Buchbesprechungen in Heft 09/1

Anna-Katharina Höpflinger; Ann Jeffers; Daria Pezzoli-Olgiati (Hg.), Handbuch Gender und Religion, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2008 (= UTB 3062), 342 S., ISBN 978-3-8252-3062-3, € 29,90

Mit Geschlechterforschung lockt man in der Religionswissenschaft nach wie vor kaum Massen in die Hörsäle. Wird doch insbesondere feministische Forschung in der Religionswissenschaft nach wie vor mit großer Skepsis betrachtet: der kritisch-engagierte Blick verstelle schließlich den professionellen, der auf objektive Beschreibung angelegt ist. Betrachtet man die historische Herausbildung der Religionswissenschaft insbesondere in dem Bemühen, Religionen befreit von dem parteiischen Blick einer (apologetischen) Theologie zu untersuchen, dann behält auch heute noch solche Skepsis vor ideologischer Voreingenommenheit in der Religionswissenschaft ihre besondere Berechtigung.
Dennoch machen Geschlechterforschung und feministische Forschung berechtigterweise - wie das Handbuch zu zeigen vermag - nicht vor der Religionswissenschaft halt. Der Band zeigt außerdem mit seinen 22 Beiträgen, dass den Skeptikern zum Trotz die Gender-Perspektive bereits breite Integration in die Forschung auch der deutschsprachigen Religionswissenschaft gefunden hat. Diese Entwicklung ist sicherlich zum einen das Ergebnis fortgeschrittener Selbstreflexion und Professionalisierung des Faches, bei der sich die Religionswissenschaft über ihre tatsächlichen und unausweichlichen, z. B. eurozentrischen Wertbindungen (z. B. Ahn 1999) klar geworden ist. Zum anderen hängt diese Entwicklung auch mit dem Fortschreiten feministischer Forschung zusammen, die sich unter dem Einfluss von Judith Butler (1991) vor allem als dekonstruktivistische Forschung versteht, die "gender" (sozial-kulturelle Geschlechtszuschreibung) wie auch "sex" (biologische Geschlechtszuschreibung) in ihrer sozialen und historischen Dimension als konstruierte variable Größen untersucht.
Nun arbeitet die moderne Religionswissenschaft ebenfalls weitgehend mit einem dekonstruktivistischen Ansatz in dem Sinne, dass man nicht mehr selbstverständlich von additiv gegebenen Gegenständen, den "Religionen" oder "Religionskulturen" in Geschichte und Gegenwart ausgeht, sondern vielmehr von einem dynamischen Prozess, in dem Religionen und Religionskulturen sich in stetiger Auseinandersetzung mit sich verändernden (religiösen) Umwelten herstellen (z. B. Gladigow 2006). Insofern kann man schlüssig argumentieren, dass die gender-bezogene und die religionswissenschaftliche Perspektive methodisch artverwandt sind, wie dies beispielsweise Kocku v. Stuckrad in seinem Beitrag in diesem Band auch tut. Und man könnte dann ein Handbuch zum Thema "Gender und Religion" einem Projekt 'doppelter Dekonstruktion' widmen.
Allerdings vertritt Daria Pezzoli-Olgiati stellvertretend für die Herausgeberinnen in der Einleitung die Ansicht, dass es für ein in das Thema einführendes Handbuch "nicht sinnvoll ist, theoretische und methodische Einheitlichkeit an der Schnittstelle von interdisziplinären Fachrichtungen wie der Religionswissenschaft und der Gender-Studies anzustreben" (S. 18). Entsprechend sind sowohl die gender-theoretischen wie auch die religionswissenschaftlichen Ansätze der einzelnen Beiträge sehr heterogen und die Kapitelaufteilung des Bandes nicht als theoretisches Projekt zu verstehen. Auch kommen - wie dies ja auch unserer Fachgeschichte entspricht - nicht alle Beitragenden aus der Religionswissenschaft, sondern es sind auch reine Bereichswissenschaftler (Indologen, Sinologen etc.) oder Theologen vertreten.
In diesem Sinne wird die religionswissenschaftliche Gender-Forschung in diesem Band als methodisch breit angelegt verstanden, für die allerdings in jedem Falle gilt, dass sie feministische Forschung ist, die immer auch solche "Machtstrukturen" aufschlüsselt, die zu den jeweiligen Geschlechtsrollen sowie der "Ausdifferenzierung zwischen unterschiedlichen Geschlechtern" geführt haben und somit "besonders aufschlussreich für die Erforschung von religiösen Symbolsystemen" sind (S. 14). Dass eine solche Forschung überdies für den Bereich der Praxis lohnend ist, betont Ursula King in ihrem Beitrag: "Je mehr die von einander abhängigen Beziehungen zwischen Gender und Religion ins Bewusstsein gelangen, desto mehr wird sich die religiöse Praxis für Frauen wie Männer ändern" (S. 38). Insofern fordert Ursula King im ersten Kapitel des Bandes - das sich der "Religionswissenschaft als Vermittlung von Weltbildern" zuwendet -, dass die Religionswissenschaft alle neuen Zugänge zur Religion, insbesondere die in der Moderne in verschiedenen Religionen zu beobachtende spirituelle und religiös-intellektuelle Selbstermächtigung der Frauen, "wahrzunehmen, sie zu analysieren und sie kritisch aufzuarbeiten" (S. 38) habe, um solche Entwicklungen in den Religionen zu unterstützen.
Daria Pezzoli-Olgiati weist denn auch auf den mit dieser Erkenntnis des unbedingten Wert- und Praxisbezugs der Forschung einhergehenden und heute zunehmenden gesellschaftlichen Drucks auf die Religionswissenschaft hin, "lösungsorientiertes Wissen" zu gesellschaftlichen Problemlagen (Kleiderordnung, Gewaltbereitschaft, Euthanasie etc.) zu produzieren. Nicht zuletzt diesem gesellschaftlichen Ansinnen ist es geschuldet, dass auch für die Religionswissenschaft verstärkt die Notwendigkeit besteht, die Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft nicht mehr naiv und androzentrisch verblendet unter dem Deckmantel der Objektivität zu leugnen, sondern kritisch reflexiv mit dieser Spannung umzugehen. Dazu gehört dann eben auch, einen feministischen bzw. gender-zentrierten Wertbezug in der Wahl der Forschungsfelder und Methoden nicht abzulehnen, sondern zu reflektieren, wie auch umgekehrt vermeintliche Wertbezugsfreiheiten aufzudecken.
