Rezensionen in Heft 08/2 der ZfR

Marcel Dobberstein, Was ist Religion? Warum der Mensch Gott erschaffen hat, Hildesheim: Olms 2007 (= Philosophische Texte und Studien 94), 345 S., ISBN 978-3-487-13511-3, € 39,80

Das ideale Buch für den Religionshasser. Hier wird Klartext geredet. Schon nach der Lektüre des Vorworts weiß der Leser, worum es in dieser Streitschrift geht: "Mit der Religion kehrt der Mensch seine dunkle Seite nach außen: Die Hybris eines Geistwesens zeigt sich vor, die Angst frei zu sein, das Ungereifte, die Ignoranz und Machtlüge, der Sadomasochismus, das Herdentier. Die Religion ist die Offenbarung eines Misslingens kultureller Sublimation und gehört 'ganz und gar unter die Psychologie des Irrtums' (Nietzsche). ... Die Theologie gibt dem Schwatz den Anschein des Ernstes. Sie ist keine Wissenschaft, sondern ein als Wissenschaft getarntes Ritual. Denn die Theologie ist ein Wissen ohne Wissen, welches sich anmaßt, für seine Widerlegung einen wissenschaftlichen Apparat zu verlangen. Sie wird rege als zeternde Empfindlichkeit. ... Von der Unvereinbarkeit von Glaube und Wissen weiß sie nichts" (S. 6 f.).
Marcel Dobberstein, Privatdozent für Musikwissenschaft an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, präsentiert die neuzeitliche Religionskritik im Verbund. Feuerbach und Marx, Nietzsche und Freud, der kritische Rationalismus und die Religionstheorie des Funktionalismus kämpfen in diesem Werk Seite an Seite für Vernunft und Aufklärung. Differenzen zwischen diesen Religionstheorien werden hintangestellt, geht es doch darum, gegen die Unvernunft der Religion zu Felde zu ziehen, gegen diese "Ausgeburt infantiler erwachsener Gehirne" (S. 339). Der Leser gerät in einen Strudel nicht enden wollender Anklagen und fragt sich nach 350 Seiten erschöpft und verstört, woher der Autor die Energie zu diesen Eskalationen gegen die Religion nimmt.
Gegen welche Religion? Gegen 'die' Religion, gegen die Ignoranz der Denkunwilligen und die Gerissenheit derer, die durch Religion und deren Institutionalisierung die gesellschaftliche Macht an sich reißen wollen. Warum sollte man da noch differenzieren? Jede Religion ist Pseudoreligion, da es den erfundenen Gegenstand ihres Glaubens nicht gibt. Dobberstein beruft sich auf weithin in Vergessenheit geratene religionskritische Werke des Schriftstellers Arthur Koestler und macht auf gegenwärtige Arbeiten von Günter Schulte, einem Kölner Philosophen, Schriftsteller und Künstler, aufmerksam, dessen nicht minder kritisches, jedoch wesentlich anregenderes Vorlesungsskript zur Philosophie der Religion im Internet nachzulesen ist unter www.guenter-schulte.de/materialien.
Der vorliegende Band eignet sich weder als Einführung in die Religionskritik noch bringt er einen Gewinn für die religionswissenschaftliche Forschung. Der Autor trägt seine Thesen undifferenziert und polemisch vor und lässt eine Auseinandersetzung mit aktuellen Methodenfragen, Paradigmen und Theorien vermissen. Die verarbeiteten religionskritischen Theorien sind zu oft dargestellt worden, um noch einmal diskutiert werden zu müssen. Die Schrift ist, wie gesagt, ein Handbuch für den fröhlichen Religionshasser, der ebenso geschliffene wie kantige Formulierungen und ein klares Feindbild liebt. Ihm stehen ergötzliche Lesestunden bevor, die ihn in dem bekräftigen werden, was er über religiösen Massenwahn und Priesterbetrug schon immer zu wissen geglaubt hat.

Rainer Neu, Wesel
 

Martin Engelbrecht; Martin Rosowski, Was Männern Sinn gibt − Leben zwischen Welt und Gegenwelt. Mit einem Geleitwort von Christoph Bochinger und einem theologischen Ausblick von Paul M. Zulehner, Stuttgart: Kohlhammer 2007, 198 S., ISBN 978-3-17-019337-6, € 19,80

"Die Mehrzahl der Männer zeigt also offenbar weder Neigung, die kirchlichen Einrichtungen selbst zu nutzen, noch sich in das von den Frauen aufrechterhaltene Netzwerk alternativer Spiritualitätsformen zu bewegen" (S. 17), schreiben die Autoren im Vorwort zu diesem Buch über und von Männern. Aber, so möchte man(n) sofort fragen: Was machen (wir) Männer dann? Hier setzt die Studie an, die im Rahmen der interdisziplinär angelegten Erforschung religiöser Gegenwartskultur von Christoph Bochinger an der Universität Bayreuth durchgeführt wurde. Der Auftrag hierzu kam von der Männerarbeit der ev. und kath. Kirche in Deutschland. Wieder eine qualitative Studie aus Bayreuth − ja, zum Glück (!), möchte man fast sagen, denn diese Form der Forschung ist in den letzten Jahren nicht nur ein zentraler Bestandteil religionswissenschaftlicher Studien geworden, sondern "sickert" auch langsam in moderne theologische Ansätze mit ein. Der erste größere Teil von Martin Rosowski befasst sich in großer Breite mit der Einordnung der Studie in die gegenwärtige Forschungslage (z. B. 4. KMU), vor allem im Hinblick auf das geplante Forschungsgeschehen, und schließt mit Ausführungen zu kirchlichen Angeboten, in die schon deutlich Gedanken des zweiten Teiles von Martin Engelbrecht eingewoben sind. Dieser zweite Teil expliziert das methodische Vorgehen und trägt den Hauptteil hinsichtlich der Entwicklung der Fragestellung, der Daten und der Analyse in sich.
Diese mehr als gelungene Studie leistet − je nach Leserkreis − eine doppelte Aufgabe: 1. ReligionswissenschaftlerInnen können aus dieser wissens- und religionssoziologischen Studie viele Impulse für die Erforschung religiöser Gegenwartskultur ziehen. Die Konzeption, Ausführung und Ergebnisse der Studie halten einige sehr interessante Aspekte bereit, und auch die "spirituellen Wanderer" tauchen erneut auf und werden hinsichtlich der anvisierten Zielgruppe nochmals reflektiert. 2. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der sog. Großkirchen können aufgrund der wissenschaftlichen Perspektive ihr Arbeitsfeld neu einschätzen und so viele (kreative) Impulse für zukünftige Angebote ableiten.
Ein Punkt ist aber meiner Ansicht nach vielleicht anzumerken: Die Interviews wurden leider nicht innerhalb (!) der Publikation in einer "typischen" ausführlichen Transkriptionsweise dargestellt. Dies hätte den religionswissenschaftlichen, religionspädagogischen oder auch theologischen Lesern und Leserinnen einen anderen Zugang zu den Daten und somit eine andere Rekonstruktion des Forschungsgeschehens und der Ergebnisse ermöglicht. Man kann durchaus geteilter Meinung sein, ob hier "Eingriffe" zugunsten des Aspektes "Lesbarkeit" ein so gewichtiges Argument sein mögen. Die deutlich theologischen Ausführungen am Ende der Publikation von P. M. Zulehner (Bausteine für eine "Männertheologie") gehören eher nicht zum Arbeitsfeld von Religionswissenschaftlern und Religionswissenschaftlerinnern, interessant ist jedoch der Aspekt, wie sich ein Theologe in diesem Feld auf emischer Ebene positioniert.

