Yvonne Karow, "Zur Konstruktion und Funktion nationalsozialistischer Mythenbildung", in: ZfR 2, 1994, 145-160.

Im Gegensatz zu dem mythisch propagierten und kultisch in Szene gesetzten Idealbild einer geeinten, starken und geschlossenen Volksgemeinschaft war die Gesellschaft der dreißiger Jahre zerrissen von unüberbrückbaren Differenzen, Spannungen und permanenten Konflikten konkurrierender Machtblöcke. Dennoch bestand auf der Ebene des Mythos ein weitverbreiteter Konsens mit dem politischen Regime, eine widersprüchliche gesellschaftliche Situation, die für diese Zeit symptomatisch war.
Die unvermittelt nebeneinander bestehende Diskrepanz zwischen einer eher kritischen Haltung gegenüber dem System, was die politische und ökonomische Sphäre betraf, und einem bestehenden Konsens auf der Ebene der religiösen Vorstellungswelt, weist auf eine Geisteslage hin, die durch mythische Interpretation der realen Verhältnisse diese außerweltlich abzuwehren bzw. zu legitimieren suchte. Man beobachtet die Entfaltung einer Vorstellung, die im Rekurs auf eigene Wünsche und Sehnsüchte Adolf Hitler eine außerordentliche Macht und Kraft zuwies und ihn als den Retter der Welt, als Heiland, idealisierte. Das durch diese Projektionsleistung imaginierte Hitler-Bild kann letztlich für die große Faszinations- und Integrationskraft Hitlers verantwortlich gemacht werden.

 

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