Vor dem Hintergrund des modernen, um 1900 erstmals geprägten Begriffes des "religiösen Virtuosen" untersucht der Beitrag die Herausbildung des christlichen Begriffes des "Märtyrers" im Kontext der Kultur des Imperium Romanum im ersten und zweiten Jahrhundert. Bei christlichen Autoren (z. B. Paulus, Ignatius v. Antiochia, Martyrium des Polykarp, Justin) verbindet sich die Frage nach der religiösen Autorität von Amtsträgern, Märtyrern und "Bekennern" mit der Auseinandersetzung um die "wahre" Prophetie. Dies kulminiert in der rhetorischen oder tatsächlichen performance des religiösen Autoritätsanspruches in der politisch bedeutsamen Arena des römischen Amphitheaters. Ein Vergleich mit den zeitgenössischen Debatten um religiöses und philosophisches Wissen im Kontext der Zweiten Sophistik zeigt, dass hier, parallel zur christlichen Frage nach der wahren Prophetie, das Problem der Divination große Aufmerksamkeit erhielt. Gleichzeitig jedoch ging es auch um die virtuose individuelle performance des "Kulturgutes" Religion im Rahmen des Ideals griechischer Bildung (paideía). Die für diese Analyse wichtigste methodische Erkenntnis aus Max Webers Virtuosenbegriff ist somit die Einsicht, dass es innerhalb des religiösen Feldes der ersten beiden nachchristlichen Jahrhunderte verschiedene Qualifikationen und damit verbundenen "Standesunterschiede" gab. So gesehen ist religiöses Virtuosentum nicht auf die "Heilsreligion" Christentum beschränkt, vielmehr lässt sich ein von christlichen wie paganen Akteuren gleichermaßen ausgetragener Streit um die richtige performance und damit verbundene Autorität religiösen Wissens konstatieren.
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