Gernot Meier, Heidelberg
 

P. Pratap Kumar (Hg.), Religious Pluralism in the Diaspora, Leiden: Brill 2006 (= International Studies in Religion and Society 4), 381 S., ISBN 978-90-04-15250-2, € 75,00

Bei dem vorliegenden Band handelt es sich um eine Reihe von Fallstudien zur Rolle des religiösen Pluralismus im Rahmen religiöser Diasporagemeinden. Der Herausgeber hat sich bei der Auswahl auf vier bzw. fünf Schwerpunkte beschränkt, die allerdings sowohl hinsichtlich der Anzahl der Beiträge als auch im Bezug auf den Gesamtumfang unterschiedlich gewichtet sind. Teil I behandelt in fünf Beiträgen chinesische Diasporagemeinschaften − in erster Linie Christen; Teil II beschreibt in zwei Beiträgen die religiösen Aktivitäten von Japanern in Brasilien sowie von Brasilianern in Australien; der recht umfangreiche und insgesamt sechs Beiträge umfassende Teil III hat die Erfahrungen von Migranten aus Südasien in Großbritannien, Südafrika und Deutschland zum Gegenstand, wobei es sich in der Mehrzahl um Anhänger unterschiedlicher Varianten des Hinduismus handelt, in zwei Beiträgen jedoch auch von Muslimen bzw. Sikhs und Neo-Buddhisten die Rede ist; der zwei Beiträge umfassende Teil IV geht der Frage nach, inwieweit der 11. September 2001 Veränderungen in der Einstellung der Muslime im Kontext des religiösen Pluralismus in den USA nach sich gezogen hat, und der letzte Teil enthält Studien zur religiösen Organisation von Migranten in Finnland sowie zur religiös pluralen Situation in Luzern/Schweiz. Der Band wird durch eine Einleitung des Herausgebers eröffnet, die sich der Definition der Begriffe "Diaspora" und "religiöser Pluralismus" sowie der Einführung in die einzelnen Beiträge widmet.
Außer der Bemerkung, dass es sich bei den ausgewählten Beispielen um "some of the most conspicuously seen immigrant communities in different parts of the world" handelt, finden sich keine weiteren Ausführungen bezüglich der Auswahl gerade dieser Diasporagemeinden. So vermisst man etwa Untersuchungen zu kleineren kompakteren Gemeinschaften, wie etwa den türkischen Aleviten oder den Yeziden, da letztere heutzutage sogar schon überwiegend in der Diaspora leben. Zwar verzichtet der Herausgeber darauf, aus den genannten Beiträgen allgemeine Schlussfolgerungen in Bezug auf die angesprochene Thematik zu ziehen, doch lassen sich anhand mehrerer im Band enthaltener Fallstudien einige Beobachtungen feststellen. Der überwiegende Teil der hier behandelten Diasporagruppen war bereits in ihrer angestammten Heimat mit einer religiös pluralistischen Situation vertraut. Diese spiegelt sich z. T. auch in den internen Differenzierungen der jeweiligen Gruppen wider, die sich etwa sowohl bei den japanischen Emigranten in Brasilien als auch bei den unterschiedlichen indischen Diasporagemeinschaften feststellen lassen, wo insbesondere im letzten Fall trotz gleicher Herkunft aus einer bestimmten Region z. T. große Unterschiede hinsichtlich der Kasten- und der Religionszugehörigkeit bestehen. In vielen Fällen stellt sich dabei auch die Frage, ob die kultischen bzw. theologischen Bedürfnisse oder die Beziehung zur jeweiligen Heimatreligion stärkere Bindungskräfte bei der Zugehörigkeit zu einer religiösen Diasporagemeinschaft entfalten. Das Festhalten an separater Gemeindebildung auch dann, wenn die jeweilige Religion durch repräsentative Gemeinschaftsbildung in den Ländern der Diaspora verwurzelt ist, lässt die Schlussfolgerung zu, dass häufig letzteres der Fall ist. Doch liegt das Festhalten an separater Gemeinschaftsbildung z. T. auch darin begründet, dass die Migranten lokale Besonderheiten ihrer Religionsausübung, wie etwa bei den Katholiken die Verehrung bestimmter Heiliger, in den jeweiligen religiösen Gemeinschaften vor Ort nicht vorfinden.
Der Band zeigt manche charakteristischen Probleme religiöser Diasporagemeinschaften auf, wenn auch keineswegs erschöpfend. Es bliebe nun die Aufgabe, die aus den Fallstudien gewonnenen Beobachtungen theoretisch zu vertiefen.

Hans-Michael Haußig, Potsdam
 

Wanda Alberts, Integrative Religious Education in Europe. A Study-of-Religions Approach, Berlin: Walter de Gruyter 2007 (= Religion and Reason 47), 442 S., ISBN 978-3-11-019661-0, € 98,00

Religionswissenschaft versteht sich als eine Disziplin, die sowohl historische als auch aktuelle Facetten religiöser Kulturen untersucht. Dabei sind interdisziplinäre Herangehensweisen und Blickwinkel an der Tagesordnung, um der Vielschichtigkeit der Gegenstände gerecht zu werden. Mit ihrer vergleichenden Studie zu integrativem Religionsunterricht (Unterricht im Klassenverband über verschiedene Religionen) bearbeitet Wanda Alberts gleich zwei religionswissenschaftlich bislang vernachlässigte Fragen: In welcher Weise reflektieren Modelle schulischer Bildung und Erziehung religiös plurale Schülerschaften und wie kann der Beitrag der Religionswissenschaft bei der Konzeptionierung, Umsetzung und kritischen Reflexion dieser Modelle aussehen?
Vereinzelt haben sich Religionswissenschaftler an Debatten um die Einführung von nicht-christlichem konfessionellen Religionsunterricht und Alternativen zum konfessionellen Religionsunterricht geäußert. Dabei ging es jedoch meist um (bildungs-)politische Stellungnahmen und Beiträge. Eine genauere Analyse vorhandener Konzepte von Unterricht über verschiedene Religionen wird jedoch weitgehend der Theologie, (theologischer) Religionspädagogik und der Erziehungswissenschaft überlassen. Entgegen diesem Trend werden in der vorliegenden Studie mit religionswissenschaftlicher Expertise europäische Modelle integrativen Religionsunterrichts analysiert. In jeweils umfangreichen Kapiteln werden verschiedene Modelle aus England und Schweden vorgestellt, in Bezug auf Inhalte und Ziele des Unterrichts, den zugrundeliegenden Religions- und Bildungsbegriff sowie die Darstellung der Religionen analysiert und verglichen. Unter Berücksichtigung des gesamteuropäischen Kontextes arbeitet Wanda Alberts schließlich drei Typen von schulischem Unterricht über Religionen heraus: 1. integrative religious education as an individual school subject, 2. separative approaches (confessional and "alternative" subjects) und 3. integrative religious education as a "learning dimension" of other subjects (S. 324). Anhand dieser Kategorien eruiert Wanda Alberts überblicksartig auch die Situation in Norwegen, Deutschland und den Niederlanden und diskutiert schließlich die Reichweite solcher Modelle. Mit diesem Werk liegt damit nicht nur ein differenzierter Einblick in die jeweiligen Ländersituationen, sondern auch ein systematischer Schlüssel zur Kategorisierung und religionswissenschaftlich hoch interessanten Frage der jeweils zugrundegelegten Perspektive auf Religionen vor. Abschließend entwickelt Wanda Alberts ein eigenes Modell für integrativen Religionsunterricht.
Eine herausragende Dimension erhält die Arbeit, indem nicht nur der für entsprechend thematisch Interessierte inhaltliche Schwerpunkt mit großer Kompetenz und Souveränität bearbeitet wird, sondern diese Thematik in den Kontext theoretischer und methodischer Debatten um Selbstverständnis und Arbeitsweisen der Religionswissenschaft gestellt wird. Damit liegt zugleich ein fruchtbarer Beitrag zur Fachgeschichte und zukünftigen Ausrichtung der Disziplin vor. Die Lektüre dieses Bandes kann also in doppelter Hinsicht empfohlen werden.

