Christa Dommel, "Ich sehe was, was du nicht siehst. Chancen englisch-deutscher Bildungsforschung für die Religionswissenschaft", in: ZfR 16, 2008, 15-24.

Der weltweit innovative Impuls des englischen Schools-Council-RE-Projekts an der Universität Lancaster (1969-1973) thematisierte die Verantwortung religionswissenschaftlich orientierter Religionspädagogik, Dienstleistungen für das Gemeinwohl zu entwickeln, die dem europäischen Überlegenheitswahn (der als Stammesdenken bzw. Tribalismus charakterisiert wurde) etwas entgegenzusetzen haben. Diese religionspädagogische Initialzündung gehört mit zur Geschichte aktueller Theoriedebatten um Normativität in der Wissenschaft im Kontext der Postmoderne (Oral History, Feminist and Postcolonial Studies, Grounded Theory). Die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Religionswissenschaft und Pädagogik kommt nicht nur der Pädagogik zugute, umgekehrt profitiert auch die Religionswissenschaft von der Inspiration durch internationale Bildungsforschung: die Beteiligung kulturell nicht christlich geprägter pädagogischer Akteure im englischen Reli­gions­unterricht macht deutlich, dass nicht nur die Methoden, sondern mit ihnen zentrale epistemologische Kategorien wie "Wissen", "Entwicklung" oder "Religion" nicht religiös-kulturell neutral sein können und notwendigerweise eine normative Dimension in sich tragen. Nicht Wertneutralität, sondern die Berufung auf "prozessuale Werte" im Sinne von "cultural literacy" und die ausdrückliche Einbeziehung von Emotion in eine nicht allein christlich-europäische Bildungstheorie der religiös-pluralen Demokratie wird hier vorgeschlagen als religionswissenschaftliche Antwort auf die Gretchenfrage: Wie hast du's mit der Normativität?

 

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