Rezensionen in Heft 08/1

Jörg Rüpke, Historische Religionswissenschaft. Eine Einführung, Stuttgart: Kohlhammer 2007 (= Religionswissenschaft heute 5), 222 S., ISBN 978-3-17-019796-1, € 25,00

Wer zum gegenwärtigen Zeitpunkt darüber nachdenkt, welche neueren deutschsprachigen Monographien man im akademischen Unterricht einer "Einführung in die Religionswissenschaft" zugrunde legen kann, steht vor einem einigermaßen überschaubaren Angebot von Büchern. Auf der einen Seite gibt es einige wenige explizit als "Einführungen" konzipierte Werke einzelner Verfasser - auf der anderen Seite eine kleine Reihe von Zusammenstellungen einführender Aufsätze unterschiedlicher Autoren. Das vorliegende neue Buch von Jörg Rüpke ist in mancher Hinsicht zwischen diesen beiden Gruppen anzusiedeln: Zwar gibt es durchweg den einheitlichen Standpunkt eines einzelnen Verfassers wieder, doch bauen die einzelnen Kapitel nicht in logischer und unumkehrbarer Folge aufeinander auf, sondern beleuchten den Gegenstand ähnlich wie bei den Beiträgen eines Sammelbands schlaglichtartig von mehreren Seiten. Diese Eigenheit erklärt sich daraus, dass neun der insgesamt zwölf Kapitel auf Arbeiten zurückgehen, die über einen längeren Zeitraum hinweg im Zusammenhang mit Ringvorlesungen, auf interdisziplinären Tagungen oder für ein breiteres Publikum entstanden sind. Für die vorliegende Publikation hat der Verfasser sie nach eigenem Bekunden überarbeitet, gestrafft und um drei weitere Kapitel (1, 7 und 12) ergänzt. Darüber hinaus enthält das dadurch entstandene Buch nicht nur ein Verzeichnis der zitierten Literatur (S. 163-172), sondern auch eine umfangreiche und detailliert gegliederte "Auswahlbibliographie zur Religionswissenschaft" (S. 173-222). Das Kernstück des Buches bilden dabei die Kapitel 2-11, die zusammen die drei ungefähr gleich langen Abschnitte "I Religiöse Texte" (Kap. 2-4), "II Religiöses Handeln" (Kap. 5-8) und "III Religiöse Organisation" (Kap. 9-11) ausmachen. Umrahmt werden diese zehn Kapitel von einer "Einführung" (Kap. 1) und einem Schlussabschnitt "Religion und Wissenschaft" (Kap. 12), die der religionswissenschaftlichen Standortbestimmung gewidmet sind.
Rüpkes Ausgangspunkt bildet die Feststellung, dass sich "Religionswissenschaft" als akademische Disziplin über ihren Gegenstand definieren muss. Hier bekennt sich der Verfasser zu einem weiten Religionsverständnis, das zwar von einem vorwissenschaftlichen, alltagssprachlichen Begriff ausgeht, jedoch verschiedene Religionsdefinitionen zulässt und auch solche Handlungen berücksichtigt, "die von ihren Akteuren vielfach nicht, zum Teil explizit nicht, als 'Religion' verstanden werden wollen" (S. 26). Die von der religionswissenschaftlichen Forschung entwickelten Modelle von "Religion" haben dementsprechend in erster Linie "einen 'heuristischen' Charakter, das heißt, sie helfen eventuell sonst übersehene Abhängigkeiten aufzudecken oder regen die Überprüfung entsprechender Hypothesen an" (S. 27). Da eine so verstandene Religionswissenschaft "ihr Material wie seine Systematisierung in Grundbegriffen, Typologien und Kausalzusammenhängen allein aus der Geschichte, auch der jüngsten, gewinnt", ist sie stets und zwangsläufig historische Religionswissenschaft: "Eine Trennung von Religionswissenschaft und Religionsgeschichte lässt sich so weder forschungspragmatisch noch erkenntnistheoretisch rechtfertigen" (S. 28). Historisch ist die Religionswissenschaft aber auch insofern, als sie als universitäre Disziplin selbst ebenfalls ein Teil der Religionsgeschichte ist. Nicht zuletzt im Hinblick darauf betont der Autor den lediglich explizierenden und daher tautologischen Charakter des Adjektivs im Titel seines Buches: "'Religionswissenschaft' und 'historische Religionswissenschaft' sind insofern Synonyme" (S. 32). In seinem Buch will Rüpke im Anschluss an diese Überlegungen "zeigen, wie religionswissenschaftliche Begriffe konkrete historische Situationen erschließen, wie Funde von 'Religion' in zeitlich fernen Kulturen kontextualisiert werden müssen und wie solche Befunde wieder auf die religionswissenschaftliche Begriffs- und Modellbildung zurückwirken. Das Aufzeigen der Bedeutung gegenwärtiger Problemlagen für unser Bild der Vergangenheit, wie der Aktualität vergangener Geschichte für die Gegenwart ist ein Plädoyer für eine 'Historische Religionswissenschaft', die sich zur historisch-philologischen Spezialisierung ebenso bekennt wie zur notwendigen Breite der eigenen Disziplin" (S. 32). "Unternommen" wird also "der Versuch, anhand von Fallstudien und im Nachdenken über zentrale Begriffe der Religionswissenschaft das Feld religionsgeschichtlicher Forschung abzustecken und Einblick in Themen und Methoden zu geben" (S. 11). Als Zielgruppe denkt der Autor an "Studierende der Religionswissenschaft oder benachbarter Disziplinen, die nach Zugängen zu den Gegenständen und Fragen des Faches 'Religionswissenschaft' suchen" (S. 12). Wie gut ist dem Autor dies gelungen?
Ein Buch, das im Wesentlichen auf ursprünglich unabhängig voneinander veröffentlichte Aufsätze zurückgeht, ist nicht immer frei von Redundanzen und Überschneidungen sowie Uneinheitlichkeit oder gar Widersprüchlichkeit des Inhalts. Im vorliegenden Fall gibt es hier jedoch nichts zu bemängeln: Jedes Kapitel beleuchtet neue Aspekte, die das Gesamtbild um weitere Facetten ergänzen, und das - mehr oder weniger stets präsente - Werben für eine Religionswissenschaft im eingangs skizzierten Sinn lässt das Buch aus einem Guss erscheinen. Im Hinblick auf die Zielsetzung und Zielgruppe des Autors lässt sich die Genese des Buchs sogar insofern als Vorzug verbuchen, als der Leser einzelne Kapitel auch losgelöst aus dem Gesamtzusammenhang durcharbeiten und der Lehrer sie in einer Auswahl oder in einer selbstgewählten alternativen Reihenfolge durchnehmen kann. Dass das Buch thematisch unvollständig ist und wesentliche Aspekte des Gegenstands - etwa zur Geschlechterfrage oder zum Verhältnis von Religion und Lebensalter - vermissen lässt, hat der Autor im Vorwort (S. 13) freimütig eingeräumt. Im Übrigen ist die Auswahl der Themen jedoch breit gefächert und ausgewogen, so dass man ihm angesichts des relativ geringen Umfangs des Buches daraus keinen Vorwurf machen wird. Klar erkennbar ist das in der Einleitung angekündigte Bemühen, die Gegenwart und verschiedene Epochen der Vergangenheit beständig aufeinander zu beziehen, um wechselseitig das eine aus dem anderen zu erhellen. Ein deutlicher Schwerpunkt liegt dabei allerdings - entsprechend der philologischen Ausbildung und dem historischen Interesse des Autors - auf der römischen Antike: Hier sind die gewählten Fallbeispiele am detailreichsten, die Quellenangaben am differenziertesten und die Angaben zur weiterführenden Literatur am reichhaltigsten.
In stilistischer Hinsicht ist das Buch geprägt vom mündlichen Vortrag, dem viele Kapitel ihre Entstehung verdanken. Dies zeigt sich nicht zuletzt in der Verwendung rhetorischer Fragen und in Wendungen wie etwa "Es scheint mir methodisch wichtig ..." (S. 18) oder "An diesem Punkt meiner Interpretation ..." (S. 24). Solche Einschübe strukturieren den Gedankengang und erleichtern es dem Leser, ihm zu folgen. Davon abgesehen ist die Darstellung jedoch eher kompakt und dürfte angesichts ihrer konzisen Darstellung komplexer Sachverhalte und der Vielzahl oftmals nur gestreifter religionsgeschichtlicher Beispiele gerade von Studienanfängern ein erhebliches Maß an Konzentration und selbständiger Nacharbeit verlangen. Dies gilt im Übrigen auch für die zumeist summarischen Literaturangaben in den durchweg knapp gehaltenen Fußnoten. Positiv hervorzuheben ist die sachliche Form der Darstellung, die weder wortreiche Rechtfertigungen des eigenen Standpunkts noch versteckte oder offene Polemik gegen abweichende Sichtweisen von Religionswissenschaft aufweist.
In keinem unmittelbaren Zusammenhang mit den vorangegangenen Fallstudien steht die knapp fünfzigseitige, detailliert in 83 einzelne Rubriken gegliederte "Auswahlbibliographie zur Religionswissenschaft", die den Band abrundet. Sie sucht nach Angaben des Verfassers "das Feld einer Disziplin 'Religionswissenschaft' insgesamt abzustecken", wobei "breit angelegte oder einführende Darstellungen" bevorzugt wurden, eine chronologisch rückläufige Anordnung die "Intensität laufender Forschung" anzeigen und die Aufnahme fremdsprachiger Titel "einen Einblick zumindest in die reiche europäische Forschungslandschaft" geben soll (S. 13). Wer sich einen ersten Überblick darüber verschaffen will, was gerade in der jüngsten Vergangenheit - nicht zuletzt auch außerhalb Englands, Frankreichs und der Vereinigten Staaten - auf dem Gebiet der Religionswissenschaft publiziert wurde, welche Hilfsmittel und Arbeitsinstrumente hier zur Verfügung stehen, kommt bei der reichhaltigen Bibliographie zweifellos auf seine Kosten. Vielleicht wäre es allerdings hilfreich gewesen, für Studienanfänger besonders geeignete (oder wichtige) Werke typographisch hervorzuheben oder sie mit wenigen Worten nach Inhalt, Zielsetzung und Adressatenkreis zu charakterisieren.
Fazit: Das Buch stellt eine wertvolle und willkommene Ergänzung auf dem eher schmalen Markt der Einführungen in die Religionswissenschaft dar. Es ist zugleich ein überzeugendes "Plädoyer für eine 'Historische Religionswissenschaft'" (S. 32) und legt schlüssig dar, dass deren "in Deutschland immer wieder attackierte Eigenständigkeit als Disziplin" in der Tat ohne den Rückgriff auf die "Bestimmung durch einen vorwissenschaftlichen Begriff von ihrem Gegenstand" kaum gelingen kann (S. 30). Darüber ist aber natürlich nicht zu vergessen, dass die Eigenständigkeit des Fachs in der gegenwärtigen Universitätslandschaft auch von politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Faktoren bedroht wird, die mit der wissenschaftstheoretischen Grundlegung des Fachs nur wenig oder gar nichts zu tun haben. Um so dringender erscheint daher die Notwendigkeit, sich auch jenseits eigener Studienprogramme für die Einbeziehung spezifisch und unverwechselbar religionswissenschaftlicher Module auf BA- und MA-Ebene einzusetzen und dadurch sowohl die Eigenständigkeit als auch den unmittelbaren Nutzen des Fachs im akademischen Unterricht unter Beweis zu stellen.