Im zweiten Kapitel steigt das Handbuch mit einer historisierenden Fachgeschichte ein, wenngleich nur mit ausgewähltem Blick auf die vormals raren weiblichen Vertreter - ein Blick auf die 'patriarchalen Verblendungen' einiger früher männlicher Kollegen wäre sicherlich auch sehr aufschlussreich gewesen. So wird beispielsweise hier Jane Harrison (Ulrike Brunotte) als eine der einflussreichsten frühen Forscherinnen und ihre Hinwendung zu archäologischen und ethnologischen Quellen gewürdigt, wenn auch unter der heutigen Gender-Perspektive kritisch dekonstruiert. Aber auch die engagierte Tibet-Forscherin Alexandra David-Néel (Caroline Widmer) oder die Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth (Stefanie Strauss) werden in ihrem Einfluss auf die Religionswissenschaft besprochen.
Das dritte Kapitel des Bandes wendet sich der eher klassischen Frage nach der "Tradierung von Gender-Konstruktionen in religiösen Symbolsystemen" zu. Zwar diskutieren alle Beiträge die Konstruktionen von Geschlecht in verschiedenen religiösen Symbolsystemen, aber es werden dabei dann auch Grenzen und Möglichkeiten der Auslegung in verschiedenen Traditionen ausgelotet: so z. B., wenn Birgit Heller die Grenzen der Ausweitung weiblichen Heilswissens in der Hindutradition aufspürt oder der Sinologe Martin Lehnert aus der Bearbeitung buddhistischer Primärquellen einen offenen Begriff von Geschlecht herausarbeitet und ihn als Vorbild für moderne Denkkonstruktionen anbietet oder Bärbel Beinhauer-Köhler den Gender-Diskurs im Islam am Beispiel der Instrumentalisierung der Figur Fatimas in der iranischen Revolution untersucht und dem frühen Islam eine Gender-Debatte abspricht. Die m. E. lohnende Reflexion der doppelten Konstruktion - die des Geschlechts und eben auch die des Religiösen - wird dabei nicht immer konsequent verfolgt. Deutlicher werden die neuen Perspektiven dekonstruktiven religionswissenschaftlichen Arbeitens wie auch der Gender-Studies in der Herangehensweise des vierten Kapitels des Sammelbandes, das sich der "Repräsentation" widmet: "In der wechselseitigen Dynamik kreieren Menschen die Welt und werden gleichzeitig durch diese verändert: Repräsentation ist also verbunden mit der jeweiligen Kultur und dem Glaubenssystem" (Ann Jeffers, S. 201). Oder wie es Susanne Lanwerd in ihrem Beitrag zur Funktion weiblicher Körperbilder auf den Punkt bringt: "Repräsentation ist nicht Darstellung vorgängiger Realitäten, sondern deren soziale, religiöse oder kulturelle Konstruktion" (S. 222). Vor diesem Hintergrund wird gefragt, welche Medien wie zur religiösen Kommunikation genutzt und wie in ihnen Gender-Konstruktionen stabilisiert, destabilisiert oder überhaupt neu definiert werden. Hier finden sich denn auch überaus spannende Beiträge wie beispielsweise die über den Zusammenhang von Religion, Geschlecht und Kleidung anhand von historischen Beispielen der Regelüberschreitung in diesem Bereich (Anna-Katharina Höpflinger) oder der Rekonstruktion von Geschlechterbildern in der Antike über die Interpretation der unterschiedlichen Darstellungen von Priestern und Priesterinnen auf Stelen des 4. Jh. v. u. Z. bis 2. Jh. u. Z. (Anne Bielman Sánchez). Ann Jeffers zeigt auf, wie sich veränderte gesellschaftliche Positionierungen von Frauen in hellenistischer Zeit in Neukonstruktionen jüdischer Kosmologien widerspiegeln. Mit dem Beitrag von Marie Thérèse Mäder wird demgegenüber dann in die jüdische Gegenwart gesprungen und gezeigt, wie im zeitgenössischen jüdisch-feministischen Film (am Beispiel "Matchmaker" Schweiz 2005) jüdisch orthodoxe und säkulare Geschlechterbilder über die Rollen von Braut und Bräutigam dekonstruiert und neu modelliert werden. Mit einem religionssoziologisch-empirischen Beitrag zur Frage, inwieweit das Geschlecht in der Vermittlung von Religion im Religionsunterricht eine Rolle spielt (Rafael Walthert), wird der Band abgeschlossen.
Wie an den genannten Beispielen schon deutlich wird, haben die Artikel des Handbuchs zwar eine deutlich religionshistorische Dominanz, es wurden aber auch gegenwartsbezogene, sozial- und kulturwissenschaftliche Beiträge mit einbezogen. Wichtig zu ergänzen ist sicherlich noch, dass die Herausgeberinnen den vier Kapiteln zusätzlich jeweils einleitende systematisierende Überblicksartikel vorangestellt haben, die es den Lesern erleichtern, sich in der Fülle und Diversität der Artikelthemen zurechtzufinden. Angesichts der angestrebten Internationalität des Bandes (mit Beiträgen aus der Schweiz, Österreich, Deutschland, Frankreich, Niederlande, Großbritannien) wäre es wünschenswert gewesen, neben Ursula King auch weitere namhafte, stärker religionswissenschaftlich arbeitende Gender-Forscherinnen im Handbuch zu präsentieren. Insgesamt stellt aber der Band auch in dieser Form und an diesem Ort (UTB) einen Meilenstein für die Gender-Forschung in der deutschsprachigen Religionswissenschaft dar, weil auf dieser Grundlage nun endlich eine breitere thematische wie methodische Debatte innerhalb der Religionswissenschaft geführt werden kann.

