrationalisierung, Selbst-Besonderung und globalen Austauschprozessen" (279). Dieses Vorhaben muss somit zwangsläufig eine aktor-orientierte Perspektive stark machen. Teilnehmende Beobachtung und zahlreiche qualitative Interviews stellen daher den empirischen Kern der Arbeit dar. Präsentiert werden "Innensichten" und erkennbar werden jene "bewussten, kreativen strategischen und interaktiven Praxen der Selbstausarbeitung der Akteure" (280). Deren Erzählungen zeigen, wie produktiv das Modell Lebensschutz für die Umwertung biographischer Erfahrungen sein kann, und auf welchen narrativ-moralischen Strategien die angestrebte Rekonstituierung hierarchisch strukturierter Geschlechterverhältnisse beruht. Über einen solchen "reflexiven Traditionalismus" werden u. a. Antworten auf Paradoxien geliefert, die sich aus Reproduktionstechnologien und der Kommerzialisierung des menschlichen Lebens ergeben.
Wiewohl die Lebensschutzbewegung durchaus uneinheitlich ist (typologisch unterschieden werden drei Varianten), findet sich doch durchgehend ein extrem polarisierter moralischer Absolutismus, aufgeladen durch religiöse Symbolik, Rhetorik und aktive religiöse Praxis (282). Beschrieben werden die Entwicklungen der 1990er Jahre, in denen sich, auch als Folge der Wiedervereinigung, die Abtreibungsfrage zum öffentlichen Streitthema zuspitzte. Somit liegt hier nicht nur ein wertvoller Beitrag empirischer Fundamentalismus-Forschung vor, sondern beleuchtet werden zudem Aspekte neuerer Religionsgeschichte.
Verankert im Fach Europäische Ethnologie, plädiert die Autorin mit spürbarer Leidenschaft dafür, "Fundamentalismus", "Moderne", "Gender" und empirische Religionsforschung als relevante Arbeitsfelder zu erschließen. Das dabei angelegte Reflexionsniveau ist beeindruckend. Dies gilt für die luzide Verarbeitung des Theorieangebots, insbesondere im Hinblick auf die Methodik der teilnehmenden Beobachtung und die Selbstpositionierung der Forscherin in einem "schwierigen Feld". All jenen, die sich mit Religion unter den Bedingungen einer komplexen Moderne befassen, sei diese in vielfacher Hinsicht lehrreiche Arbeit wärmstens empfohlen.
Peter J. Bräunlein, Marburg
Ada Taggar-Cohen, Hittite Priesthood, Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2006 (= Texte der Hethiter 26), xiv + 514 S., ISBN 978-3-8253-5262-2, € 48,00
In den zwischen dem 16. und dem Beginn des 12. Jhs. v. u. Z. überlieferten hethitischen Texten aus dem antiken Kleinasien wird eine Vielzahl von Begriffen genannt, die männliche bzw. weibliche Personen bezeichnen, die verschiedene Aufgaben im Kult ausüben. Die Vf.in analysiert die zentralen Begriffe für diese Spezialisten und macht deren Funktion und Position als Priester deutlich.
Die wichtigste Person für die Durchführung der Verehrung von Gottheiten in einem Tempel ist der SANGA-Priester, der ursprünglich mit den Göttern des hattisch-hethitischen Zentralgebietes verbunden war. Da die Texte auch von SANGA-Priesterinnen bzw. von Kindern sprechen, ist davon auszugehen, dass das Priestertum nicht zölibatär war und vererbt werden konnte. Jeder Tempel musste mindestens einen SANGA haben. Religionshistorisch ist festzuhalten, dass der SANGA seit Beginn der hethitischen Zeit als zentrale Person im Kult gilt. Wegen dieser Bedeutung des SANGA sieht sich auch der hethitische König im offiziellen Kult als SANGA für die Götter, und die Einführung in das Amt des SANGA ist ein erster Schritt eines Prinzen hin zur späteren Übernahme des Königsamtes. - Der GUDU-Priester ist ebenfalls seit Beginn der hethitischen Zeit ein wichtiger Kultspezialist, allerdings mit gegenüber dem SANGA eingeschränkteren Aufgaben: Er hat nichts mit Schlachtopfern zu tun, sondern mit Speiseopfern und Libationen; die Zahl der GUDU war auf maximal zwei Priester pro Tempel beschränkt.
Während der zweiten Hälfte des 14. Jhs. kommt es zu einer religionshistorischen (und terminologischen) Veränderung, indem der allgemeinere Begriff "Tempelleute" für Priester aufkommt; damit waren ursprünglich Priester bezeichnet, die in Süd- und Südostkleinasien beheimatet waren. Durch das Ineinanderfließen verschiedener kultischer Traditionen, die die "hethitische" Religion des 14. und 13. Jhs. charakterisieren, werden die zunächst klaren Abgrenzungen und Funktionen von SANGA und GUDU variabel. Eine analoge Entwicklung ist auch hinsichtlich der Priesterinnen zu beobachten, da seit der Mitte des 14. Jhs. die AMA.DINGIR-Priesterin zur zentralen Priesterin im Hethiterreich wird und zugleich die ältere SANGA-Priesterin in ihrer Vorrangstellung ablöst.