Edith Franke, Marburg
 

Hanna Liss, Tanach − Lehrbuch der jüdischen Bibel. In Zusammenarbeit mit Annette M. Böckler und Bruno Landthaler, 2. erweiterte und aktualisierte Auflage, Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2008, 420 S., ISBN 978-3-8253-5448-0, € 25,00

Einführungen in die hebräische Bibel sind reichlich vorhanden, meist stammen sie von christlichen Theologen, die den Stand der Erforschung des "Alten Testaments" wiedergeben. Dieses Lehrbuch hat die "jüdische" Bibel im Blick, d. h. zwar denselben (hebräischen) Text wie das "Alte Testament", jedoch unter dem religiösen Blickwinkel des Judentums. Konkret heißt dies Folgendes: Bereits die Anordnung des Stoffes in der Reihenfolge Tora (Weisung), Neviim (Propheten) und Ketuvim (Schriften) − daher das Kunstwort Tanach − gibt dem Buch seine typische Prägung. Die Verfasserin stellt die 24 Bücher (vgl. S. 4 f.) der Bibel in weitgehend paralleler Weise dar: Zunächst gibt sie jeweils eine kurze Charakterisierung und benennt die Bedeutung des Buches in der jüdischen Tradition, ehe die wichtigsten Themen im Einzelnen angesprochen werden. Dabei folgt die Autorin bei der Darstellung der Tora nicht der (christlichen) Kapiteleinteilung, sondern der seit der talmudischen Zeit bezeugten Einteilung in 54 Paraschijot (Abschnitte) entsprechend dem einjährigen Lesezyklus der Tora im Gottesdienst. Dieser formale Aspekt zeigt zugleich den hermeneutischen Zugang: Eine Einführung in die jüdische Bibel darf nicht nur den hebräischen Text berücksichtigen, sondern muss dessen liturgische Verwendung beachten; daher nennt die Autorin am Ende jeder Parascha der Tora die entsprechende Haftara, d. h. jenen Abschnitt aus den Neviim, der im Gottesdienst nach der Tora gelesen wird (vgl. auch die Tabelle, S. 379-381), sowie die weitere liturgische Verwendung von Abschnitten aus den Neviim bzw. Ketuvim. Da die jüdische Bibel im Blick auf die rabbinische (v. a. halachische) Auslegung gelesen werden soll, bietet das Buch auch wichtige diesbezügliche Informationen.
Die Autorin liefert einen auch didaktisch ausgezeichneten Einstieg in das Studium der jüdischen Bibel. Vor jedem Abschnitt werden einige Fragen als "Lesehilfen" für den Textabschnitt gestellt. Ferner erlauben Stichworte am Rande des Textes eine schnelle Orientierung. Ein äußerst nützlicher "Wegweiser durch die Literatur" einschließlich jüdischer Bibelübersetzungen und Kommentare (S. 388-392) und ein detailliertes Glossar (S. 393-401) fördern ebenfalls die Beschäftigung mit der Bibel. Leider sind die Seitenangaben im Register durchgehend falsch und dadurch unbrauchbar, weil sich wahrscheinlich durch das Layout des Buches eine Verschiebung der Seitenzahlen des Textes ergeben hat. Trotz dieses Fehlers sollte das Buch bei keiner religionswissenschaftlichen Einführung in das Judentum und seine "Heilige Schrift" unberücksichtigt bleiben, gleichzeitig ist es jedem Christen, der sich für einen Dialog mit dem Judentum interessiert, nachhaltig zu empfehlen. Denn das "Alte Testament" und die "Jüdische Bibel" sind zwar kaum unterschiedliche "Texte", aber vollkommen verschiedene "Heilige Schriften".

Manfred Hutter, Bonn
 

Die Juden. Geschichte eines Volkes. TV-Dokumentation in 6 Teilen von Nina Koshofer und Sabine Klauser, DVD-Edition: 1 DVD + 1 DVD-ROM, Frankfurt a. M.: Katholisches Filmwerk GmbH 2008, 6 x 29 Minuten, € 69,00

Eine Fernsehdokumentation über die Geschichte des Judentums ist, zumal in Deutschland, eine besondere Herausforderung. Die routinierten Fernsehautorinnen und -regisseurinnen Nina Koshofer und Sabine Klauser haben sich ihr gestellt und in einer sechsteiligen Serie die Geschichte des jüdischen Volkes audiovisuell dargestellt. (1) "Gelobtes Land" (Geschichte Israels bis Esra; religiöse Grundlagen); (2) "Fall des Tempels" (von den Makkabäern bis zum babylonischen Talmud); (3) "Halbmond und Kreuz"; (4) "Tod oder Taufe" (Schicksal der Aschkenasim in Mitteleuropa während des Mittelalters; Kreuzfahrerpogrome); (5) "Heimatsuche" (Ostjüdische Kultur; Amsterdam und die Sepharden); (6) "Überleben" ("Wie ist es den Juden gelungen, über Jahrtausende ihre Identität zu wahren?", lautet dabei die Leitfrage).
Dabei gliedern die Autoren die historischen und religiösen Ereignisse in sachlich, vor allem kulturell und kulturgeographisch zusammengehörige Einheiten und durchbrechen den historischen Erzählfluss durch die Darstellung wichtiger Elemente jüdischer Religiosität (etwa des Pessachfests bei der Exodus-Erzählung oder des Chanukka-Fests angelegentlich der Makkabäer). Den Anspruch, jüdische Geschichte inhaltlich und medial auf dem neuesten Stand zu bieten, erfüllt die Serie, wobei sich wohl die Beratung durch Raymond Scheindlin (Jewish Theological Seminary), einen Spezialisten für jüdisch-arabische Literatur und allgemeine jüdische Geschichte ("A short history of the Jewish people", 1998), sowie den Wiener Judaisten Klaus S. Davidowicz gewinnbringend niederschlägt. Problematisch erscheint jedoch die Gewichtsverteilung der gesamten Serie, die zulasten der Moderne geht. Dass die Schoa in Folge 6 praktisch nicht vorkommt − Ort und Begriff 'Auschwitz' fehlen beispielsweise im "Stichwortverzeichnis" der beigegebenen DVD-ROM − mutet bei einer deutschen Produktion etwas seltsam an; der Film beschränkt sich auf die Vorgeschichte der Vernichtung bis zur 'Reichskristallnacht' (Kap. 64). Diese Anfrage an die Konzeption muss umso mehr gemacht werden, als jüdische Geschichte, der Leitfrage zum Trotz, nicht als Identitätsgeschichte, sondern als Überlebens- und Opfergeschichte erzählt wird.
Gewinnbringend sind die Beigaben zur Serie. Denn diese ist in der vorliegenden DVD-Version gleich doppelt vorhanden, einmal als DVD-Video für den DVD-Player und einmal als DVD-ROM für den PC. In beiden Versionen findet sich ein "Stichwortverzeichnis", das es ermöglicht, von dem angegebenen Stichwort direkt in das entsprechende Filmkapitel zu kommen. Des Weiteren ist die gesamte Serie auf der DVD-ROM mit einem aktivierbaren "Kontext"-Menü auf der Randleiste versehen, von dem aus verschiedenartige Informationsmaterialien im pdf-Format aufgerufen werden können, vornehmlich jedoch Lehr- und Lernmaterialien für Lehrer und Schüler. Hier zeigt sich, dass die Serie hauptsächlich für den schulischen Bereich konzipiert ist. Dieser Zweck steht im Widerstreit mit dem Bestreben, ein 'großes Publikum' zu erreichen, wozu neben dem beschriebenen Aufwand auch die eingängige, eigens komponierte Musik von Thomas Wolter zu zählen ist, die den Hollywood-Epen nacheifert. Man fragt sich, warum nicht mehr jüdische Originalmusik zu hören ist − zumindest für die Neuzeit hätte sich dies angeboten. So bleibt die Serie, bei allem ehrenwerten Engagement der Beteiligten, irgendwo zwischen Didaktik und Doku-Fiction stecken.