Gritt Klinkhammer, Bremen
 

Bernhard Maier, Sternstunden der Religionen. Von Augustinus bis Zarathustra, München: C. H. Beck 2008, 202 S., ISBN 978-3-406-57367-5, € 6,00

Der Tübinger Religionswissenschaftler Bernhard Maier wagt in diesem lesenswerten und erstaunlich preisgünstigen Buch - das schon nach kurzer Zeit vergriffen war und im Herbst diesen Jahres neu erscheinen soll - in knapper Form einen Überblick über die Geschichte der Religionen, wobei er sich auf die "Sternstunden der Religionen" konzentriert und den verborgenen Verbindungslinien zwischen ihnen nachgeht. Maier berücksichtigt u. a. die wirkungsgeschichtlich bedeutsamen religiösen Lehren von Echnaton, Zarathustra, Moses, Buddha, Lao-Tse (aber nicht Konfuzius), Jesus, Mani, Augustinus, Mohammed, Luther und Ram Mohan Roy (aber nicht Gandhi) und Baha'u'llah. Auf den ersten Blick erinnert das Buch ein wenig an die bekannten Überblickswerke der klassischen Phänomenologen, die den Schwerpunkt ebenfalls auf herausragende religiöse Gestalten, insbesondere auf die so genannten Religionsstifter und ihre Lehren, sowie auf die außergewöhnlichen Ereignisse und die radikalen Krisen und Wenden in der Religionsgeschichte legten. Wie die klassischen Phänomenologen überspringt Maier umständliche theoretisch-philosophische Vorfeldfragen, die nur knapp im Vorwort (S. 9 f.) und auch im Rückblick und Ausblick (S. 183 ff.) angesprochen werden, und beginnt seine spannende Reise durch die Religionsgeschichte der Menschheit eher unvermittelt mit der Lehre des Ptahhotep aus der zweiten Hälfte des dritten vorchristlichen Jahrtausends. Wie in den Werken der klassischen Religionsphänomenologen kann man natürlich über die Auswahlentscheidungen streiten, worauf Maier im Vorwort auch selbst hinweist. Die nicht leicht zu beantwortende Grundfrage lautet: Was ist eine Sternstunde der Religionen? Es kann aus einer materialistischen Perspektive zudem gefragt werden, ob es wirklich die Ideen und Lehren herausragender Personen waren, die die Religionsgeschichte maßgeblich beeinflusst haben oder nicht vielmehr innerweltlich-profane Interessen. Aus einer transzendenzoffenen Perspektive legt sich die Frage nach einer gemeinsamen Tiefendimension der Wirklichkeit nahe, in der diese Sternstunden möglicherweise gründen und ohne die die radikalen Erneuerungsbewegungen nur schwer verständlich sind, denn die Religionsgeschichte geht ja weiter, wie die abschließenden, gegenwartsorientierten Überlegungen Maiers zum "Weltparlament der Religionen" (S. 175 ff.) überzeugend zeigen.
In dieser Perspektive rücken bei Maier die herausragenden Sternstunden der Religionen als ihr gemeinsamer Nenner an die Stelle, an der die klassischen Phänomenologen vom Heiligen, Unendlichen oder von der "letzten Wirklichkeit" sprachen. Interessanterweise blendet Maier die schon vorliegenden umfangreichen phänomenologischen Überblickswerke von Rudolf Otto bis Gustav Mensching und Mircea Eliade und damit die Frage nach einem möglichen Transzendenzbezug völlig aus. In seinem Versuch, die großen Sternstunden der Religionen ohne Rückgriff auf einen transzendenten Bezugspol unter Beschränkung auf die Immanenz des Menschlichen zu beschreiben, sehe ich den entscheidenden Differenzpunkt zu den dekontextualisierenden phänomenologischen Zugriffsversuchen auf die Religionsgeschichte. Maier begnügt sich mit der Feststellung, dass es diese Sternstunden gibt und beschreibt diese dann in gekonnter Weise im jeweiligen historischen Kontext von Augustinus bis Zarathustra. Ohne hier auf die unterschiedlichen Kontexte im einzelnen eingehen zu können, ist es bewundernswert, wie gut sich der Tübinger Religionswissenschaftler in weit auseinander liegenden Forschungsfeldern auskennt, wie er, soweit ich dies beurteilen kann, stets auf der Grundlage des neuesten Forschungsstandes argumentiert und auf weiterführende neue Literatur hinzuweisen vermag. Maiers Buch dürfte auf dem Felde einer historisch-kritisch-philologischen Religionswissenschaft, die sich nicht scheut, die Religionsgeschichte der Menschheit im Sinne eines streng wissenschaftlichen historischen Objektivismus auf der Grundlage ausgewählter Sternstunden mit ausgewähltem Material in übersichtlicher Weise darzustellen, nicht leicht zu überbieten sein. Die Lektüre dieses Buches ist daher nicht nur für Fachgelehrte, sondern für alle am Phänomen der Religion interessierte Menschen unbedingt empfehlenswert. Dass Maier die empirisch nicht zu beantwortende Frage, warum es in der Religionsgeschichte immer wieder von neuem zu solchen Sternstunden kommt, nicht ausdrücklich stellt, kann man, wie der Rezensent, der ein anderes Vorverständnis von Religionswissenschaft voraussetzt, bedauern, aber Maier bekennt sich ausdrücklich zur methodischen Askese und es ist ihm gelungen zu zeigen, dass auch auf rein empirisch-historischer Grundlage ohne den idealistischen Überbau großer Meistererzählungen ein faszinierender Überblick über die Religionsgeschichte der Menschheit möglich ist.

Wolfgang Gantke, Frankfurt
 

Rainer Flasche, Religionswissenschaft Treiben. Versuch einer Grundlegung der Religionswissenschaft, Berlin: Lit 2008 (= Marburger Religionsgeschichtliche Beiträge 5), 193 S., ISBN 978-3-8258-1080-1, € 19,90

Das vorliegende Buch resümiert Grundanliegen von Rainer Flasches 35-jähriger Lehrtätigkeit an der Universität Marburg. Es besteht aus einer Vorrede, einer Einleitung, fünf Kapiteln ungleicher Länge, einer Literaturliste und zwei Registern. Die ersten vier Kapitel behandeln Gegenstand, Methoden, Ziele und Selbstbeschränkung der RW. Das letzte Kapitel entfaltet Flasches Religionsmodell.
Leider ist der Text recht repetitiv. Manche Thesen werden dem Leser immer wieder aufs Neue eingebläut. Flasche unterstreicht die religiöse Voraussetzungslosigkeit der Religionswissenschaft (S. 30), er hält Fragen nach Ursprung und Evolution von Religion für irreführend (S. 33), betont die Unmöglichkeit, "Religion im Sinne einer Begriffsdefinition festzulegen" (S. 45); "Religion im Singular" gebe es nicht, sie begegne vielmehr "nur in den Religionen" (S. 50). Daher spricht er konsequent von "Religionenwissenschaft". Flasche votiert für einen operationalen Religionsbegriff als "Hilfsbegriff", "Arbeitsbegriff ohne eigenen Inhalt" (S. 51) oder Chiffre. Er lehnt Ist-Aussagen über die Essenz und Existenz von Religion ab (hier jedenfalls), will die Rede von Religion von allen religiösen Inhalten freihalten und plädiert für eine offene Anthropologie. "Der Religionenwissenschaftler ist immer Beobachter, nicht Insider" (S. 59). Der Religionswissenschaft geht es nicht um die Rolle von Religion in anderen Wirklichkeitszusammenhängen, sondern darum, "Religion qua Religionen ihrem jeweiligen Selbstverständnis gemäß zu erforschen" (S. 61).
Religionen haben einen "Leistungscharakter für den Einzelnen wie für die Gemeinschaft" (S. 71), sie "stellen sich dar [sic] als Welterklärungs- und Lebensbewältigungssysteme" (S. 75) mit dem Spezifikum "einer Gerichtetheit auf eine wie auch immer geartete Unverfügbarkeit" [sic] (S. 77). Laut Flasche sind Religionen selbstorganisierende, geschlossene und zugleich offene Systeme, bestehend "aus einer Vielfalt von in Wechselwirkung stehenden Teilsystemen, die wiederum mit einer Vielfalt von nicht spezifisch religiösen Teilsystemen in Wechselwirkung stehen und somit ein komplexes Gewebe von Beziehungen bilden" (S. 81). Religionen sind eingebunden in "Denkstrukturen" (S. 90). Im Methodenkapitel diskutiert Flasche Religionengeschichte (Längsschnitte) und Religionensystematik (Querschnitte). Dabei unterscheidet er materiale und formale Religionensystematik, wobei letztere "das Begriffssystem der Religionenwissenschaft hervorbringt und damit diese erst als Wissenschaft systemtheoretisch begründet" (S. 131). Eine Religionstheorie sei "niemals eine sinnvolle Hypothese der Religionenwissenschaft [...], sondern sie kann nur Ergebnis einer vielschichtigen, vergleichenden Abwägung verschiedener Religionsmodelle und derer methodischer Verifizierung und Falsifizierung darstellen" (S. 137). Der Religionenwissenschaft geht es "vor allem um die Erforschung und Erkenntnis uns durchaus fremder denkstruktureller Zusammenhänge" (S. 134), um "Wahrheitswirklichkeiten" der Menschen (S. 142), um "Religionen in ihrer Vielgestaltigkeit", "Verschiedenartigkeit" (S. 143), "Faktizität", "Geschichtlichkeit" (S. 146) und "Konkretheit" (S. 148). Daraus ergibt sich auch ihre Selbstbeschränkung (vgl. auch plakativ S. 151).
Im letzten Kapitel folgt dann doch eine Reihe von Ist-Festlegungen: "Wenden wir uns den Religionen in ihrer jeweiligen Systemheit zu, so erkennen wir, daß sie von ganz wenigen selbstorganisierenden Relationen oder 'Prinzipien' getragen werden. Wenn wir versuchen, eine für alle Religionen und alles religiöse Verhalten zu wohl allen Zeiten gültige, zumindest in ihnen zum Ausdruck kommende Relation herauszuarbeiten, so ist das die Relation unheil - heil [sic] in ihrer attributiven Aussageform. Denn in allen Religionen geht es darum, etwas Unheiles heil zu machen" (S. 164). Laut Flasche erfüllt dieses formale Religionsmodell "im religionenhistorischen Raum eine formale Erklärungsfunktion, die aus der der Religiosität immanenten Relation Heilssuche - Heilsfindung - Heilssteigerung modellhaft das Entstehen von konkreten Religionen aufzuschlüsseln vermag" (S. 176).
Flasches bevorzugte Gesprächspartner sind Wach und Heiler. Flasche entwickelt seine "neue Perspektive" (S. 11) weder in Auseinandersetzung mit aktuellen Diskussionen im Fach noch mit jüngeren Entwicklungen in benachbarten Disziplinen. Die Entwicklung einer "systemtheoretischen" Perspektive z. B. erfolgt ohne explizite Rezeption von Systemtheorien. Die aktuellste Literaturangabe stammt aus dem Jahre 1981! Da keiner heutzutage mehr die von Flasche kritisierten Positionen vertritt und Flasche mindestens eine Generation religionswissenschaftlichen Arbeitens ausblendet, wirkt das Buch insgesamt antiquiert. Dennoch ist es streckenweise anregend, zumal in Deutschland sonst keine wissenschaftstheoretischen Arbeiten zur Religionswissenschaft vorliegen. Auf eine inhaltliche Auseinandersetzung muss an dieser Stelle verzichtet werden.