Fasst man die Aufgaben der Priester zusammen, so erfordert der Umgang mit den Göttern von den Priestern "Reinheit", die körperliche Unversehrtheit voraussetzt; allerdings haben Priester keinen essenziellen Status von "Heiligkeit". Ferner ist festzuhalten, dass "hethitische Priester" mit ihrem Aufgabenbereich bei Opfern, Festen und Anrufungen der Götter von anderen Personen, die im religiösen Bereich tätig sind (z. B. Heilungs- und Beschwörungsspezialisten, Kultmusikern, Schreibern und "Lehrern"), abzugrenzen sind. Mit der grundlegenden Aufarbeitung unseres Kenntnisstandes hat die Vf.in eine vorbildliche Arbeit vorgelegt, die weder bei zukünftigen Untersuchungen zur Religionsgeschichte Kleinasiens noch bei Fragestellungen zum Priestertum in anderen altorientalischen und mediterranen Kulturen unberücksichtigt bleiben sollte.
Manfred Hutter, Bonn
Friedrich Wilhelm Graf, Der Protestantismus, München: Beck 2006 (= Beck Wissen 2108), 127 S., ISBN 978-3-406-46708-0, € 7,90
Dass man Theologen nicht unterschätzen darf und den Leibniz-Preisträger Graf erst recht nicht, hat sich herumgesprochen. Der Münchner Systematiker erweist sich als klug und belesen, als Paradebeispiel des Kulturprotestanten, dessen Hintergründe er beschreibt. Wo liegt der Ertrag dieses Büchleins für die Religionswissenschaft?
Graf legt dankenswerterweise den Ansatz der "Konfessionsfamilien" zugrunde, auch wenn er ihn nicht restlos überzeugend vorträgt: 400 Mio. Protestanten gebe es weltweit, dazu kämen noch die über 500 Mio. Pfingstler, die aber auch Protestanten seien. Hier vermisst der Religionswissenschaftler eine Problematisierung der Unabhängigen Afrikanischen Kirchen, die zwar im euroamerikanischen Zentrismus gerne den Pfingstkirchen zugeschrieben werden, aber doch eine eigene Merkmalsfamilie darstellen. Die ausführliche Begriffsgeschichte rundet Graf mit einer Definition ab, unter der sich dann auch die romunabhängigen katholischen Kirchen (nicht nur) in China und auf den Philippinen als protestantisch fühlen können, falls sie dies möchten: "Unter 'Protestantismus' sind all jene Strömungen des neuzeitlichen Christentums zu erfassen, die sich in ausdrücklicher Differenz zum römischen Katholizismus und zu den orthodoxen Christentümern als eigene, dritte Überlieferungsgestalt des Christentums verstehen." Interessantes wird einem präsentiert, manchmal auch mit überraschenden Ergebnissen: Die "Assemblies of God" seien mit 54 Mio. Mitgliedern die größte Pfingstkirche der USA (!) oder die Baptisten hätten weltweit 84 Mio. Mitglieder (!).
Was fehlt mir in dieser Einführung? Statt ausführlicher systematischer Darstellungen wäre eine Beantwortung der Frage: "Warum hat sich die protestantische Bewegung durchgesetzt?" mit einem Blick auf die jeweilige machtpolitische Konstellation - regionale Autonomiebestrebungen (in Deutschland, Schottland und Skandinavien beispielsweise), geostrategische Kalkulationen (Türkenabwehr und Konzentration auf Mittel- und Südamerika durch Karl V. seien genannt) oder eben auch periodisch wiederkehrende Naherwartungshoffnung als Faktor für Gemeinschaftsgründungen (Taboriten, Täufer, Lutheraner, Darbysten, Adventisten oder Pfingstler in ihren jeweiligen Gründungsphasen) wünschenswert gewesen. Letztlich fehlen auch die Opfer des Protestantismus, dessen Anhänger eben nicht nur verfolgt wurden, sondern auch verfolgt haben: Hexenwahn in "evangelischen" Gegenden, Täuferertränkungen, Antitrinitarierverbrennungen oder "Neger"missionierungen kann man in neuen Publikationen nicht unerwähnt lassen. Platz wäre genügend gewesen, wenn Graf nicht 45 Seiten dem Wechselverhältnis "Protestantismus und Kultur" gewidmet hätte. Insgesamt scheint Graf "den Protestantismus" weniger mit religionssoziologischen Instrumentarien zu sezieren als ihn mit der Literaturschau protestantischer Autoren zu umkreisen.
Hermann Ruttmann, Starnberg
Lena Roos, "God wants it!". The ideology of Martyrdom in the Hebrew Crusade Chronicles and its Jewish and Christian Background, Turnhout: Brepols 2006 (= Medieval Church Studies 6), xviii + 294 + 125 S., ISBN 978-3-503-51447-7, € 80,00
1996 jährten sich die Judenpogrome, mit denen der erste Kreuzzug seinen Anfang nahm, zum 900. Mal. Eine vorzügliche Tagung führte Historiker aus Israel und Deutschland zusammen und fragte nach der kulturellen Verschlingung der jüdischen Gemeinden im Rheinland, ihrer gegenseitiger Wahrnehmung und Abstoßung (Alfred Haverkamp [Hg.]: Juden und Christen zur Zeit der Kreuzzüge, Stuttgart 1999). Dabei wurde deutlich, dass die hundert Jahre alte Edition der jüdischen Chroniken (Solomon ben Simson; Eliezer ben Nathan; der Mainzer Anonymus) von Neugebauer/Stern dringend erneuert werden muss. Die maßgebliche Textedition mit einer deutschen Übersetzung ist jetzt herausgegeben von Eva Haverkamp: Hebräische Berichte über die Judenverfolgungen während des Ersten Kreuzzugs (MGH Hebräische Texte aus dem mittelalterlichen Deutschland 1), Hannover 2005 (die Diss. Konstanz war als Mikrofiche-Edition 1999 schwer benutzbar).