Bernhard Maier, Tübingen
 

Karl Josef Rivinius, Im Dienst der Mission und der Wissenschaft. Zur Entstehungsgeschichte der Zeitschrift Anthropos, Fribourg: Academic Press 2005 (= Studia Instituti Anthropos 51), 352 S., ISBN 978-3-7278-1528-0, € 50,00

Die seit nunmehr über 100 Jahren erscheinende Zeitschrift Anthropos gehört zweifelsohne zu den international bedeutendsten Zeitschriften auf dem Gebiet der Ethnologie und der Kulturanthropologie. In einer detaillierten und durch zahlreiche Dokumente gestützten Analyse beschreibt der Autor die Entstehungsgeschichte dieser Zeitschrift. Für den an der Forschungsgeschichte der Religionswissenschaft interessierten Leser sind dabei weniger die verschlungenen Wege der Finanzierung, die Kontroversen über die Eigentumsrechte oder die Querelen über die Bereitstellung von Mitarbeitern aufschlussreich, als vielmehr die Fokussierung auf einen bislang wenig beachteten Ausschnitt aus der Geschichte des Faches. Vielleicht ist hier das auf S. 119 beigegebene Photo bezeichnend, das den Mittdreißiger Wilhelm Schmidt zeigt, dessen Lebenswerk ja wesentlich auch mit dieser Zeitschrift verbunden ist: Auf den ersten Blick erkennt man keinerlei Ähnlichkeit mit dem markanten Kopf des "Klassikers der Religionswissenschaft", wie er in Axel Michaels' Sammelband erscheint. Wilhelm Schmidt ist erst noch dabei, seinen Weg zu machen; er hat seine Ideen, muss sie aber gegen mannigfaltige Widerstände durchsetzen und sich nach Förderern und Verbündeten umtun.
Der besondere Wert des Buches liegt auch darin, dass hier eine entscheidende Phase aus der Biographie von Wilhelm Schmidt vor dem Hintergrund der Kultur- und Wissenschaftsgeschichte seiner Zeit gesehen wird. Es ist eine Zeit, in der gerade Max Webers Studie über den ursächlichen Zusammenhang zwischen Protestantismus und wirtschaftlicher Prosperität erschienen ist. Schmidts Zeitschriftenprojekt stellt - mutatis mutandis - in diesem Kontext fast eine Bestätigung der Weberschen These e contrario und zugleich so etwas wie einen Gegenentwurf dar: Wiederholt artikuliert Schmidt seinen Plan, mit der Zeitschrift dem Vorwurf einer offenkundigen katholischen Inferiorität in Sachen Kultur und Kulturwissenschaft entgegenzutreten. Thematisiert werden daher auch die Beiträge der katholischen Missionsorden zum zeitgenössischen kolonialen Diskurs, freilich auch die lehramtlichen Disziplinierungsmaßnahmen, die mit den Stichworten "Modernismus" und "Reformkatholizismus" verbunden sind und die einer Öffnung des Katholizismus der modernen Welt gegenüber enge Grenzen zogen. Wilhelm Schmidts vielfältigen Bemühungen stellen sich so als eine stete Gratwanderung dar.
Für seine Position im Wissenschaftsbetrieb dieser Zeit ist es daher bezeichnend, dass er in den Jahren 1911/1912 das ihm von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster angebotene Ordinariat für Religionsgeschichte im Vorfeld auch deswegen ablehnte, weil er durch diese institutionalisierte Einbindung in die katholische Theologie seine fachlich unabhängige Position als Ethnologe in der scientific community gefährdet sah, während eine Berufung an die Philosophische Fakultät der Universität Berlin auf einen Lehrstuhl für Ethnologie u. a. gerade an der Tatsache scheiterte, dass er den "Antimodernisteneid" abgelegt hatte.

Ulrich Vollmer, Bonn
 

Peter Antes, Grundriss der Religionsgeschichte. Von der Prähistorie bis zur Gegenwart, Stuttgart: Kohlhammer 2006 (= Theologische Wissenschaft 17), 157 S., ISBN-978-3-17-016965-4, € 22,00

In einer Zeit zunehmender Spezialisierungen und damit Vereinzelungen von Wissensbereichen ist es dem renommierten Hannoveraner Ordinarius vor dem Hintergrund der in den letzten beiden Jahrzehnten publizierten umfangreichen religionswissenschaftlichen Nachschlagewerke ein Anliegen, eine "relativ überschaubare knappe Einführung in die verschlungenen Wege religiösen Denkens" zu geben, wie er im Vorwort (S. 9) schreibt. Das Werk soll den einst im Jahr 1972 erstmals erschienenen Grundriß der Religionsgeschichte von Ernst Dammann ersetzen. Dabei hat der Autor den Anspruch, das Thema nach Art und Umfang "weit über seinen Vorläufer hinaus" zu behandeln und "die gesamte Religionsgeschichte der Menschheit" in den Blick zu nehmen.
Antes ordnet den Stoff traditionell chronologisch und geographisch. Zunächst geht er religiösen Spuren in der Prähistorie nach; darauf folgen - der Quellenlage entsprechend tief gestaffelt - die frühen Kulturen sowie Stammes- und Naturreligionen auf den verschiedenen Kontinenten. In weiteren Hauptkapiteln werden dann die "Hochreligionen", "Neuere religiöse Bewegungen", "Diffuse Religion" sowie "Religion und Moderne" abgehandelt. Ein "Fazit und Ausblick" beschließt das Buch. Dem Autor ist durchaus bewusst, dass es sich bei seinem Anspruch, auf etwas über 120 Seiten thematischem Text "die gesamte Religionsgeschichte der Menschheit" in den Blick zu nehmen, um "ein nahezu unmögliches Unterfangen" (S. 11) handelt. Kaum einem religiösen Gedankengebäude werden zu seiner Beschreibung faktisch mehr als zwei Seiten zugebilligt, in aller Regel deutlich weniger. Wie sollen und können so auf wenigen Zeilen dem mit der Materie Unvertrauten "die verschlungenen Wege religiösen Denkens" nahe gebracht werden? Auch wenn das Weglassen bewusst geschieht, ab einem bestimmten Grad von Reduktion droht die Gefahr, dass die thematisierten Gegenstände in das zu Simple, zu Einseitige oder zu Zusammenhanglose abrutschen.
Der Autor verzichtet - sicherlich ebenso dem Diktat des knappen Platzes geschuldet - auf einen weiterführenden wissenschaftlichen Apparat und verweist auf eine kurze bunte Bibliographie am Ende des Buches sowie pauschal auf das "Handbuch Religionswissenschaft" (ed. Johann Figl, 2003) wie auf das Werk "Religionen und Kulturen der Erde" (ed. Anton Grabner-Haider; Karl Prenner, 2004). Es stellt sich die Frage, für wen dieses Buch geschrieben wurde und zu welchem Zweck? Worin liegt der Gewinn seiner Lektüre? Die Antwort liegt letztlich im Anspruch des potentiellen Lesers begründet. Nach dem Wunsch des Autors soll es "all denen eine Erstorientierung [...] geben, die das Thema Religion und speziell die Religionen interessieren [...]" (S. 13). Ich möchte jedem nur irgendwie ernsthaft Interessierten anraten, zur Erstorientierung eher zum Brockhaus zu greifen, wenn er nicht gleich lieber die genannten Handbücher bzw. Nachschlagewerke zu Rate ziehen möchte.