Michael Stausberg, Bergen
 

Matthias Sellmann, Religion und soziale Ordnung. Gesellschaftstheoretische Analysen, Frankfurt: Campus Verlag 2007, 495 S., ISBN 978-3-593-38367-5, € 51,00

Matthias Sellmann beginnt sein Argument im hier rezensierten Buch mit der These, dass sich der Diskurs um Religion in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt habe. Alles spreche dafür, "dass die politisch-säkulare Moderne dem religiösen Impuls ganz neu ein Eigenrecht zugebilligt hat, einen ganz originären Geltungsanspruch mit eigenen Inhalten und Arenen und dass sich politisches Denken und Handeln von diesem Impuls und diesem Geltungsanspruch verändern lassen muss." (S. 16) Vor dem Hintergrund dieser Überzeugung verfolgt der Autor das Ziel, "die zentralen theoretischen Strukturierungen sowie erste praktische Profilumrisse einer postsäkularen Religionspolitik zu formulieren" (S. 17).
Das damit angedeutete Programm wird in zwei Schritten entfaltet: Das Argument beginnt mit einer kritischen Darstellung der Säkularisierungsthese sowie einem Plädoyer für das Konzept der öffentlichen Religion. Auf dieser Basis kommt Sellmann zunächst zu dem Schluss, dass sich Religion konstitutiv auf soziale Ordnung beziehe und somit in Prozesse eingebunden sei, die in den Sozialwissenschaften über den Begriff der gesellschaftlichen Integration diskutiert werden. Diesen Diskussionszusammenhang beschreibt er dann detaillierter als das Paradigma 'Ganzes und seine Teile'. Ein Paradigma, welches (a) das Austarieren zwischen gesellschaftlichen Gruppen und der Gesellschaft im Ganzem in den Mittelpunkt rücke und (b) durch eine normative Aufladung der Integrationsprozesse sowie (c) durch eine strukturlogische Dominanz 'des Ganzen' geprägt sei.
In diesem analytischen Rahmen möchte der Autor Religion neu verorten. Den Hauptteil des Buches bildet deshalb die Rekonstruktion der religionspolitischen Analysen bei Thomas Hobbes, Emile Durkheim und Georg Simmel. Auf der Basis detaillierter Darstellungen der jeweiligen Ansätze vertritt Sellmann die Auffassung, dass jeder dieser Autoren eine je spezifische Antwort auf die Frage nach dem Beitrag der Religion zu Integrationsprozessen formuliert habe: Hobbes habe (angesichts seiner Erfahrungen mit der Englischen Revolution) von Beginn an den Einfluss sprachlich verfasster religiöser Geltungsansprüche im öffentlichen Raum hervorgehoben und dabei - so Sellmann - das Ganze als die Gesamtheit der Teile aufgefasst.
Dem stellt Sellmann gegenüber, dass bei Durkheim das Ganze der Gesellschaft als die Einheit der Teile beschrieben werde. Durkheim sei es vor allem darum gegangen, die Religion (vor dem Hintergrund einer nicht mehr als sinnhaft empfundenen sozialen Gesamtheit) als Ressource sozialer Integration aufzufassen.
Simmels Zugang charakterisiert Sellmann schließlich durch den Fokus auf die Wechselwirkung der Teile in Beziehung zum Ganzen. Simmel habe vor allem das Ziel verfolgt, Religion im produktiven Austauschverhältnis zwischen Individuen und ihren sozialen 'Formen' zu untersuchen.
Auf der Basis dieser Überlegungen kommt Sellmann schließlich zu dem Ergebnis, dass Religion in keinem Fall als unilineare Ordnungsressource angesehen werden könne: "Weit davon entfernt, vom Selbstverständnis her einfach loyale Konsensbeschafferin für gegebene Ordnungskonstellationen zu sein, inszeniert Religion typischerweise einen dialektischen Zwischenschritt: Erst die Ordnungskrise baut Ordnung auf; das Sakrileg gehört zur Sakralität" (S. 464).
An dieser abschließenden These werden zwei Spezifika des rezensierten Buches deutlich: Zum einen geht es dem Autor um mehr als die bloße Rekonstruktion klassischer sozialwissenschaftlicher Positionen sowie ihre Einordnung in die Ideengeschichte der Sozialwissenschaften. Im Einklang mit der eingangs zitierten Zielsetzung betont er darüber hinaus die Signifikanz der diskutierten Ansätze für die Gegenwartsdiagnose sowie die Praxis moderner Religionspolitik. Damit erhält die Diskussion eine normative Färbung, die im Argumentationsverlauf immer wieder thematisch wird. Zum anderen fokussiert Sellmann durchgehend auf die integrative Rolle 'der Religion' im Rahmen der Etablierung sozialer Ordnung. Eine analytische Schwerpunktsetzung, die im gesamten Buch konsequent durchgeführt wird. Gerade in Bezug auf die Zielsetzung der Arbeit birgt sie aber die Gefahr eines impliziten Essentialismus, der 'die Religion' als analytische Einheit von ihren konkreten religionshistorischen Ausprägungen abstrahiert. Zusammenfassend lässt sich mit Blick auf die Religionswissenschaft festhalten: Das hier vorgestellte Buch liefert einen aufschlussreichen Beitrag zur Diskussion der Prozesse, die im Anschluss an Jürgen Habermas unter dem Begriff der 'postsäkularen Gesellschaft' diskutiert werden. Sellmann präsentiert einen detaillierten Referenzrahmen für die Analyse gesellschaftlicher Integrationsprozesse in der Gegenwart und lädt durch die Betonung der Gegenwartsdiagnostik in einem besonderen Maße zur interdisziplinären Diskussion ein. Religionswissenschaftlerinnen und Religionswissenschaftler sollten diese Einladung annehmen und mit eigenen Arbeiten ihren spezifischen Beitrag zu den angedeuteten Debatten leisten. Komplementär zu Sellmann müsste dabei gerade die (inhaltliche wie strukturelle) Dialektik zwischen Religionsgemeinschaften und politischen Akteuren in den Mittelpunkt gerückt werden.