Hubert Mohr, Bremen
 

Annette Wilke; Esther-Maria Guggenmos, Im Netz des Indra. Das Museum of World Religions, sein buddhistisches Dialogkonzept und die neue Disziplin Religionsästhetik, Berlin: LIT-Verlag 2008 (= Veröffentlichungen des Centrums für Religiöse Studien Münster 7), 340 S., ISBN 978-3-8258-9484-9, € 24,90

Zur musealen Darstellung von Religion gibt es bislang wenig Forschung, auch wenn das Thema zu den bei Besuchern populärsten gehört. Bei meiner langjährigen Tätigkeit für die Kunst- und Ausstellungshalle der BRD in Bonn habe ich immer wieder Feedback in diese Richtung bekommen. Doch wie kann Religion adäquat ausgestellt werden? Und wie ist die Religionswissenschaft eingebunden, sowohl in der Erstellung und Begleitung von Ausstellungen als auch in einer wissenschaftlichen Rezeption und Analyse? Seit 2001 versucht das Museum of World Religions in Taipeh eine Antwort, die − anders als in deutschen Museen üblich − stark auf das sinnliche und emotionale Erleben des Besuchers zielt und didaktische und wissenschaftliche Ziele in den Hintergrund verortet. Es geht dabei von einem integrativen, religionsübergreifenden Ansatz eines buddhistischen Meisters der Huayan-Tradition aus; die titelgebende Metapher des "Netzes von Indra" bezieht sich auf ein Bild, das im Avatamsaka-Sutra (chin. Huanyanching, jap. Kegon) benutzt wird, um die gegenseitige Interdependenz aller Lebewesen, Gedanken und Konzepte darzustellen.
Der sehr stringente Sammelband "Im Netz des Indra" versucht eine Annäherung an den Bereich der Religionsästhetik anhand dieses Museums der Weltreligion. Die studentischen Aufsätze, die bei einer − für andere Lehrstühle wohl exemplarischen − Exkursion nach Taiwan entstanden sind, werden durch Kommentare zu den Artikeln von den Herausgeberinnen sowie deren eigene Arbeiten ergänzt. Die Beiträge der Studierenden zeigen durchweg ein exzellentes Niveau und dienen hervorragend dazu, im ersten ausführlichen Teil (S. 23-146) des Buches eine Vorstellung des Museums zu erzeugen. Der zweite Teil (S. 147-295) ist eher systematisch angelegt und versucht, das Museum theoretisch einzuordnen und die Möglichkeiten von Ausstellungen über Religionen zu erörtern. Besonders beachtenswert ist hier ein 90-seitiger Aufsatz von Annette Wilke mit einer ausführlichen Untersuchung über die Disziplin Religionsästhetik mit der Anwendung auf das Museum. Dieser Text gibt einen umfassenden systematischen Rahmen für eine Beschäftigung mit allem, "was an Religionen sinnlich wahrnehmbar ist" (S. 14) und ist ausdrücklich zu empfehlen!
Das Buch zeugt von den veröffentlichungswürdigen Leistungen, die Studierende erbringen und präsentiert diese weise, indem die Herausgeberinnen als Kommentierende ergänzend wirken. Die systematischen Texte offenbaren zwei große Fragen, auf die wegweisende Antworten bzw. Annährungen gegeben werden: Wie ist Religion museal darstellbar? Und wie kann die Religionswissenschaft den "cultural turn" vollziehen und sich der Religionsästhetik als Disziplin öffnen?

Robert Kötter, Bonn
 

Urs Baumann, Christentum, Frankfurt a. M.: Fischer 2008 (Fischer Kompakt), 127 S., ISBN 978-3-596-16495-0, € 8,95

Als Autor einer Kurzeinführung zum "Christentum" begegnet man bewusst einer Gefahr: Der Leser meint, sich gut auszukennen und wird auch sicher Unstimmiges finden. Urs Baumann, Geschäftsführer des Instituts für Ökumenische Forschung, hat sich dieser Gefahr gestellt; ihm merkt man an, dass er seinen römisch-katholischen Glauben in diesem Buch weitergeben will. Interessierte Laien finden hier Kurzzusammenfassungen der Botschaft Jesu mit ausführlichen Zitaten aus dem Neuen Testament, Auslegungen z. B. des Vaterunsers oder der Bergpredigt sowie des Abendmahls. Der Vortragsstil dieses Büchleins scheint lebendigen Gemeindeabenden entnommen, in der die ZuhörerInnen klare Linien durchs Neue Testament geboten bekommen. Weit über die Hälfte der Darstellung nehmen die Botschaft Jesu und die Zeit des Neuen Testaments in Anspruch, die Ausdifferenzierung des Christentums endet mit dem Konzil zu Trient als Reaktion auf die Reformation. Baumanns abschließende "Vertiefungen" zeigen die Anliegen des reformkatholischen Ansatzes im Gefolge des 2. Vatikanums: Gelebter Glaube in Nächstenliebe und Gottesdienst, Einheit von Wort und Sakrament im Gottesdienst, eine positive Sicht der Sexualität, Inkulturation des Christentums in den Ländern der sog. Dritten Welt, Respekt vor anderen Glaubensauffassungen und eine Versöhnung von Wissenschaft und Religion. Bei aller Aufgeschlossenheit wird man die heutigen Konflikte v. a. in der Römisch-Katholischen Kirche vergeblich suchen: Frauenordination und Homosexualität werden von Baumann ausgeblendet. Der Ökumeniker nennt als Zielpunkt christlicher Ökumene folgende Aufgabe: "Die ganze Kraft und Anstrengung der Kirchen muss sich jetzt darauf konzentrieren, gemeinsam eine Sprache zu finden, die den Menschen die zentralen Anliegen der Botschaft Jesu in ihrer Welt als befreiende Möglichkeit zu leben neu verständlich macht."
Baumann will die Konfessionen versöhnen und auf das Eigentliche der christlichen Botschaft zurückführen − es stellt sich dazu aber die Frage, ob er die Konfessionen nicht doch besser betrachten sollte: In der Tradition von Algermissens Konfessionskunde rechnet Baumann die Siebenten-Tags-Adventisten den "Christlichen Sondergemeinschaften" zu und stellt sie neben die Mormonen, Jehovas Zeugen und das Universelle Leben. Dass die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche in Baden keine "Freikirche" sein soll bzw. keine "Evangelische Kirche", sondern eine "Selbständige Minderheitskirche", während die Anglikaner unter "Evangelische Kirchen" subsumiert werden, lässt den Religionswissenschaftler doch etwas zaudern, dieses Buch als Quelle wissenschaftlicher Arbeiten zu empfehlen.

Hermann Ruttmann, Starnberg
 

Kate Cooper; Jeremy Gregory (Hg.), Discipline and Diversity. Papers read at the 2005 Summer Meeting and the 2006 Winter Meeting of the Ecclesiastical History Society, Rochester, NY: Boydell & Brewer 2007 (= Studies in Church History 43), 427 S., ISBN 978-0-9546809-3-0, US $ 45,00

Der Titel "Discipline and Diversity" ist aus religionswissenschaftlicher Sicht aus zweifachem Grunde gut gewählt. Zunächst zeigt sich in 33 Beiträgen (34, so man die Einleitung addiert) wieder einmal sehr deutlich, dass das Christentum in seiner historischen Tiefe und geographischen Breite alles andere als eine homogene Masse ist. Der zeitliche Rahmen der Artikel reicht von den frühen Kirchenvätern bis ins 20. Jahrhundert, der räumliche von Byzanz bis England. Das Band, das neben dem vagen systematischen Oberthema alle Beiträge zusammenhält, ist, dass sie in den Jahren 2005 und 2006 im Rahmen der Tagungen der britischen Ecclesiastical History Society vorgetragen wurden. Die bereits angedeutete thematische Breite der Beiträge lässt bedingt durch die gebotene Kürze dieser Besprechung detaillierte Kritik an Einzelbeiträgen in seriöser Weise nicht zu; daher muss sich der Focus der Rezension komplexiv-holistisch auf den Band als solchen richten. Damit wären wir beim zweiten, von den Herausgebern allerdings offenbar nicht intendierten Grunde für das Postulat einer geglückten Titelwahl: Die Beiträge präsentieren sich selbstbewusst in der publizierten Form als ein (kirchengeschichtliches) opus. Diejenigen, welche die anlässlich der DVRW-Jahrestagung 2007 in Bremen geführte Debatte über die zukünftige inhaltliche Ausrichtung der Tagung noch in den Ohren haben, dürften sich die Frage stellen, was denn diese so unterschiedlichen Beiträge des Bandes neben dem sehr weiten Oberthema verbinden mag. Zum einen ist es der institutionelle Rahmen der Kontribuenten, zum anderen die Identität der Beitragenden als Kirchenhistoriker. Es wird in der Publikation deutlich, wie selbstverständlich unterschiedliche Gegenstände und Fragestellungen, die jeweils eine eigene Methodik und Hermeneutik erfordern, unter dem Dach der Kirchengeschichte (KG) einträchtig beieinanderstehen. Es wäre nun unsinnig zu fordern, die Religionswissenschaft (RW) sollte es der KG schlicht gleichtun, ist doch die institutionelle Infrastruktur beileibe (leider!) nicht die gleiche. Welchen Impuls kann der Band also der RW geben? Aufgelöst in spezialisierte Gegenstandsbereiche muss die RW sich überlegen, wie sie zu dieser unerschütterlichen Identität als Disziplin gelangen kann, in der unter einem Dach viele Wohnungen offenstehen. Die Antwort kann nur so lauten, wie sie schon bereits oft formuliert wurde: das proprium muss in einer der RW eigenen Theoriebildung liegen. Aus und in diesem Diskurs lebt die RW, und an diesem Erfordernis muss sich jede religionswissenschaftliche Arbeit messen lassen. Obgleich das von Oliver Freiberger als Unterscheidungsmerkmal formulierte methodische Kriterium eines Anspruches des RWlers auf Nicht-Normativität deskriptive Validität besitzt, müsste es darüber hinaus gelingen, jede noch so gründliche historisch-philologische, soziologische usw. gelagerte Arbeit als Beitrag zur Theoriebildung zu formulieren. So ließe sich weiter eine gemeinsame Identität festigen, die allen noch so beklagenswerten institutionellen Herausforderungen (das klingt motivierender, als von Nachteilen zu sprechen) zum Trotze etwa die Publikation und Präsentation thematisch verschiedenster religionswissenschaftlicher Beiträge nebeneinander mit dem gleichen Selbstbewusstsein ermöglichte.