Eberhard Kusber, Oberkirch
 

Thomas Bargatzky, Mythos, Weg und Welthaus. Erfahrungsreligion als Kultus und Alltag, Berlin: Lit-Verlag 2007 (= Bayreuther forum TRANSIT Kulturwissenschaftliche Religionsstudien 2), 307 S., ISBN 978-3-8258-7906-8, € 24,90

Der Bayreuther Ethnologe Thomas Bargatzky legt mit seinem bereits seit längerem angekündigten, 2007 dann auch erschienenen Buch Mythos, Weg und Welthaus eine weitere Formulierung des Konzepts der "urproduktiven Gesellschaft" vor, verknüpft mit einer Betrachtung spezifischer Eigenschaften von Religion in frühen, vormodernen Gesellschaften.
Im Grunde kreisen alle Gedanken aber um die "urproduktive Gesellschaft" als "Gattung menschlicher Symbioseformen", in der über die Vergegenwärtigung von ursprünglichen Stiftungstaten der Gottheiten im Mythos die Basis für das Zusammenleben einer Gesellschaft bzw. sozialen Gruppe immer wieder neu erschaffen wird ("Urproduktion"). Der Mythos wird für Bargatzky dabei zentral, weil in seinem Konzept "heilig" und "profan" letztlich nicht trennbar sind, so dass die "Urproduktion" nicht nur in der reinen Form des zelebrierten Mythos in kultischen, dem Alltag enthobenen Handlungen stattfindet, sondern auch in alltäglichen Situationen erscheint. Dadurch wird das Alltagshandeln zum "liturgischen Handeln", denn gleich einer Liturgie im Gottesdienst vergegenwärtigt die zur menschlichen Reproduktion notwendige Wiederholung von Handlungsabläufen mehr oder weniger bewusst die mythischen, urproduktiven Inhalte. "Religion" im Anschluss an etymologische Ableitungen des "sorgfältig Tuns" oder der pflichtgemäßen Verehrung der Götter wird dadurch zum "Weg", dessen Qualität sich dadurch ergibt, dem urproduktiven Handeln einen äußeren, in den Alltag reichenden Rahmen zu geben, in dem die "numinose Substanz" des Mythos fortwährend erfahrbar wird - daher auch die "Erfahrungsreligion als Kultus und Alltag", durch die das "Welthaus" als "Summe aller himmlischen, irdischen und menschlichen Erscheinungen bzw. Ausdrucksgestalten" als "sinnhaft aufgebauter Kosmos" erscheint (S. 282). Weil aber auch nach Bargatzky nicht alles Religion sein kann, muss die Unterscheidung zwischen heilig und profan "situativ" ermittelt werden. Dabei kommt den nichtreligiösen, "antiliturgischen" Handlungen eine innovative Funktion zu, da über sie im Sinne eines emotionalen Ventils all das ausgedrückt werden kann, was der Liturgie des "Wegs" nicht entspricht.
In der Ethnologie und Religionswissenschaft ist bereits deutliche Kritik am Konzept der "urproduktiven Gesellschaft" geübt worden, und das vorliegende Buch liest sich über viele Seiten denn auch wie eine erneute Verteidigungsschrift. Sehr deutlich ist der Anschluss an evolutionäre Gesellschafts- und Religionskonzepte, auch wenn die Begrifflichkeiten zunächst anderes suggerieren. Nicht befriedigend sind die Rezeption religionswissenschaftlicher Theoriebildung und der auf den letzten Seiten des Buches unternommene Versuch, den "numinosen Gehalt des Mythos" auch in heutiger Zeit der "Wiederkehr der Religion" zu entdecken. Hier zieht Bargatzky z. B. auffallend oft theologische Literatur heran. Letztlich bleibt ein mit viel Pathos vorgetragener theoretischer Entwurf, dessen Anschlussfähigkeit an religionswissenschaftliche Forschung nicht nur zu Gegenwartsfragen eher zweifelhaft ist.

Steffen Rink, Marburg
 

Joachim G. Piepke (Hg.), Kultur und Religion in der Begegnung mit dem Fremden, Nettetal: Steyler Verlag 2007 (= Veröffentlichungen des Missionspriesterseminars St. Augustin 56), 207 S., ISBN 978-3-8050-0544-9, € 25,00

Die Veröffentlichung des Missionspriesterseminars St. Augustin (Nr. 56) publiziert die Beiträge des Symposiums "Kultur und Religion in der Begegnung mit dem Fremden", welches im Oktober 2006 anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Zeitschrift Anthropos abgehalten wurde. Entstanden ist eine äußerst facettenreiche Auseinandersetzung der Begegnung mit dem Fremden, welche in vielen konkreten Einzelbeispielen die dynamisch verstandenen Größen Kultur und Religion beleuchtet.
Anton Quack beginnt mit der Darstellung der Definitionsversuche von "Kultur" und "Religion" und ihrer Geschichte von Tylor über Rudolph bis Geertz. Überlegungen zu Kulturmischung/Kulturwandel leiten über zu Wolfgang Marschalls Beitrag, der mit Lintons (1936) Erzählung des "100%igen Amerikaners", der sich vom Bettlaken zum Frühstückskaffee mit Accessoires der gesamten Kulturgeschichte der Menschheit umgibt, den Terminus Kulturwandel pointiert auf den Punkt bringt. Ulrich Berner weist in seinem Beitrag darauf hin, dass die an Anknüpfungsmöglichkeiten gebundene Begegnung der Religionen in der Geschichte selten gleichberechtigte Situationen vorfindet. Die von Bernhard Lang vorgetragene notwendige Allianz von Waffe und Schreibtafel im biblischen Israel, in der die Waffe bzw. der Krieger oftmals dominierte, mag dies bestätigen. Klaus Hock lenkt den Blick auf die Islamisierungsgeschichte Afrikas und kommt dabei zu dem Schluss, dass mit dem in der Kolonialzeit entstehenden Maraboutismus "afrikanische" Formen des Islams entstehen konnten, welche allerdings heute auch die Trägergruppen einer oft vom arabischen Islam beeinflussten Islamisierung bereitstellten. Sabine Dedenbach-Salazar Sáenz kommt in ihrer detaillierten Studie zur Begegnung von andinen traditionellen Kulturen mit dem Christentum zum Schluss, dass Synkretismus die Integration fremder und/oder die Suspension eigener Elemente sei, wobei Letzteres in andinen Kulturen allerdings nicht vorgekommen sei. Susanne Schröter beschreibt den religiösen Parallelismus von Adat (Brauchtum) und der katholischen Missionierung auf Flores in Indonesien, wobei die Riten des Reba-Zyklus neben katholischer Frömmigkeit existieren.
Wohin führt die geschichtlich wie geografisch weit streuende Sammlung von Einzelbeispielen der Begegnung mit dem Fremden den Leser? Sie macht deutlich, dass die sich abwechselnden Grundformen wie Synkretismus oder Parallelismus zwar nicht in Reinform auftreten, aber dennoch klar unterschieden werden können. Dabei stellt sich natürlich die Frage, in welchen Kontexten bestimmte Formen der Begegnung begünstigt werden. Eine von dieser Frage ausgehende zusammenfassende Betrachtung, welche auf der Basis der im Symposium erbrachten Einzelstudien etwa auch gegenwärtige Begegnungshorizonte zu erschließen versucht, hätte das breite Spektrum abschließend bündeln können. Insgesamt eine gute Umschau unterschiedlichster Aspekte der Begegnung von Kultur und Religion mit dem Fremden.

Martin Rötting, Freising
 

Elisabeth Arweck; William Keenan (Hg.), Materializing Religion. Expression, Performance and Ritual, Aldershot: Ashgate 2006, 258 S., ISBN 978-0-7546-5094-2, £ 55,00 / € 85,55

Der Sammelband geht aus den Beiträgen der Sociology of Religion Study Group zu der Jahrestagung des britischen Fachverbandes für Soziologie hervor, die im Jahre 2001 ausgerichtet wurde. Offenkundig theologisch ausgerichtete Interpretationen lassen in der Regel die Vergegenständlichung oder "Materialisierung" der Religion außen vor. Diesem weißen Fleck in der Landschaft der theologischen Beschäftigung mit Religion möchten die Hg. des Bandes begegnen, indem sie 14 Beiträge zu Themen wie "Musik, Architektur, Feste, Rituale, Gegenstände, Tänze, Kleidung und Magie" (Klappentext) zusammenstellen. Darin zeigen die Beitragenden die Vielfalt, in der "Religionen und religiöse Gruppen das Heilige (the sacred) und das Numinose zum Ausdruck bringen" (ibid.). Die Beiträge sind nach Autorennamen alphabetisch geordnet und mit 22 Schwarzweißabbildungen und zwei Tabellen ergänzt. Das erste einführende Kapitel verstehen die Hg. als übergeordnete theoretische Abhandlung. Vor allem der Punkt, dass es sich bei der Erforschung von gegenständlichen Ausdrucksformen um ein neues Forschungsfeld handele, wird im ersten einführenden Kapitel häufig angesprochen. Man betrete sogar eine terra incognita (S. 6).
In der Einleitung wird das Zusammenspiel von Soziologie und Theologie betont, dennoch finden sich immer wieder Hinweise auf Ethnologie (anthropology), deren theoretische Ansätze jedoch nicht weiter beachtet werden. Die Hg. stützen sich dabei auf ältere, von Soziologen entwickelte Modelle (Durkheim, Weber, Simmel), ohne die Diskurse der vergangenen neun bis zehn Jahrzehnte zu reflektieren. Auch wird Eliade mit seinem Werk Cosmos and History (1954) ungebrochen und positiv rezipiert (S. 6). Das lange Zögern in der Theologie, sich mit "Sachen" zu beschäftigen, könnte damit zu tun haben, dass eine intensive Annäherung an materielle Ausdrucksformen von Religiosität wohl die Angst mit sich bringt, dass das religiöse "Ding" an sich in einem wie auch immer gearteten normativen Materialismus verloren zu gehen drohe; dies wird von den Hg. auch angesprochen (S. 5).
Der Reiz an dem vorgestellten Band liegt m. E. darin, dass wirklich ungewohnte Formen, die als Ausdruck von Graswurzel-Religiosität bezeichnet werden (S. 13), ernst genommen und als Forschungsgegenstand aufrichtig in Betracht gezogen werden. Einige relevante Hinweise auf neuere Forschungsentwicklungen in den Fußnoten hätten den Anspruch auf Innovation eigentlich relativieren sollen. Insgesamt empfinde ich es als schade, dass Fragestellungen, die in der Religionswissenschaft und Ethnologie schon seit Jahrzehnten fruchtbringend behandelt werden, von Vertreterinnen und Vertretern anderer Fachdisziplinen neuerdings "entdeckt" und als brandaktuell und nie da gewesen hingestellt werden. Statt genauer einschlägigen Veröffentlichungen etwa zu bildwissenschaftlichen, religionsästhetischen, ritualtheoretischen sowie kunstethnologischen Ansätzen aus anderen Fachkulturen auf die Spur zu kommen (Sprachbarrieren mögen dabei eine Rolle spielen), werden die ehrwürdigen Klassiker aus den 1910ern und 20ern zu Rate gezogen, als ob es keinen wissenschaftlichen Diskurs seither gegeben hätte, bei allem Respekt vor Max Weber und Émile Durkheim.