Die hier anzuzeigende Dissertation aus Uppsala (2003) ist zum guten Teil unabhängig davon parallel entstanden. Der Anhang bietet eine englische Übersetzung (ohne den hebräischen Text). Nach Haverkamps Edition ist sie daraufhin kontrolliert. R. fragt nach Einleitungsfragen zunächst (Teil I) nach den historischen Voraussetzungen des Religionskonflikts in den Städten des Rheinlands, Speyer, Worms, Mainz, Köln, Neuss, Ellen, Xanten, Dortmund und Kerpen (31-58): Nachbarschaft, Sprachen, Geschäftsbeziehungen und religiöse Propaganda. Dann (59-84) nach den Traditionen des Martyriums unter Christen und unter Juden. Teil II behandelt Vorbilder und Motive, mit denen sich die jüdischen Märtyrer gegenseitig Mut zusprachen. Besonders die Selbsttötung und die der eigenen Kinder (kiddusch ha-schem) war umstritten. Als Vorbilder (87 ff.) werden die 'Bindung Isaaks', das Martyrium Rabbi Akivas, die Makkabäer, die drei Jungens im Feuerofen (Daniel) gebraucht. Fragen, die behandelt werden, sind folgende: ob sich das Martyrium lohnt (117 ff.), warum gerade die Gerechten und Unschuldigen (darunter Frauen, Kinder, Unverheiratete) leiden müssen (155 ff.), dass Gehorsam doch zur Erlösung führen müsse innerhalb des Bundes zwischen Gott und seinem Volk (199 ff). Das Kapitel 8 Crossing the Boundaries (225 ff.) versucht eine Bilanz der jüdischen Bilder im Vergleich zu den christlichen in der Frage des passiven zum 'aktiven' Martyriums. Es folgt eine Zusammenfassung unter der Frage Tradition and Innovation (257 ff.). Ein so gravierender Einschnitt in (1) die Nachbarschaft der Städte und (2) die Tradition, nämlich der Überfall der Kreuzfahrer aus anderen Gegenden, und damit der Zwang zum Martyrium stellt beides in Frage. Das Umgekehrte, wie die christlichen Kreuzfahrer von den Juden lernten (Christoph Auffarth, Irdische Wege und himmlischer Lohn. Kreuzzug, Jerusalem und Fegefeuer in religionswissenschaftlicher Perspektive, Göttingen 2002), ist nicht beachtet: als Reiterkrieger, die töten; erst später als Gottes Diener, die getötet werden. Dass beide als Märtyrer gelten (254), ist grundlegend für die christliche Seite; die jüdische ist in R.s Buch gut aufgearbeitet. 20 Seiten Bibliographie und ein Index. Das Buch ist professionell ediert.
Wenn auch die deutsche Forschung zu wenig berücksichtigt ist, so werden dafür die hebräisch publizierten Beiträge aus Israel umfassend aufgenommen. Die religionsgeschichtliche Forschung jenseits sprachlicher, nationaler und religiöser Grenzen ist erheblich vorangekommen. Religionshistorisch bedeutsam ist die intime Kenntnis und kontrastive Aneignung von Details religiöser Bräuche im lokalen Kontext bei gleichzeitig weitgehender Unkenntnis und polemischer Topik andererseits.
Christoph Auffarth, Bremen
Friedrich Schorlemmer, Woran du dein Herz hängst... Politisches Handeln und christlicher Glaube, Freiburg: Herder 2006 (= Herder Spektrum 5798), 189 S., ISBN 978-3-451-05798-4, € 9,90
Das hier rezensierte Buch ist keine religionswissenschaftliche Studie über das Verhältnis zwischen Politik und Christentum. Friedrich Schorlemmer geht es um etwas völlig anderes. In einer Reihe aufeinander bezogener Essays ruft er dazu auf, dass sich Christen aktiv an demokratischen Entscheidungsprozessen beteiligen sollen. Der Rezensent hält es gleichwohl für sinnvoll, in der ZfR darüber zu berichten, wie das Buch Religion und Politik aufeinander bezieht und damit zur Konstitution eines Gegenstandes beiträgt, der von der Religionswissenschaft bislang eher vernachlässigt wurde.
