Häufig sieht man in Durkheim einen Soziologen, der das Individuum ganz dem Kollektiv untergeordnet habe. Der Artikel stellt eine Linie in Durkheims Denken dar die dieser Interpretation widerspricht. Durkheim hat die Integration der Gesellschaft keineswegs nur durch kollektive Rituale und Vorstellungen angenommen, sondern paradoxerweise auch durch den Individualismus. Als Durkheim 1886 deutsche Universitäten besuchte, war er von dem Philosophen Wilhelm Wundt besonders beeindruckt. Wundt hatte eine Methode entwickelt, Moral nicht aus dem Bewußtsein des einzelnen zu erklären, sondern durch Beobachtung sozialer Handlungen. Durkheim stimmte seiner Auffassung zu und entwickelte sie in seinem eigenen Werk weiter. Dabei konzentrierte er sich auf die Erscheinung des Individualismus. Ein wesentliches Merkmal war die Autonomie die ein einzelner gegenüber dem Kollektiv besitzt. In ihr sah er das Recht der zeitgenössischen Intellektuellen begründet, in der Dreyfus-Affäre gegen den Staat Partei zu ergreifen. Um die Autonomie des einzelnen zu erklären, hat sich Durkheim der Religionsgeschichte zugewandt. Er hat sie zuerst aus der Ethik des Christentums erklärt, spätere aus dem Totemismus primitiver Religionen. Das Totem habe nicht nur den sozialen Zusammenhalt einer Gruppe verkörpert. Es habe auch die Seelenvorstellung hervorgebracht und so den grund für die moralische Autonomie der einzelnen bereitet.
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