Katja Triplett, Marburg
 

Franz Höllinger, Religiöse Kultur in Brasilien. Zwischen traditionellem Volksglauben und modernen Erweckungsbewegungen, unter Mitarbeit von Adriana Valle-Höllinger, Frankfurt am Main: Campus Verlag 2007, 261 S., ISBN 978-3-593-38473-3, € 32,90

Der Grazer Religionssoziologe Franz Höllinger geht in vier Teilen der Grundthese nach, dass magisch-spiritistische Vorstellungen und Praktiken bis in die Gegenwart für die "religiöse Kultur" Brasiliens konstitutiv sind. Der erste Teil skizziert die Merkmale und den Entstehungskontext der "traditionellen Volksreligiosität". Letztere ist das historische Ergebnis der Austauschbeziehungen zwischen den drei ethnischen Hauptgruppen Brasiliens und steht als unmittelbar alltagspraktisch relevantes Amalgam in einem ambivalenten Verhältnis speziell mit dem offiziellen Katholizismus. Der zweite Teil des Buches widmet sich der Aufarbeitung der sozioökonomischen und politischen Ursachen des ab Mitte des 19. Jahrhunderts fortschreitenden Prozesses der Modernisierung Brasiliens und den daraus resultierenden Konsequenzen für die religiöse Kultur des Landes. Im dritten Teil des Werkes zeichnet Höllinger im Rückgriff auf quantitative Untersuchungen zunächst die sich sukzessiv verändernde "konfessionelle Struktur" Brasiliens nach, die sich an der erklärten Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgemeinschaft bemisst. Allerdings diskutiert der Autor auch gleich die heuristischen Grenzen solcher Statistiken, vor allem, wenn sich diese auf ein religiös so produktives Land wie Brasilien und seine von multiplen religiösen Neigungen gekennzeichnete Bevölkerung beziehen. Im vierten Teil des Buches nimmt Höllinger sein komplexes Forschungsobjekt noch einmal unter vergleichender Perspektive im internationalen Maßstab in den Blick. Somit ist festzuhalten, dass Höllinger eine dichte, fast durchweg angemessene, sowie stilistisch leserfreundliche Überblicksstudie vorgelegt hat, die sich kompetent darum bemüht, eine "chronische" Forschungslücke innerhalb der deutschsprachigen Religionswissenschaft bzw. Religionssoziologie zu schließen.
Dieses durchweg positive Gesamturteil wird nur durch wenige Kritikaspekte abgeschwächt. Zunächst mag sich der Leser fragen, ob das Buch nicht besser unter dem Titel "Die religiöse Kultur Brasiliens" erschienen wäre. Schließlich werden nicht Elemente innerhalb eines übergreifenden nationalen Rahmens behandelt, sondern für Brasilien kollektiv identitätsstiftende Konstituenten. Zweitens verwundert der naive Gebrauch einer "evolutionistischen" Terminologie im zweiten Kapitel, in dem indianische und brasilianische Wurzeln der religiösen Kultur Brasiliens im Sinne des eurozentrisch eingefärbten Konzeptes religiöser Entwicklungsstufen thematisiert werden. Fragen tun sich auch hinsichtlich der etwas uneindeutigen Handhabe des von Höllinger so benannten "spiritistischen Kontinuums" auf, das sich nicht nur - wie in der brasilianischen Fachdiskussion üblich - auf den Kardecismus, den Candomblé und die Umbanda begrenzt, sondern z. B. um Santo Daime und neureligiöse Manifestationen erweitert wird. Schließlich ist zu bemängeln, dass Höllinger im letzten Teil des Buches von seiner originellen Beschreibung der soziologisch diffusen "religiösen Kultur" Brasiliens zur Darstellung "konventioneller" Religion im Sinne statistisch erfassbarer nomineller Zugehörigkeiten übergeht, ohne beide zweifelsfrei real existierenden "Pole" argumentativ angemessen zu vermitteln.

Frank Usarski, São Paulo
 

Jamal Malik; Jörg Rüpke; Theresa Wobbe (Hg.), Religion und Medien. Vom Kultbild zum Internetritual, Münster: Aschendorff Verlag 2007 (= Vorlesungen des Interdisziplinären Forums Religion der Universität Erfurt 4), 247 S., ISBN 978-3-402-00441-8, € 14,80

Spätestens seit dem Aufkommen der "Electronic Church" in den 1980ern war die Debatte um die Rolle der neuen Medien entbrannt. Galt für die einen das Medium nur als ein neutrales Verbreitungsinstrument, so lenkten verschiedene der immer populäreren "Medientheorien" das Augenmerk darauf, dass sich mit der Form auch der Inhalt der Medien ändern könnte. Die berühmte Untersuchung von Eisenstein über die Rolle des Buchdrucks für die Reformation bildet nur ein Beispiel für solche Untersuchungen, die sich nunmehr auch mit der historischen Rolle der Medien zu beschäftigen begannen. Der zu besprechende Band bietet denn auch eine bunte Palette von Beiträgen, die diese Fragen mit Blick auf besondere Medien und spezielle Gattungen und Themen religiöser Kommunikation erörtern.
Ordnet man die Beiträge nach diesem Muster (was im Band nicht geschieht), so stehen schriftliche Texte im Zentrum der Analysen von P. März, der sich dem Brief als Medium der Mission und Kirchenleitung zuwendet. K. Waldner vergleicht die christlichen und paganen Liebesromane in der Antike, und B. Menke nähert sich dem Verhältnis von Religion und Literatur am Beispiel eines Textes von Kleist.
Das Fernsehen steht im Mittelpunkt bei K. Dövelings Untersuchung der kollektiven Trauer um Johannes Paul II. M. Huff und S. Ebertin untersuchen religiöse Inhalte im öffentlich-rechtlichen Kinder-Fernsehprogramm und B. Kranemann Fernseh-Gottesdienstübertragungen.
Das in jüngerer Zeit neu entfachte Interesse an Medien und Religion macht sich an zwei besonderen Themen fest: Zum einen ist es das Internet, das die Struktur der Religion in der Moderne ganz grundlegend betrifft, zumal es die klassische Trennung von Privatheit und Öffentlichkeit unterläuft. Dazu bietet der Band einen Aufsatz von S. Böntert über christliche Gottesdienste im Internet; beachtenswert erscheint der Beitrag von G. Ahn, der einen Überblick über die Vielfalt der religiösen Kommunikation bietet, auf deren innovative Züge hinweist und ihre religiöse Dynamik andeutet. Das zweite besonders beachtete Thema ist der Islam. J. Malik und C. Richter zeigen in informativen Beiträgen, in welcher Weise der Islam nicht nur die Medien nutzt, sondern selbst sehr zeitgemäße populäre Züge angenommen hat.
Die breiter angelegten Beiträge von T. Wobbe zu den Medien des religiösen Geschlechterkonfliktes und von J. Rüpke zu Medialität und Religion fügen sich in den thematischen Rahmen des Bandes. Allerdings wird dieser Rahmen nicht systematisch erläutert. So fehlt der Einleitung eine Einbettung in den Stand der gegenwärtigen Diskussion zum Thema Religion, Medien und Kommunikation, so dass die begrifflichen Vorgaben etwas willkürlich erscheinen. Auch wenn die Einleitung weder auf die Inhalte der Beiträge noch auf ihre Anordnung einen Einfluss hat, so sind die einzelnen Beiträge für sich mehrheitlich sehr lesenswert.