Schorlemmers Argumentation nimmt ihren Ausgang bei einer Selbstvergewisserung über die eigene Verankerung im christlichen Glauben. Darauf folgen Kapitel, die sich mit Kategorien wie 'Schuld', 'Verantwortung', 'Wahrheit', 'Gewissen' oder 'Hoffnung' beschäftigen. Jede dieser Kategorien wird mit Blick auf ihre politischen Implikationen diskutiert, wobei Schorlemmer ein weites Spektrum von Bezugspunkten berücksichtigt: Neben biblischen Texten stehen theologische Aussagen von Luther bis Bonhoeffer, philosophische Argumente zwischen Kant und Nietzsche sowie die Überlegungen von Schriftstellern wie Schiller, Brecht oder Wolf. Sie liefern die Grundlage für Schorlemmers zentrale These, dass christliches und sozialdemokratisches Denken eng miteinander verbunden sind. (S. 153) Die einzelnen Argumentationsschritte sind dabei durchgehend durch zwei komplementäre Zugänge geprägt: Auf der einen Seite geht es Schorlemmer um begriffliche Klärungen. In diesen Passagen betont er vor allem, dass das Christentum durch ein ambivalentes Verhältnis zur Politik geprägt sei und dass gerade hierin seine politische Bedeutung begründet liege. Auf der anderen Seite tendiert Schorlemmer dazu, der Argumentation eine biographische Richtung zu geben. Auf diesem Wege stellt er immer wieder Bezüge zu den Erfahrungen mit der Geschichte des sog. 'Dritten Reichs', zu den Lebensbedingungen in der Deutschen Demokratischen Republik und zu den jüngsten Debatten um die Entstehung der Golfkriege her.
Gerade die letztgenannten Passagen machen das hier rezensierte Buch für die Religionswissenschaft bedeutsam. Sie ermöglichen den Blick auf das politische Selbstverständnis eines protestantischen Milieus, das von der Wendezeit geprägt ist (ohne auf diese reduzierbar zu sein) und welches seinen christlichen Glauben an zentralen Punkten politisch versteht (ohne sich auf Fundamentalismusdebatten oder Diskussionen um Körperschaftsrechte zu beschränken).
Karsten Lehmann, Bayreuth
Lucian Hölscher (Hg.), Baupläne der sichtbaren Kirche. Sprachliche Konzepte religiöser Vergemeinschaftung in Europa, Göttingen: Wallstein Verlag 2007, 217 S., ISBN 978-3-8353-0091-0, € 23,00
Die von dem Historiker Hartmut Lehmann herausgegebene Schriftenreihe, in welcher der hier zu besprechende Band erschienen ist, hat sich als Fundgrube für alle an der neueren Religionsgeschichte Europas Interessierten erwiesen. Der erste Band erschien im Jahr 2003. Vier Jahre später liegt jetzt bereits der zehnte vor. Er ist wie die meisten seiner Vorgänger aus einer wissenschaftlichen Tagung hervorgegangen: Den Beiträgen liegen Referate zugrunde, die 2003 am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz gehalten wurden. Drei der insgesamt acht Aufsätze widmen sich der Situation im nachreformatorischen Deutschland, darunter die beiden mit Abstand umfangreichsten: ein Aufsatz von Lucian Hölscher, der einige Grundzüge der Geschichte der interkonfessionellen Konflikte vom 16. bis zum 20. Jahrhundert referiert sowie ein als "Strukturskizze" ausgewiesener Text von Hans Heinrich Bödeker, der die kritischen Auseinandersetzungen protestantischer Aufklärer des 17. und 18. Jahrhunderts (Samuel Pufendorf, Christian Thomasius und Christian Wolf) mit dem Kirchenbegriff untersucht. Siegfried Weichlein schließlich referiert Geschichte und Bedeutung des juristischen Konstrukts der "Körperschaft des öffentlichen Rechts" und informiert über die staatskirchenrechtlichen Positionen und Debatten in der Weimarer Nationalversammlung. In fünf weiteren Beiträgen diskutieren die Autoren die religionsrechtlichen Regelungen in der belgischen Verfassung (Vincent Viaene), den religiösen Pluralismus in den Niederlanden (Peter van Rooden), den Bedeutungswandel des Wortes "Kirk" in der schottischen Gesellschaft (Callum G. Brown), die schwedische Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts (Bo Stråth) und schließlich das russische Wort 'sobornost', eine im 19. Jahrhundert geprägte Vokabel, die in der postkommunistischen Gesellschaft eine "metaphysisch aufgeladene Gemeinschaftsidee" (S. 211) mit zivilreligiösem Potenzial bezeichnet. Kurze Hinweise auf die Arbeitsgebiete der Autoren (überwiegend Historiker) sowie ein Namensregister runden das Werk ab. Wie alle bisher in dieser Reihe erschienenen Bände verdient auch der vorliegende viel Lob. Wer sich informieren möchte über die historischen und rechtlichen Bedingungen, unter denen in verschiedenen europäischen Staaten den religiösen Differenzierungsprozessen mit politischen, juristischen und sprachlichen Mitteln begegnet wurde, bekommt anregende Einblicke. Der etwas kryptisch daherkommende Titel des Bandes und die Einleitung des Herausgebers sind geeignet, das zu verschleiern. Es wäre schade, wenn ein Interessent, müde der ständigen turns in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, hier linguistisch gewendete Reflexionen über Religion und Sprache vermutet und den Band zur Seite legt. Die Autoren unterlassen es nämlich, die in der Einleitung eingeführte Terminologie, insbesondere die mit Nachdruck als innovativ beworbene, aber nicht sehr überzeugende Metapher "Baupläne" (S. 8) aufzugreifen und konzentrieren sich auf die Schilderung der historischen Sachverhalte. Dass die einzelnen Aufsätze somit etwas unvermittelt nebeneinander stehen, ist eine konzeptionelle Schwäche. Dem positiven Gesamteindruck ist das nicht abträglich.