Karsten Lehmann, Bayreuth
 

Thomas Schmidt-Lux, Wissenschaft als Religion. Szientismus im ostdeutschen Säkularisierungsprozess, Würzburg: Ergon 2008 (= Religion in der Gesellschaft 22), 413 S., ISBN 978-3-89913-567-1, € 48,00

Die recht umfangreiche Dissertation (413 Seiten) gliedert sich in drei Hauptkapitel: I. Zur Rolle des Szientismus im Säkularisierungsprozess, II. Die Urania. Von bürgerlicher Bildungsarbeit zur Propagierung szientistischer Weltanschauung, III. Szientismus, Wissenschaft und Religion in individuellen Weltsichten.
In der DDR wurde erstmalig auf staatliche Anordnung und unter staatlicher Aufsicht der Versuch durchgeführt, Religion durch Wissenschaft, genauer die wissenschaftliche Weltanschauung des Marxismus-Leninismus, zu ersetzen. Wie der Autor belegt, wurden dabei zumindest Teilerfolge erzielt: Man wandte sich von der Religion ab, aber nicht unbedingt zum Marxismus-Leninismus hin. Diese Erfolge wurden nun nicht nur durch politische Repressionen den Kirchen gegenüber erzielt, sondern auch durch die permanente Propagierung eines wissenschaftlichen Weltbildes, während Religion gleichzeitig als überholt apostrophiert wurde.
Nun sind verschiedene Verhältnisse von Wissenschaft zu Religion denkbar, nach dem in der DDR propagierten handelte es sich um "sich wechselseitig zwingend ausschließende Sphären" (S. 19 f.). Wissenschaft und nicht Religion sollte der Welterklärung dienen, aber auch als individuelle Handlungsanleitung sowie zur Sinnstiftung. Klassische Säkularisierungstheorien gehen bekanntlich von einer Verdrängung der Religion durch die fortschreitende Verwissenschaftlichung aus, aber bei dieser Theorie bleiben in einer funktional differenzierten Gesellschaft noch Aufgabenfelder für Religion resp. Kirche übrig. Sie auch dort durch Wissenschaft zu ersetzen, war Ziel der DDR-Propaganda.
Dabei gilt die Grundthese: "Nicht die Wissenschaft generell, sondern vielmehr eine spezielle Interpretation von Wissenschaft, ihre Verabsolutierung und Überhöhung im Szientismus trug im Verlauf der letzten beiden Jahrhunderte und vor allem während der Zeit der DDR zu einem Bedeutungsverlust der Religion in Ostdeutschland bei." (S. 65) Szientismus geht insofern über Wissenschaft hinaus, als er Sinnstiftungen, Weltdeutungen, soziale Normen und Handlungsanweisungen gibt, die absolute Geltung beanspruchen. Es besteht absoluter Konkurrenzanspruch gegenüber Religion und insbesondere gegenüber dem Christentum; Religion soll daher entweder durch Wissenschaft ersetzt werden oder eine neue, wissenschaftlich fundierte Religion (etwa Monismus) soll an Stelle der alten treten.
Schmidt-Lux macht deutlich, dass der Marxismus-Leninismus Wissenschaft und Religion aus zwei Gründen als unversöhnlichen Gegensatz sieht: Religion sei zum einen politisches Instrument der herrschenden Klasse, weil sie Unterdrückung sanktioniere, und deshalb zu verurteilen, zum zweiten entspringe Religion dem Unwissen, welches durch die Wissenschaft eben aufgehoben werden solle, so dass es zu einem zwangsläufigen Konflikt komme, weshalb auch die Kirche wissenschaftlichen Fortschritt immer wieder brutal unterdrücke (S. 114 f.).
Entstanden ist im Fazit ein außerordentlich vielschichtiger Beitrag zur Geschichte und Soziologie der Säkularisierung, der für Religionswissenschaftler, Historiker und Soziologen gleichermaßen interessant sein dürfte.

Claudia Wustmann, Leipzig
 

Márcia E. Moser; Maud E. Sieprath (Hg.), Zwischen Leben und Tod. Religionswissenschaftliche Perspektiven auf Sterben und Sterbehilfe, Berlin: Lit-Verlag 2008 (= Religionswissenschaft 16), 158 S., ISBN 978-3-8258-1266-9, € 19,90

In einer Zeit, in der die Sterbehilfe heiß diskutiert wird, könnte ein Buch wie dieses eine große Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Bemerkenswert an diesem Buch ist, dass es sich um, wie der Untertitel sagt, religionswissenschaftliche Perspektiven auf das Thema handelt, die die religiösen Aspekte der kulturellen Bedeutung des Sterbens allgemein, besonders aber der Sterbehilfe behandeln, so dass es auch die Hoffnung nährt, etwas über den Beitrag der Religionswissenschaft zu diesem Thema zu erfahren. Und in der Tat enthält der Band eine Reihe von Beiträgen, die das Thema in einer sehr kenntnisreichen Weise religionswissenschaftlich abhandeln, die selten beachtete Aspekte des Themas angehen und die diese sehr genau ausleuchten. So sind etwa die Einblicke in die juristischen Aspekte der Sterbehilfe von Hans-Georg Koch und Maud E. Sieprath ebenso informativ wie die Ausführungen zur Sterbehilfe im Hinduismus und Buddhismus (Birgit Heller) und zur Position des Humanistischen Verbandes Deutschland (Márcia E. Moser); auch die Aufsätze zum Sterben im Mittelalter (Antje Laskowski) oder den Todesvorstellungen von Deutschkatholiken und Freireligiösen im 19. Jahrhundert (Lars Jentsch) oder der marxistischen Philosophie der DDR (Olaf Briese) zur Sterbehilfe informieren über häufig vernachlässigte Aspekte des Themas. So informativ diese einzelnen Beiträge allerdings sind und so sehr auch die anderen Beiträge anregen, so fehlt dem Band nicht nur eine deutlichere Fokussierung, sondern auch eine orientierende Einleitung oder ein zusammenfassender Schluss. So erscheint er wie ein Fleckerlteppich, in dem vor allem diejenigen Leserinnen und Leser ein klares Motiv suchen, die kein intrinsisches Interesse an der Religionswissenschaft haben, sondern "nur" am Thema des Buches interessiert sind.

Hubert Knoblauch, Berlin
 

Bettina E. Schmidt, Einführung in die Religionsethnologie. Ideen und Konzepte, Berlin: Reimer 2008, 232 S., ISBN 978-3-496-02813-0, € 24,90

