Florian C. Reiter, "Aspekte der 'Mystik' in China", in: ZfR 4, 1996, 19-34.

Der Beitrag geht von der Beobachtung aus, daß der Begriff "Mystik" oft sehr undifferenziert verwendet wird. Lao-zi, der spirituelle Initiator der taoistischen Religion, wird gelegentlich als "Mystiker" bezeichnet. Der Begriff "Mystik" ist für das allgemeine Publikum rudimentär mit Assoziationen verbunden, die primär der christlich-abendländischen Tradition entstammen. Der Beitrag zeigt, daß eine bewußte oder unbewußte Übertragung solcher und verwandter Konzepte von "Mystik" die Realität des religiösen Taoismus verfehlt. Dies wird verdeutlicht an der Interpretation des Satzes zum "Talgeist, der nie stirbt" aus dem Dao-de jing durch den taoistischen Priester Bai Yu-chan aus dem 13. Jh. sowie anhand chinesischer literarischer Überlieferungen. Betrachtungen zur Kultur der taoistischen Priester runden diese Darstellungen ab. Ihre Praxis belegt klar, daß der religiöse Taoismus an sich keine mystische Religion ist, wenn er auch spezifische Mysterien kennt, was dargestellt wird. Diese Mysterien beziehen sich auf die Göttlichkeit des menschlichen Seins bzw. der menschlichen Physis. Ihre Realisierung oder Wiederfindung ist an wesentliche Geheimnisse (Mysterien) des Taoismus gebunden, die nur dem würdigen Adepten zugänglich werden. Dieser erreicht schließlich mit dem Zustand eines "vollkommenen Menschen" sein Ziel und entzieht sich dabei der allgemeinen Profanität. Indoeuropäische Vorstellungen von "Mystik" passen nicht in dieses Konzept.

 

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