Thomas Hase, Leipzig
Johannes Ries, Welten Wanderer. Über die kulturelle Souveränität siebenbürgischer Zigeuner und den Einfluß des Pfingstchristentum, Würzburg: Ergon Verlag 2007 (= Religion in der Gesellschaft 21), 460 S., ISBN 978-3-89913-547-3, € 54,00
Das Buch von Johannes Ries, eine 2006 abgeschlossene Leipziger Doktorarbeit, beschreibt die Lebenswelt zweier unterschiedlicher Zigeuner-/Romagruppen im rumänischen Siebenbürgen. Angesiedelt in der fächerübergreifenden Religionsethnologie, basiert das Buch auf einer Feldforschung (2002-2005) in einem siebenbürgischen Dorf, das von vier unterschiedlichen Gruppen bewohnt ist: zwei Zigeunergruppen, Rumänen und einigen Siebenbürger Sachsen. Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen die beiden Zigeunergruppen mit ihren unterschiedlichen kulturellen Stilen, die sich auch in den religiösen Einstellungen spiegeln. Während die eine Gruppe - die Tigani - sich in großer Zahl zum Pfingstchristentum bekehrt, bleibt die andere Gruppe - die Corturari - von dieser Strömung unbeeinflusst und folgt einem eigenen religiösen Schema.
Wichtiger Teil der Einleitung ist eine gut begründete und nachvollziehbare Argumentation für die wertfreie Verwendung des Begriffes "Zigeuner". Der erste Teil (Kap. 2 und 3) behandelt das Verhältnis Zigeuner-Mehrheitsbevölkerung, insbesondere die beiderseitigen Stereotypisierungen werden hier dargestellt. Der zweite Teil, ein Exkurs und das 4. Kapitel, führen in die dörfliche Welt von Tr²beê - dem Ort der Feldforschung - und seiner Pfingstgemeinde ein. Dem umfangreichen Hauptteil sind die Kapitel 5-8 gewidmet. Hier werden die gegensätzlichen religiösen Konzepte der beiden Zigeunergruppen einander gegenübergestellt.
Das ethnologische Paradigma der teilnehmenden Beobachtung sowie die Verwendung eines Gruppenbegriffs, der seinen Inhalt nicht an harten Kriterien, wie Sprache, Abstammung oder Territorium festmacht, werden hier für die Religionswissenschaft fruchtbar gemacht. Einzelne ethnische Gruppen "handeln" ihre Grenzen und Unterschiede wechselseitig aus und benutzen hierfür Teile des kulturellen Inventars, das nun als eindeutiges Signet der eigenen Gruppe in Dienst genommen wird. In einem multiethnischen und multireligiösen Umfeld wie in Siebenbürgen übernimmt diese Funktion die Religion. Welche Mechanismen hier greifen, wie die Akteure in ihren Rollen agieren, welche Konflikte entstehen, wo die unterschiedlichen Auffassungen von Frauen und Männern liegen, wo die Unterschiede zwischen den beteiligten Gruppen zu suchen sind, welche Diskurse in den Liedern der Bekehrten und des rumänischen Zigeunerpop vermittelt werden, all das muss der neugierige Leser selbst erkunden.
Es bleibt, auf die zentralen Aspekte der Arbeit zu verweisen, die in der Religionswissenschaft sicher konträre Reaktionen auslösen werden. Die unterschiedlichen religiösen Einstellungen, die zwischen den beiden Zigeunergruppen bestehen, beschreibt der Autor als den Gegensatz zwischen dem homo prodigus - dem Verschwender - und dem homo abstinens - dem Asketen. Die gegensätzlichen Wirtschaftethiken, hier der in exzessiver Leidenschaft sich verausgabende Verschwender, dort der hart für sein künftiges Seelenheil arbeitende bekehrte Pfingstler, verweisen auch auf ein völlig unterschiedliches Religionsverständnis. Um dies herausarbeiten stützt sich der Autor auf die Arbeiten von Georges Bataille. Angelehnt an Bataille entwirft der Autor hier das Bild einer Religion der Weltimmanenz, deren Protagonisten, hier die Corturari, durch die Negation jeglicher Rationalisierung im Bereich der Religion und der Weigerung, einer von Priestern und Kirche legitimierten Orthodoxie zu folgen, sich eine unabhängige sakrale Gegenwart sichern. Während die Mehrheitsgesellschaft für die Immanenz zuständig ist, negieren die Corturari diese Immanenz und finden darin ihre Religion. Eschatologische Konzepte finden in der Gegenwartsfixierung keinen Rückhalt, was verständlich macht, dass sich die Corturari wenig für das Pfingstchristentum interessieren. Anders liegen die Dinge bei den Tigani, für die die Konversion zum Pfingstchristentum gänzlich neue Perspektiven des Ausstieges und Aufstieges eröffnet. Das Buch gewährt dem Leser nicht nur einen faszinierenden Einblick in die rumänischen Verhältnisse, sondern zeigt beispielhaft auf, welche Rolle der Religion im "Identitätsmanagement" von Gruppen zukommt.