Mit ihrem Buch legt Bettina E. Schmidt die seit über 20 Jahren erste deutschsprachige Monographie zur Einführung in die Religionsethnologie vor. Die insgesamt 232 eng beschriebenen Seiten sind in zwei gleich große Hauptteile zu "Grundlagen" und "Themen" der Religionsethnologie sowie einen Anhang mit Glossar, Bibliographie und Register gegliedert. Verfasst vor allem für Studierende, hängt bei sieben der acht Kapitel eine kommentierte Literaturliste an, die kompetent und hilfreich Gelegenheit zu Weiterführung und Vertiefung bietet. Im ersten Teil werden der problematische Begriff der Religion, die Geschichte der Religionsethnologie, der Bedeutung der Feldforschung sowie die heutige Relevanz der Disziplin behandelt. In sämtlichen Kapiteln stellt Schmidt die Interdisziplinarität der Religionsethnologie heraus, so z. B. am Exkurs zu Orientalismus und Postkolonialismus (S. 53 f). Die disziplinäre Verwobenheit zeigt sich auch im Abschnitt zur Geschichte, in dem sie stark auf die allgemeine Ethnologie rekurriert, so wie auch die Beispiele zur Relevanz des Faches ebenso in einer Einleitung zur Religionswissenschaft stehen könnten. Es ist bezeichnend für Schmidts Darstellung der Religionsethnologie, dass die Feldforschung, die sie zum Paradigma ihres Faches erhebt, ebenso von anderen Disziplinen angewandt wird, während ebenso gut auch die Systematisierung der Daten oder Holismus als Spezifikum der Ethnologie genannt werden könnten (S. 61). Auf Kohls Definition von Ethnologie als 'Wissenschaft vom kulturell Fremden' rekurrierend (S. 11) konzentriert sie sich auf 'exotische' Kulturen und blendet dabei das spannende Feld der Europäischen (Religions-)Ethnologie leider weitgehend aus.
Im zweiten Teil stellt Schmidt nach "eigenem Interesse und [...] einer Durchsicht der Literatur" (S. 89) exemplarisch dar, "wie Menschen glauben, auf welche Weise sie ihren Glauben ausdrücken und wie sie ihn praktizieren" (ebd.). In den Kapiteln "Poiesis" und "Praxis" stellt sie ausgewählte Theorien zu Symbolen, Mythen, Ritualen und religiösen Erfahrungen vor und illustriert diese anhand religionsethnologischer Studien. An Forschungen aus unterschiedlichen Kulturräumen zeigt sie z. B. die Relevanz der Kosmologie im Zusammenhang von Lebensraum und religiöser Praxis auf. So werden sowohl die Vielfalt der Zugänge und Interpretationen in der Ethnologie wie auch ihr holistischer Anspruch sichtbar; wobei Holismus hier eher im Sinne von multi-sitedness mit kultureller und historischer Kontextualisierung der Phänomene verwandt wird. Im letzten Kapitel "Religion und Gesellschaft" illustriert sie, wie die religionsethnologische Perspektive zu den aktuellen Debatten zu Migration, Postkolonialismus, Säkularisierung und Postmoderne beitragen kann. Während aus religionswissenschaftlicher Sicht zentrale Begriffe wie etwa "Mythos" unscharf bleiben, ist die Verknüpfung von auch in der Religionswissenschaft diskutierten Phänomene mit aktuellen Forschungsansätzen der Ethnologie sehr bereichernd. Schmidts weniger systematisierter als mehr erzählender Umgang mit Theorien und Konzepten bietet keinen roten Faden und könnte daher gerade für ihre primäre Zielgruppe der Studienanfänger den Überblick erschweren. Das sonst interessante und spannende Buch bietet also eher einen Einblick als eine Einführung.

Markus Wachowski, Berlin
 

Michael Amaladoss, The Asian Jesus, Maryknoll: Orbis Books 2006, 180 S., ISBN 978-1-57075-661-0, £ 12,99

"Jesus wurde geboren, lebte, predigte und starb in Asien" (1). Mit diesem ebenso einfachen wie Augen-öffnenden Satz beginnt der indische Jesuit Michael Amaladoss sein Kaleidoskop asiatischer Jesusbilder. Das Anliegen des Autors ist es, die asiatische Seite des meist in europäisch-ikonischen Bildern und Dogmen gedachten Jesu aufzudecken. Damit ist bereits gesagt, dass es sich bei "The Asian Jesus" nicht um eine religionswissenschaftliche oder religionshistorische Darstellung asiatischer Jesusvorstellungen handelt, sondern um eine theologische Annäherung an Jesus in asiatischen Bildern.
Welche Einsichten bringt der 180-Seiten Band für die Religionswissenschaft? Vielleicht zweierlei: Zum einen schenkt uns der Autor in der apologetischen Art und Weise, mit der er seine asiatischen Jesusbilder einleitet (4-6) und dabei häufig unterstreicht, dass die von ihm angeboten Symbolbilder (images) der katholisch-kirchlichen Dogmatik nicht widersprechen, einen interessanten Einblick in das indisch-theologische Denken. Zum Zweiten eröffnen die in klarer und anschaulicher, manchmal auch dichter Sprache erschlossenen Bilder auch dem theologisch weniger versierten Leser höchst interessante Bezüge zwischen hinduistischen, buddhistischen und daoistischen Symbolbildern und dem biblischen Jesus von Nazareth.
Nach einem kurzen Streifzug durch die Jesusbilder der Evangelien (13) und der Theologie (15-18) zeichnet Amaladoss einen Überblick über Jesusbilder aus der Perspektive anderer asiatischer Religionen, wobei er sich auf indisch-hinduistische (Jesus der Lehrer, der Avatar, der Satyagrahi, der Advaitin [21-25]) und buddhistische (Jesus der Mitleidende, der Bodhisattva [26-27]) Symbolbilder konzentriert. Der Hauptteil des Buches bietet dem Leser neun asiatische Jesusbilder: der Weise, der Weg, der Guru, der Satyagrahi, der Avatar, der Diener, der Mitfühlende, der Tänzer und der Pilger. Diese Symbolbilder werden jeweils kurz in ihren kulturellen und religiösen Zusammenhängen erläutert und dann in ihrer biblischen Bedeutung, unter ausführlicher Verwendung von Zitaten aus den Evangelien, beschrieben. In manchen Fällen weist der Autor auch auf asiatische Künstler, Gedichte oder Lieder hin, in denen das jeweilige Bild Verwendung findet. Eine genaue komparatistische Analyse inwieweit sich diese aus asiatischen Religionsformen entnommenen Bilder verändern, wenn sie auf Jesus angewendet werden, bleibt sporadisch, wie etwa im Hinweis auf Jesus den Tänzer in Bezug auf den weltschöpfenden Shiva (150) der hinduistischen Vorstellung und den Logos des Christentums oder im Verweis auf die Zwecklosigkeit des Tanzens und die Entleerung (kenosis) Gottes und darauf, dass im indischen Denken nur in dieser Zwecklosigkeit des Handelns dem Karmakreislauf entgangen werden kann (149).
"The Asian Jesus" bietet dem Leser einen durch viele biblische Bezüge verdichteten Einblick in asiatische Symbolbilder, die sich zum typologischen, funktionalen oder komparatistisch religionswissenschaftlichen oder theologischen Arbeiten anbieten, beschrieben aus der Innenperspektive indisch-katholischer Theologie.