Marvin Döbler, Bayreuth
 

Ala Al-Hamarnah; Jörn Thielmann, Islam and Muslims in Germany, Leiden: Brill 2008 (Muslim Minorities 7), 591 S., ISBN 978-90-04-15866-5, € 140,99

Islam und Muslime in Deutschland sind vor allem im Zuge der Integrationsdebatte seit den 1980er Jahren vermehrt zum Gegenstand von Forschungen und Publikationen geworden. Ein Band, der unterschiedliche disziplinäre Perspektiven und Themenzuspitzungen zusammenstellt, ist bislang aber ein Desiderat gewesen. Mit ihrem Sammelband ist es Ala Al-Harmaneh und Jörn Thielmann gelungen, Beiträge aus der Geographie, Soziologie, der Religions-, Rechts-, Islam-, Geschichts- und Filmwissenschaft in fruchtbarer Weise miteinander zu verbinden. Das Buch liefert einen Einblick in verschiedene, zum Teil auch bislang vernachlässigte Aspekte des Themas: Muslimische Lebenswelten werden anhand der Frage nach der empirischen Evidenz des Konzepts des Euro-Islam, eines Überblicks über rechtliche Fragen islamischer Lebenspraxis und der Religiosität junger Muslime in Deutschland in den Blick genommen. Anhand der Entwicklung der Rolle des Imam, der christlich-islamischen Begegnung und des Einflusses deutscher Außenpolitik seit dem späten 19. Jahrhundert auf das Jihad-Konzept werden soziale Praktiken von Muslimen in einem weiteren gesellschaftlichen Kontext beleuchtet. Fragen der Gemeinschafts- und Identitätsbildung von Muslimen sowie des islamischen Religionsunterrichts in öffentlichen Schulen werden im dritten Abschnitt diskutiert. Mit südasiatischen Muslimen wird außerdem ein weitgehend vernachlässigtes Feld thematisiert. Im vierten Teil wird anhand türkisch-deutschen Filmemachens, der Literatur arabischer Autoren in Deutschland und türkisch-populärer Musik der Fokus auf kulturelle Hervorbringungen von Muslimen gelegt. Daran anknüpfend werden Medien und Mediennutzung zum Thema gemacht. Gender-Fragen werden im sechsten Teil in den Blick genommen, während der letzte Abschnitt transkulturellen Geschäftsaktivitäten, Ethnomarketing und islamischen finanziellen Transaktionen gewidmet ist.
Mit einer einführenden Erklärung skizziert Thielmann schlaglichtartig die Geschichte des Islam in Deutschland und identifiziert Paradigmen und Forschungsdesiderate. Auf diese Weise stellt er eine Verbindung zwischen den einzelnen Beiträgen und Themenfeldern her, die allesamt aus je unterschiedlichen Perspektiven empirische Einblicke in die Vielfalt des Islam und des muslimischen Lebens in Deutschland liefern und dabei den aktuellen Forschungsstand wie auch Desiderate aufgreifen. Der vorliegende Band hat nicht den Anspruch, das Thema umfassend zu behandeln, so dass einige Aspekte unbehandelt bleiben, wie zum Beispiel die männliche Seite der Gender-Frage oder Facetten des politischen Islam. Nichtsdestotrotz liefert er einen sehr guten, aktuellen Überblick zum Thema. Durch die Zusammenführung unterschiedlicher disziplinärer Perspektiven wird die Komplexität des Themas deutlich, so dass das Ziel, für ein besseres Verständnis des Islam in Deutschland zu sorgen und weitere Forschung anzuregen, mit diesem Buch in hervorragender Weise erfüllt wird. Aufgrund dessen ist es für die Religionswissenschaft bereichernd und liefert Impulse, Engführungen in der Thematisierung des Islam in Deutschland zu vermeiden sowie anknüpfende Forschungsfragen und -perspektiven zu entwickeln. Meines Erachtens sollte es in den Bücherregalen derjenigen, die am Thema Islam in Deutschland interessiert sind, einen festen Platz erhalten.

Verena Maske, Marburg
 

Assia Maria Harwazinski, Islam als Migrationsreligion. Vom Umgang der Deutschen mit ihrer muslimischen Minderheit am Beispiel der Region Stuttgart, Marburg: Tectum 2004, 221 S., ISBN 3-8288-8672-8, € 25,90

Es handelt sich bei diesem Buch um eine 1999 bei der Universität Tübingen eingereichte religionswissenschaftliche Dissertation. Trotzdem ist es, wie die Autorin betont, mit Absicht in einem feuilletonistischen Stil geschrieben, was die Lesbarkeit nicht unbedingt erleichtert. Das Buch handelt von Muslimen in Deutschland, vor allem im Raum Stuttgart, aber auch in anderen Städten. Dabei ist es nicht nur eine Lokalstudie und somit eine Spezifizierung anderer Islam-in-Deutschland-Studien, sondern auch ein Beitrag der praktischen/angewandten/engagierten Religionswissenschaft, auch wenn das nicht explizit gesagt wird. Das heißt, Harwazinski beschränkt sich nicht darauf, das Verhältnis zwischen Muslimen mit Migrationshintergrund und eingeborenen Deutschen zu analysieren und zu beschreiben, sondern greift wertend und problemorientiert in die Problematiken dieses Zusammenlebens ein, zum Beispiel die der Kleiderordnung (Kopftuch), der Beziehung der Geschlechter zueinander, des islamischen Religionsunterrichtes, des Fundamentalismus, des Moscheebaus und der islamischen Verbände, und gibt Ratschläge zur Problemlösung. Meiner Meinung nach ist dieses Vorgehen auch für eine Religionswissenschaftlerin legitim, auch wenn es an der Idee einer wertneutralen Wissenschaft rüttelt. Aber an dem konkreten Wie ihrer Verbindung von Beschreibung und Wertung fallen mir doch ein paar zu kritisierende Punkte auf.
Beschreibung und Bewertung laufen meines Erachtens zu sehr ineinander und sind für den Leser so kaum noch auseinander zu halten. Zudem legt die Autorin das ihrer Wertung zugrunde liegende Vorverständnis nicht offen, so dass der Leser sich dieses aus dem Text erschließen muss. Auch wenn ich persönlich die getroffenen Wertungen größtenteils teile, vermisse ich eine Problematisierung des eigenen Ansatzes. Harwazinski formuliert oft sehr apodiktisch, als handele es sich bei den Wertungen nicht um perspektiveabhängige Einschätzungen, sondern um allgemeingültige Wahrheiten. Dabei geht sie aber sehr differenziert vor, kritisiert Muslime und nichtmuslimische Deutsche gleichermaßen und vertritt letztlich das Ideal eines friedlichen Miteinanderlebens in freier Religionsausübung im Rahmen der Einhaltung des Grundgesetzes und der Menschenrechte der Vereinten Nationen.
Zu lang erscheint mir der Abschnitt über die Scientology, die eigentlich nur deshalb in das Thema hineinkam, weil einigen muslimischen Gemeinschaften Verbindungen zu ihr nachgesagt wurden beziehungsweise diese versucht hatte, mit den Muslimen zu einer Zusammenarbeit zu gelangen.
Einen anderen Kritikpunkt sehe ich in der Form. Es gelang mir z. B. nicht immer, eine in den Fußnoten erwähnte Quelle zu identifizieren oder herauszufinden, welcher Autorenname sich hinter "a. a. O." oder "ders." − beide Abkürzungen übrigens immer klein geschrieben, auch am Satzanfang − verbirgt. Trotz dieser Mängel repräsentiert dieses Buch einen für die Religionswissenschaft immer wichtiger werdenden Ansatz. Im Verband mit anderen Islam-in-Deutschland-Studien kann es helfen, sich über dieses Thema nicht nur zu informieren, sondern auch einen differenzierten, wertenden Standpunkt zu entwickeln.