Hubert Knoblauch, Berlin
 

Lucian Hölscher (Hg.), Das Jenseits. Facetten eines religiösen Begriffs in der Neuzeit, Göttingen: Wallstein Verlag 2007 (= Geschichte der Religion in der Neuzeit 1), 267 S., ISBN 978-3-8353-0201-3, € 26,00

Der erste Band der von Lucian Hölscher herauszugebenden Reihe "Geschichte der Religion in der Neuzeit" umfasst elf Beiträge, vornehmlich von Theologen und Historikern. Die AutorInnen geben einen Einblick in die komplexe Entwicklung des Jenseitsbegriffs in der Neuzeit, seine Implikationen/Konnotationen und seine z. T. ganz diesseitig orientierte Verwendung. "Diesseits" und "Jenseits" sind moderne Begriffe; in - traditionellen - mythischen Vorstellungen sind beide Bereiche etwa zwei Seiten einer Medaille, gehören aber der gleichen "Welt" an - aus der nur "Gott" als "gänzlich Anderer" herausragt. Bereits zur Reformationszeit wurden diese beiden Bereiche getrennt durch die eschatologischen Jenseitsvorstellungen. Diese Trennung sollte sich, verstärkt durch die Naturwissenschaften, bis zur "Auflösung" des Jenseits fortsetzen: In der naturgesetzlich geordneten Welt ist "für Himmel und Hölle kein 'jenseitiger' Ort" (S. 19). Das Jenseits musste neu lokalisiert werden; es folgten "alternative Eschatologien", z. B. im Spiritismus, in der Remythologisierung von Jenseitsvorstellungen bei Swedenborg, in der Planetenwanderung der Seelen bei Herder. Feuerbach markiert dann das Jenseits als pure Projektion. Kurz gesagt: Die Jenseitsvorstellungen sind zu Beginn nahezu "greifbar" gegenständlich und werden im Verlauf ihrer Entwicklung immer metaphorischer. Menschlich allzu menschlich: Das metaphorisierte Jenseits realisiert sich, wird wieder "greifbar" in Politisierung (z. B. zu erreichender Friedenszustand, S. 53), Psychologisierung (Kompensationsvorstellung, S. 83), Spiritualisierung und Literarisierung (S. 123 ff.).
Zu vielschichtig ist der Begriff, als dass in dieser Rezension die ganze Spannbreite der Beiträge ausführlich dargestellt werden könnte. Dieser Vielschichtigkeit Rechnung trägt auch der Untertitel Facetten eines religiösen Begriffs in der Neuzeit. So finden sich in dieser Aufsatzsammlung schlaglichtartige Beleuchtungen verschiedener Seiten eines Begriffs, den man zu kennen geglaubt hat und der nun gleich mehrere neue Gesichter trägt. Geistreich ist beispielsweise der kulturgeschichtliche Artikel "Alpenglühen im Himmelreich", der Karl May als Exempel im zeitgeschichtlichen Umgang mit "dem Jenseits" herausgreift. Manche Beiträge sind herausfordernd formuliert, was an dem Versuch liegen mag, viel Wissen zu komprimieren; bis zu elfzeilige Sätze sowie z. T. Fußnotenlastigkeit sollten aber vermeidbar sein. Alles in allem zeigt der Band weitere Forschungsfelder auf und macht Appetit auf mehr "Facetten". Das Beobachten der Beobachter des "Jenseits" in der Neuzeit ist durchaus anregend für Religionswissenschaftler.

Sylvia Paetzold-Siewert, Bad Honnef
 

Franz Winter, Das frühchristliche Mönchtum und der Buddhismus. Religionsgeschichtliche Studien, Frankfurt am Main: Peter Lang Verlag 2008, 338 S. (= Religionswissenschaft 13), ISBN 978-3-631-57040-1, € 56,50

Einige auffallende Praktiken und Lehren frühchristlicher Askese haben seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer wieder zu der Annahme geführt, dass die Entstehung und Ausformung des christlichen Mönchtums religionsgeschichtlichen Einflüssen ausgesetzt war. So sind die frühchristlichen Eremiten und Koinobiten mit dem ägyptischen Serapiskult, den jüdischen Therapeuten, dem Neuplatonismus, dem Neupythagoreismus, dem Gnostizismus oder Buddhismus in Verbindung gebracht worden. A. Hilgenfeld, R. Garbe, D. Völter, A. Vööbus, S. Dutt, R. Neu, O. Freiberger u. a. glaubten eine Analogie zwischen dem buddhistischen und christlichen Mönchtum zu erkennen. Obwohl die Thesen dieser Forscher zahlreiche Anhänger fanden, wurden sie zugleich - besonders von katholischen Autoren - heftig bestritten und historisch zu widerlegen versucht.
Das Anliegen der Arbeit F. Winters - einer überarbeiteten Version einer Dissertation, die am Institut für Religionswissenschaft der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien entstanden ist und von J. Figl und K. H. Frankl begutachtet wurde - ist es, die Hinweise auf eine Begegnung von Buddhismus und Christentum in der Antike einer historisch-kritischen Untersuchung zu unterziehen und die "Frage des Grades der Bekanntschaft zwischen den beiden Religionssystemen" (S. 21) zu erörtern. Dabei holt Winters Untersuchung so weit aus, dass er sich auch der pseudowissenschaftlichen Literatur zu diesem Thema zuwendet, nämlich der "Jesus in Indien"-Thematik, die mit der Behauptung auftrumpft, Jesus sei in Indien als Buddhist erzogen worden und hätte angeblich den Buddhismus gelehrt. Winters eingehende Analyse der 'Buddhismuskenntnis' der Antike und seine Untersuchungen der historisch-kritisch verifizierten Möglichkeiten von Kulturkontakten kommen zu dem Ergebnis: "Es gibt vom derzeitigen Stand der Forschungen keine Evidenz - weder aus Texten noch von archäologischer Seite her -, die einen sehr frühen Kontakt zwischen dem Christentum und dem Buddhismus erkennbar sein ließen. Für die früheste Entwicklung des Asketen- und Mönchtums in der christlichen Tradition können keine Bezugnahmen zum Buddhismus hergestellt werden" (S. 276). Diese Untersuchungsergebnisse werfen die Erforschung des frühchristlichen Mönchtums auf ihre Ausgangsfragestellung zurück. Wenn alle bisherigen Bemühungen, überraschende Praktiken und Lehren des frühchristlichen Asketentums von außerchristlichen Vorbildern abzuleiten, historisch-kritisch als gescheitert anzusehen sind, wie lassen sich dann Berichte erklären, dass manche Mönchsasketen nackt herumliefen, sich von Gras ernährten, nur im Sitzen oder Stehen schliefen, jahrelang auf Säulen hockten oder vor Leichen meditierten? Auf das Vorbild Jesu und der Apostel konnten sich diese Extremasketen nicht berufen. Dass diese Praktiken Ergebnisse von Entwicklungsprozessen innerhalb des christlichen Asketentums gewesen sein können, ist deswegen unwahrscheinlich, weil sie im Anfangsstadium des christlichen Mönchtums auftreten und gerade nicht auf einer späteren Entwicklungsstufe.
Winters Arbeit wird die Diskussion um die Entstehung der christlichen Mönchsaskese nicht beenden. Wir verdanken ihr eine breit angelegte, gründliche und gelehrte Untersuchung des historischen Materials - die gründlichste, die je erstellt wurde. Das Forschungsfeld ist nach Maßgabe der gegenwärtigen Quellenlage abgesteckt und bereinigt - um eine neue Runde einer alten Diskussion zu eröffnen: Was brachte frühchristliche Mönche auf die Idee, bestimmte Extremformen asketischer Übungen zu praktizieren und entsprechende Überzeugungen zu vertreten?

Rainer Neu, Wesel
 

Martin Bucer, Religionsgespräche (1541-1542). Bearbeitet von Cornelis Augustijn, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2007 (= Martini Buceri Opera Omina. Series I. Deutsche Schriften 9,2), 464 S., ISBN 978-3-579-04891-8, € 118,00
Martin Bucer, Schriften zur Kölner Reformation (1545). Bearbeitet von Thomas Wilhelmi, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2006 (= Martini Buceri Opera Omina. Series I. Deutsche Schriften 11,3), 728 S., ISBN 978-3-579-04311-1, € 178,00