Martin Rötting, Freising
 

Rüdiger Lohlker, Islam. Eine Ideengeschichte, Wien: Facultas Verlags- und Buchhandels AG 2008, 282 S., ISBN 978-3-8252-3078-4, € 19,50

Rüdiger Lohlker, Professor am Institut für Orientalistik der Universität Wien und Inhaber des einzigen österreichischen Lehrstuhls für Islamwissenschaften, unter Religionswissenschaftlern als Fachmann für das Thema 'Islam im Internet' bekannt, nennt sein neuestes Buch eine "fragmentarische Ideengeschichte" des Islam. Er stellt diese Religion ohne "Bezug auf ein impliziertes Ganzes" dar und befasst sich mit der Entstehung, den Wandlungen und Wirkungen einzelner Ideen und Erscheinungsformen des Islam, wobei es ihm um "Geschichten von Relationen und Brüchen geht, ein(en) Versuch, die scheinbare Ganzheit fragmentarisch zu denken" und Beziehungen zwischen den Fragmenten aufzuzeigen (S. 9). So beschreibt diese Ideengeschichte verschiedene Felder islamischen Wissens (Muhammad, Koranwissenschaften, Gebet, Mystik, Paradies, Halal u. a.) und islamischen Lebens (Politik, Recht, Minderheiten, Reformbewegungen, Medien, Dschihadismus u. a.). Der Leser wird in jedem Kapitel darauf gestoßen, dass man nicht von dem Islam sprechen kann, sondern dass es innerhalb der muslimischen Gemeinschaften sehr unterschiedliche Positionen und Diskussionen gibt.
Die Veröffentlichung ist für ein größeres Lesepublikum bestimmt. Als Lektürevoraussetzung genügen allgemeine Grundkenntnisse des Islam und ein Vertrautsein mit Stichworten, mit denen der Islam in den Medien in Verbindung gebracht und diskutiert wird. Lohlker bezieht aktuelle Vorgänge in der islamischen Welt in seine Untersuchungen ein, wertet neueste Erkenntnisse der Islamforschung aus und berücksichtigt wenig präsente geographische Regionen. Entstanden ist ein außerordentlich anregendes Buch. Zwangsläufig können manche Themen nur angeschnitten werden, doch immer wird der Leser dazu angeregt, sich mit Einzelaspekten des Islam und der Islamforschung intensiver zu beschäftigen.
Der Autor bezieht den Leser in den 'Fluss der Ideen' ein. Er lehrt den Islam als einen dynamischen Prozess zu verstehen und den Fallstricken eines überzogenen Systemdenkens auszuweichen. Für Lohlker können islamische Gesellschaften nicht allein aus dem Koran und dem Islam erklärt werden, sondern bedürfen der Anwendung historischer, sozialwissenschaftlicher, politikwissenschaftlicher u. ä. Analysen. Das Konzept einer Ideengeschichte erfordert einen konsequent interdisziplinären Ansatz, und Lohlker lässt fächerübergreifende Fragestellungen ganz selbstverständlich in seine Untersuchungen einfließen.
Bei einem solchen Forschungsansatz könnte - konsequent zu Ende gedacht - die Islamwissenschaft als eine Spezialwissenschaft aufgehoben und durch eine globalisierte Wissenschaft in Form einer allgemeinen Kulturwissenschaft ersetzt werden. Aber würde sich nicht gerade dann die Frage erneut mit aller Dringlichkeit stellen, worum es im Islam 'eigentlich' geht?

Rainer Neu, Wesel
 

Dorothee Pielow, Der Stachel des Bösen. Vorstellungen über den Bösen und das Böse im Islam, Würzburg: Ergon 2008 (= Bibliotheca Academica. Orientalistik 13), 174 S., ISBN 978-3-89913-642-5, € 25,00

Wie soll man ein Buch besprechen, in dem einerseits beklagt wird, dass wissenschaftliche Untersuchungen durch weniger sorgfältig verfasste populärwissenschaftliche Literatur verdrängt werden, in dem aber andererseits zu lesen steht: "Mitten im Nachdenken [...] schwappte zudem an einem sehr heißen Sommertag im Juli 2006 eine Flut durch unser Haus, so dass es über Monate verwüstet und nahezu unbewohnbar war. Haben Sie schon einmal ein Buch in Gummistiefeln geschrieben?" - Dem Rezensenten, der nie in Gummistiefeln am Computer sitzt, ist es schwer gefallen, die offenkundigen Schwächen des vorliegenden Buches mit Humor zu nehmen. Für ihn wurde es zu einem Ärgernis, sich durch einen konzeptionslosen Text über ein gewaltiges Thema hindurchzuarbeiten.
Dem Buch fehlt schlichtweg das, was es für eine Reihe mit dem Titel "Bibliotheca Academica" qualifizieren könnte. Bis auf die tadellose Umschrift arabischer Begriffe geht die Sorgfalt ab, die einem in populärwissenschaftlichen Titeln begegnet, wenn deren Verlage sich ein entsprechendes Lektorat leisten. Schlimmer noch: Der Verfasserin fehlt ein Blick für geistesgeschichtliche Entwicklungen. Da steht der Koran neben den Hadithen und wiederum neben der Märchensammlung "Tausendundeine Nacht"; Ergüsse der Internetseite des türkischen Vielschreibers Fethullah Gülen werden seitenweise zitiert, und es gibt einen Exkurs über zeitgenössische islamische Schriftamulette (an sich ein für die Religionswissenschaft durchaus interessanter Forschungsgegenstand). Das Ganze wird garniert mit Abbildungen, die überwiegend aus dem christlichen Bereich stammen!
Man könnte das Buch als ein merkwürdiges Beispiel des postmodernen "Anything Goes" belächeln. Aber alles geht für Dorothee Pielow auch nicht. Sie wendet sich gegen die Islamophobie der italienischen Journalistin Oriana Fallaci ebenso wie gegen George W. Bushs dualistische Rhetorik (die übrigens nicht gegen die "islamische[n] Welt als [der] 'Achse des Bösen'" [S. 13] gerichtet war, wie Pielow meint, sondern gegen überwiegend säkularistische Regimes). Im Grunde geht es also um eine religiös-politische Agenda, die unter dem Mantel der Islamwissenschaft verfolgt wird.

Gereon Vogel-Sedlmayr, Passau
 

Johannes Beltz (Hg.), Shiva Nataraja. Der kosmische Tänzer. Mit einem Beitrag von Saskia Kersenboom, Zürich: Museum Rietberg 2008, 200 S., ISBN 978-3-907077-38-2, € 42,00