Udo Mischek, Göttingen
João Carlos Schmidt, Wohlstand, Gesundheit und Glück im Reich Gottes. Eine Studie zur Deutung der brasilianischen neupfingstlerischen Kirche Igreja Universal do Reino de Deus, Berlin: Lit-Verlag 2007 (= Kirchen in der Weltgesellschaft 1), xii + 269 S., ISBN 978-3-8258-9990-5, € 34,90
Die Dissertation (Ev. Theologie Nürnberg/Erlangen) möchte neben sozioökonomischen auch religiöse Faktoren zur Deutung der neopfingstlerisch-charismatischen Kirche IURD heranziehen. Mit religionswissenschaftlichem Anspruch (S. 6) stellt Schmidt Geschichte, Theologie, Gottesdienst und Kontext der IURD im pfingstlerisch-charismatischen Protestantismus Brasiliens dar. Es folgt die kritische Diskussion brasilianisch-protestantischer sowie religionssoziologischer und weiterer wissenschaftlicher Stellungnahmen zur IURD. Die Attraktivität der Kirche erklärt er im letzten Kapitel über das Konzept der spezifischen von ihr angebotenen religiösen Erfahrung. Die Arbeit ist das interessante Beispiel eines religionsphänomenologischen Ansatzes im Jahre 2007. Kohärenterweise rezipiert er Wach, Widengren, van der Leeuw, Heiler und Eliade. Die Ökonomisierung der IURD, die Unternehmen und den drittgrößten Fernsehsender besitzt, ist in der brasilianischen Öffentlichkeit und Literatur sehr umstritten. Der Zehnte und Geldgaben sind zentrale Rituale, Gründer und Führungsmitglieder sind u. a. wegen Steuerhinterziehung verurteilt. Daher sei nur am Beispiel der Behandlung von Wohlstand durch den Verf. der religionsphänomenologische Zugriff und sein Hang zur Apologetik vorgeführt.
Der Verf. kritisiert Religionssoziologien, die von der Vermarktung des Heiligen bzw. der Supermarktkirche IURD sprechen (S. 133-139, 146, 153), denn dies träfe die Intention des religiösen Personals und der Mitglieder nicht. Wohlstandsrituale (z. B. die "Herausforderung": der Gläubige "fordert Gott heraus", indem er immens hohe Summen, die der Pastor ausruft, spendet, um reichliche Belohnung zu erhalten [S. 86]) hätten einen motivierenden Aspekt, ihre finanziellen Verhältnisse zu regeln; Geldspenden dienen der Ausbreitung des Glaubens durch die Kirche und haben somit einen theologischen Zweck. Theologische Zweckargumentation und die Forderung, die "Innenwahrnehmung" "ernst zu nehmen", greifen neo-religionsphänomenologischen Jargon auf und verkennen den methodologischen Unterschied zwischen Modell und Normativität. Eine religionsökonomische Beschreibung der Marktbearbeitung durch IURD ist modellhaft und je nach Datenart explanativ. Falls aus Verbraucherwerten ein Konsumismus bestimmt wird, ist dies keine Abwertung von Religion, sondern eine nähere Bestimmung der (religiösen) Institution. Sollten die vom Verf. kritisierten Religionssoziologen abwertend von der IURD sprechen, mag das daran liegen, dass sie der frühen Theoriephase der Religionsökonomie angehören (die Wissenssoziologie zieht den Markt häufig nur metaphorisch für Pluralismus heran, Bourdieu zeigt mit dem Gestus der Enttarnung die Verschleierung des Ökonomischen in der römischen Kirche auf). Jedenfalls ist die "Innenwahrnehmung" für die religionsökonomische Analyse unerheblich, es sei denn, sie liegt in Form von Daten vor. Die Kenntnis der Theologie ist für die Rekonstruktion des Zeichensystems relevant und hat Einfluss auf Handlungs- und Kommunikationsweisen, erfolgt allerdings semiotisch, sozial- oder kommunikationswissenschaftlich und nicht theologisch. Abgesehen von der überholten Methodologie erschließen einige Kapitel informativ einen dynamischen Ausschnitt außereuropäischer protestantischer Christentumsgeschichte.
