Paul Bösch, "Zwischen Orthodoxie und Häresie. Eine Deutung der Stigmata von Franz von Assisi", in: ZfR 17, 2009, 121-147.

Die fünf Kreuzigungswunden, die bei Franz von Assisi (ca. 1182-1226) aufgetreten sein sollen, werden in diesem Beitrag aus dem üblichen biografischen und leidensmystischen Kontext herausgelöst und aus religionsgeschichtlicher Sicht neu gedeutet. Was diese Stigmata auch immer konkret gewesen sein mögen − sie waren Ausgangspunkt einer brisanten theologischen und kirchenpolitischen Auseinandersetzung. Die Rede vom erneuten Erscheinen der Wundmale Christi löste einen rund 180 Jahren dauernden Prozess der Verklärung aus, bei dem Franziskus zu einem "zweiten Christus" gemacht wurde. Für einen Teil der Franziskus-Anhänger war dies ein Ansatzpunkt, um sich von der Kirche des "ersten Christus" absetzen zu können, während die Orthodoxen in den Stigmata ein Zeichen der Bestätigung erblickten. Die Ambivalenz der Deutung hängt unter anderem damit zusammen, dass die Kunde von den Wundmalen in Form einer Legende portiert worden ist, die sich bei der nachträglichen Reflexion als paradox und revisionsbedürftig erwies. Als politische Hintergründe dieser Interpretationsgeschichte werden vermutet: die Allianz des vom Kaiser bedrängten Papstes Gregor IX. mit dem Franziskanerorden, der Streit zwischen dem Weltklerus und den Bettelorden sowie die Auseinandersetzungen zwischen der reformerisch gesinnten Mehrheit des Franziskanerordens und den (zur Abspaltung von der Kirche tendierenden) Anhängern des ursprünglichen franziskanischen Armutsideals.

 

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