Martin Bucer (oder Butzer) gehört zu den bedeutendsten Reformatoren. Er wirkte vor allem in Straßburg, bevor er die letzten zwei Jahre seines Lebens (1491-1553) in Cambridge Asyl fand vor der Reichsacht, vor der ihn auch die Reichsstadt Straßburg nicht schützen konnte und wollte. So wurde der eher auf Ausgleich bedachte Bucer auch zum Ratgeber der anglikanischen Reformation. Die Edition von Bucers Schriften wurde 1952 begonnen, die lateinischen von Straßburg aus (6 von 12 geplanten Bänden sind erschienen), die deutschen Schriften und Briefe von Münster, dann von Erlangen und Heidelberg aus. Bislang sind 17 Bände erschienen, weitere 7 (darunter ein Register- und ein Nachtragsband) sind noch zu erwarten. Die Liste, aber auch die Schwierigkeiten für die Herausgeber, seine Handschrift zu lesen, kann man auf der Internet-Seite der Heidelberger Redaktion ersehen: http://www.adw.uni-heidelberg.de/bucer/seiten/forsch.php?active_menu=m_id3.
Die Religionsgespräche der Jahre 1539-1542: Bei aller Polemik ist doch erstaunlich, wie intensiv die Zeit der Reformation Diskussionen führte, in denen die praktizierte Religion auf die Normen hin geprüft wurde. Dieser Band führt ein in die letzte Phase der Religionsgespräche der Jahre 1539-1542, v. a. das Regensburger Gespräch. Bucer äußert Grundsätzliches, wie die Religionsgespräche zu organisieren und zu führen seien, um einen fairen Verlauf zu garantieren. Ebenfalls ganz Grundsätzliches stellt Bucer auf mit zwei Schriften zur reformatio, nicht nur auf individuelle und private religiöse Veränderung zielend, sondern auf Beseitigung von Missständen und Kontrolle gegen künftige, besonders in der Kirche durch eine Legitimation normativer Ordnung, unabhängig von Macht und der gerade herrschenden Partei. Den dritten Teil bilden zwei Schriften, die Bucer sofort nach Ablauf des Regensburger Reichstages herausgab. Sie enthalten erst lateinisch (S. 115-227 in zwei Versionen), dann deutsch (229-428) eine Auswahl aus den offiziellen Dokumenten des Reichstages, aber kommentiert mit Bucers scharfsichtigen Beobachtungen und Bewertungen, die erklären, warum es letztlich zu aller Enttäuschung zum Misslingen der Verhandlungen kam. Das ist eine wichtige Ergänzung (aber auch mit einigen Überschneidungen) zu der gerade erscheinenden Ausgabe der Religionsgespräche in der Reihe der "Akten der deutschen Religionsgespräche des 16. Jhs.", das Hagenauer Religionsgespräch 1540 (Göttingen 2000, 2 Bde., 1346 S.); das Regensburger Religionsgespräch 1541 (2007, 2 Bde., 961 S.); das Wormser Religionsgespräch 1540/41 (2002, 2 Bde., 1410 S.). Sie enthalten jeweils mehr und anderes, aber eben auch Gleiches. Oder doch nicht, denn die von Bucer noch im Herbst des gleichen Jahres herausgegebenen Acta des Regensburger Gesprächs kommentieren den neuerdings zum Feind gewordenen Gropper, sie enthalten viel, "was sich viel anders zugetragen und viel erkläret, das ich ihm nie bestätigen werde" (S. 230).
Schriften zur Kölner Reformation: Für Köln wurde Bucer vom Erzbischof Hermann von Wied eingeladen, ein reformatorisches Programm zu schreiben. Diese Schrift, Einfältiges Bedenken, Spätsommer 1543 (ed. in Band 11,1, S. 147-432), wurde von den Kölner Gegnern des Erzbischofs zerpflückt. Darauf wieder antwortet Bucer im Januar 1545 mit der hier herausgegebenen Beständigen Verantwortung, einer Schrift von 660 Seiten. Auf eine allzu kurze Einleitung des Herausgebers (11-18) folgt die Edition des frühneuhochdeutschen Textes Bestendige Verantwortung (12-672), mit den Marginalzusammenfassungen am Rand. Darunter die textkritischen Variae lectiones, im zweiten Apparat Textbelege aus Bucers oder anderen zeitgenössischen Texten, Bibelstellen, die Bucer nicht selbst nachweist. Einzelne Worte werden erklärt, die im modernen Hochdeutsch eine erheblich andere Bedeutung haben. Bucers Rechtfertigung antwortet auf die Gegenschrift des Kardinals Johannes Gropper (1503-1559), bis dahin geradezu Freund Bucers ("Christlichen und Catholischen Gegenberichtung" 1544; Faksimile-Druck als Ergänzungsband zur Bucer-Ausgabe 2006) in 36 Kapiteln zu den "Anklagen der Gegengelehrten" mit einer "Verantwortung des Buchs der Reformation aus dem Wort Gottes gezogen" (78). Obwohl er die Kirchenväter bestens kennt, begrenzt er sich selbst auf die Bibel.
Indices mit Bibelstellen (10 S.), Zitate aus Rechtscorpora (3 S.), Personenregister (5 S.), Ortsregister (2 S.), Literaturverzeichnis (10 S.), Abkürzungsverzeichnis (4 S.), Bibliotheken und Archive (1 S.), dazu ein Gesamtverzeichnis der Werke Bucers, die in den Bänden der Edition der deutschen Schriften und der lateinischen Schriften bereits ediert sind (alphabetisch und chronologisch, 18 S.) erschließen die Bände. Beide Bände sind sehr sorgfältig ediert und knapp, v. a. zum Sprachlichen, kommentiert; eine Würdigung und Einordnung ist nur extrem knapp; es geht nur um die Erschließung der Texte.

Christoph Auffarth, Bremen
 

Martin Rötting, Interreligiöses Lernen im buddhistisch-christlichen Dialog, St. Ottilien: EOS Verlag 2007, 493 S., ISBN 978-3-8306-7281-4, € 38,00

"Interreligiöses Lernen" - für viele, ihre Disziplin (Religionswissenschaft ist keine Theologie) nur negativ definierende Religionswissenschaftler sind dies Reizworte. Sie verweisen auf kommunikative Ereignisse zwischen Glaubensprofis bzw. Gläubigen, auf Dialog, also auf Theologisches. Andererseits: Die Erforschung der Religion(en) erfordert die angemessene Berücksichtigung der Beziehungen der Religionen zueinander, ihrer Vorstellungen voneinander, der politisch-ökonomisch-sozialen Determinanten sowie ihrer vielfältigen Vermittlungen. Die deutsche Religionswissenschaft schenkt dem Vermittlungsaspekt (Lehren und Lernen) nur geringe Aufmerksamkeit. Jan Assmanns Studie über das "kulturelle Gedächtnis" thematisiert an keiner Stelle religionsgeschichtliche Erziehungsmodelle. Die (konfessionelle) Religionspädagogik kreist weitgehend um die jeweils eigenen Religionstradierungen. Eher randständig nimmt sich die Handvoll für den interreligiösen Dialog Engagierter aus. Rötting untersucht in seiner wegweisenden, hochstufig reflektierten Münchner Dissertation Abläufe und Methodik konkreter interreligiöser Lernprozesse in Erwachsenenalter und Religionsdialog. Die historisch, systematisch und empirisch ausgerichtete religionswissenschaftliche Untersuchung rezipiert Forschungen aus Theologie und Religionspädagogik, um eine interreligiöse Lerntheorie zu formulieren. Ziel: die Analyse des dialogischen Lernprozesses von Buddhisten und Christen in Deutschland und Südkorea. Seinen sechsphasigen Abriss der Religionsgeschichte des buddhistisch-christlichen Dialogs ergänzt Rötting um bedeutende "theologische" Dialogansätze, aus denen er Konsequenzen für die Frage nach dem interreligiösen Lernen zieht. Rötting errichtet seine interreligiöse Lerntheorie auf hermeneutischen Überlegungen westlicher (Buber, Levinas, Ricoeur) und östlicher (Nishida, Ri Jemin) Denker. Auf der Grundlage sorgfältig interpretierter historischer, theologischer, hermeneutischer, religionspädagogischer Befunde sowie der Auswertung von 60 halbstrukturierten Interviews in Deutschland und Südkorea entwickelt Rötting seine abschließende Hypothese. Sie stellt das interreligiöse Lernen in einen kultur- und religionshermeneutischen Kontext, verweist auf weitere Forschungsfelder.
Die inhaltlich opulente, gründlich reflektierte und insbesondere methodisch richtungweisende Arbeit ist ein überzeugendes Beispiel Praktischer Religionswissenschaft.

Udo Tworuschka, Jena
 

Matthias Köckert, Die Zehn Gebote, München: Beck (= Becksche Reihe 2430), 128 S., ISBN 978-3-406-53630-4, € 7,90

Für Thomas Mann beinhalteten die Zehn Gebote die "Quintessenz des Menschenanstands". In seiner 1943 erschienenen Novelle Das Gesetz sah er in ihnen "Gottes gedrängtes Sittengesetz", das der Barbarei des Nationalsozialismus entgegengestellt sei. Die in der Einleitung des o. g. Buches genannte Begebenheit (S. 8) benennt zwei Charakteristika, die für das vorliegende Werk des Berliner Alttestamentlers Matthias Köckert bestimmend sind: die Einbindung der Rezeptionsgeschichte der Zehn Gebote, angefangen vom Judentum ("Das Grundprinzip der Tora", Kap. 6) über das frühe Christentum ("Der Dekalog in der Alten Kirche", Kap. 7) und den Islam ("Spuren der Zehn Gebote im Koran", Kap. 8) bis zu Luther ("Handwerksregeln eines Christen", Kap. 9) und die Gegenwart sowie das Verständnis des Zehnwortes als zeit- und raumübergreifendes Naturrecht ("Epilog, Zehn Gebote, Menschenrechte und Menschenpflichten", Kap 10). Köckert versteht es dabei, einen lesenswerten wie fundierten Überblick zu geben, bei dem er ganz bewusst mit den Zehn Geboten "als Erbe unserer Kultur" einsetzt (Kap. 1), um dann auf die ursprüngliche Bedeutung des Dekalogs im Rahmen des alttestamentlichen Rechtes ("Besonderheiten der Zehn Gebote", Kap. 2), die beiden Dekalogfassungen in Ex 20 und Dtn 5 (Kap. 3 und 4) und die Auslegung des ursprünglichen Wortlautes (Kap. 5) einzugehen. Wer einen an der aktuellen Forschung orientierten, allgemein verständlichen Überblick zum Dekalog, seinem literaturgeschichtlichen Ort und seiner religionsgeschichtlichen Verortung in der altorientalischen Literatur (z. B. zum Codex Hammurapi, S. 22-26) sucht, der findet diesen in dem vorliegenden Buch. Dabei mag es für den an exegetischen Fragen interessierten Leser von Vorteil sein, dass gut die Hälfte des vorliegenden Buches (rund 70 von 121 Seiten) diesem Themenkomplex gewidmet ist. Aber auch der Religionswissenschaftler findet hier eine interessante Zusammenstellung, die durch den weiten Horizont des Verfassers beeindruckt. Zentral ist dabei die Grundthese Köckerts, mit der er an das Verständnis der Alten Kirche und Martin Luthers anknüpft und sich gegenwärtigen Positionen, wie der von Hans Küng mit seinem Projekt "Weltethos", zuordnet: die Zehn Gebote können im Sinne eines Naturrechts als "universales Grundgesetz der Menschheit" gelten (S. 9, vgl. S. 121). Dies ermöglicht es Köckert, auch säkulare Texte wie die französische Verfassung von 1793 oder die "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" von 1948 mit den Zehn Geboten zu verbinden. Interessant könnte jedoch auch der umgekehrte Weg sein, bei dem man fragt, in welchem Sinne die Zehn Gebote in der europäischen Religionsgeschichte ausgedeutet und funktionalisiert werden. Denn die "lapidare Kürze" der Formulierungen (S. 12) hatte bereits Martin Luther, der mit der Aufnahme der Zehn Gebote in seinen Katechismus im Jahr 1529 erst die Grundlage für deren heutige Bedeutung schuf, genutzt, um mit diesen frei umzugehen: Er strich einfach ein Gebot (das Bilderverbot), formulierte ein anderes um (Feiertag statt Sabbat) und deutete ein drittes gegen den ursprünglichen Wortlaut aus (Gehorsam gegenüber der staatlichen Obrigkeit statt den Eltern). So zeichnet sich die Wirkungsgeschichte nicht nur dadurch aus, dass die erste Tafel der Gebote zunehmend in den Hintergrund rückt, sondern auch dadurch, dass die zweite Tafel frei ausgedeutet wird, und sei es, dass man davon einen Katalog von Pflichten ableitet, wie es die von Köckert an das Ende seiner Ausführungen gestellte "Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten" aus dem Jahr 1997 tut.