Anne Koch, München
Ina Wunn, Muslimische Gruppierungen in Deutschland. Ein Handbuch, Stuttgart: Kohlhammer 2007, 272 S., ISBN 978-3-17-019534-9, € 24,80
Ina Wunn (Apl. Prof. Dr. phil. Dr. rer. nat., Seminar für Religionswissenschaft der Universität Hannover) legt in Zusammenarbeit mit Bertram Schmitz, Leif Seibert, Christina Moser, Diana Schild, Daphne Petry, Asiye Berge-Traoré, Brigitte Mitzkat, Sevil Pinar, Hamideh Mohagheghi, Ada Herwig, Hilal Al-Fahad, Wolf D. Ahmad Aries, Ronald Pokoyski und Eva Maria Schulz mit diesem Handbuch eine gute Ein- und Übersicht über die muslimischen Verbände, Dachverbände und auch einige Vereine vor und ergänzt somit die Bücher von Ursula Spuler-Stegemann und Thomas Lemmen im Regal des am Islam in Deutschland interessierten Lesers. Dabei gehen sie auch jeweils auf die Vorgeschichte in islamischen Ländern ein, damit man die inhaltliche Ausrichtung und eventuell auftretende Probleme mit der deutschen Gesellschaft oder auch mit anderen muslimischen Gruppierungen besser verstehen kann. DITIB, Milli Görus, der Kalifatsstaat in Köln, die ATIB, der VIKZ, die Jama'at un-Nur werden behandelt, sodann mittendrin die Aleviten, wobei deren Sonderstellung mit ihrem geteilten Selbstverständnis als islamische Richtung oder als eigenständige Religion erklärt wird. Weitere Kapitel sind den Schiiten, den Bruderschaften und Sufiorden, der Ahmadiyya, deutschen und internationalen Moscheegemeinden, deutschen Muslimen, dem Islam aus Bosnien und dem aus Mali, den Koordinierungsinstanzen und Dachverbänden Islamrat, Zentralrat der Muslime, Schura Niedersachsen und Schura Hamburg gewidmet. In den letzten Kapiteln werden die Themen "Islam in den Medien" und "Islam in Deutschland" mit besonderem Hinblick auf islamische Lehre an Universitäten und Schulen problematisiert. Auch wenn der neue Koordinierungsrat auf Bundesebene und der Rat der Muslime in Bonn - meines Wissens der erste dieser Art auf Kommunalebene in Deutschland - leider nicht mehr mit dabei sind, weil das Buch bei deren Entstehung anscheinend schon fertig war, hat man hier doch ein fundiertes Werk zur Hand. Grundsätzlich lobenswert ist meines Erachtens auch der interdisziplinäre, dialogische Charakter des Buches, da es von einer Arbeitsgruppe aus "Religionswissenschaftlern (Lehrenden und Studierenden) und engagierten und im interreligiösen Dialog erfahrenen praktizierenden Muslimen, die ebenfalls in der universitären Lehre Erfahrungen gesammelt haben" geschrieben wurde. Leider aber werden die Autorinnen und Autoren lediglich namentlich genannt, ohne dass man mehr über sie erfährt, so dass man gar nicht weiß, wer zum Beispiel Religionswissenschaft studiert oder wer in welcher islamischen Gemeinschaft praktiziert, sofern man sie nicht schon kennt. Das führt auch dazu, dass Außen- und Innenperspektiven auf die beschriebenen Gruppierungen nicht immer eindeutig auseinander zu halten sind. Das Buch ist auch keineswegs wertneutral geschrieben, sondern postuliert eindeutig die Integration der Muslime in die deutsche Gesellschaft, das friedliche Miteinanderleben der verschiedenen Teile der Gesellschaft und macht auch konkrete Vorschläge für die Gestaltung des Faches Islamische Theologie an deutschen Hochschulen. Das ist meines Erachtens begrüßenswert, doch wäre eine diesbezügliche Vorverständnisoffenlegung hilfreich gewesen. Wenn man diese Unklarheit der konkreten Autorenperspektiven angemessen berücksichtigt, ist das Buch ein bemerkenswertes Beispiel für eine praktische Religionswissenschaft, die gesellschaftliche Relevanz haben kann.
Michael A. Schmiedel, Bonn
Stephan Anis Towfigh, Das Bahá'ítum und die Medizin. Ein medizinhistorischer Beitrag zum Verhältnis von Religion und Medizin, Frankfurt am Main: Peter Lang 2006 (= Medizingeschichte im Kontext 12), xv + 284 S., ISBN 978-3-631-56233-8, € 51,50
Die vorliegende Publikation wurde als Dissertation an der Universität Freiburg/Breisgau am Institut für Geschichte der Medizin eingereicht und ist in der Reihe Medizingeschichte im Kontext (hg. von Karl-Heinz Leven) erschienen. Es handelt sich also nicht um eine explizit religionswissenschaftliche Studie. Dennoch soll sie hier in ihrem Nutzen für die Religionswissenschaft beschrieben werden. Dem systematischen und logischen Aufbau des Buches kann der Leser ohne Schwierigkeiten folgen. Zunächst legt Towfigh grundsätzliche Überlegungen zum Verhältnis von Religion und Wissenschaft dar (1. Kap.), indem er beispielhaft verschiedene Kulturen und Religionen beschreibt und auf ihr jeweiliges Verständnis von Medizin im Besonderen eingeht. Im letzten Abschnitt des Kapitels stellt er positive wie negative Forschungsergebnisse vor und liefert somit eine gute Übersicht über den gegenwärtigen Forschungsstand. Darauf folgt ein umfangreiches 2. Kap., in dem die Geschichte, die Lehre und die Quellen des Bahá'ítums detailliert geschildert bzw. erklärt werden, wobei man sich, in manchen (insbesondere den historischen) Schilderungen, des Gefühls einer gewissen Befangenheit des Autors, der seinerseits Bahá'í ist, nicht erwehren kann. Grundkenntnisse der Lehre und insbesondere der Quellen, die anschließend analysiert werden, sind für das Verständnis der Thematik unumgänglich, allerdings hätte im vorliegenden Kontext eine weniger ausführliche und faktenreiche Einführung in die Entstehungs- und Leidensgeschichte der Bahá'í ausgereicht. Religionswissenschaftlich interessant und relevant sind in jedem Fall die folgenden Kapitel. Im 3. Kap. liefert der Autor ausgiebige Informationen zum Bahá'í-Verständnis von Gesundheit, Krankheit und Heilung und erläutert dieses Verständnis im 4. Kap. anhand der Quellenanalyse eines medizinischen Textes Bahá'u'lláhs ("Sendschreiben an einen Arzt" - Lawh-i-Tibb). Mittels der Anwendung dieses Sendschreibens und anderer zentraler Bahá'í-Schriften auf konkrete medizinische Einzelfragen, die den Umgang mit Suchtstoffen, Empfängnis und Schwangerschaft sowie Tod und Sterben betreffen, wird das Verständnis der Thematik vertieft (5. Kap.).