Michael A. Schmiedel, Bonn
 

Assia Maria Harwazinski, Islami(sti)sche Erziehungskonzeptionen. Drei Fallbeispiele aus Baden-Württemberg, Marburg: Tectum 2005, 90 S., ISBN 3-8288-8807-0, € 19,90

Die Autorin hat in Tübingen an der Abteilung für Religionswissenschaft 1999 mit einer empirischen Arbeit über "Islam als Migrationsreligion" (Marburg 2004) promoviert. Im vorliegenden Bändchen zeigt sie am Beispiel dreier muslimischer Initiativen und deren Erziehungskonzeption, "dass es um die Kollision unterschiedlicher Wertvorstellungen geht, die die Basis gesellschaftlichen Zusammenlebens darstellen". Es handelt sich um Fallbeispiele aus Baden-Württemberg:
(a) Das Projekt "Unser Praxishandbuch. Muslimische Kinder in Stuttgarter Kindertageseinrichtungen für Kinder" (1997/98), gefördert durch EU-Kommissionsgelder im Rahmen des Projekts "Partizipation/Förderung staatsbürgerlicher Kultur in einer multikulturellen Stadtgesellschaft".
(b) Die kritische Bewertung eines Vortrags / einer Broschüre von Adnan Aslan aus der Schriftenreihe zur islamischen Erziehung (1996 / Internet-Fassung 2002).
(c) Das pädagogische Konzept des Halima-Kindergartens Tübingen, das die Autorin als "gemäßigt fundamentalistisch" charakterisiert, "welches den Anforderungen an Erziehung für eine komplexe, multikulturelle, säkulare Gesellschaft nicht gerecht wird" (S. 54 und 59).
Als Frau sieht die Autorin die Frage nach der Erziehung der Mädchen und islamische Probleme mit der Koedukation besonders kritisch: "Zentrales Anliegen in den beiden ersten Fällen ist im Wesentlichen die institutionalisierte Kontrolle über die Sexualität, insbesondere die der Frau, bzw. des Mädchens" (S. 61). Im Wunsch nach eigenen (islamischen) Erlebniswelten ("Parallelwelten") erkennt sie gegenüber der westlichen Erziehung ein regressives Ziel, das schariarechtliche Tenden-zen durchsetzen will, und in der Betonung klarer, festgelegter Ordnungsprinzipien eine eher rückwärtsgewandte Einstellung. Der kämpferische Duktus des aktuellen Bändchens wird schon aus der Titelformulierung deutlich, mit der die drei Beispiele in die Nähe des "Islamistischen" gerückt werden.
Ihr Fazit: "Bei allen Modellen fehlt die eindeutige Orientierung in Richtung auf die Integration in die säkulare demokratische Ordnung, was sich sowohl an der geforderten und konzeptionell erarbeiteten Geschlechtertrennung, Ablehnung des Sexualkunde- und zugleich Förderung des (fundamentalistischen) Religionsunterrichts als auch am Fehlen der Förderung der deutschen Sprache und sonstiger Bildungsgüter festmacht, die das problemorientierte Bestehen im nicht nur bundesdeutschen Alltag erleichtern würden" (S. 63). Als weiterführende Lektüre und ergänzende Sichtweise empfehle ich den neuen Band von Frau Beyza Bilgin, em. Professorin für Religionspädagogik an der islamisch-theologischen Fakultät Ankara: "Islam und islamische Religionspädagogik in einer modernen Gesellschaft" (besonders Kap. 3: Fragestellungen einer zeitgemäßen islamischen Religionspädagogik). Das Buch ist 2007im Lit-Verlag Berlin erschienen (205 Seiten, € 19,90).

Bernd Feininger, Freiburg
 

Thomas Eich, Moderne Medizin und Islamische Ethik. Biowissenschaften in der muslimischen Rechtstradition, Freiburg: Herder 2008 (Buchreihe der Georges-Anawati-Stiftung 2), 216 S., ISBN 978-3-451-29739-7, € 13,00

Thomas Eich, auf Fragen islamischer Bioethik spezialisierter Islamwissenschaftler, hat mit "Moderne Medizin und islamische Ethik" ein Buch vorgelegt, das die vorhandene Literatur zum Thema Muslime in der westlichen Medizin entscheidend bereichert, indem es nämlich verbindliche Aussagen anerkannter Autoritäten aus dem Kreise muslimischer "Ärzte, Juristen und Theologen" (S. 12) zu konkreten medizinethischen Fragestellungen zusammenfasst und öffentlich macht. Dabei sind Veröffentlichungen über muslimische und westliche Medizin inzwischen durchaus vorhanden. Sie reichen von der schlichten Handreichung für Pflegepersonal über empirische Untersuchungen in Krankenhäusern aus religionswissenschaftlicher und soziologischer Perspektive bis zu theologisch-philosophischen Überlegungen und decken somit ein weites Feld themenrelevanter Forschung ab. Dabei blieb jedoch eine Frage stets unbeantwortet: Was sagt das islamische Recht, was sagt ein Personenkreis zu Fragen der modernen Medizin und Bioethik, der Fatwa-berechtigt ist, dessen Aussagen also für den Muslim von Gewicht und innerhalb der eigenen Rechtsschule rechtlich bindend sind?
Genau hier setzt Thomas Eich an, indem er die Aussagen so gewichtiger Rechtsgelehrter wie Muhammad Husain Fadlallah und Abd-an-Nasir Abu-l-Basal oder Intellektueller wie der Literaturprofessorin Sihem Dahabbi Missaoui einander gegenüberstellt, sie vergleicht und analysiert. Gerade bei Letzterem, der Analyse, gelingt Eich zusätzlich ein erhellender Einblick in die innerislamische Diskussion ethischer Fragen und ihrer letztendlichen Zielsetzung − nämlich der gesellschaftlichen Relevanz der Antworten. Auf diese Weise eröffnet er über seine eigentliche Fragestellung hinaus hochinteressante Einblicke in das theologisch-juristische (fikr) Denken und Argumentieren zeitgenössischer muslimischer Meinungsbildner. In diesem Zusammenhang fällt auch dem theologischen oder religionswissenschaftlichen Laien auf, wie unbelastet von Vorurteilen, wie "modern" der Islam mit Fragen wie z. B. künstlicher Befruchtung oder Klonen umgeht.
Damit ist das Buch nicht nur eine unverzichtbare Lektüre für jeden, der sich mit Fragen der Medizin im islamischen Kontext oder Medizin für Muslime befasst, sondern ist darüber hinaus hervorragend geeignet, politische Diskussionen über die Integrationsfähigkeit des Islam in moderne Gesellschaften westlichen Zuschnitts auf eine sachliche Ebene zu stellen. Um ein Fazit zu ziehen: "Moderne Medizin und islamische Ethik" ist nicht nur ein nützliches und hochinteressantes Buch für Mediziner, Theologen und Religionswissenschaftler, sondern füllt in hervorragender Weise eine bisherige Forschungslücke.