Bernd U. Schipper, Bremen
 

Joseph Dan, Die Kabbala. Eine kleine Einführung, Stuttgart: Philipp Reclam 2007 (= Reclams Universal-Bibliothek 18451), 157 S., ISBN 978-3-15-018451-6, € 5,60

Der Autor ist Inhaber der Gershom-Scholem-Professur an der Hebrew University Jerusalem und Herausgeber der umfassendsten allgemeinen Bibliographie zur jüdischen Mystik. Vorliegender Band erschien 2006 englisch bei der Oxford University Press. Vorteile dieser Einführung: Guter Aufriss des vielfältigen Begriffs "Kabbala" und Abgrenzung zur (christlichen) Mystik unter Betonung der Esoterik; Gliederung nach der geschichtlichen Entwicklung (Epochen, Quellenwerke, Persönlichkeiten: Hechalot und Merkava, Sefer Jezira, Bahir, Sohar, Kabbala im Mittelalter); Schwerpunkt auf den wichtigsten Vorstellungen der mittelalterlichen (14./15. Jh.) und der lurianischen Kabbala im 16. Jh. mit klarer inhaltlicher Charakteristik. In diesem zentralen Teil bietet das Bändchen nicht nur eine gute Einführung, sondern auch Übersicht zu und Erläuterung von bestehenden Forschungsproblemen, die in der nicht schematisierbaren Vielfalt der kabbalistischen Systeme begründet sind. Kurze Vorstellung (jeweils ca. 10 S.) der christlichen Kabbala im 15./16. Jh., des Sabbatianismus, des Chassidismus (inkl. Neo-Chassidismus) und einiger Aspekte der Kabbala der Gegenwart (20. Jh.), auch in Verbindung zur New-Age-Bewegung. Für den interessierten Laien eine sehr verlässliche, aber konzentriert zu lesende Übersicht (einige Tabellen und mehr drucktechnisch gegliederte und herausgehobene Unterpunkte hätten der Lesbarkeit gut getan). Für den Leser mit Grundkenntnissen eine aktuelle Tour d'horizon. Gute Literaturangaben; gutes Register. Für die deutschen Leser wäre der Hinweis auf K. E. Grözinger, Von der mittelalterlichen Kabbala zum Hassidismus (Frankfurt 2005, 935 S.) oder dessen Einleitung im Buch von D. S. Ariel, Die Mystik des Judentums, (München 1993, S. 7-31) hilfreich gewesen, zumal Dan auf die aschkenasischen Frommen des mittelalterlichen Deutschland eingeht (S. 33-35). Etwas irritierend der Terminus "Moderne" für die Zeit des 16. Jhs., Druckfehler auf S. 35: Nachmanides nicht 3., sondern 13. Jh.

Bernd Feininger, Freiburg
 

Jeannett Martin, Mensch - Alltag - Gottesdienst. Bedürfnisse, Rituale und Bedeutungszuschreibungen evangelisch Getaufter in Bayern, Berlin: Lit-Verlag 2007 (= Bayreuther forum TRANSIT Kulturwissenschaftliche Religionsstudien 7), 231 S., ISBN 978-3-8258-0116-8, € 16,90

Viele Religionswissenschaftler und Religionswissenschaftlerinnen bewegen sich zunehmend im Rahmen der Untersuchung von Gegenwartsreligiosität im christlichen Cluster, so auch die Ethnologin Jeannett Martin und ihre hier vorliegende qualitative Untersuchung. Ziel ihres Projektes war es, in Kooperation mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und angesiedelt im Forschungsbereich Gegenwartsreligiosität an der Universität Bayreuth, "eine Bestandsaufnahme von Sichtweisen in Bayern lebender, evangelisch getaufter Menschen in Bezug auf die hiesigen gottesdienstlichen Angebote der evangelischen Kirche" (S. 12) durchzuführen. Dieses Projekt kann man meines Erachtens durchaus als gelungen bezeichnen und es ist ein Baustein zur Beschreibung von Gegenwartsreligiosität innerhalb des Christentums und somit für alle hilfreich, die sich religionswissenschaftlich und vor allem auch (praktisch-)theologisch mit dem christlichen Cluster befassen. Aufgrund von qualitativen Interviews entwickelt Jeannett Martin ein breites Bild unterschiedlichster Formen (christlicher) Religiosität - vor allem bezogen auf den sog. Gottesdienst -, indem sie Aussagen aus Interviews innerhalb von zum Teil von ihr rezipierten und auch entwickelten Bedürfniskategorien oder des Konzeptes zur "Locality" von Arjun Appadurai (S. 54) systematisiert. Anzumerken wäre vielleicht, dass ein erweiterter Ritualbegriff (Ritualdynamik) und ein noch dynamischeres Konzept hinsichtlich der Individualreligiosität auf analytischer Ebene den Ertrag vielleicht gesteigert hätten. Hier wären, was aber eventuell den Rahmen des Buches gesprengt hätte, exaktere gesprächsanalytische Transkriptionen, wie sie beispielsweise von Lucius-Hoene und Deppermann expliziert werden, hilfreich gewesen.
Der religionswissenschaftliche und auch der theologische Ertrag dieses Buches ist meines Erachtens sehr unterschiedlich, was aber auch durch das Design der Studie impliziert erscheint. Vor allem Studierenden, die sich auf ein kleineres oder größeres Projekt vorbereiten und qualitative Daten in Interviews erheben, sei die Arbeit von Frau Martin durchaus empfohlen. Dies aber weniger wegen der methodischen oder methodologischen Reflektionen, der immer wieder nur angedeuteten ethnologischen Fragestellungen oder des an Bedürfnissen/Merkmalsausprägungen orientierten Analyserasters, sondern wegen des meines Erachtens insgesamt guten Aufrisses, der guten Beschreibung und Durchführung des Projektes, welches meiner Ansicht nach eher einen Hypothesen generierenden Charakter hat. Die Studie von Jeannett Martin sollte aber unbedingt für jeden haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter in den verschiedenen Landeskirchen ein "Muss" sein, da hier sehr deutlich kirchliche Strukturen und Formen "ungeschminkt" zum Ausdruck kommen und in der praktischen Rezeption ihrer Ergebnisse "kirchliche Handlungsvollzüge" durchaus dynamisierend beeinflussen könnten.

Gernot Meier, Heidelberg
 

Marcel Behrens, "Ein Garten des Paradieses". Die Prophetenmoschee in Medina, Würzburg: Ergon Verlag 2007 (= Mitteilungen zur Sozial- und Kulturgeschichte der islamischen Welt 24), 421 S., ISBN 978-3-89913-572-5, € 48,00

Der Autor unternimmt in dieser sehr detaillierten Arbeit den Versuch einer kultur- und sozialgeschichtlichen Untersuchung der Prophetenmoschee in Medina mit dem Schwerpunkt auf der Zeit der wahhabitischen Herrschaft über den Hijaz, d. h. dem 19.-21. Jahrhundert. Dies ist verdienstvoll, denn erstaunlicherweise fehlte bisher eine solche Untersuchung zu einem der zentralen Referenzpunkte muslimischer Religiosität, zumindest in einer europäischen Sprache. Dabei beleuchtet der Autor sowohl die Baugeschichte der Moschee, deren religiöse sowie politische Funktion und ihre Rolle sowohl für ihre Besucher als auch die Bewohner Medinas. Zudem wirft die Arbeit einen Blick auf eine gewichtige Problematik: Die Prophetenmoschee versinnbildlicht den Konflikt zwischen normativ begründetem Egalitäts- und Demutsgedanken im Islam und der architektonischen oder auch literarischen Überhöhung Einzelner.
Das Herzstück der Arbeit scheint allerdings der umfangreiche (125 S.) architekturhistorische Abriss zu sein. Besonders interessant ist dabei die Betrachtung der Frühzeit einschließlich zweier Exkurse, denn diese kann einen wertvollen Beitrag zu gegenwärtigen Überlegungen bezüglich der tatsächlichen Verfasstheit des medinensischen Gemeinwesens unter der Führung Muhammads leisten. Die zahlreichen Graphiken (insbesondere diejenige auf S. 112) sind hierbei hilfreiche Illustrationen des Beschriebenen. Trotzdem wäre weiteres Bildmaterial an vielen anderen Stellen wünschenswert gewesen, um dem Leser einen optischen Eindruck des Geschilderten zu vermitteln. In den folgenden Teilen geht der Verfasser in zum Teil nahezu übertriebener Detailliertheit auf literarische Repräsentationen Medinas und der Moschee in der islamischen Traditionsliteratur ein, auf die politischen und finanziellen Herausforderungen ihrer Verwaltungen und auf rituelle Bräuche in Verbindung mit dem frommen Besuch (ziyāra) auch aus der Perspektive klassischer Autoren beider großen muslimischen Denominationen und vor allem derjenigen der seit 1925 dominanten Wahhabiten. Schließlich wird die mit der Moschee verbundene Sozialstruktur betrachtet und werden verschiedene Amtsgruppen ebenso einer Untersuchung unterzogen wie die Bewohner und Besucher der Stadt.
Kritisch zu bemerken ist der zuweilen etwas undifferenzierte Umgang mit den verwendeten Materialien, den der Autor allerdings wohlweislich auch selbst eingesteht (S. 63). Trotzdem erhält die Darstellung deshalb, z. B. bezüglich der frühen Schiiten, eine gelegentliche Schieflage, die m. E. besser hätte vermieden werden sollen. Zeitgenössisches osmanisches Material hätte hier beispielsweise durchaus Berücksichtigung finden müssen. Darüber hinaus mangelt es mancherorts an Belegen für zudem recht apodiktisch Vorgetragenes. Formale Eigentümlichkeiten, wie die häufige Verwendung von Eingangszitaten in den Kapiteln, sind zumindest gewöhnungsbedürftig.
Diese Kritikpunkte sollen jedoch keinesfalls den generellen Wert der vorliegenden Arbeit in Frage stellen, stellt sie doch neben Ahmad Ragab Muhammad 'Alis bisher leider nur auf Arabisch zugänglicher Monographie zur Großen Moschee in Mekka (1996) und Andreas Kaplonys umfangreicher Studie zum Moscheebezirk in Jerusalem (2002) einen weiteren wichtigen Baustein für unser Verständnis zentraler Orte muslimischer Religiosität dar.