Die vorliegende Publikation zeigt damit erstmals sämtliche medizinische Überlegungen und Einstellungen sowie ethische Einschätzungen auf, wie sie aus dem heiligen Schrifttum der Bahá´í ergründet werden können. Dadurch bietet sie einen signifikanten, und gerade aus religionswissenschaftlicher Perspektive bedeutenden, Beitrag zu aktuellen Diskussionen über Ethik in der Medizin.
Céline Grünhagen, Bonn
Inken Prohl, Religiöse Innovation. Die Shintō-Organisation World Mate in Japan, Berlin: Dietrich Reimer Verlag 2006, 416 S., ISBN 978-3-496-02794-2, € 54,00
Die vorzustellende Arbeit ist die überarbeitete Fassung einer Habilitationsschrift, die im Jahr 2003 fertig gestellt wurde und im Wesentlichen auf einer zweijährigen Feldforschung basiert, die zwischen Herbst 1995 und Frühjahr 1997 durchgeführt wurde. Die in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts von Fukami Tōshū begründete World Mate ist eine der jüngsten Entwicklungen auf dem lebendigen religiösen Markt Japans und wird gemeinsam mit weiteren Gruppierungen, wie beispielsweise Kōfuku no kagaku, Aum Shinrikyō oder auch der (schon älteren) Agonshū, in der Literatur oft zu den so genannten "Neu-Neureligionen" Japans gezählt. Diese will die Verfasserin mit der hier eingeführten und umfassend definierten Kategorie "Moderne Religiöse Organisationen" bezeichnet wissen (vgl. bes. S. 18-22). World Mate zählt dabei zu den kleineren Gruppen, konnte aber die Mitgliederzahlen auch nach der Jahrtausendwende - im Unterschied etwa zu den bedeutend größeren, die mit Stagnation kämpfen (wie etwa Kōfuku no kagaku) - sogar weiter erhöhen (1996 war der Stand bei 28.000 Mitgliedern; laut neueren Angaben war die Mitgliederzahl 2003 bei 41.000; vgl. Masaki Fukui, "World Mate", in: Peter B. Clarke [Hg.], Encyclopedia of New Religious Movements, London; New York 2006, 299 f.). Die Verfasserin war selbst Mitglied der Gruppe im Status eines junkaiin, d. h. im Rahmen einer eingeschränkten Mitgliedschaft, die - ihren Angaben gemäß - mit keinerlei Verpflichtungen und Bekenntnissen verbunden ist (S. 36).
Die Arbeit ist darauf angelegt, sich in Bereiche der Religionswissenschaft vorzuarbeiten, die nach der Meinung der Verfasserin bislang allzu stiefmütterlich behandelt wurden. Dabei ist insbesondere der weite Bereich der "Religionsästhetik", d. h. der nichtsprachlichen Kommunikationsformen der Religionen, in die Betrachtung miteinbezogen. Zu diesem Zwecke ist es ihr ein besonderes Anliegen, World Mate nicht "nur" in seinen schriftlichen Repräsentationen darzustellen, sondern unter möglichst ausführlichem Einbezug auch der anderen Medien und Vermittlungsinstanzen der Religion, bis hin zur Beschreibung eigenen Erlebens im Zuge der Teilnahmen an religiösen Handlungen (vgl. z. B. S. 56). Das Ziel ist ausgreifend markiert: "... die ästhetischen und kognitiven Dimensionen der Modernen Religiösen Organisationen Japans" sollen "am Beispiel der World Mate mittels eines handlungsorientierten Religionsbegriffs entziffert" werden (S. 24). Zusätzlich werden insbesondere religionssoziologische und religionsökonomische Fragestellungen beigezogen (S. 25 f). Mit dieser - in den Augen der Verfasserin - "umfassenden" Behandlung will sie gleichsam eine Brücke zwischen einer historisch-philologisch orientierten und der sozialwissenschaftlichen Tradition schließen, wobei jedoch der letzteren das eindeutig höhere Interesse gilt. Jeder, der sich mit der Religionenwelt Japans der jüngsten Zeit beschäftigt, wird um die Lektüre dieser Arbeit nicht herumkommen.
Franz Winter, Wien
© 2008 | www.zfr-online.de