Der vorliegende Katalog bietet dem Leser neben den Abbildungen der Ausstellungsexponate eine umfangreiche Einleitung des Herausgebers und einen Artikel von Saskia Kersenboom, Professorin für Theaterwissenschaft in Amsterdam. Wie Museumsdirektor Albert Lutz in seinem Vorwort berichtet, sei eine Bronzedarstellung des Shiva Nataraja aus der Sammlung von der Heydt zum Sinnbild des Museums geworden und habe einen Anstoß für das Entstehen der Ausstellung gegeben. "In erster Linie zeigt die Ausstellung und beschreibt dieser Katalog [...] die religiöse Bedeutung sowie die ikonographische und künstlerische Vielfalt dieses Gottesbildes in Südindien zur Zeit der Chola-Dynastie (9.-13. Jahrhundert). Gleichzeitig wird erforscht, wie der Shiva-Kult in den Tempeln Südindiens heute fortlebt" (S. 9).
J. Beltz gibt eine umfassende, mit Bildern versehene Einleitung zu Shiva als indischem Gott, den Shiva-Darstellungen, Shiva als Symbol und zur Geschichte des Erwerbs der Shiva-Nataraj-Darstellung aus der Sammlung von der Heydt. Im letzten Absatz seiner Einleitung fasst er in ein paar Sätzen zusammen, was der Film (15 Minuten Laufzeit) auf der dem Katalog beigefügten DVD zeigt. Saskia Kersenboom schreibt in ihrem Beitrag: "Die folgenden drei Abschnitte beleuchten Shivas geheimnisvolles Wesen und führen gleichsam den Besucher durch die Ausstellung" (S. 41). Der erste der drei Abschnitte "NATYA: Rituelles Drama" (S. 41) befasst sich mit den verschiedenen, vor allem südindischen Formen des Schauspiels und des Tanzes und spricht damit eine sinnlich wahrnehmbare Seite von Mythos und Ritual an. "AYANAM: Der Lauf der Zeit" (S. 48) ist der zweite Abschnitt, der sich den verschiedenen Überlieferungen von Ideen, die sich mit Zyklus bzw. Kreisläufen beschäftigen, widmet. Und im dritten, "TANDAVA: Der Tanz der Verwandlung" (S. 60), überschriebenen Abschnitt geht es schließlich um Shivas Tanz, um die verschiedenen Versionen/Geschichten des Tanzes, hauptsächlich die südindischen Überlieferungen.
Die ersten Abbildungen des Katalogteils zeigen die Figur des Shiva-Nataraja mit dem Flammenkranz, Bronzefiguren, wie sie weithin bekannt sind. Es folgen verschiedene Shiva-Darstellungen in Bronze, Stein, Holz, Elfenbein und in der Malerei; außerdem finden sich Darstellungen von Göttinnen und Göttern, die zur "Familie" Shivas gehören; darunter finden sich viele typisch südindische Darstellungen, wie zum Beispiel die Darstellung der heiligen Mutter von Karaikkal, eine Shiva-Verehrerin, die mit seiner Hilfe zur (Dichter-)Heiligen wurde.
Hilfreich sind die Verweise, mithilfe derer sich der Text und die Begleittexte der Katalogabbildungen aufeinander beziehen. Für den Religionswissenschaftler ist der vorliegende Katalog nicht nur eine hervorragende Materialsammlung, sondern auch mit hilfreichen und gut brauchbaren Informationen über Mythen und Kult versehen. Dennoch sind einige Ungenauigkeiten festzustellen, so das Fehlen diakritischer Zeichen und Schreibfehler (z. B. S. 66 wird an das Sanskritwort asura das deutsche Plural-"s" angehängt), weiterhin die unreflektierte Gleichsetzung der Begriffe "Antigötter" und "Dämonen" (S. 114); genauso stellt sich die Frage, woran man Tripuravijayamurti (Kat.-Nr. 24) erkennt, da seine Ikonographie nicht erklärt wird. Die Illustrationen sind gut verwendbar und lehrreich, die Begleittexte größtenteils hervorragend, auch wenn dort mehr Quellennachweise wünschenswert wären. Es finden sich zum Beispiel drei Versionen der Legende der heiligen Mutter von Karaikkal, eine im Beitrag von S. Kersenboom, und je zwei andere - auf die in einer Fußnote des Kersenboom-Artikels auch verwiesen wird - in den Begleittexten der Abbildungen Kat.-Nr. 48 und 49, wobei die eine Version ganz ohne Quellennachweis wiedergegeben wird. Es wäre wünschenswert, nachvollziehen zu können, wann die verschiedenen Versionen wo entstanden sind. Leider wird nur gelegentlich in den Begleittexten auf die Funktion und den Kontext der Darstellung der Statue eingegangen, ein für den Religionswissenschaftler doch nicht ganz unwichtiger Aspekt.

Anna Hambach, Hürth
 

Michael Bergunder (Hg.), Westliche Formen des Hinduismus in Deutschland. Eine Übersicht, Halle: Verlag der Franckeschen Stiftungen 2006 (= Neue Hallesche Beiträge 6), 267 S., ISBN 3-931479-76-5, € 12,80

Michael Bergunder hat in diesem Buch Vorträge einer Tagung zum Thema zusammengetragen, die im November 2001 in der Frankeschen Stiftung in Halle stattgefunden hatte, und noch ein paar weitere Beiträge hinzugefügt. Welche der Artikel auf die Vorträge zurückgehen und welche anschließend noch hinzukamen, ist nicht vermerkt. Es handelt sich letztlich um 17 Beiträge inklusive der Übersicht über religiöse Bewegungen Indiens in westlichen Kulturen von Reinhart Hummel, der auch Mitherausgeber der Neuen Halleschen Berichte ist. Die weiteren Artikel thematisieren die ISKCON (Rahul Peter Das, Alice Schumann), Brahma Kumaris (Stephan S. Nagel, Suman Devi Bakshi), Sai Baba (Katharina Poggendorf-Kakar), Osho (Joachim Süss, Ulrike Rosenbach), die Transzendentale Meditation (Reinhard Hummel), die Sant-Mat-Traditionen (Manfred Hutter, Andreas Nehring, Lothar Schmitt), den Yoga (Christian Fuchs), sowie thematische Einzelfragen, nämlich "Die Bhagavadgita im 19. Jahrhundert. Hinduismus, Esoterik und Kolonialismus" (Michael Bergunder), "Westliche Begegnung mit der furchtbaren Göttin des populären Hinduismus" (Friedrich Huber), "Zur Darstellung des Hinduismus im Schulbuch" (Jürgen Haneder) und "Kirchliche Reaktionen in Deutschland auf die Herausforderung religiöser Bewegungen indischer Herkunft. Einige historische und systematische Beobachtungen" (Ulrich Dehn). Dort, wo mehrere Autor(inn)en zu einem Thema genannt sind, betrachtet der je zweite beziehungsweise dritte Artikel das Thema aus der Innenperspektive. Dieser Perspektivenwechsel macht meines Erachtens den besonderen Wert dieses Buches aus, auch dass zumindest versucht wird, die jeweilige Perspektive durch das Präfix "Innen-" von vornherein deutlich zu machen. Es erweist sich indes beim Lesen der Beiträge und der Autor(inn)eninformationen schwierig, klar zwischen Innen- und Außenperspektive zu unterscheiden. Die explizit als "Reflexion aus der Innenperspektive" gekennzeichneten Beiträge sind nämlich zum Teil aus der Perspektive eines noch aktiven, zum Teil aber auch aus der Perspektive eines ehemaligen Mitgliedes geschrieben, und Nähe oder Distanz zu dem offiziellen Selbstverständnis der jeweiligen Gemeinschaft sind individuell unterschiedlich, unabhängig von der noch aktiven oder ehemaligen Mitgliedschaft. Auch die anderen Beiträge weisen unterschiedliche Zugänge auf. So ist einer explizit mit "religionswissenschaftliche Annäherungen" bezeichnet, einige andere sind nicht weniger religionswissenschaftlich, einige sind auch christlich-theologisch. Der Beitrag des Religionswissenschaftlers und Yogalehrers Christian Fuchs erscheint mir typischer religionswissenschaftlich zu sein als der des als "Referent am Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrentwicklung und Medien" vorgestellte Religionswissenschaftler Joachim Süss, der sich immer wieder auf das Mystikverständnis des Benediktiners in Beurlaubung und Zen-Meister Willigis Jäger bezieht und somit zumindest teilweise aus der Innenperspektive dieser Mystik- und Zen-Richtung heraus geschrieben ist. Aber gerade das finde ich äußerst spannend an diesem Buch, dass es nicht nur (aber sehr wohl auch und dazu sehr erhellende) religionswissenschaftliche Forschungsergebnisse vorstellt, sondern zu einem Dialog zwischen diversen Perspektiven einlädt, deren Bezeichnungen als "Innen-" und "Außenperspektive" sich als viel zu holzschnittartig erweist. Leider gibt das Buch nichts von den Gesprächen nach den Vorträgen wieder, aber es regt die am Thema interessierten und so oder so involvierten Leser(innen) dazu an, sich im Perspektivenwechsel zu üben und weder wissenschaftliche noch religiöse Wahrheitsansprüche zu verabsolutieren.

Michael A. Schmiedel, Bonn
 

 

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