Ina Wunn, Bielefeld
 

Thomas Oberlies, Hinduismus, Frankfurt a. M.: Fischer 2008 (Fischer Kompakt), 127 S., ISBN 978-3-596-16492-9, € 8,95

Viele Verlage bieten Reihen an, in denen Wissen auf verständlichem Niveau sehr knapp zusammengefasst einem großen Publikum zugänglich gemacht werden soll. In diesen kommen auch die Religionen nicht zu kurz. In der Reihe Fischer Kompakt erschien nun eine Einführung in den Hinduismus vom Göttinger Indologen Thomas Oberlies. Das Buch gliedert sich in die Darstellung eines "Grundrisses" (Geschichte, Praxis, Religionen), gefolgt von "Vertiefungen" (v. a. zu vedischen Vorläufern der Hindureligionen), einem Glossar und Literaturhinweisen. Der auf der zweiten Umschlagseite angegebene Internetlink funktioniert leider nicht, und auf der damit gemeinten Seite (die es trotzdem gibt) finden sich leider keine Hinweise des Autors auf Weiterführendes.
Es zeichnet sich bei der Lektüre deutlich ab, dass das Buch in weiten Teilen für den angestrebten Leserkreis zu fachspezifisch ist. Viele indische Namen und Begriffe werden nicht oder ungenügend erläutert oder eingeordnet. Auch das Abwägen von wichtigen Informationen und solchen, die weggelassen werden können, ist nicht durchweg gelungen. Man hätte auf viele der historischen Details im ersten Kapitel ebenso wie auf die Information, dass ein Jahr zwölf Monate hat (S. 42), verzichten und stattdessen interessantere Dinge ausführen können, die sonst nur recht unverständliche Anspielungen bleiben: Was z. B. hat die Mandal Commission im Jahr 1991 genau mit dem Kastensystem tun wollen (S. 40)? Das Buch enthält viele gelungene Beschreibungen und Interpretationen, beispielsweise wird die große Bedeutung und Vielfalt der Rituale deutlich. Leider bleibt die Beschreibung der Praktiken und Feste grammatisch und damit auch bildlich meist im Passiv, selten einmal treten Hindus als praktizierende Akteure auf. Damit geht viel von der Lebendigkeit der Traditionen verloren. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass die Beschreibung der Geschichte der Hindureligionen mit 1947 endet und dass die Vertiefungen beinahe ausschließlich von der vedischen Religion oder dem klassischen Sanskrit-Hinduismus ausgehen, ohne aktuelle Fragen zu vertiefen. Neuere Entwicklungen der Diaspora oder neuhinduistischer Bewegungen seit der Mitte des 20. Jahrhunderts werden gar nicht angesprochen.
Kurz: Leider wird das Buch dem Anspruch einer allgemein verständlichen Einführung nicht gerecht. Zu wünschen wäre allerdings eine ausführlichere wissenschaftliche Fassung, welche die vielen guten Ansätze ausführt, stärker auf die Einzelheiten eingeht und auch die aktuell gelebten Hindureligionen mit einbezieht.

Frank Neubert, Luzern
 

Christiane Schulze, "Frieden durch Religion" − ein japanisches Modell. Das interreligiöse Friedensprogramm der Rissho Kosei-kai (1957-1991). Studien zur Entwicklungsgeschichte, Zielsetzung und Funktion: Weichenstellungen in drei Jahrzehnten (1949-1979), Frankfurt a. M.: Peter Lang GmbH 2008 (= Religionswissenschaft 14), XVI, 599 S., ISBN 978-3-631-55611-5, € 97,50

Schulzes Buch, eine Marburger Dissertation, ist die erste große deutschsprachige Monographie seit der Dissertation von Andreas Nehring (1992), die sich der Rissho Kosei-kai widmet, jener japanischen buddhistischen Laienbewegung, die eine überwiegend positive Presse in Deutschland hat (R. Italiaander; H.-W. Gensichen; R. Friedli; G. Gebhardt: "Religion für den Frieden"). Die offenbar jahrzehntelange Arbeit an diesem Buch hat zu einer gründlichen Beschaffung und Auswertung von auch japanischem Material geführt, die nur wenige Titel vermissen lässt. Die Gründlichkeit beginnt bei der Sichtung der Forschungsgeschichte, in der Schulze u. a. mit Recht unkritische, überwiegend von der Binnensicht der RKK geprägte Arbeiten wie auch solche ohne oder mit wenig Japanisch-Kenntnissen moniert − auch die deutschsprachige Vorgängerarbeit Nehrings wird kritisch rezipiert. Roter Faden des Buches ist die Friedensarbeit der RKK, flankiert durch zahlreiche zuarbeitende Darstellungen des Denkens des Mitgründers und jahrzehntelangen Leiters Niwano Nikkyo, der Aktivitätsstrukturen etc. Ausdrücklich versteht sich die Arbeit auch "als Ansatz zu einer detaillierten und systematischen Einführung in Lehre und Praxis der RKK" (S. 14) und erhebt nicht den Anspruch, zum theoretischen Diskurs beizutragen, sondern will diesen am konkreten Beispiel ergänzen und sich dem Verstehen der RKK widmen. Das Buch zeichnet wichtige Stationen in der Entwicklung der RKK seit 1949 nach, analysiert Niwanos Bestrebungen einer großen Nichiren-orientierten Frontstellung (gemeinsam mit der Nichiren-Shu) gegenüber der Soka Gakkai, deren Scheitern zur Gründung der "Shinshuren" (Union der neuen religiösen Organisationen in Japan) 1951 führte, Niwanos Besuch des 2. Vatikanums, das Knüpfen von Beziehungen zu den Unitariern/Universalisten, die Rolle der RKK im interreligiösen Beziehungsgeflecht im Rahmen der International Association for Religious Freedom und der World Conference on Religion and Peace. Untersucht werden die Rolle des Ahnendienstes für die Friedensarbeit und wichtige Aspekte der Lotus-Sutra-Interpretation der RKK und insbesondere Niwanos. Die bemerkenswerte Dreierbeziehung Katholizismus − Unitarier-Universalisten/IARF − RKK ist ein Fokus der Arbeit, von Schulze u. a. auf vergleichbare Strukturen des römischen Katholizismus und der RKK zurückgeführt: Benachteiligung von Frauen, autoritäre Strukturen, volksreligiöse Praktiken u. a. seien bei beiden zu finden. Schulze bietet ein außerordentlich hilfreiches und gut informiertes Korrektiv zur enthusiastischen Literatur über die "Friedensreligion" RKK und mahnt in einem Schlusskapitel einen ehrlichen interreligiösen Dialog an, der auch die "verborgene Tagesordnung" der jeweiligen Partner zutage fördert, in Anbetracht der Unterschiede von Binnen- und Außenkommunikation. Ohne jeden Zweifel gebührt dem z. T. stark persönlich geprägten Buch ein fester Platz in der RKK-Forschung und der Forschung am Beziehungsgeflecht der neuen Religionen in Japan.

Ulrich Dehn, Hamburg
 

Jorn Borup, Japanese Rinzai Zen Buddhism: Myoshinji, a living religion, Leiden: Brill 2008 (= Numen Book Series, Studies in the History of Religions 119), XII, 314 S., ISBN 978-90-04-16557-1, € 118,65

