Nina Clara Tiesler, "Religiöses Bewusstsein in säkularer Diskurssprache. Selbstpositionierungen muslimischer Minderheiten in den europäischen Sozialwissenschaften", in: ZfR 15, 2007, 113-130.

In der akademischen Literatur, zumindest in der sozialwissenschaftlichen, werden muslimische Minderheiten in Europa zunehmend als "Diasporas" und/oder als Gemeinden und Gruppierungen "transnationalen" Charakters beschrieben. Dabei handelt es sich um Konzepte, die in traditionellen islamtheologischen und -rechtlichen Debatten nicht vorkommen und deren Gebrauch im Zusammenhang mit dem Islam auch heute von den meisten islamischen Autoritäten als unpassend abgelehnt wird.
Anhand einer Diskursanalyse auf dem weiten Feld "Muslime in Europa" versucht dieser Beitrag zu zeigen, dass die Schlüsselrolle in der Bewerbung "muslimischer Identität", sowie "transnationaler" oder "diasporischer Bewusstseinsformen" tatsächlich bei den (zumeist nicht-muslimischen) Forschern und muslimischen, gebildeten Mittelschichten liegt. Wenn Identitätskonstrukte beworben oder Diaspora und Transnationalität zu Selbstbezeichnungen werden, dann durch die Proklamation und Verbreitung eines solchen Selbstverständnisses durch muslimische Protagonisten, die selbst den europäischen Akademien angehören. Im Zentrum der Analyse stehen die Arbeiten zweier muslimischer Intellektueller, Tariq Ramadan und Salman Bobby Sayyid, die in Europa aufgewachsen sind und an geistes- und sozialwissenschaftlichen Fakultäten promovierten, lehren und forschen.

 

© 2008 | www.zfr-online.de