Jan-Peter Hartung, London
 

Thorsten Laue, Kundalini Yoga, Yogi Tee und das Wassermannzeitalter. Religionswissenschaftliche Einblicke in die Healthy, Happy, Holy Organization (3HO) des Yogi Bhajan, Berlin: Lit-Verlag 2007 (= Religionen in der pluralen Welt. Religionswissenschaftliche Studien 5), 87 S., ISBN 978-3-8258-0140-3, € 14,90

In seinem Geleitwort würdigt Günter Kehrer die hervorragend gelungene Balance Laues, nämlich die der wissenschaftlichen Distanz zum Gegenstand unter gleichzeitiger Mitarbeit desselben. Es spricht für die vorliegende erstmalige Aufarbeitung der 3HO, dass der "Gegenstand" dies bestätigt: zwei Reaktionen von führenden Mitgliedern sind veröffentlicht, die ebenfalls von einer gelungenen Gratwanderung zwischen detaillierter Recherche, Verständnis für spirituelle Aspekte und angemessen-nüchternem Blick für Zusammenhänge und Struktur sprechen (Inhaber Sat Nam Versand, S. 57) bzw. der Dankbarkeit um das Bemühen einer neutralen Sichtweise Laues, obgleich dieses Buch nicht geeignet sei, auch nur einen Menschen glücklicher zu machen (Erster Vorstand 3HO Deutschland, S. 56). Letzteres dürfte wohl auch kaum im Sinne Laues sein, schließlich weist der Untertitel deutlich auf eine religionswissenschaftliche Arbeit hin, aber es kennzeichnet das Anliegen der Organisation und ihrer Lehre. Eine religiöse Gemeinschaft auf nur 87 Seiten befriedigend darstellen? Ja, es geht. Herausgekommen ist eine sehr komprimierte Darstellung mit umfangreichen weiterführenden Hinweisen, die aber nichts für Erstsemester ist. Um 3HO zu verstehen, muss man u. a. den Sikhismus kennen, welcher immerhin auf fünf Seiten zusammengefasst ist, um diesen zu verstehen sollte man um Islam, Hinduismus, die Bhakti-Bewegung und die Situation Nordindiens im ausgehenden 15. Jahrhundert wissen. So fordert das Büchlein insgesamt einiges Vorwissen vom Lesenden, ebenso wenn im weiteren Bezug auf New-Age-Bewegungen, Tantrismus, das Wassermannzeitalter, verschiedene Yoga-Schulen usw. genommen wird. Sowohl für diese Begriffe als auch für andere im Text eingeführte wäre ein Glossar hilfreich gewesen.
Die Studie orientiert sich insgesamt an der "Corporate Language der 3HO" (S. 3) und ist flankiert von zahlreichen Zitaten. Der Schwerpunkt Laues "allgemeiner Darstellung des 3HO-Sikh-Dharma-Komplexes" (S. 3) liegt auf der Aktualität einer relativ wenig bekannten Religion, die vom aus dem Punjab stammenden Yogi Bhajan (1929-2004) 1969 in Kalifornien gegründet und seit 1976 auch in Deutschland mit 1000 Mitgliedern vertreten ist. Der Buchtitel ist geschickt gewählt, denn "Produkte" wie Kundalini Yoga oder Yogi Tee sind verbreiteter als Hintergrundwissen um die dahinterstehende Organisation. Interessant ist die Annäherungsweise an den Forschungsgegenstand: Im ersten Teil wird die Gruppe von ihren Wurzeln im Sikhismus, über Yogi Bhajan, den "Lehrer für das Neue Zeitalter" (S. 38), Gründung und Ausbreitung der 3HO, das Wesen des Kundalini Yoga sowie dessen Ausbildungssystem in Deutschland, bis zum Tod des Stifters beschrieben. Ein zweiter Teil beleuchtet religionswissenschaftliche Aspekte. Laue vergleicht hier die 3HO mit anderen Neuen Religiösen Bewegungen, zeigt das Verhältnis der Anhänger zum Sikhismus auf, geht auf die Situation in Deutschland ein und beschäftigt sich mit der Zukunft der Gemeinschaft. Der dritte Teil ist ein Anhang mit sehr ausführlichen Literaturangaben und Adresslisten sowie zahlreichen Liedern und Mantras, die als "Schnittstelle zwischen Sikh Dharma und Kundalini Yoga" (S. 59) angesehen werden können.
Laues Buch ist ein wichtiger, komprimierter und empfehlenswerter Beitrag in der gegenwärtigen religiösen Landschaft, der insbesondere auch flüchtige Quellen wie zahlreiche Homepages für weitere Forschungen festhält.

Helga Barbara Gundlach, Hannover
 

Simone Heidegger, Buddhismus, Geschlechterverhältnis und Diskriminierung. Die gegenwärtige Diskussion im Shin-Buddhismus Japans, Münster: Lit-Verlag 2006 (= Religiöse Gegenwart Asiens / Studies in Modern Asian Religions Bd. 4), 500 S., ISBN 978-3-8258-8771-1, € 39,90

Die vorliegende Dissertation, eingereicht im Fachgebiet Religionswissenschaft an der Universität Marburg, beschäftigt sich mit der gegenwärtigen Diskussion des Geschlechterverhältnisses in der Jōdo-shinshū, der "Wahren Schule vom Reinen Land", einer der größten Denominationen des japanischen Buddhismus. Die Autorin hat sowohl Religionswissenschaft als auch Japanologie studiert und große Teile der hier für den deutschen Kontext erschlossenen Literatur während längerer Japanaufenthalte gesammelt.
Nach einer Einleitung, in der unter anderem Informationen über die Jōdo-shinshū, Frauen im heutigen japanischen Buddhismus sowie im buddhistischen Kanon und der Geschichte des japanischen Buddhismus geliefert werden, gliedert sich das Buch in zwei Hauptteile von jeweils ca. 200 Seiten. Der erste Hauptteil beschäftigt sich mit der Diskussion um die "Lehrinhalte", den Texten aus dem Kanon der in der Jōdo-shinshū rezipierten religiösen Literatur. Nach einer Darstellung der Quellen selbst folgt eine Analyse der gegenwärtigen Diskussion um Textstellen, die eine Geschlechterhierarchie beinhalten, indem sie beispielsweise die Überwindung der Weiblichkeit als Voraussetzung für die Heilserlangung ansehen. Die Autorin unterteilt diese Diskussion in unterschiedliche Interpretationsstrategien: Neben transhistorischen (buchstäblich-konkret oder symbolisierend) und historisierenden Interpretationen findet sich Kritik an den diskriminierenden Strukturen im Konzept der "Heilserlangung der Frau", zuweilen werden diese Aussagen völlig ignoriert. Darüber hinaus wird häufig das "Wesentliche", beispielsweise der Lehre Shinrans, als Korrektiv der als problematisch angesehenen, frauendiskriminierenden Textpassagen betrachtet.
Im zweiten Hauptteil wird die Diskussion um die konkreten Geschlechterverhältnisse in den Institutionen und im Alltag in der Jōdo-shinshū analysiert, z. B. hinsichtlich der Ausgrenzung von Frauen aus verschiedenen Ämtern und Funktionen. Hier sind dem Ōtani- und dem Hongan-ji-Zweig jeweils ein ausführliches Kapitel gewidmet, in dem die Ausgrenzung von Frauen, Reformvorschläge und Reformen vor dem Hintergrund von Begründungszusammenhängen und Argumentationslinien sorgfältig analysiert werden. Wie bereits im ersten Hauptteil erschließt die Autorin hier eine große Menge an "grauer Literatur", die sie mit vorbildlicher Genauigkeit religionswissenschaftlich analysiert und systematisiert. Als Hintergrund für die Diskussion des Geschlechterverhältnisses kommen weitere Jōdo-shinshū-Reformbewegungen zur Sprache, so dass insgesamt ein breites Spektrum traditionskritischer Strömungen vorgestellt wird.
Im kurzen Schlusskapitel werden Perspektiven für vergleichende Forschung, auch in Bezug auf unterschiedliche religiöse Traditionen, auf der Basis der Ergebnisse dieser Studie aufgezeigt. Hier erscheint besonders ein Vergleich hermeneutischer Strategien des Umgangs mit diskriminierenden Texten interessant. Insgesamt zeigt das Buch exemplarisch, wie eine differenzierte Analyse des Geschlechterverhältnisses in religiösen Traditionen aussehen kann und stellt ein hervorragendes Gegengewicht zu oberflächlichen und pauschalisierenden Darstellungen dieses Themas dar.

Wanda Alberts, Bremen
 

 

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