Lange Zeit konzentrierte sich die Erforschung des japanischen Zen-Buddhismus fast ausschließlich auf seine philosophischen und spirituellen Aspekte. In den letzten Dekaden mehren sich Darstellungen des Zen-Buddhismus aus sozialgeschichtlicher Perspektive, doch es liegen so gut wie keine Arbeiten vor, die sich aus anthropologischer, soziologischer oder religionswissenschaftlicher Perspektive mit der sozialen Realität des japanischen Buddhismus bzw. Zen-Buddhismus im gegenwärtigen Japan beschäftigen. Hier liegt nun, soweit ich sehen kann, die erste Monographie vor, die eine Zen-buddhistische Organisation im gegenwärtigen Japan untersucht. Der Autor präsentiert die wichtigen "living"-Aspekte des Myoshinji-Buddhismus. Die überwiegende Mehrheit der Japaner ist Mitglied in einer der Organisationen des Tempelbuddhismus, der sich in die Schulen des Amida, Nichiren, Zen-Buddhismus und des esoterischen Buddhismus unterteilt. Die Myoshinji stellt mit 46 Untertempeln in Kyoto und 3500 lokalen Tempeln die größte Organisation innerhalb des Rinzai-Zen-Buddhismus dar. Für seine Untersuchung wählt der Autor eine multimethodische Herangehensweise. Seine Daten bezieht er zum einen aus Veröffentlichungen des Myoshinji für Priester und Laien, wie Handbücher und Regelwerke, Zeitschriften, die Satzung, Berichte und Artikel der Fortbildungseinrichtung der Organisation sowie Ephemera, beispielsweise Broschüren und Flugblätter. Zum anderen hat er im Rahmen einer einjährigen und mehrerer kurzer Phasen der Feldforschung die Rituale und Praktiken des Myoshinji in Kyoto und an mehreren lokalen Tempeln beobachtet, wie auch mit den Teilnehmern gesprochen.
Das erste Kapitel liefert einen Abriss der Geschichte des Myoshinji. Die folgenden Kapitel widmen sich den Priestern, Laienanhängern und Laienvertretern, ihrer religiösen Praxis und den Ritualen des Myoshinji-Zen sowie der religiösen Bildung und der Tempelökonomie. Dabei schneidet der Autor viele spannende religionswissenschaftliche Themen an, wie die Rolle der Tempelehefrauen und die Objekte des "Glaubens" im Zen-Buddhismus. Der Autor zeigt, dass die Praxis des zazen, vom Autoren als "Meditation" verstanden, nur eines von vielen Zen-buddhistischen Ritualen darstellt, und dass der japanische Zen-Buddhismus der Gegenwart viel mehr zu bieten hat als lediglich Begräbnis- und Ahnenrituale. Der Band zeichnet ein lebendiges Bild der sozialen Praxis des Zen-Buddhismus im gegenwärtigen Japan. Der Leser wird mit einer komplexen Welt pluralistischer religiöser Vorstellungen und Praktiken vertraut gemacht, in der unterschiedlichste Akteure eine Vielzahl von Interessen verfolgen und in der eine Fülle verschiedenster Mechanismen wirken. Kurz gesagt, der Zen-Buddhismus wird als eine "typische" Religion (S. 277) greifbar.
Borup stellt einen Zen-Buddhismus vor, der sich markant abhebt von dem, was der Autor selbst als "Suzuki-Zen" bezeichnet. Der Autor reflektiert in seiner Studie die gewaltigen Wirkungen, die D. T. Suzukis idealisierte Sicht des Zen auf das Bild vom Zen-Buddhismus im Westen und in Japan bis in die Gegenwart ausstrahlt. Indem er den Suzuki-Zen als Teil des Zen-buddhistischen Diskurses begreift, den es nicht nur zu dekonstruieren, sondern dessen Dynamik es in die Analyse zu integrieren gilt, präsentiert Borup ein umfassendes Bild des Zen-buddhistischen Feldes im gegenwärtigen Japan. Japan-Besuchern, die nicht länger nur ehrfürchtig und bewundernd vor den beeindruckenden Zen-buddhistischen Tempelanlagen in Kyoto und Kamakura stehen bleiben, sondern mehr über die komplexe religiöse Praxis hinter den Tempelmauern wissen wollen, ist das Buch mit Nachdruck zu empfehlen. Für Japanwissenschaftler, Buddhologen, Anthropologen und Religionswissenschaftler, die Exotismen und Orientalismus nicht länger nur dekonstruieren, sondern vielmehr eintauchen wollen in die soziale Realität von Religionen, bietet der Band ebenfalls eine überaus erkenntnisreiche Lektüre.

Inken Prohl, Heidelberg
 

Brad H. Young, Meet the Rabbis. Rabbinic Thought and the Teachings of Jesus, Massachusetts: Hendrickson Publishers 2007, 270 S., ISBN 978-1-56563-405-3, € 11,99

Schon in der Vergangenheit trat Brad Young, der an der Hebrew University in Jerusalem promovierte und heute Professor für biblische Studien an der evangelischen Oral Roberts Universität in Tulsa, Oklahama, ist, durch Veröffentlichungen hervor, die Paulus und Jesus vor dem Hintergrund des Judentums ihrer Zeit verorteten. Auch im vorliegenden Buch bekräftigt er mehrfach, dass sich die christliche Theologie ihrer jüdischen Wurzeln besinnen müsse. Die langjährige Konzentration auf griechisches Denken sowie das Weiterwirken antisemitischer Tendenzen − als Beispiel benennt Young die Wirkungsgeschichte des Tübinger Alttestamentlers Gerhard Kittel (1888-1948) − hätten nicht nur Zerrbilder des Judentums am Leben erhalten, sondern auch den Blick auf den historischen Juden Jesus verstellt. Mit "Meet the Rabbis" möchte Young nun vor allem christlichen Lesern einen Einblick in das Wirken der zeitgenössischen, jüdischen Lehrer und Schriften geben, unter denen Jesus zu verorten sei.
In drei Teilen zu je fünf Kapiteln führt der Autor in rabbinisches Denken, rabbinische Literatur sowie in Kurzbiografien bedeutender Rabbiner ein und schließt mit Hinweisen zu weitergehenden Studien in und um die Bibel. Sorgfältig erklärt er Begriffe wie Thora und Talmud, Rabbiner und Midrasch je vor jüdischem Hintergrund, stellt auch zentrale Texte und Gebete des Judentums vor. Dabei bezieht Young sich immer wieder vergleichend auf Überlieferungen des Neuen Testaments. Seine teilweise seitenlangen, tabellarischen Gegenüberstellungen der Aussprüche von Jesus und frühen Rabbinern ist nicht nur eine beeindruckende und streckenweise auch verblüffende Fleißarbeit, sondern unterstreicht auch sein Kernanliegen: den Religionsstifter des Christentums als originellen, aber durchaus im Rahmen rabbinischen Judentums argumentierenden Akteur sichtbar zu machen.
Obwohl Young mehrfach die große Bandbreite jüdischen Denkens schon innerhalb des Talmud betont, kommen jedoch nur jene Zitate zu Wort, die den Aussprüchen Jesu nahe stehen. Auch die Überlieferungen der Abgrenzung und Identitätssicherung gerade auch gegenüber frühchristlichen Missionsversuchen finden keine Beachtung. Heiße Eisen werden gemieden: so wird die zu Zeiten Jesu bereits entfaltete Lehre der Noachidischen Gebote, nach der auch Nichtjuden "Anteil an der kommenden Welt" erlangen könnten und also "der Rettung" durch Konversionen nicht bedürften, auf kaum einer halben Seite abgehandelt. Obwohl (oder eher: weil?) sie ernsthafte Fragen an heilsexklusive Text- und Missionsdeutungen der Kirchen beinhalten würden, wenn Jesus als Rabbi seiner Zeit verstanden würde? Dafür spricht, dass die theologisch weniger kontroversen Glaubensformulierungen von Maimonides (1135-1204) ein ganzes Kapitel erhalten und so präsentiert werden, als ließen sie sich ohne weiteres auf das Judentum zur Zeit Jesu rückprojizieren. Auch zur Illustration der Texte verwendet Young ohne Kommentierung vor allem Stiche des Zeitgenossen Bernard A. Solomon (* 1946), die Jesus als orthodoxen Rabbi der Neuzeit eindrucksvoll zeichnen, damit aber auch die religionshistorischen Abstände zwischen dem heutigen und damaligen Judentum künstlerisch − und für den Laien vielleicht auch irreführend − aufheben.
Insgesamt erweist sich Youngs Buch als ein überzeugend vorgetragenes Plädoyer für den christlich-jüdischen Dialog und für eine Neuinterpretation des christlichen Glaubens- und Selbstverständnisses im Hinblick auf seine jüdischen Wurzeln. Dabei werden Befunde historischer und religionsvergleichender Forschung theologisch aufgenommen und verarbeitet. Die griechisch-lateinische Kirchentradition wird sogar so grundlegend in Frage gestellt, dass sich hier, am Verhältnis zum jüdischen Wurzelboden, womöglich bereits kommende Wegscheiden evangelischer und katholischer Theologie abzeichnen − man denke an die kürzlich ergangene Warnung von Papst Benedikt XVI. vor einer "Enthellenisierung" des Christentums. Auch Youngs Einführungen in jüdisch-rabbinische Begriffe, Texte und Überlieferungswege sind kompakt und verständlich geschrieben und taugen durchaus als Einführungen. Aus religionswissenschaftlicher Perspektive ist das Buch also mehr als interessant zu lesen. Es ist jedoch darauf hinzuweisen, dass die Darstellung und auch Auswahl der im Religionsvergleich behandelten Aspekte eher religiös-erbaulichen als wissenschaftlich-systematischen Charakter haben.

Michael Blume, Filderstadt
 

 

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